Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Überraschung | Februar 2009
Blut
von Mira Langrock

Völlig erschöpft und zitternd setzte er sich auf die schwarz glänzende Ledercouch und konnte vorerst keinen klaren Gedanken fassen. Noch immer schlug sein Herz in einem wilden Takt, der sich von der Brust über den Hals bis hin zu seinen Ohren ausgebreitet hatte und für diesen Moment alle anderen Geräusche vereinnahmte.
Die Zeit, die er völlig erstarrt in seiner finsteren Wohnung verbrachte, schien wie ein dunkler Sirup dahinzufließen.
Erst als seine Augen sich an das spärliche Licht der Straßenbeleuchtung gewöhnt hatten, bemühte er sich, seine Gedanken zu ordnen.
Plötzlich erschien das Bild der herannahenden, schwarzen Limousine vor seinem inneren Auge; er hörte das Quietschen der Reifen, wie es in schrille Schreie überging, und den dumpfen metallenen Aufprall eines Körpers.. Und dann war da wieder all das Blut.
Vergeblich versuchte er, diese Erinnerungen zu verdrängen. Sie rissen ihn mit all ihrer Brutalität und Härte aus der Starre und er verspürte mit einem Mal den Drang, sich zu übergeben. Mit wankenden Schritten stürmte er ins Badezimmer und all seine Übelkeit entleerte sich in einem Schub im kühlen Porzellan. Es war ein befreiendes Gefühl.
Keuchend kam er wieder auf die Beine und erschrak vor seinem eigenen Spiegelbild, welches ihm im Halbdunkeln der Nacht gegenüberstand. Eine gequälte Fratze schien über die schemenhaften Umrisse seines Gesichts zu tanzen und erschauderte ihn derart, dass er seinen Blick abwenden musste.
Wie betäubt ging er zurück in sein Zimmer und legte sich auf die Ledercouch, deren knatschende Geräusche ihn dabei begleiteten.
Vielleicht war alles nur ein Traum, kam es ihm in den Sinn und für einen Moment konnte er an diesem Gedanken festhalten, doch dann tauchten wieder diese Bilder vor ihm auf.
Er vergrub sein Gesicht in der Ritze zwischen Rückenlehne und Sitzkissen und der kalte Duft des Leders stieg ihm beruhigend in die Nase.
‚Warum musste das passieren?’, fragte er sich verstört und versank daraufhin in einen unruhigen Schlaf.

Erst im Licht der Morgendämmerung kam er wieder zu sich und fühlte sich seltsam leicht, doch keineswegs ausgeruht.
Als er sich stöhnend erhob, hatte sich die Müdigkeit in seinem Kopf bereits in ein taubes Schwindelgefühl verwandelt, das ihn auf seinem Weg zum Fenster begleitete.
Wie jeden Morgen griff er zu der kleinen Kordel, die ihm beim Hochziehen der Jalousie stets tief in seine Handinnenflächen schnitt. Doch diesmal blieben seine müden Augen während dieses Routinegriffs am Ärmel seines weißen Hemdes hängen und wanderten schließlich den ganzen Oberkörper hinab.
Überall auf dem vom Schweiß durchnässten Stoff waren rote Flecken und Spritzer derart verteilt, dass sie sich mit der Ordnung und Symmetrie des hellen Nadelstreifenmusters ein Gefecht zu liefern schienen. Mit einem erstickten Aufschrei, ließ er die Kordel der Jalousie gehen und versuchte sich des Hemdes mit solch einer Gewalt zu entledigen, dass es ihn rücklings gegen den Schrank warf. Der Kampf dauerte nur wenige Sekunden.
Dem Kleidungsstück schließlich entkommen, schmiss er es, wie eine brennende Weste, auf den Boden und trat keuchend zurück. Erst jetzt, und aus dieser für ihn sicheren Entfernung, wagte er es, das Hemd eingehender zu betrachten.
Es waren eindeutig Spuren von Blut, die dessen Fasern zierten.
Wie waren sie auf sein Hemd gekommen?
