Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Überraschung | Februar 2009
Der Pfarrer aus Neustadt
von Thomas Losch

Über Nacht hatte Egon offenbar einmal „ Das blutige Messer“ geschrieben, er konnte sich gar nicht mehr genau erinnern, wann das gewesen sein soll, aber er war in seinem Computer gespeichert, also musste der Text von ihm sein.
Der Text war zweifellos besser als alles, was er in den letzten Jahren so geschrieben hatte, besser sogar als Quants Texte, den er ja noch aus Jugendtagen her kannte und der sich bereit erklärt hatte, mit ihm zusammen, auf die gute alte Zeit, zu lesen.
Er wird vor vollem Haus lesen, denn Marcel Quant, wie er sich nun nannte, sein bester Freund von früher, ( damals hieß er ja noch Sepp Maier, der den Bestseller Fliegen geschrieben hatte), wird heute in der Leselampe lesen.
„Da les ich gleich mit!“ Hatte Egon ihm vorige Woche am Telefon so nebenbei im Spaß gleich vorgeschlagen.
„Aber ja, warum denn nicht … “, hatte ihm Sepp prompt geantwortet. Schon nach der Lesung müsse er aber leider zum Flughafen.
Er habe in Amsterdam am nächsten Tag einen wichtigen Termin. Hatte er ihm gesagt und auf gelegt. Wahrscheinlich hatte er viel zu tun. Im Hintergrund hatte Egon Stimmen gehört.
Das wird eine phantastische Lesung zweier alter Freunde werden, sagte sich Egon, als er seiner Frau sein Lesehemd zum Bügeln gab.
„Gib mir das Blaue.“
Hatte sie ihm gesagt.
„Im Blauen wirkst du besser als im Weißen. Nur Pfarrer tragen weiße Hemden. Kein Dichter liest im weißen Hemd!“
Sagte sie ihm beim Bügeln.
„Die Leselampe wird übrigens voll von Neustädtern aus den sogenannten besseren Kreisen sein“, sagte sie ihm.
„Tja die Neustädter Kreise…“, sinnierte Marie Louise noch laut während des Bügelns.
Marie Louise, Sepp und er hatten damals eine verspielte Beziehung zu Dritt gehabt. Nach der Lesung würden sie daher sicher noch was trinken gehen. Trotz Amsterdam. Dessen war sich Egon sicher.
Erst unlängst hatte Egon im Supermarkt die Leute über Sepp sprechen hören:
…dabei ist der Sepperl doch ganz normal geblieben, auch wenn er sich jetzt Marcel nennen muss, der Arme, Sie wissen ja, die Leute von der Public Relation oder wie die heißen … Sie wissen schon … Vermarktung und so …
… ja genau! … also wie wir z‘samm woan in der Schule, der Sepperl und i … und ja … sei Muada håd ja allerwäul diese Lebkuchen gebacken so auf die deutsche Art und so … bummm … na die waren lecker … also Advent bei dä Maiers … dös war immer was Besonderes …
… also mir hat der Sepp eigentli ka einziges Mal geschrieben, obwohl i ihm doch jedes Mal zu Weihnachten a Postkarterl g‘schrieben håb, lieber Sepp, håb i g‘schrieben, i bin ja so froh, dass du ein berühmter Schriftsteller g‘worden bist … ja! …antworten hätt er wenigstens können, aber er hat wahrscheinli wenig Zeit …

Hatte zum Schluss so a kleine Frau gesagt, die Egon eigentlich noch nie gesehen hatte. Und die will Sepp gekannt haben?
Jetzt auf einmal … !
Dabei waren sie beide immer nur Außenseiter in Neustadt gewesen und sind meistens unter der Brücke gesessen, um dem Fluss zu zuschauen.

