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April 2009
In einer fremden Stadt
von Michael Bauer

Ich wohne schon seit fast zwei Jahren hier. Die Gegend ist ungemütlich, von September bis Anfang Mai wird es nur selten wirklich hell draußen. Der Sommer ist kurz und hat wenig schöne Augenblicke, die ich hinter zugezogenen Jalousien verbringe. Die meiste Zeit des Jahres bestimmen Regen und Nebel die Tage und Nächte. Ich verlasse meine Wohnung lediglich zum Einkaufen oder für die Arbeit. Oben im vierten Stock fühle ich mich einigermaßen sicher. Dabei weiß ich, dass ich in dieser Stadt niemals sicher sein werde. Der Hausmeister hat mir seit meinem Einzug versprochen, das provisorische Schloss an der Eingangstür auszutauschen. Ich kann von innen lediglich einen kleinen Riegel vorschieben, aber nicht abschließen. Doch immer wieder vertröstet er mich. Mir ist längst klar, dass er meinen Wunsch nie erfüllen wird. So schiebe ich jeden Abend, gleich wenn ich nach Hause komme, die schwere Kommode von innen gegen die Wohnungstür. Nur um mir weiterhin etwas vorzumachen. Auch das Messer, das nachts neben meinem Bett liegt, würde mir im Notfall nichts nützen. Doch es lässt mich wenigstens ein bisschen Schlaf finden.

Jeden Morgen liege ich schon lange vor dem Klingeln des Weckers wach. Trotzdem stelle ich ihn immer wieder vor dem Schlafen gehen. Vielleicht sind es gerade meine kleinen Gewohnheiten, die mich die Tage überstehen lassen. Ich zähle 49 Stufen nach unten, 472 Schritte bis zur Bushaltestelle, stelle mich schlafend während der Fahrt ins Büro, meinen Kopf fest gegen die Scheibe gepresst. Das Vibrieren des Busmotors beruhigt mich. Vor allem lenkt es mich ab, ständig daran zu denken, wie sie mich anstarren. Sie behalten mich im Auge. Überall, nicht nur im Bus. Ihre starren, stechenden Blicke durchbohren mich auch, wenn ich durch die engen Gänge des Firmengebäudes eile.

Alle Büros haben große Glasfronten. Es herrscht striktes Verbot, etwas an die Scheiben zu kleben. Vermutlich würde sie aber selbst das nicht daran hindern, uns zu beobachten. Diese Regel soll uns bestimmt nur ständig daran erinnern, dass sie uns beobachten. Ich habe keine Ahnung, wie viele wir sind. Man unterhält sich hier nur, wenn man dazu aufgefordert wird. Mein Büro teile ich mit zwei anderen, die das immer wieder tun. Das und ihre toten Augen geben mir die Gewissheit: Sie sind nicht wie ich. Vielleicht waren sie das einmal, aber das muss lange her sein. Ich habe mich schon oft gefragt, wie lange tatsächlich. Wie viel Zeit habe ich noch, bis ich einer von ihnen werde oder bis sie das letzte bisschen Leben aus mir heraussaugen? Der ängstliche Blick der rothaarigen Frau, die am Empfang sitzt, verrät mir jeden Morgen: Sie quälen genau die gleichen Fragen wie mich. Jeden Tag aufs Neue. Sie sieht aus, als würde sie schon ewig hier arbeiten und auf eine Erlösung hoffen.

