Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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April 2009
Weites Land
von Ingo Pietsch

Der alte Jack saß auf der Veranda des Holzhauses und wippte mit seinem Schaukelstuhl hin und her. Dabei stieß er sich mit dem Gewehr ab. In der linken Hand flatterte ein Stück Pergament in der warmen Brise der Abendsonne.
Jack saß im Schatten der Überdachung und wartete. Sein Blick wanderte über den Horizont, doch von den „Roten“ war nichts zu sehen.
Sie wollten ihm sein Land streitig machen. Doch er ließ sich nicht von seinem Besitz vertreiben. Das Pergament in seiner Hand bescheinigte ihm, dass dies sein rechtmäßiges Eigentum war. Wenn die Roten sich das nächste Mal hier blicken lassen würden, wollte er es ihnen präsentieren und sie dann, wenn nötig, mit Waffengewalt von hier vertreiben.
Jack wollte nur seine Ruhe haben – seinen Lebensabend genießen.
Müdigkeit überkam ihn. Seine Augenlider wurden immer schwerer und er hatte auch Mühe sich an seinem Gewehr festzuklammern.
Er ließ seinen Gedanken freien Lauf und merkte nicht einmal mehr, wie ihm die Augen vollends zufielen und seine Waffe auf die Holzdiele polterte.

Vor einem dreiviertel Jahr waren die Siedler hier angekommen. Insgesamt 12 Familien ließen sich in ihren zugeteilten Parzellen nieder.
Jack hatte keine Frau und auch Kinder. Nicht mehr.
Die USA hatte ihnen jede erdenkliche Hilfe angeboten.
Doch die Siedler vertrauten auf ihre eigene Körperkraft und die Natur.
Außerdem hatten sie gerade genug Zeit gehabt sich häuslich einzurichten, ehe der Winter unerwartet begann.
Damit brach auch jeglicher Kontakt mit der Außenwelt ab. Und auch die Siedler fanden untereinander keine Möglichkeit mehr zu kommunizieren.

Jack fand diesen strengen Winter überhaupt nicht schlimm. Sein sehnlichster Wunsch war es gewesen, alleine zu sein.
Er brauchte diese stille Zeit für sich, um über alles was in seinem Leben vorgefallen war, nachzudenken.
In dem angrenzenden Gebäude standen eine Kuh und zwei Schweine und mehrere Hühner flatterten dazwischen herum.
Außerdem besaß er einen Lebensmittelvorrat für eine halbes Jahr. Wasser stand ihm dank der weißen Pracht auf seinem Besitz in ausreichender Menge zur Verfügung. Und wenn erst der Schnee wieder geschmolzen war, konnte er mit den anderen Siedlern wieder Kontakt aufnehmen.
So genoss er die Einsamkeit.

Dann kam der Frühling.
Jack bekam Nachricht von den Nachbarsfamilien und auch sonst gelang ihm eine ganze Menge.
Er baute einen Weidezaun, legte eine Wasserleitung von der nächsten Quelle zu seinem Haus, machte sich an den Ackerbau und pflanzte ein paar Obstbäume, die als Setzlinge in seinem Vorrat gewesen waren.
Der Boden war sehr fruchtbar und schon nach kurzer Zeit begann alles zu sprießen und zu wachsen.
In der Ferne hatte er einen fantastischen Ausblick auf 2000 Meter hohe Tafelberge, die „sein“ Tal zu drei Seiten umschlossen.
Vereinzelt wuchsen ein paar verkrüppelte Bäume und an anderer Vegetation gab es noch die hiesigen Grasarten und eine riesige Auswahl an den verschiedensten Blumen. Tiere gab es in Hülle und Fülle, die meisten reichten ihm bis zu den Waden und waren damit, wenn sie nicht im Rudel auftraten, ungefährlich.

Dann, eines schönen Morgens, waren sie einfach da: die Fremden.
Niemand hatte damit gerechnet oder hatte rechnen wollen, dass sie auftauchten.
Die Roten waren ein eingeborenes Volk und sie waren nicht sonderlich fortschrittlich.
Jack stand in der frühen Sonne und stützte sich auf seiner Schaufel ab. Erst überlegte er, ob er sein Gewehr holen sollte, ließ es aber bleiben.
Drei waren es. Sie warfen lange Schatten und Jack konnte sie erst nicht richtig erkennen, weil sie für ihn direkt in der Sonne liefen.
Als sie nahe genug heran waren, musterte er sie genauer: sie hatten rötliche, wettergegerbte Haut, dunkle, zu Zöpfen gebundene Haare, maßen einen Kopf weniger als Jack und trugen lederne Kleidung. Einer trug einen Langbogen mit entsprechendem Köcher und die anderen beiden hielten Speere.
Der mittlere hob grüßend die Hand und sagte etwas in seiner kehligen Sprache, dass Jack allerdings nicht verstand und auch nicht verstehen wollte.
Er hielt die Schaufel abwehrend vor sich und antwortete für die Fremden unverständlich, dass sie von seinem Grund und Boden verschwinden sollten.
Mit traurigem Gesichtsausdruck machten sie kehrt.
Der Farmer überlegte den Vorfall zu melden, war aber zu sehr mit seiner Arbeit beschäftigt.

Eine Woche später stand ein Korb mit handwerklich hergestellten Ketten und Armbändern eines Abends vor der Tür.
Der alte Jack dachte gar nicht daran eine freundschaftliche Beziehung zu den Roten aufzubauen. Er warf die Geschenke weg und fing damit an, seine Waffe regelmäßig zu überprüfen.