Er zog sein Hemd an.
Heute werde ich vor internationalen Literaturkritikern lesen, dachte er sich auf dem Weg zur Leselampe, ich, der ich doch immer nur am Ende der Skala stehe, als evangelischer Pfarrer immer nur die Litaneien am Sonntag in der Kirche vor leeren Bänken her sage, wo kein Literaturkritiker hin kommt, nie kommt einer in die Kirche, um meine literarische Predigt zu hören, oft auch schon im Schlaf sage ich „siehe!“ … und siehe sage ich da zu Marie Louise im Halbschlaf, statt sie zu bumsen und siehe sagte ich mein Leben lang, immer habe ich die letzten Jahrzehnten nur und siehe gesagt, auch im Supermarkt, unlängst sagte ich und siehe zu den Bananen und siehe sagte ich zur Regalbetreuerin , die mich nur angestarrt hatte … mein Gott wie weit ist es mit mir gekommen, Marcel, du wirst mich erlösen, wie Christus die ganze Menschheit erlöst hat, wirst du mich von den Literaturkritikern erlösen !
Dachte er außer sich, eine leere Bierdose tretend.
Jetzt ist meine Stunde gekommen, sagte er sich mit einer plötzlich auftretenden jugendlichen Aufwallung, die er auf einmal verspürte … bei meiner nächsten Predigt werde ich nicht mehr vor leeren Bänken predigen!
Die Leute werden mich sehen wollen. Meine literarischen Predigten werden von den Literaturkritikern, vom Essay plötzlich entdeckt werden müssen.
Die Kirche ist heute leider wegen Überfüllung geschlossen. Meine Damen und Herren. Aber der Herr Pfarrer wird anschließend sicher noch eine Predigt halten. Nur Geduld!
Wir haben einen schreibenden Pfarrer? Er hat ja seine Predigten zum Teil in Versform gehalten!
Wissen Sie das denn nicht? Das hab ich schon immer gewusst!
Werden sie dann im Supermarkt über ihn sprechen.

In seinem Text ging es um einen ungeklärten Mord. Vor über zwanzig Jahren, in der Zeit der Wende, waren sie, wie so oft, unter der Brücke gesessen, Sepp und er, als sie plötzlich dieses Schreien vom gegenüberliegenden Flussufer hörten, dieses gellende Schreien einer Frau in Todesangst.
Ein Mann, der etwas Blitzendes über diese Frau gehalten hatte, ein Messer, und in diesem Moment war aber ein Schlepper vorbeigefahren.
Sepp und er waren schweigend da gesessen, wie gelähmt und hatten auf das gegenüber liegende Ufer der Donau gestarrt, bis der Schlepper die Sicht wieder frei gegeben hatte.
Niemand und nichts war mehr zu sehen gewesen. Und die Zeitungen hatten nichts berichtet.
Es waren wahrscheinlich nur Slowaken gewesen oder so. Zigeuner unter sich.
Wie die Leute damals sagten.
„Das war ein Messer, das der Mann in der Hand gehabt hatte, weißt du!“, hatte er Sepp dann nach einer Weile gesagt. Aber dieser war nur da gesessen und hatte geschwiegen. Wahrscheinlich hatte sich in der drauf folgenden Nacht Sepps Schreibdrang entwickelt.
„Eine Frau schlägt man nicht. Und man sticht sie nicht einfach so ab!“
Hatte er ihm dann bloß gesagt. Und war abrupt aufgestanden und gegangen. Diese Erinnerung war in ihm, als sei es gestern gewesen, als er endlich vor der Eingangstür der Leselampe stand.

Marcel Quandt und Marie Karoline lesen heute 19h aus ihren neuen Büchern.
Stand groß auf dem Plakat.
Wieso … niemand sonst?
Eine Menge Leute waren zu sehen. Sepp stand vor dem Lokal. Er war gerade in ein Gespräch mit einem Mann und einer jungen Frau vertieft, als er ihn gewahrte.
„Egon, schön, dass du zu meiner Lesung kommst“, sagte er ihm bloß kurz angebunden, um sich wieder dem Mann und der jungen Frau zuzuwenden. Und ihn nicht weiter zu beachten.
Wie benommen machte Egon kehrt.
Später im Spital konnte er sich an nichts mehr erinnern.
„ Sie sind in ein Auto rein gelaufen“ sagte ihm die Krankenschwester.
„Welch ein Glück, dass Sie leben“.
„ …und die Lesung vom Sepp und dieser jungen Autorin aus Berlin, die man für uns gewinnen konnte, war einmalig! I hab ja net g’wusst, dass es da bei uns vor z‘wanz‘g Jåan an ungeklärten Mord geb‘n hat! “
Hatte sie ihm dann noch gesagt.
Seine Frau beugte sich gerade über ihn, um die Bettwäsche aus zu wechseln, als er schweißgebadet aufwachte.
„Du, ich glaub Sepp kommt in die Stadt“, sagte sie zu ihm, als sie ihm endlich Kopfpolsterüberzug von seinem Polster abgezogen hatte. Sie hatte wie immer die 6Uhr Nachrichten im Radio gehört.

Letzte Aktualisierung: 09.02.2009 - 14.01 Uhr
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