Anfangs war ich noch so naiv zu glauben, ganz einfach flüchten zu können. In einer schlaflosen Nacht hatte ich das Nötigste zusammengepackt und einen Plan geschmiedet: Ich wollte am nächsten Morgen ein letztes Mal ins Büro gehen, um keinen Verdacht zu wecken. Nach Feierabend hätte ich mir meine Tasche geschnappt und mich unbemerkt davongemacht, ohne einen einzigen Blick zurück. Soweit ist es allerdings nie gekommen. Mein Chef rief mich an jenem Tag in sein kaltes, dunkles Büro. Ich hatte schon ein ungutes Gefühl im Magen, versuchte mir aber nichts anmerken zu lassen. „Wie geht es ihrer Familie?“, fragte er. „Gut, soweit ich weiß“, erwiderte ich überraschend ruhig. In Wirklichkeit wusste ich gar nichts, schon seit Monaten hatte ich nicht mehr mit meinen Eltern oder sonst einer Menschenseele außerhalb der Stadt telefoniert. „Schön zu hören“, lächelte er mich emotionslos mit seinen blass-blauen Lippen an. „Sie denken noch an die Unterlagen, die Sie bis morgen für mich fertig stellen sollen?“, wechselte er plötzlich das Thema. Ich hatte meine Hand schon wieder an der Türklinke, da hielt er mich noch einmal auf, um sein eigentliches Anliegen ganz unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen: „Ihrer Familie soll es doch sicher auch in Zukunft gut gehen?“, wollte er wissen.

Als ich am Abend nach Hause kam, begegnete mir der Hausmeister auf den Treppen. Er grüßte mich mit einem geheimnisvollen Grinsen und presste seinen fetten, verschwitzten Körper gegen die Wand, um mir Platz zu machen. „Wegen dem Schloss schau ich am Wochenende mal vorbei“, rief er mir hinterher und es klang fast wie eine Drohung. Hinter meiner Wohnungstür schnappte ich nach Luft. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich wieder ruhig atmete und die Kommode vor die Tür schieben konnte. Dann nahm ich die Tasche, die darauf lag, und verstaute mein Fluchtgepäck zurück im Schrank. Nach kurzem Zögern griff ich zum verstaubten Telefonhörer.

„Mein Junge, wie schön, dass du anrufst“, klang meine Mutter gleichzeitig erfreut, aber auch besorgt und traurig. „Ist denn alles in Ordnung bei dir?“, stellte sie die Frage, die eigentlich mir auf der Seele brannte. „Alles bestens“, log ich und ließ mir bestätigen, dass es am anderen Ende der Leitung genauso war. „Ich komme euch bald besuchen“, mit diesen Worten beendete ich das kurze Gespräch. Dabei war ich mir sicher, dass wir uns nie wieder sehen würden.

Mein Chef hat seine Unterlagen am nächsten Tag pünktlich auf seinen Schreibtisch bekommen. „Auf Sie ist immer Verlass, nicht wahr?“, kommentierte er nur und ich nickte stumm. Das macht die Frau am Empfang auch immer – jeden Morgen, wenn sich kurz unsere verängstigten Blicke zum Gruß treffen.

Letzte Nacht habe ich geträumt, wie sie eines Morgens vor dem lichterloh brennenden Firmengebäude steht. Sie starrt wie gebannt in die Flammen und es scheint zunächst so, als würde sie mich nicht bemerken. Plötzlich schnellt sie herum. Sie glotzt mich mit ihren weit aufgerissenen Augen an, in denen sich noch immer das Feuer widerspiegelt, obwohl sie jetzt in meine Richtung blickt. „Wir müssen die Stadt anzünden, wir müssen die ganze verdammte Stadt anzünden“, schreit sie und packt mich an den Schultern. An dieser Stelle bin ich aufgewacht.

Heute Morgen trafen sich unsere Blicke wie gewohnt. Sie zuckte erschrocken zusammen, als ich nicht wie sonst vorbeieilte. Stattdessen kam ich zu ihr an die Empfangstheke. „Das habe ich vor dem Gebäude auf der Treppe gefunden“, sagte ich und legte ein Feuerzeug auf den Tisch, „Vielleicht vermisst es ja jemand oder ein anderer kann etwas damit anfangen. Ich rauche leider nicht.“ Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, nickte dann aber wieder nur wortlos. Doch in ihren leuchtenden Augen sah ich, dass sie verstanden hatte.

Letzte Aktualisierung: 06.04.2009 - 20.18 Uhr
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