Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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April 2009
Fremdkörper
von Helga Rougui

Sie bestieg den Flieger in Paris. Es war die Zeit, als man noch von Flugzeugen sprach. Sie entkam so dem Urlaub in der Bourgogne und ihrem Freund, bevor dieser ihr Dinge sagen konnte, die sie nicht hören wollte.

Sieben Stunden später landete sie in Pointe à Pitre. Sie hatte Frankreich nicht verlassen, aber sie war am anderen Ende der Welt.

Zufallswahl. Exotik pur, tropisches Klima, glühende Hitze, warme, weiche Luft bis in den späten Abend, pralle, baumreife Früchte, betäubende Cocktails, wunderschöne Frauen - le paradis, quoi.

So hatte ihr ein Freund das Reiseziel geschildert, und bei der Bemerkung über die karibischen Frauen – voller Mut, Eleganz, Liebreiz - hatte seine Frau ihn nachdenklich angesehen.

Bei ihrer Ankunft stellte sie fest, daß der Freund in allem recht gehabt hatte, und mochte auch die lässige Hippie-Mode in Europa zum guten Ton des Protests gehören, so empfand man hier unter einem lila Blüschen aus Billigstoff frei schaukelnde Brüste lediglich als Stillosigkeit. Nach ihrem ersten Gang durch die Stadt war sie es leid, die Arme fest vor der Brust zu verschränken, um einigermaßen unbemerkt durch die Straßen gehen zu können, und legte sich unverzüglich einen BH zu - angefertigt in der DDR, wie sie belustigt feststellte.

Nach der Landung hatte augenblicklich das Heimweh eingesetzt. Dieses Gefühl hatte sie bisher für eine Erfindung von zögerlichen, trägen Stubenhockern gehalten, um sich ihm jetzt wehrlos ausgeliefert zu sehen. Fast vom ersten Augenblick ihres Aufenthalts an plante sie ihre vorzeitige Rückkehr, und eine Umbuchung auf einen Platz in einer Maschine etwa in einer Woche wurde ihr in Aussicht gestellt.

Sie fand ein kleines Hotel in einem Dorf außerhalb der Stadt, fernab von den großen Touristenhotels. Die Zimmer waren einfach und angenehm, die üppige Vegetation vor dem Bungalow, der abends pünktlich herabrauschende Regen, der plötzliche Wechsel vom Tag zur Nacht, die Eidechse, die gemütlich auf dem Rand ihres Zahnputzglases lagerte, alles entsprach ihren Erwartungen - nun, letzteres vielleicht nicht unbedingt, aber sie war nach einem Moment des Erschreckens amüsiert und dachte, so was kann man gut weitererzählen irgendwann.

Noch ahnte sie nicht, daß da einiges mehr weiterzuerzählen sein würde in absehbarer Zeit.

Sie mußte nun die Woche bis zum Abflug füllen mit Erlebnissen, die bewiesen, daß sie zum Abenteuer geeignet sei und sich weltgewandt in fernen Ländern bewegen konnte – wer zugab, daß er hin und wieder vor Furcht starb angesichts mancher Fremdartigkeiten, war bürgerlich und borniert – und das war sie nicht.
In Pointe à Pitre besuchte sie den Wochenmarkt, ohne Fotos von den Händlerinnen mit ihren buntbedruckten, elegant geschlungenen Kopfbedeckungen zu machen, und sie beäugte abfällig die Touristen, die ungeniert die drei mageren Bananen und die pittoreske Frau, die sie zum Verkauf anbot, in Hochglanzfotos verwandelten.
Sie bemühte sich, direkt und unverfälscht das Land zu erkunden – was bedeutete, daß sie in Unkenntnis der genauen klimatischen Verhältnisse in der größten Mittagshitze eine ausgedehnte Wanderung die Landstraße entlang unternahm und fast platzte in der Glutsonne und angesichts der fast neunzigprozentigen Luftfeuchtigkeit, die in der Regenzeit an der Tagesordnung war. Natürlich nahm sie auch das Angebot der Fahrer mehrerer vorbeifahrender Autos nicht an, sie irgendwohin, wohin auch immer sie wollte, mitzunehmen – sie sah in ihnen die bösen Verführer, und die bösen Verführer sahen eine europäische rotgesichtige, völlig echauffierte Frau, die offensichtlich kurz vor dem Kreislaufkollaps stand und die sich nicht helfen lassen wollte.

Sie hatte Angst vor dem Meer, aber man konnte nicht in die Karibik fahren, ohne am Strand zu liegen und im Meer zu baden.
Natürlich schlich sie sich nicht zu einem der Privatstrände der großen Touristenhotels, obwohl das kaum aufgefallen wäre und es schließlich jeder tat, der nicht dort wohnte. Da ihr Hotel landeinwärts lag, ging sie zum öffentlichen Strand und breitete dort zwischen Steinen und Tang auf einem Fleckchen Sand ein sehr dünnes Laken aus. Immer prekär, dieses Problem mit dem Gewicht des Fluggepäcks, sie kannte sich da nicht gut aus, und da blieb schon mal ein dickes, schützendes Handtuch zu Hause und man begnügte sich mit dünnerem Material.

