Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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April 2009
Im Irgendwo
von Sylvia Seelert

Im Irgendwo, an einem Kratersee, dessen Name ich mir nicht gemerkt habe, am Fuße eines weiteren Feuerbergs, der sich rauchend im Abendlicht sonnt. Wolken schieben ihre dunklen Bäuche über den Horizont. Trommelklang und Gesang tönen in der Ferne, vermischen sich mit Grillenliedern. Seufzend schließe ich das Fenster, der Rahmen blättert und das Draußen ist ausgeschlossen.
Im Inneren ein karges Hotelzimmer, irgendwo auf Java, auf dem Feuerring, worunter sich drei tektonische Platten aneinander reiben bis die Nähe unerträglich wird und explodiert. Manchmal spüre ich den Boden unter meinen Füßen schwanken, spüre der Bewegung nach, der Kraft, die tief unter mir mit ihren Muskeln spielt.
Mit einem Mal fühle ich mich seltsam, ein wenig ängstlich, unsicher. Hier auf Java, unter Javanern. Mein Fahrer und mein Guide haben mich an diesem namenlosen See abgesetzt, in einem Hotel, dessen Namensschild so verwittert ist, dass ich es nicht entziffern konnte, und sind fortgefahren. Sie haben ihre eigene Unterkunft, besuchen Freunde. Durch jede Pore meines Körpers fließt nun das Gefühl des Fremdseins und ich weine in dem Moment, als die ersten Regentropfen gegen mein Fenster prallen. Verlassen.
Seit zwei Wochen reise ich durch Indonesien mit Startpunkt Bali. Eine bunte, lebhafte Insel, die jeden offen empfängt. Java jedoch ist ruhiger, zurückhaltender. Weiße Frauen werden schon mal bestaunt oder um ein gemeinsames Foto gebeten. Meine Person als Attraktion, ein ungewohntes Gefühl im Mittelpunkt zu stehen. Müde blicken mich meine Augen im Badezimmerspiegel an. Die letzte Nacht war kurz gewesen. Noch immer klebt der stinkende Atem des Mount Bromo in meinen Haaren.

Mitten in der Nacht hatte mein Guide mich vom Hotel abgeholt. Der Himmel spannte eine Sternendecke über meinen Kopf mit unzähligen Lichtpunkten, so dass sich mir sternenblinden Städterin die Augen weit öffneten. Mein Atem warf weiße Wolken und zitternd schloss ich die dicke Jacke. Mit mir trieben weitere hundert Touristen unsere zähen Ponys über eine karge Ebene, die einer Mondlandschaft glich. Noch lagen die Kraterkegel des Mount Bromo und Caldera im Schatten. Die Pferde schnaubten, zogen mit ihren Hufen Furchen durch den Sand. Dann standen wir vor einer Treppe, die sich mit 241 Stufen zum Kraterrand hochwand. Oben angekommen, blies mir der faulige Odem des Vulkans ins Gesicht. Schwaden von Schwefelrauch waberten über die Felsen. Schließlich kroch die Sonne über den Horizont und tauchte den Himmel in verschiedene Orange- und Rottöne. Im Hintergrund stieß der Vulkan Semeru eine gigantische Rauchwolke aus seinem Schlund.
Ehrfurcht erfasste mich. So klein kam ich mir vor, ein Staubkorn am Rande einer Urgewalt. Wahrlich, hier könnten Götter wohnen. So wie einst Prinzessin Roro Anteng und ihr Mann Jaka Seger an allmächtige Wesen glaubten, so schien es mir nun ebenso möglich. Weil die Ehe des Prinzenpaares kinderlos blieb, baten sie den Gott des Mount Bromo um Hilfe. Dieser gewährte sie, jedoch unter der Bedingung, dass sie ihm das jüngste Kind opfern müssten. 25 Kinder bekam das Paar danach, und den jüngsten Sohn Kesuma warfen sie in den Krater, um dem Willen des Gottes zu gehorchen.
Was sollte ich opfern? Ein paar Münzen klimperten in meiner Tasche, als meine Finger dagegen stießen. Nur mich selbst, schoss es mir durch den Kopf, nur mich selbst konnte ich opfern, um dass zu erreichen, was ich wollte. Kein Geld könnte mir das ermöglichen, kein letztgeborenes Kind. Wieder schwankte der Boden unter meinen Füßen und ich eilte zu den wartenden Pferden hinab, ließ den schwelenden Krater hinter mir.
Zurück ging es durch das Sandmeer, das nun im hellen Licht vor mir lag. Staub wirbelte auf und die Luft wurde spürbar wärmer. Mein Pony war genauso ungeduldig wie ich und strebte im flotten Trab nach Hause.

