'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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April 2009
Die Erdnuss-Saucen-Amnesie
von Robert Pfeffer


Er sitzt mir schräg gegenüber, erträgt das Rattern und Quietschen mit Gleichgültigkeit. Der Chinese. Grimmig blickt er drein, wie immer. Lächeln sah ich ihn noch nie. Selbst in dieser Straßenbahn wirkt er wie ein Fremdkörper. Ich begegne ihm nicht oft, aber wenn ich ihn sehe, frage ich mich stets, was passiert sein muss, damit es ihn nach Deutschland gespült hat? Was hat ihn glauben lassen, er könne hier sein Glück finden? Und was mag dieses Wort überhaupt für jemand bedeuten, der niemals freundlich schaut?

Der Chinese prügelt seine Frau und seinen Sohn. Sagt man. Am besten kocht er, wenn seine Schöpfkelle von einer mit mindestens 0,4 Liter Moskowskaja beruhigten Hand geführt wird. Sagt man. Ich bin geneigt, das zu glauben, habe andererseits null Hinweise darauf, dass es wirklich stimmt. Hier, in der Straßenbahn, sitzt er, mit glasigen Augen aus dem Fenster starrend, und scheint an seiner chinesischen Mauer zu bauen, die ihn umgibt. Vom Mond aus ist sie gewiss nicht sichtbar, in Köln dagegen fährt sie auf Schienen. Nur wenn er an seinem Arbeitsplatz, in seinem Wagen steht, hat er sie abgelegt, die Mauer, denn dort umgeben ihn die Wände, die denselben Zweck erfüllen und eine Theke trennt ihn von der Außenwelt. Nur in diesem Wagen wirkt er nicht wie ein Fremdling, wenn er beim Kochen mit ruckartigen Bewegungen die Schwaden aus Wasserdampf und Rauch durcheinander bringt.

Ach ja, der Wagen. Eine ehemalige Wohnkiste, der man die Räder geklaut hat. Ein Container, an dessen Fenstern die Bistro-Gardinen wie ein verzweifelter Versuch von Behaglichkeit wirken. Nur schemenhaft lässt sich drinnen einer jener roten Lampenschirme mit Troddeln erkennen. Ich zweifle nicht, dass Chinesen sie noch vor dem Schießpulver und dem Porzellan erfunden haben, um außerhalb Asiens asiatisches Flair zu verbreiten. Auf den Milchglasfensterchen der Lampe sind Schriftzeichen aufgemalt. Was sie wohl bedeuten? Ich tauche hinab in die mir so vertraute Szene ...

Die Neonlampe unter dem knappen Vordach heißt mich willkommen. Schon die Klinke mag ich kaum anfassen, aber wer in Erdnuss-Sauce badendes Huhn will, der muss halt kämpfen. Gegen den Widerstand eines Luftzuges öffne ich die Tür und trete ein. In eine Welt von rund drei mal vier Metern. Eine Welt, die nur aus Gurgeln, Rauschen und Zischen besteht, gelegentlich von einem Quietschen oder Rascheln unterbrochen. Koch- und Verpackungsgeräusche, sonst nichts. Doch ... ohne spärliche Laute menschlicher Stimmbänder geht es ja nicht.

„Guten Tag, einmal die 39 und viel 17 bitte!“
Nicken. Mehr nicht. Muss reichen.

Die Sektoren im Container sind gerecht verteilt. Eine Hälfte für die Kunden, die andere für den Hausherrn und sein Gefolge. Links in der Ecke des Gastsektors ein weißer Plastiktisch, billiges Gartenmöbel, zwei passende Sitzgelegenheiten. Ich werde den Tag niemals vergessen, an dem ich ein einziges Mal darauf und daran saß! Dass ich es ohne Stuhl am Hintern und Tisch am Ärmel nach draußen geschafft habe, mutet mir immer noch wie ein Wunder an. Fett gleich Klett. Biskin oder Pattex ... die Grenze verschwimmt hier! Seit diesem Abend prüfe ich weiße Plastikschemel erst einmal auf punktuelle Haftbarkeit, bevor ich mich großflächig niederlasse. Und ich verbreite die Theorie, dass die vorherige Kontrolle von Mobiliar eine alte chinesische Tradition sei, falls mich jemand kritisch dabei beäugt.

Rechts vom Eingang brutzelt zur Winterzeit ein vom TÜV unbeobachteter Heizschleifen-Röster und schielt gierig nach unvorsichtigen Hosenbeinen. Hab ich noch was vergessen? Natürlich ... die Theke! Des Hungrigen letzte Zuflucht, Ort des Bittens und gelegentlichen Bettelns, Stätte des Ausstoßes von Buchstaben und Zahlen. Sie ist der Transformator einer Codierung, die für asiatische Lebensmittel so typisch zu sein scheint. Rufe S 4 und erhalte Malai-Huhn. Das verstehe, wer will!

