Honigfalter
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April 2009
Fremdes Licht
von Patrick Lindholm

Dunkelheit.
Nichts als Dunkelheit.
Unmöglich, denkt er, schließt die Augen, zählt in Gedanken bis fünf, hebt die Lider: Nichts!
Angst ergreift ihn und lässt sein Herz schneller schlagen. Er weiß, dass nicht real sein kann, was er sieht. Vor dem Haus, in dem er mit seinen Eltern wohnt, befindet sich eine Straßenlaterne. Ihr silbernes Licht erhellt sein kleines Zimmer. Oder der Mondschein. Wenn die Laterne ausfällt, ist da immer noch der Mond!
Plötzlich hat er seinen Vater vor Augen, der ihn in den Arm nimmt und auf die Nasenspitze küsst, wenn er nicht einschlafen kann und die Nachttischlampe brennen lassen möchte. Sein Vater erklärt ihm, dass Mondlicht in sein Zimmer fällt und die darin lebenden Feen auf ihn aufpassen, wenn er schläft. Er schaut an seinem Vater vorbei und sieht seine Mutter in der Tür stehen. Sie nickt zustimmend. Das beruhigt ihn.
Hat jemand den Mond ausgeschaltet?
Jakob richtet sich ruckartig auf. Erst danach wird ihm bewusst, dass er keine Ahnung hat, ob er sich in seinem Zimmer befindet oder in einem anderen Raum, dass er, wenn Letzteres zutrifft, nicht weiß, wie hoch dieser Raum ist. Er hätte sich beim Aufrichten den Kopf stoßen und verletzen können. Dann nimmt er die Schmerzen an Hinterkopf und Rücken wahr. Es ist, als hätte er auf hartem Boden geschlafen - was offenbar stimmt. Seine Finger gleiten über den glatten Untergrund, auf dem er nun sitzt.
Wo ist sein Bett?
Panik überfällt ihn. Die Luft scheint plötzlich zu dick zu sein, um sie einatmen zu können. Eine Erinnerung flammt auf: Ein Sommer am See und er zwei oder drei Meter vom Ufer entfernt, seine Mutter, die neben ihm steht und zu seinem Vater schaut, der auf einem Handtuch am Strand sitzt und ihnen zuwinkt, während eine Welle ihn, den Jungen, umwirft, untertaucht und er zu ertrinken droht.
Jakob schnappt nach Luft. Er blickt nach links. Finsternis! Er blickt nach rechts. Das gleiche Bild. Nur diese -
Moment! Da ist ein kleiner heller Punkt! Er schwebt in dieser schwarzen, allumfassenden Mauer, ein wenig höher als Jakobs Kopf. Von diesem Punkt geht ein schwacher Lichtstrahl aus. Ein paar Zentimeter neben Jakob endet er als hellgrauer Kreis auf dem Boden.
Während der Junge sich fragt, warum er den Lichtfleck nicht eher bemerkt hat, streckt er den rechten Arm in dessen Richtung aus. In dem Lichtstrahl kann er seine Handfläche erkennen. Darüber tanzen Staubkörnchen wie glückverheißende Feen. Der Junge schließt seine Hand, ballt sie zur Faust, als wolle er die Körner einfangen.
Mit neuem Mut steht er langsam auf, nun darauf bedacht, sich nicht den Kopf zu stoßen. Der Raum ist hoch genug. Sofort macht der Junge einen Schritt vorwärts, auf den hellen Punkt in der schwarzen Wand zu. Noch einen Schritt. Als er den Lichtstrahl durchbricht, erscheint ein hellgrauer Kreis auf seinem Schlafanzug und das Gesicht eines lächelnden Hasen wird sichtbar.
Ein Loch in der Wand. Als sich Jakob nach vorne beugt, um durch die kleine runde Öffnung zu schauen, wandert der hellgraue Kreis vom Hasengesicht auf Brusthöhe über Hals und Wangen des Jungen und beleuchtet eines seiner Augen.