Nach Hause. Ich seufze erneut bei dem Gedanken, wische mir die Tränen fort und blicke auf gesplitterte Farbe an den Wänden, taste Wunden im Holz mit den Fingern nach. Es klopft. Erstaunt öffne ich die Tür. Freundlich spricht ein Javaner auf mich ein, gestikuliert, zeigt zum Haupthaus hinauf, wiederholt immer wieder „makanan, rumah makanan“. Er versteht kein Wort Englisch, ich kein Indonesisch. Mein Kopfschütteln scheint ihn zu verwirren. Verunsicherung liegt in seinen dunklen Augen als ich mich hartnäckig weigere ihm zu folgen. Schließlich geht er und ich bin erleichtert. Und auch traurig.
Eine nackte Glühbirne flammt an der Decke auf, als ich den Lichtschalter drücke, um die hereinbrechende Dämmerung aus dem Zimmer zu vertreiben. Im Koffer wühle ich nach meinem Tagebuch, schlage es auf und lasse mein Leben Revue passieren. Es klopft. Der freundliche Javaner steht wieder vor meiner Tür. Diesmal mit zwei weiteren Helfern, die auf ihren Tabletts Schalen mit Essen gestapelt haben. Und so füllt sich mein Tisch mit Suppe, Bami Goreng, köstlich gewürztem Hähnchensaté, Wachteleiern, Fisch, Reis, verschiedenen Sorten Gemüse und Tee. Schon bald durchströmt ein appetitlicher Geruch das Zimmer.
„Selamat datang“, lächelt er mich an und ist erleichtert, als ich mich an den Tisch setze und mir Reis auf meinen Teller löffele. Von jeder Schale probiere ich: der Geschmack von Kokosmilch, Chili, Ingwer und Erdnüssen, mit dem die verschiedenen Gerichte gewürzt sind, zergeht schon bald auf meiner Zunge. Das Krupuk, einen aus Krabben hergestellten Riesenkräcker, lasse ich liegen. Der Tee rinnt süß meine Kehle hinunter.
Selamat datang – herzlich willkommen. Angekommen. Lächelnd warte ich auf ein weiteres Klopfen an meiner Tür.
„Terimah kasih“, bedanke ich mich bei ihm, während seine Helfer die Reste meines Abendessens wegräumen. Wenige Worte, die mir mein Guide Arif beigebracht hat. Genau wie tidak – nein, um die lästigen Händler loszuwerden, die bei jedem Tempel oder Badestrand ausschwärmen, um Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Auf der Terrasse empfängt mich ein Schwall warmer Luft und unablässiges Grillenkonzert. Die Vulkane schlafen in der Dunkelheit, kein Grollen ist zu hören. Der Mond schiebt die Wolken von seinem Antlitz fort, sodass silbriges Licht auf die Wege fällt.
Langsam hebe ich mein Handy ans Ohr, lausche auf den Wählton und dann auf seine Worte.
„Hallo?“
So fern, so fremd war er mir in den vergangenen Wochen und nun durchfährt mich ein Sehnen mitten durch meinen Körper bei dem Klang seiner Stimme. So warm. So nah.
„Kathrin?“, fragt er nach, da ich kein Wort über die Lippen gebracht habe.
„Ja“, flüstere ich schließlich. „Ich bin’s!“
Sein Atem geht schwerer.
„Ich habe mich entschieden“, sage ich nun lauter, bestimmter.
„Und?“, hakt er nach.
„Für mich“, antworte ich ihm.
„Das heißt?“ Die Luft zischt nun durch seine Zähne.
„Erst muss ich wissen, wer ich bin, um bei dir sein zu können. Ich werde die Therapie machen, die du vorgeschlagen hast. Jetzt kann ich dich noch nicht heiraten.“
Sein Atem geht ruhiger.
„Ich werde warten“, sagt er nur. Wir schweigen. Gemeinsam.

Letzte Aktualisierung: 10.04.2009 - 15.13 Uhr
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