Sie ließ sich nieder, schaute aufs blaue Meer hinaus, fühlte sich unwohl und fehl am Platze, wußte, sie war weiß und rot und rund und schwitzig und alle anderen braun und edel und kühl - und sie fühlte, daß da irgendetwas nicht stimmte - waren nicht alle Menschen gleich? - und sie fühlte weiterhin, wie etwas in ihren Hintern biß.
Oder stach.
Mitten durch den Stoff des Lakens und des Badeanzugs.
So genau war das nicht auszumachen, denn es ging unwahrscheinlich schnell.
So daß sie dachte, es sei gar nicht passiert, und es ignorierte.

Sie versuchte die ansteigenden Schmerzen während des gesamten restlichen Aufenthalts zu ignorieren.
Da war der Ausflug zum südlichen Teil der Insel, zu den schwarzen Vulkanstränden, als sie bereits auf der Hinfahrt nicht mehr ruhig im Bus sitzen konnte und sich bei der Rückfahrt wand.
Da war am Vorabend des Abflugs der Umzug in ein besseres Hotel in Pointe à Pitre, als sie dachte, sie würde sich wohler fühlen, wenn sie aus dem windigen Etablissement noch mitten in der Nacht auszog, wo die Kakerlaken durch ihr Zimmer marschierten und ihr eine halbe Stunde nach dem Einzug ein sexuelles Angebot von einem sehr gutaussehenden, sehr zwielichtigen Abenteurer, der vorgab, ein Poet zu sein, unterbreitet wurde. Das Angebot hatte sie verschämt, empört und bedauernd abgelehnt und war geflohen.
Der Schmerz verging nicht, und der Stunden währende Rückflug nach Europa wurde zur Qual.

Zu Hause angekommen, beguckte sie sich in aller Ruhe ihren Hintern, der von roten Linien durchzogen und von nässenden Pusteln aufgequollen war, und machte einen Termin beim Hautarzt.
Dieser warf einen Blick auf die Stelle, wich drei Schritte zurück, hauchte, das sei ja, nun wirklich, sozusagen, sehr ungewöhnlich, und er werde eine Salbe aufschreiben, die hoffentlich helfe.

Mit der Salbe ging sie nach Hause, legte sich auf den Bauch und cremte ihren Hintern, und keine Besserung trat ein.

Ein Hautarzt mit Spezialkenntnissen in Tropenkrankheiten wurde ihr empfohlen, und sie fuhr weit in den Norden der Stadt, um sich seiner Behandlung zu unterziehen.

Ein Wurm mit unaussprechlichem Namen hatte seine Eier in ihrem freundlichen, wohlgenährten Gastkörper abgelegt, die Kleinen waren geschlüpft und fraßen sich nun durchs Gewebe, und ohne die Tinktur, die der Arzt durch Extraktion des heilenden Wirkstoffs aus einem aus den USA besorgten Medikament hergestellt hatte und die die Tierchen zum Stillstand respektive zum Tode bringen sollte, wären sie nach vollendetem Wachstum reif und fett aus ihr heraus zu Boden gefallen. Auf dieses Erlebnis verzichtete sie gern.

Den restlichen Urlaub verbrachte sie bäuchlings im abgedunkelten Schlafzimmer, schlief, las, schaute Videos und verfolgte, wie nach und nach die Entzündungen zurückgingen, die Schmerzen nachließen und die ungebetenen Gäste schwächer wurden – den fremden Wirtskörper zu beziehen war wohl doch kein so guter Plan gewesen, mochte der letzte Gedanke der Sterbenden, gesandt an den Mutterwurm auf der fernen Insel, gewesen sein!

Das Highlight dieses Urlaubs bestand aber darin, daß sie bei einer der zahlreichen Untersuchungen, die ihre Genesung begleiteten, vom Arzt gefragt wurde, ob er ihren Fall – also sie und ihren zernagten Hintern – einigen Studenten der medizinischen Fakultät vorführen dürfe, da solch eine Erkrankung in den hiesigen Breiten eher selten anzutreffen sei und daher von beträchtlichem Interesse besonders für die lernende Medizinerschaft.
Sie stimmte zu, entblößte ihren Popo vor fünf jungen Männern, die begierig starrend den Ausführungen und Demonstrationen des Arztes folgten, und auch sie erfuhr auf diese Art noch so einiges über die fremden Wesen, deren Welt sie für eine Weile gewesen war.

Die Wunden heilten, und schließlich war sie froh, wieder allein in ihrem Körper zu sein.
Was nicht hieß, daß sie sich darin zu Hause fühlte.
Noch in der Welt.

Letzte Aktualisierung: 14.04.2009 - 21.28 Uhr
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