Das Licht blendet ihn und er zuckt zurück. Wut steigt in ihm auf. Mit der flachen Hand klopft er gegen die Wand und lauscht dem hohlen Klang. Er klopft stärker dagegen, nun mit der Faust. Links und rechts, nur Zentimeter von Jakob entfernt, sind plötzlich Risse aus hellem Licht zu sehen. Die Wand bewegt sich. Der Junge schlägt nun mit voller Kraft und beiden Fäusten auf das dünne Holz. Die Risse werden größer. Das hereinflutende Licht vertreibt die Finsternis. Das ist gut. Nein, großartig!
Plötzlich bricht die Wand aus ihrer Verankerung und fällt mit einem lauten Krachen um. Grelles Tageslicht stürzt sich auf den Jungen. Es sticht ihm in die Augen, so dass er den Arm heben muss, um sie zu schützen. Aber das ist so angenehm, so wunderbar, dass Jakob einen kurzen Jubelschrei von sich gibt.
Als sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt haben, lässt er den Arm sinken ... und dann reißt er die Augen vor Überraschung weit auf. Er ist im Kleiderschrank seiner Eltern!
Wie kann das sein?
Er dreht sich um, während er auf der dünnen Schrankrückwand steht, die sein dunkles Gefängnis verbarrikadierte, in dem er vor ein paar Minuten aufgewacht war, dann in den Schrank fiel und dabei die Schranktüren öffnete. Sie wippt leicht unter seinen Füßen.
Der Raum hinter ihm ist nicht größer als ein Abstellraum - höchstens fünf Quadratmeter -, aber groß genug, dass der Junge Platz hatte, ausgestreckt auf dem Boden zu liegen. Ein kleiner Raum, versteckt hinter dem Kleiderschrank im Schlafzimmer seiner Eltern. Seltsam, dass ihm das nie aufgefallen war, wenn er mit seiner Mutter Fangen spielte und sich in dem massiven Eichenschrank versteckte. Zahllose Male stand er bereits hier, natürlich mit geschlossenen Schranktüren, während seine Mutter ihn suchte. Und fand.
Jakob tritt aus dem Schrank heraus und sieht sich im Zimmer um. Zuerst fallen ihm die Kleider auf, die im Kleiderschrank sein sollten, aber überall auf dem Boden liegen. Jemand muss sie aus dem Schrank geholt und einfach auf den Teppich geschleudert haben. Die Matratzen des Ehebettes sind aufgeschlitzt und die Federn zum größten Teil herausgerissen worden. Wie feiner Schnee bedecken sie den Boden. In der Wand über dem Kopfende des Bettes klaffen schwarze Löcher, an deren Rändern der Putz abgebröckelt war. Auf dem Laken am Fußende trocknet dunkelrote Flüssigkeit. Jakobs Blick wandert durch das Zimmer, vom Bett zum einzigen Fenster, dessen Scheibe zerbrochen darunter liegt, über den Korbsessel, in dem seine Mutter oft saß und strickte, über die Zimmertür, die weit offen steht, über die Wand mit den Familienfotos, von denen die meisten schief hängen, und zu der geöffneten Schranktür zu seiner Rechten, in der sich ein weiteres rundes Loch befindet - und zwar in der gleichen Höhe wie das in der Schrankrückwand, durch die Jakob ins Freie gelangte. Was auch immer die beiden Löcher verursacht hat, es ist erst durch die geschlossene Schranktür und dann durch die Rückwand geflogen.
Jakob wendet den Blick ab und verlässt das Zimmer mit langsamen Schritten. Im Flur liegt eine zerbrochene Blumenvase. Als er darüber steigt, muss der Junge aufpassen, dass ihm die Splitter nicht in die nackten Fußsohlen schneiden.
Im Bad lässt er kurz Wasser. Danach geht er, ohne in sein eigenes Zimmer am Ende des Flurs gegangen zu sein, die Treppe hinunter ins Erdgeschoss. Niemand ist da. Auch nicht in der Küche oder im Wohnzimmer.