Doch die Theke ist der interessanteste Ort im ganzen Container. Hier stehend erschließt sich dem wissbegierigen Auge der kulinarische Regenbogen von der Frühlingsrolle bis zur Ente mit Mu Err Pilzen, Lichtjahre entfernt von tabellarisch festgelegten Nährwerten oder der Spitze eines Eisbergsalates.

Das Schauspiel beginnt und endet am linken Ende der Theke, da wo der Telefonzettelblock auf Bestellungen wartet und die Kasse steht. Die geballte Ausdruckslosigkeit des Chinesensohnes empfängt mich und so ist es auch nur logisch, dass er mich nicht fragt, was ich möchte. Ich bin mir sicher, dass er über maximal die Hälfte der üblichen Gesichtsmuskulatur verfügt. Die Asiaten glauben vielfach daran, dass alles in der Natur einen Widerpart hat, ein göttliches Gegengewicht. Der Antipode zum Land des Lächelns liegt hier unweit der Domspitzen. Soviel steht fest!

„S 4 und 1, bitte!“
Nicken. Reicht immer noch. Chinesensohn gibt Telefonzettel weiter an Chinesen, Durchschlag für die Buchführung kommt ins Kästchen. Frühlingsrolle wird von Chinesensohn zu Bratfett gelassen. Chinese wischt Wok ab. Keimzentrum des Wagens tritt auf Plan: Der Lappen! Allzweckwaffe in Sachen Sauberkeit. Vorgeblich. Fleischmesserabstreifer, Thekenwischer, Saucenbinder. Tropfenfänger, am Wok wie, in unbeobachteten Augenblicken, an der Nase.

Keine Zeit zum Aufregen, denn hinter der Theke laufen die Ablenkungsmanöver auf Hochtouren. Zirkusartig fliegen Sojasprossen als auch Bambusstreifen durch die Luft, werden auf kunstvolle Weise mit diversen Pülverchen, zähflüssigen Essenzen und Gewürzen verwirbelt. Meine Beilagen erhalten einen Geschmack, in dem ich neben natürlichen Ingredienzien E-Ziffern befürchte.

Doch erneut keine Zeit, darüber nachzudenken: Der Kopf schwenkt, denn links folgt das vorgegrillte, in eine undefinierbare Tunke getauchte Hühnerfleisch der Frühlingsrolle ins brodelnde Fett und ergibt sich ohne Schreie in sein Schicksal. Nicht lange danach hebt Chinesensohn die Bruststücke aus dem Sud und zerteilt sie knirschend in zwei Hälften. Das Bett aus Zirkusgemüse ist in seiner Endlagerstätte bereits angekommen, wartet in der dreiteiligen Plastikschale auf die Doppellage des Huhns, das seine finale Flugstrecke auf einem breiten Messer zurücklegt. Letzteres wird anschließend mit dem ominösen Lappen gereinigt. Vorgeblich.

Chinesensohn, der auch das Tempo seiner Bewegungen nie ändert, widmet sich derweil den Abschlussarbeiten. Erst der Reis. Klumpig ist er, wunderbar klumpig. Ein Topf, halb so groß wie eine Sitzbadewanne, verhöhnt mit seinem Inhalt einen gewissen Uncle Ben. Ein ordentlicher Klops der Standard-Asia-Beilage landet in der Plastikschale. Nun aber spielt das Thekenorchester auf zum Finale furioso. Die Posaunen erheben sich majestätisch, die Pauken schwellen an, die Streicher schmirgeln sich den Bogen heiß. Chinesensohn greift nach einem Deckel. Trompeten schwenken mit ein. Er lüftet ihn. Kraftvolle Hörner begleiten die tropfende Kelle, in der die Sauce hinüber zum Huhn gleitet. Allein vom Anblick entfacht sich diese Oper auf meiner Zunge: Erdnüsse, cremig püriert und gestreckt mit suchtauslösenden Zusätzen.

Einem Reflex gleich, beginnt die Amnesie. Wie im Tran wechseln rasch noch Geld und Plastiktüte die Besitzer, während bei mir schon der Speichelfluss einsetzt. Der Duft und die Aussicht auf das Essen löschen alle lebensmittelhygienischen Bedenken, erteilen dem Lappen einen gedanklichen Platzverweis und sorgen dafür, dass das Auto wie von selbst nach Haus fährt.

„Nächster Halt ...“, tönt es aus dem Lautsprecher, der mich zurück ins Jetzt holt. Ich muss aussteigen, der Chinese ist schon weg. Hab ich mich nicht vorhin gefragt, was ihn wohl in dieses Land geführt hat? Warum er nie lächelt? Warum ...

Die Stufen der Bahn hinunter, noch hundert Meter bis nach Hause. Es wird mir niemals gelingen, Antworten zu finden. Ich hab Erdnuss-Saucen-Amnesie. Seit Jahren. Endstadium.

Letzte Aktualisierung: 12.04.2009 - 14.50 Uhr
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