Der Tod aus der Teekiste
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Mai 2009
Unbemerkt
von Barbara Hennermann

Lea zwängte den Kopf zwischen die Knie und drängte sich eng an die Wand hinter ihrem Bett. Mein Gott, konnte die Mutter sie nicht endlich einmal in Ruhe lassen? Das Klopfen an der Tür erschien ihr wie Gewitterdonner. „Lea, mach endlich die Tür auf! Was treibst du bloß ständig da drin? Leeea!“ Dem Tonfall der Mutter konnte sie deutlich entnehmen, wie genervt diese war. Sollte sie doch! Sie kam doch eh nur, wenn sie etwas von ihr wollte! Wann nahm sie sich schon mal die Zeit, gemeinsam mit ihr etwas zu planen, was ihr, Lea, Spaß machen würde? Immer ging es nur ums Geldverdienen. „Lea, ich fahre jetzt in die Stadt. Wenn ich wiederkomme, möchte ich, dass du deine Arbeiten im Haushalt endlich erledigt hast!“ Na bitte, das war es doch. Lea mach dies, Lea mach das. Sie presste den Kopf tiefer zwischen die Knie. Sie wusste sowieso, was die Mutter noch anfügen würde. „Langsam reicht mir das mit dir, Lea! Dir geht´s einfach zu gut!“



Ich bin nicht das, wofür mich andere halten.
Ich bin aber auch nicht das, was ich gerne wäre.
Im Grunde weiß ich nicht, was ich bin. Die Welt ist so groß.
Ich weiß nur, dass ich so, wie ich lebe, nicht leben möchte. Ich möchte anders leben. Ganz anders. Besser. Beachtet.
Das ist es, was mir fehlt. Beachtung. Niemand nimmt mich ernst. Niemand versteht mich.
Ich muss etwas tun. Etwas, das alle sehen. Etwas Ungewöhnliches. Was alle überrascht und was sie mir nie zugetraut hätten.
Aber was?
Ich muss mir etwas einfallen lassen …



„Lea Plaschke, kannst du nicht wie alle anderen auch nach der Pause pünktlich ins Klassenzimmer kommen?“ Ungeduldig trommelte der Bleistift von Frau Schwarz aufs Pult. Annmarie flüsterte Sophie etwas ins Ohr, beide begannen zu kichern. Lea wusste genau, was die der Freundin zugeflüstert hatte! „Die hat mal wieder ihre Hose am Klo nicht zugebracht.“ Dumme Gans – die war selbst nicht die Schlankste! Lea schob sich durch die Reihen auf ihren Platz, fühlte die spöttischen Blicke. Sollten sie ihr doch alle den Buckel runterrutschen! Sie schlug ihr Buch auf. Immerhin hatte sie in der letzten Mathearbeit wesentlich besser abgeschnitten als die beiden Gänse. Aber das interessierte natürlich keinen hier. Da zählten ganz andere Werte wie Kleidung, Outfit und Sexappeal. Lea kratzte sich den neuen Pickel an der Wange blutig. Der Schmerz tat ihr irgendwie gut, wenigstens spürte sie dadurch, dass sie am Leben war … „Lea, würdest du uns vielleicht gütigerweise wenigstens jetzt an deinen Gedanken teilhaben lassen?“ Frau Schwarz war genauso eine dämliche Kuh wie alle anderen mit ihrem erhabenen Getue! Lea schniefte. „Äh … also …“ Die Klasse lachte höhnisch. Lea klappte mit einem lauten Schlag das Buch zu. Die Stimme von Frau Schwarz wurde noch spitzer. „Lea Plaschke, ich möchte, dass du nach dem Unterricht ins Lehrerzimmer kommst!“



Wenn mich schon keiner liebt, keiner versteht, keiner mag – dann sollen sie mich wenigstens fürchten … So schwer kann das doch nicht sein?