Die Haustür steht offen. Jakob geht hinaus auf die Straße und blickt sich nach allen Seiten um. Niemand ist da. Weder auf der Straße noch auf den Gehwegen, noch in den benachbarten oder gegenüberliegenden Häusern, noch in den Geschäften. Es ist still. Kein Wagen fährt. Auch keine Bahn. Kein Gespräch. Kein Lachen. Nichts!
Neben ihm ragt die Straßenlaterne auf, deren silbernes Licht sein kleines Zimmer erhellt, wenn er nachts im Bett liegt. Jetzt ist sie ausgeschaltet. Vielleicht schläft sie nur. Vielleicht ist sie aber auch tot. Wie die ganze Welt.
Jakob lässt sich neben der Laterne nieder. Er setzt sich auf den Bordstein am Gehweg vor dem Haus seiner Eltern, zieht die Knie zur Brust, verschränkt die Arme darauf, vergräbt das Gesicht darin und beginnt zu weinen.
Sein Vater sprang sofort auf und stürmte ins Wasser. Er packte unterhalb der Achseln zu, dort, wo er den Jungen normalerweise kitzelte. Sein Griff war fest, tat aber nicht weh. So hob er seinen Sohn aus der erstickenden, nassen Dunkelheit heraus.
Das erste, was der Junge sah, nachdem er das Wasser aus seinen Augen gerieben hatte, war das Gesicht seines Vaters, der ihn auf Kopfhöhe vor sich hielt und besorgt musterte. Daneben, vor dem scheinbar endlosen Blau des Sees, stand seine Mutter, die voller Bestürzung eine Handfläche vor dem Mund hielt.
„Hallo, Junge“, sagt eine Stimme.
Jakob blickt auf und sieht einen jungen Mann, der an der Straßenlaterne lehnt. Seine Kleidung ist dunkelgrün. Genau wie der Helm, den er in einer Hand hält. Mit der anderen Hand führt er eine Zigarette zu seinem Mund. Er inhaliert tief und atmet dann eine große Rauchwolke aus. Lächelnd schaut er zu dem Jungen hinunter.
„Warum so traurig?“, fragt der Mann.
Jakob wischt sich die Augen. „Ich ... Meine Eltern sind nicht da.“ Er schluchzt erneut.
Die Augenbrauen des Mannes bewegen sich ein kleines Stückchen nach oben. Er scheint interessiert zu sein. „Wie heißt du?“
„Jakob. Jakob Weitmann.“
„Aha“, sagt der Mann. Sein Lächeln wird breiter. „Hab ich’s mir doch gedacht.“ Er stößt sich von der Laterne ab, geht in die Hocke und reicht Jakob die Hand. „Ich heiße Christoph.“
Der Junge gibt dem Mann die Hand und lässt sich von ihm auf die Beine ziehen.
„Du brauchst keine Angst zu haben, Jakob. Deinen Eltern geht es gut. Ich bin hier, um dich zu ihnen zu bringen.“
„Wirklich?“
„Aber klar doch. Wenn du möchtest, nehmen wir dich mit.“ Christoph zeigt auf einen dunkelgrünen Wagen, der am Ende der Straße steht. Zwei weitere Männer sitzen darin. Beide tragen dunkelgrüne Kleidung und Helme. Sie winken dem Jungen einladend zu.
Christoph reicht Jakob erneut die Hand. „Komm. Deine Eltern warten auf dich.“
Der Junge ergreift die Hand. Sie fühlt sich warm an. Wie die seines Vaters.
Zusammen gehen sie auf den Wagen zu. Ein Blick über die Schulter zeigt Jakob, wie er sich von dem Haus seiner Eltern entfernt. Und von der Straßenlaterne, die davor steht.
„Wohin fahren wir denn?“, fragt der Junge.
Christoph sieht mit seinem freundlichen Lächeln zu ihm hinunter. Seine Hand greift ein wenig fester zu, als er sagt: „Nach Auschwitz.“

Letzte Aktualisierung: 19.04.2009 - 09.19 Uhr
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