Sofort versuchte er, sich daran zu erinnern, was geschehen war, doch eine dicke, undurchdringliche Wand versperrte ihm die Sicht auf all seine gestrigen Erinnerungen. Allmählich in Panik, suchte er immer tiefer.
Und dann war es plötzlich da: Das letzte Bild, an das er sich zu erinnern vermochte: Er hatte seine kleine Tochter Sarah von der Schule abgeholt und…
„SARAH!“
Er rannte aus dem Zimmer auf eine Tür am Ende des kurzen, dunklen Flures zu.
„Bitte lass es ihr gut gehen!“, betete er, während seine rechte Hand kurz zögernd auf der Klinke der Tür zu Sarahs Kinderzimmer ruhte. Mit einem lauten Atemzug verschaffte er sich Zutritt und musste entsetzt feststellen, dass das kleine Bett leer und aufgewühlt war.
Eine Welle der Angst überkam ihn und brachte seine Gedanken zum Rasen.
Was war geschehen? Und woher kam das Blut?
Bitte lass es nicht ihr Blut sein!, dachte er von Angst erfüllt und versuchte diese schreckliche Vorstellung sofort wieder abzuschütteln, doch sie hatte sich bereits zu tief in seinem Kopf eingenistet. Heftige Kopfschmerzen überfielen ihn, als er erneut krampfhaft versuchte, sich an irgendetwas zu erinnern.
Er hielt vor Schreck den Atem an, als plötzlich das alte Telefon im Flur schellte. Ein wenig zögernd hob er ab und seine Stimme versagte ihm beinahe den Dienst.
„Ha-Hallo? Wer…Wer ist da?“
„Peter, bist du das? Du klingst so seltsam. Ist alles in Ordnung?“
Margarita war dran, seine Exfrau.
„Ich…“ Er wusste nicht, ob er erleichtert oder verzweifelt sein sollte. Doch er fand nicht die Zeit, um darüber nachzudenken, denn schon formten seine Lippen die Frage, die ihm nun auf der Seele brannte: „Ist Sarah bei dir?“
„Was meinst du mit ‚Ist Sarah bei dir’? Ist das irgendeiner deiner Scherze?“
Er hatte das Gefühl, dass seine Lunge und sein Magen sich zu verschnüren begannen und fand nicht die Kraft, auf irgendeine der gestellten Frage zu antworten.
„Sag mir sofort, was los ist!“, wollte die schrille Stimme am anderen Ende plötzlich wissen. Er wusste es ja selbst nicht.
„Peter? PETER!“
„Ich … Ich weiß es nicht.“
„Du weißt es nicht? Was soll das heißen? Hast du wieder getrunken? Hör’ mir gut zu: Ich komme jetzt sofort vorbei und dann will ich, dass du mir etwas anderes zu sagen hast, als ‚Ich weiß es nicht’, ansonsten vergesse ich mich!“
Er hörte nur noch, wie die Leitung unterbrochen wurde und ließ sich wie benommen zu Boden sinken. Das alles war wie ein fleischgewordener Albtraum, aus dem es kein Entrinnen gab. In seinem Kopf war es mit einem Mal so leer und schwarz wie in einem dunklen Kanalschacht und er konnte nichts anderes tun, als mit aufgerissenen Augen die weiße Raufasertapete im Flur anzustarren.
„Sarah …“, entkam es seinen trockenen Lippen in einem verzweifelten Flüsterton. Dann hatte er plötzlich keine Kontrolle mehr über seinen Körper und die Tränen der Verzweiflung bahnten sich ihren Weg nach außen. Von einem Moment zum anderen verlor er jegliches Zeitgefühl.
Erst ein energisches Klingeln an der Tür rief ihn wieder zurück in die Gegenwart.
Sollte er Margarita überhaupt öffnen? Und wenn ja, was sollte er ihr sagen?
Er kannte die Antwort nicht. Trotzdem erhob er sich wie in Trance und öffnete.
Ein kleines blondes Mädchen lächelte ihn an und hielt eine Tüte mit Brötchen in die Luft.
„Hier, Papa! Ich hab uns Frühstück geholt, hab aber den Schlüssel vergessen.“
„Sarah!“ Er konnte nicht anders, als sie unbeholfen an sich zu ziehen und festzuhalten.
