Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Mai 2009
Der Moment der Wahrheit
von Robert Pfeffer

Schlecht einschlafen konnte ich schon immer gut. Ich fühle mich wie auf einem Spieß. Ob stetige Rotation mich der Nachtruhe näher bringt? Kopfkino im Bruchteil-von-Sekunden-Takt. Im Geiste hebe ich bereits die Hand. Morgen früh beginnt ein neuer Abschnitt meines Lebens. Er nennt sich schnöde „Fachhochschule für öffentliche Verwaltung“, ich werde ohne Tüte und nicht in Begleitung meiner Eltern eintreten. Bevor ich jedoch weiter zur Schule gehe, wird eine hochgestellte Verwaltungspersönlichkeit im Rathaus kurz nach dem morgendlichen Kaffee mich über diesen hinaus wärmende Worte sagen und den berühmten § 61 zitieren. Etwa um 9:30 Uhr folgt der Moment der Wahrheit. Ich werde die öffentlich-rechtliche Beschwörungsformel murmeln, dass ich das mir übertragene Amt nach bestem Wissen und Können verwalten, Verfassung und Gesetze befolgen und verteidigen, ...

Stetig grauer und dunkler werdender Nebel legt sich auf meine Lider.

Meine Kopfbedeckung gleicht einer Primanermütze. Fröhlich pfeifend laufe ich die Straße hinab. Das Bündel unter meinem Arm enthält neben diversen Blei- und anderen Stiften, reichlich Papier und einem jungfräulichen Aktenordner in erster Linie die Last des verbeamteten Studenten schlechthin: Den Strahlemann! Hans-Erwin Strahlemann hat es mit seiner zweieinhalb Kilo schweren Gesetzessammlung zum Herausgeber des Standardwerks aller Amtsanwärter gebracht. Das Buch trägt schlicht seinen Namen. Für die nächsten drei Jahre wird es meine Bibel sein.

Auf dem Schulhof fehlen rempelnde Kinder, Hüpfekästchen und Fußbälle, Aufsicht führende Pauker und ein Schulhausmeister, der die Glocke läutet. Dennoch mangelt es nicht an Ehrfurcht Gebietendem, denn über dem Hauseingang prangt das nordrhein-westfälische Wappen. Es mahnt und erinnert mich an den § 61. Ich stehe unter Beobachtung des Landesfürsten.

Zaghaft trete ich ein. Wildes Gemurmel, halbwegs geordnetes Drängeln vor einer Tafel. K 14 lautet meine Ziffer, ein ‚Kommunaler‘ bin ich. Raum 205. Auf dem ersten Absatz der breiten Treppe, die hinauf in den Olymp des öffentlich-rechtlichen Lernens führt, steht eine Art Hot-Dog-Stand.
„Schirmmützen, Ärmelschoner, Stempelkissen, Büroklammern ....“
Meine Eltern erklärten das den Unterarm bedeckende Textil für die Beamtenlaufbahn als unverzichtbar, aber ich konnte sie gerade noch davon abbringen, mir ein paar zu schenken. In diesem Moment bin ich unsicher, ob das klug war, doch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, schiebt mich die drückende Menge bis hinauf ins zweite Stockwerk.

„Tach, Adrian Lehner mein Name. Inspektoranwärter.“
Der Prototyp ‚Ewiger Junggeselle‘ mit glasbausteinartiger Hornbrille steht direkt vor mir und lugt unter seinen fettigen Haaren hervor. Schon seit der Grundschule verfolgt mich das Trauma des ersten Schultages. Du bist dir bewusst, dass die Minuten der Klassenzimmerpremiere darüber entscheiden, ob du in den nächsten Jahren ein glücklich lernender Schüler sein wirst. Du hoffst in deinem Innersten auf irgendwas zwischen der ewigen Liebe und einem echten Kumpel als Banknachbar ... und bekommst Adrian Lehner. Früher war der Name halt ein anderer, aber der Schock stets derselbe.
„Roman Probst“, sage ich, „Kleinkrimineller und Privatpatient.“
Die Augen hinter Lehners Brille wachsen auf die Größe brauner Billardkugeln, seine Stirn zieren Risse wie in einem Wadi. Mein Scherz überfordert ihn sichtbar.
„Na, ich habe gehört, wenn man hier in der Klinik brav ist, bekommt man ein Einzelzimmer und wird nach drei Jahren garantiert entlassen“, lege ich nach.
Mein Gegenüber schnappt nach Luft, als stünden seine Vitalfunktionen kurz vor dem Abbruch.
„Hey, Adrian, mach dir nix draus. Wir sitzen im selben Boot. Alles wird gut.“
Von meiner Bemerkung bin ich keineswegs überzeugt, aber dennoch bereit, einfach abzuwarten, was passiert. Ruckartig dreht sich mein Nachbar in Richtung Türe.