Zwei weitere ereignislose Monate vergingen.
Dann tauchten sie wieder auf: diesmal war es eine ganze Familie.
Jack war gerade mit Melken beschäftigt gewesen, schreckte auf, weil sie sein Haus schon fast erreicht hatten, rannte nach drinnen, holte sein Gewehr und schoss ein Mal in die Luft.
Die Roten liefen schreiend davon und ließen sich einen Monat wieder nicht blicken.

Dann fand Jack eine Obstschale mit Früchten, die er nicht kannte. Aus Wut verfütterte er das Obst an seine Schweine.
Merkten sie denn nicht, dass er mit ihnen nichts zu tun haben wollte?

Zuerst starben seine Schweine. Die Roten mussten das Obst vergiftet haben. Gut, dass er nichts davon gegessen hatte!
Die Erinnerungen an seine eigene Familie kamen in ihm hoch. Anscheinend wiederholte sich alles, nur mit dem Unterschied, dass es diesmal umgekehrt war.
Diesmal würde er nicht klein beigeben, sondern kämpfen!

Seine Kuh war eingegangen. Jack hatte trotz der verendeten Schweine immer noch Milch getrunken. Die Kuh hatte vom Obst nichts abbekommen. Oder doch? Er war sich nicht wirklich sicher.
Er fühlte sich matt und schläfrig. Was hatten ihm die Fremden da untergeschoben?

Jack bekam keinen Kontakt mehr mit anderen Siedlern. Das war kein gutes Zeichen. Die einzigen, die ihm noch helfen konnten, waren die USA. Und diese Möglichkeit nutzte er. Aber es würde dauern und er musste durchhalten.
Ihm ging es zusehends schlechter. Inzwischen waren auch die Hühner verendet. Die Arbeit auf dem Feld wurde für ihn immer schwieriger.
Schließlich ernährte er sich nur noch von seinen Vorräten.

Vom Fenster aus konnte Jack den Roten sehen. Er lehnte am Weidezaun. Es war ein alter, hagerer Mann. Der Fremde war im Verhältnis zu seinen Verwandten in schlechter Verfassung. Sogar in ähnlicher wie Jack. Er hielt die Hand in grüßender Geste, doch als er Jack mit letzter Kraft auf die Veranda stürzen sah, ergriff er die Flucht.
Erst versuchten sie ihn zu vergiften und dann wollten sie Frieden schließen. Nicht mit ihm!

Jack saß den ganzen Tag auf der Veranda. Er hatte seine Zertifizierung, dass das Land ihm gehörte hervorgekramt. Die USA bescheinigten es ihm.

Als der Rote an Jacks Haus angekommen war, ging die Sonne gerade unter. Der Alte hatte sich Federn ins Haar geflochten und farbige Striche ins Gesicht gemalt. Eigentlich wollte er dem Fremden den Krieg erklären, doch es war völlig sinnlos. Er war der Letzte. Und nichts würde etwas daran ändern.
Er setzte sich neben Jack, der in sich zusammengesunken war und nicht mehr atmete.
Der Rote wartete auf den Sonnenaufgang, den er nicht mehr erleben würde…

Terranischer Kreuzer Promtheus
Logbuch Captain Custer
Wieder einmal ist es den USA – den United Stars Attender, gelungen, dass genaue Gegenteil von dem zu tun, was sie eigentlich im Sinn hatten. Statt Leben zu schaffen, haben sie es zerstört. Durch unzureichende Untersuchung des Zielplaneten, hat die Besiedlung ein dramatisches Ende gefunden. Angeblich soll der Planet unbewohnbar gewesen sein. Er weist sehr ähnliche irdische Parameter auf und ist für die Kolonisierung gerade ideal.
Doch leider haben die Prospektoren Mist gebaut. Die hiesigen Einwohner hatten sich wegen der Witterung in Höhlen zurückgezogen und waren so unentdeckt geblieben. Eines der ersten Gesetze der Besiedlung sagt, dass keine Kultur bei ihrer natürlichen Entwicklung beeinflusst werden darf.
Durch eine genaue Untersuchung unsererseits, konnten wir herausfinden, dass noch ca.100 der Ureinwohner dort überwintert hatten. Die so genannten Roten, den Namen haben wir aus Tagebüchern, kamen im Frühjahr zu den Farmen und versuchten freundlichen Kontakt aufzunehmen.
Einige Siedler taten es, andere nicht. Sie versuchten sich mit Tauschhandel, da ihre letzten Nutztiere bei einer Haustierseuche umgekommen waren.
Durch die mangelnden Kenntnisse in Medizin und der Sprachbarriere, war den Siedlern nicht bewusst, dass die Roten an einer ansteckenden grippeähnlichen Krankheit litten, die auch ihre Tiere getötet hatte. Allerdings in abgeschwächter Form. Jedenfalls mutierte der Virus, infizierte die Siedler, und steckte rückwirkend die Roten wieder an.
Wir empfingen einen Hilferuf von einem der Siedler und waren vor den „Vereinigten Sternen Betreuern“ an Ort und Stelle. Mein erster medizinischer Offizier sagt, dass er so etwas noch nie gesehen hat. Das gesamte ökologische System ist zusammengebrochen. Kein Mensch, Roter oder Tier auf dem gesamten Planeten hat überlebt.
Wenn ich daran denke, dass vor vierzig Jahren Außerirdische unseren Planeten zwangsbesiedelt haben, macht es mich traurig, dass die Geschichte sich wiederholt, nur das wir diesmal die Fremden gewesen waren.
Logbucheintrag Ende

Letzte Aktualisierung: 21.04.2009 - 22.22 Uhr
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