„Papa, du tust mir weh!“
„Oh, tut mir leid!“ Erschrocken über seine Grobheit, lockerte er seinen Griff.
„Hast du geweint, Papa?“, fragte Sarah und ihre Augen sahen besorgt aus.
„Nein, mein Schatz. Alles ist in Ordnung.“
„Ich kann mich nicht erinnern, jemals von dir so begrüßt worden zu sein“, sagte plötzlich Margaritas vertraute Stimme und ließ ihn über seine Tochter hinweg, in den Hausflur schauen. Er hatte nicht mitbekommen, dass sie die Treppe hinter Sarah hochgekommen war.
„Mama!“ Sarah löste sich von ihm und rannte in die Arme ihrer Mutter. „Willst du mit uns frühstücken, Mama?“
„Sehr gern“, sagte sie und drängte sich mit einem misstrauischen Blick an ihm vorbei in die Wohnung. Er kannte diesen Blick nur zu gut. Sie dachte, er war betrunken.
Doch all das spielte im Moment keine Rolle für ihn. Sarah war wohlauf und sein vermeintlicher Albtraum löste sich gerade in Luft auf.
„Papa, kommst du?“ Sarah schaute ihn erwartungsvoll aus der Küche an.
„Gleich, mein Schatz.. Ich geh’ mich nur kurz frisch machen.“ Er brauchte diesen Moment allein im Bad.. Alles war zu schnell gegangen.
Während er sich und seinen nackten Oberkörper im Spiegel betrachtete, begann seine Exfrau aus der Küche nebenan mit ihm zu reden.
„Vielleicht ist es besser, wenn du umziehst, Peter.“
„Warum?“, rief er ihr abwesend entgegen. Er fuhr sich mit beiden Händen über sein unrasiertes Gesicht.
„Ich finde diese Gegend zu gefährlich“, sagte sie und während sie sprach, schien sie in der Wohnung umherzulaufen.
„Wie meinst du das?“ Er schaute sich in die müden Augen und versuchte etwas in ihnen zu lesen.
„Ich bin vorhin ein paar Straßen entfernt an einer Polizeisperre vorbeigekommen. Kannst du dir vorstellen, dass da irgend so ein Irrer eine Frau vor ein Auto geschubst hat?“
„Wirklich?“ Er sah sich noch tiefer in die Augen.
„Ja. Wer tut so etwas? Ein Anwohner sagte mir, dass man von einem Streit ausgeht. Die schwarze Limousine, die dort stand, war voller Blut. Das war kein schöner Anblick.“ Ihre Stimme erklang nun aus seinem Schlafzimmer.
„Blut?“, fragte er und plötzlich kam ihm wieder das Hemd in den Sinn. Die Bilder in seinem Kopf überschlugen sich mit einem Mal und alles um ihn herum verblasste.
Er sah wieder die Lichter der Straßenlaternen – wie sie über den Lack der Limousine und die schwarzen Fenster tanzten, ganz so, als ob auch sie es nicht vermochten, diese kalte Maschine aufzuhalten.
Margarita fuhr währenddessen unbeirrt fort: „Ja, Blut. Stell’ dir nur vor, Sarah würde so etwas zu Gesicht bekommen oder Schlimmeres.“
Er sah sich in einem Restaurant mit Jennifer, seiner neuen Errungenschaft.
„Ich hoffe, du kannst mir zustimmen, dass das kein geeigneter Ort für ein Kind ist.“
Er sah Jennifer, wie sie zornig an ihm herumzerrte.
„Du könntest ja umziehen. Zum Beispiel in eines dieser renovierten Altbauviertel.“
Er sah, wie er sie betrunken von sich stieß, wie sie auf die Straße fiel, wie sie liegen blieb.
„Ich hätte auch nichts dagegen, wenn du zu uns in die Nähe ziehst.“
Er sah die Limousine näher kommen und sah, wie sie Jennifer erfasste.
„Was hast du denn mit deinem Hemd gemacht, Peter? Ist das Blut?“
Er sah Blut, überall Blut.

Letzte Aktualisierung: 22.02.2009 - 14.12 Uhr
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