Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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April 2009
I’m from Austria
von Elsa Rieger

Fizzy, mein jamaikanischer Ehegespons, singt weinselig mit, als die beiden Geiger Rainhard Fendrichs Song „I’m from Austria“ anstimmen.
Wir feiern heute unseren einjährigen Hochzeitstag beim Heurigen.

„Baby“, sagte Fizzy vor ein paar Tagen, „noch niemals konnte ich das berühmte Weinvergnügungszentrum Grinzing sehen, obwohl ich bin lange hier.“ Seine Rastafari-Mähne wippte angeregt mit, als er mich bittend ansah.
Jamaikaner feiern in Gruppen. Zwischen den zehn Männern, die jetzt begeistert „Es lebe der Zentralfriedhof“ vom Ambros Wolferl in der lauschige Weinlaube ertönen lassen, verschwinde ich beinahe.
Dachte ich, bis mich nadelspitze Blick vom Nebentisch durchbohren. Blaue Eisaugen unter blond gefärbter Föhnfrisur und herabgezogene Mundwinkel in Grellrot drücken Missfallen aus. Die nonverbale Botschaft reicht aber nicht. Die Stimme gellt empört durch den abendlich beleuchteten Innenhof des Weinlokals, als sie sich dem weißhaarigen, rotnasigen Mann an ihrer Seite zuwendet: „Schämen könnt man sich für die heutigen Mädeln! Rennt mit solche Neger herum. Zu meiner Zeit hätt’s das nicht ’geben.“
Der jamaikanische Chor verstummt. Fünf schwarz glänzende Augenpaare und ein Paar grüngraue – meine – ruhen aufmerksam abwartend auf der mittelalterlichen Dame. Sie senkt den Blick, fegt unsichtbare Krümel von der üppigen Schleife, die ihren Busen schmückt, bestellt noch ein Viertel Heurigen bei der vorbei hastenden Bedienung im Dirndl.
„Lass das“, murmelt der vermutliche Gemahl, kratzt sich hinter dem Ohr und lächelt herüber. Beschwichtigend.

Fizzy und seine Truppe leben seit sechs Jahren in Wien, touren durch Provinz und Städte, verdienen gutes Geld mit ihrer Reggae-Band und sind österreichische Staatsbürger.

Dass die Dame mich als Mädl tituliert, finde ich fast entzückend; immerhin bin ich Mitte dreißig und Managerin der „Kingston Gang“, deren Mitglieder, zusammengerechnet, rund vierhundert Jahre auf dem Buckel haben.
Fizzy grinst breit. Er hat schon viel erlebt in diesem Land, das er liebt. Unerbittlich liebt.

„Weißt du“, sagte er eines Nachts, als er nach einem Konzert mit blutiger Lippe heimkam, „es ging ihnen nicht so viel um meine Hautfarbe.“
Fizzy wollte damit meinen wütend herausgeschossenen Verdacht entkräften. „Die Jungs wünschten zu streiten. Shit happens.“
Angeblich ging es um seinen Gitarrenkoffer. Fizzy saß in der letzten Straßenbahn auf dem Weg nach Hause; ein paar Skins umringten ihn und wollten erzwingen, dass er den Kasten öffnete.
„Sie haben provoziert mich. ‚Du hast garantiert Marihuana drin versteckt, Neger’, schreite einer“, erzählte er.
„Ich habe gehalten fest die Koffer und so bekam ich auf meine Goschen.“
Ich musste grinsen. Die Mischung aus Akzent und wienerischen Ausdrücken bezauberte mich jedes Mal wieder.
„Langsam ich wurde grantig auf die Glatzköpfe. Der Fahrer muss haben gemerkt, was passiert, er hat angehalten die Straßenbahn und Polizei kam herein. Er bestimmt funkte nach ihnen.“
„Die haben dich beschützt? Glaube ich nicht.“ Ich kenne doch unsere Amtsorgane und wie sie sich aufführen.
„Aber ja“, gab Fizzy zurück, „sobald sie sahen mein österreichisches Pass. Ein Polizist sagte ‚Scheiße’, gab ihn mir wieder und dann sie vertrieben die Kids.“
„Mehr nicht?“
„Mehr nicht.“
Fizzy fand das ganz normal. Keine Amtshandlung, keine Anzeige, nichts. Er selbst hatte sich schon einige Strafanzeigen eingehandelt, die aber mangels Beweisen zurückgezogen wurden.
So wurde er einmal im Stadtpark vor dem Johann Strauss Denkmal verhaftet. „Ja, ja, wissen wir schon“, sagten die Streifenpolizisten, „Zigarettenwuzler sind Haschischraucher und Giftler. Mitkommen.“
Auf der Wachstube musste er sich nackt ausziehen. Enttäuscht ließen sie ihn wieder laufen. Als Exote ist es Fizzy gewöhnt, in der Weltstadt Wien schief angeschaut zu werden. Er verfolgte die Angelegenheit nicht weiter.

Die Dame beim Heurigen reißt mich aus den Gedanken, sie legt nach: „Die sollten alle deportiert werden!“
Nach den Austro-Pop-Liedern spielen die ungarischen Heurigengeiger Zigeunermusik.
„Das is a schöne Musik!“ Sie klatscht, berauscht von den Klängen.
„Net wahr?“, sagt die Kellnerin und stellt das Viertel Wein auf ihren Tisch. „Die sind Roma, haben das im Blut, Frau Slavič.“
Offensichtlich sind die beiden Stammgäste hier. „Ja, Zigeuner halt“, gibt der Ehemann zurück.
„Sind Sie net a von dort?“, fragt die Bedienung.
„Nein, abstämmig sind wir von Böhmen. Aber das merkt man nimmer, des geht auf die Monarchie zurück“, erklärt Frau Slavič.
Was würde sie nur sagen, wäre sie schwarz?

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Übersetzung:
Heuriger – junger Wein nach dem auch die Ausschanklokale der Winzer benannt sind
Giftler – Suchtkranke
Goschen – Mund
Grantig – ärgerlich
Ziarettenwuzler – Zigaretten selbst drehen

Letzte Aktualisierung: 08.04.2009 - 09.57 Uhr
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