Auszug aus der Süddeutschen Zeitung vom 12. Mai 2009, Seite 10:

„ Eine sechzehnjährige Gymnasiastin aus St Augustin bei Bonn hat möglicherweise geplant, ihre eigene Schule mit Brandbeschleunigern anzuzünden. Die Schülerin, die nach ihrer vorzeitigen Entdeckung flüchtete, war am Montagmorgen in das Albert-Einstein-Gymnasium im Stadtteil Niederpleis eingedrungen. In einem Rucksack, den die Polizei später auf der Toilette im zweiten Stock des Gebäudes sicherstellte, befanden sich nach Angaben der Ermittler mehrere Flaschen mit benzinartiger Flüssigkeit sowie eine Gaspistole.“




Ich habe es geschafft! Jetzt bin ich wer! Nun können sie mich nicht mehr einfach zur Seite schieben! Warum musste die blöde Kuh auch in die Toilette kommen? Ich wollte ihr doch nicht wehtun, sie nicht verletzen. Aber sie fing gleich an zu schreien und auf mich loszugehen. Ich musste mich doch wehren! Nun fehlt ihr der Daumen, das wollte ich doch gar nicht. Aber sie ist selbst schuld. Hätte sie nicht den Mund halten können? Scheiße!



Sie rannte aus dem Schulgebäude, panisch vor Angst. Rannte, bis der Atem ihr im Hals brannte und ihre Wangen von Tränen glänzten. Ein Passant, den sie fast umgerannt hätte, hielt sie am Arm fest. „Mädchen, was ist denn mir dir passiert? Will dich einer umbringen?“ Er lachte sie an. Lea riss sich los. Noch so ein blöder Arsch! Die Menschheit bestand nur aus Ärschen. Sie hastete weiter, erkannte das Bahnhofsgebäude, rettete sich in die Toilette. Aufschluchzend ließ sie sich auf den gekachelten, feuchten Boden fallen. So weit hatten s i e es also nun gebracht, dass sie hier saß, Mist gebaut, alles verpfuscht hatte, was sie sich vorgenommen hatte. Das Schluchzen schüttelte ihren Körper.



Was soll ich denn jetzt machen? Warum hilft mir keiner? Wo soll ich noch hin, wo kann ich mich verstecken? Ich wollte ihnen doch bloß Angst machen, ihnen zeigen, dass ich auch zu etwas fähig bin. Nicht immer die sein, die in der Schule in der Masse mitschwimmt. Nicht immer die, die froh sein muss, wenn die Mitschülerinnen sie herablassend auch einmal in ihren Kreis aufnehmen. Nicht immer die, die am Pausehof abseits steht und von den Jungs angerempelt wird.



Langsam schob sie sich an der gekachelten Wand nach oben, spürte Feuchtigkeit und Kälte ihren Körper hochkriechen.
Bilder spulten sich in ihrem Kopf ab. Bilder, wie sie klein war und auf Papas Schoß ritt. Wie sie älter wurde, wie sie sich immer hässlicher fand, wie die Mutter das mit einem „ach Lea, stell dich doch nicht so an!“ abtat. Wie die Mädchen in der Schule tuschelten – „ob die wohl jemals einen abkriegt?“ – und die Jungen sie fragten, ob sie die Mathearbeit von ihr abschreiben könnten. Wie sie nie wirklich dazu gehören durfte, wenn die Clique etwas vorhatte. Wie sie begonnen hatte, etwas Großes zu planen, Material gesammelt hatte und froh war, dass ihre Eltern nie ihr Zimmer betraten. („Das tun wir uns nicht mehr an, Lea, da sieht´s ja aus wie im Schweinestall! Wann wirst du endlich lernen, Verantwortung zu übernehmen?“) Wie sie heute früh mit einem Gefühl der Genugtuung in die Schule gekommen war – denn jetzt würde sie denen allen mal zeigen, was Sache ist!
Bilder, die nun die Angst verdrängte, die mit gichtknotigen Fingern nach ihr griff …




Sie werden mich finden. Bestimmt werden sie das.
Was kommt dann? Ich will das alles nicht. Nicht so. Ich will doch nur, dass sie mich beachten! Dass mich endlich jemand beachtet. In den Arm nimmt. Lieb hat. Mich versteht.

Warum ist nie jemand für mich da?

Letzte Aktualisierung: 26.05.2009 - 15.15 Uhr
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