„Goten Morg‘n, liebe Schöler!“
Alle springen auf, nur ich bleibe sitzen. Bin zu überrascht. Haben die sich abgesprochen?
„Guten Morgen Herr Kapellmann!“
Sie haben sich abgesprochen.
„Setz‘n Se sich!“
Antonius Kapellmann ist hauptamtlicher Dozent an der Fachhochschule seit ihrer Gründung. Er gibt Allgemeines Verwaltungsrecht, Polizei- und Ordnungsrecht und weiht die Frischlinge in juristischer Methodik ein. Alle zehn Finger vor dem Körper zu einem Dreieck formend, acht nach oben, die Daumen quer, und sanft auf den Füßen wippend, betrachtet er mit verschmitzt hochgezogenen Mundwinkeln seine Untertanen. Er dreht an seinem Schnäuzer, bevor er fortfährt.
„Nun, liebe Schöler, ich wörde Se lehren, säch gäg‘n de Börgerinnen und Börger döses unseres Landes mit der Öhrem Amte angemössenen Ernsthaftöchkäut zur Wöhr zu sätzen. Denn mörken Se sich eins: D‘r Börger wöll ömmer nur haben, nie etwas gäben! Er wörd söch vor Öhrem Schreibtösche aufbauen und auf seine Röchte pochen, aber wenn Se öhm etwas von Geböhren mitteilen, wörd er schlagartig die Hörfähigkeit einbößen.“
Der Dozent ist auf dem Weg zur Paragraphenekstase, reißt entrückt den Kopf seitwärts hoch, blickt aus dem Fenster und holt tief Luft. Seine mittelalterlich klingende Tirade fortsetzend, schwallt er weiter.
„Stöllen Se sich folgende Szönerie vor: Der windige Spediteur S trachtet nach einer Verlängerung seiner Transporterlaubnös. Er spröcht im Zimmer 7 im Amte Ihrer Kommune vor und verlangt eine Neuausstellung der Papiere. Wie sieht Öhre örste Reaktion aus?“
Erneut schnellt alles um mich herum von den Stühlen hoch und brüllt im Chor:
„Zuständigkeit prüfen und verneinen, Herr Kapellmann!“
„Sähr gut, liebe Schöler!“
Er wippt wieder auf den Füßen vor und zurück.
„Kann mir einör von Öhnen sagen, warum?“
Zaghaft erhebt sich Lehner neben mir.
„Weil in Zimmer 7 Wohnberechtigungsscheine erteilt werden?“
„Hervorragend, jonger Mann, hervorragend! Was wörden Se dem Börger danach mitteilen?“
„Er möge sich an den Pförtner wenden und eine Wartemarke ziehen.“
„Öch habe selten in meiner Laufbahn örläbt, dass söch schon am örsten Tage hier in der Lähranstalt ein solches Naturtalönt offenbart. Ganz ausgezeichnöt, jonger Hörr. Setzen Se sich.“
In mir regt sich Widerstand. Ohne aufzustehen, werfe ich in den Raum:
„Hätte man nicht auch im Mitarbeiterverzeichnis nachschauen und dem Mann sagen können, in welches Zimmer er gehen soll?“
Kapellmann, gerade beim Eintrag des Adrian-Lobes ins Klassenbuch, erstarrt. In Zeitlupe hebt er den Kopf und blickt in meine Richtung. Die Augen haben sich zu Schlitzen verengt, den Mund öffnend zieht er die Oberlippe hoch und entblößt die Zähne.
„Wer war das?“, zischt er in den Raum.
Ich stehe auf.
„Herr Kapellmann, in der Anzeige, auf die ich mich beworben hatte, stand etwas von einem modernen Dienstleist ...“
„Schweigen Se stille!!! Wollen Se es an Öhrem örsten Tag bereits zum Äußersten treiben? Nehmen Se döses Wort nur ein einzig Mal noch in den Mond, so kann ich för nichts mehr garantierön! Merken Se sich Folgendös: Der Verwaltungsakt öst eine festen Regeln folgende Angölägenheit. Scherzen Se niemols damit! Der Börger ist stets daran zu erinnern, dass er der Antragstöller ist. Wenn wör ihn als wördig empfönden, von uns eine Leistung in Empfange zo nöhmen, so wörden wir den Akt vollziehen. Aber pröfen Se ömmer im örsten Schritte, ob es nicht ein anderer machen kann! Haben Se das verstanden?“
„Aber ist es nicht ...“
Er schnauzte mich an: „Haben Se das kapiert?“
„Ich sehe nicht ein, warum wir nicht auch über Alternativen nachdenken dürfen“, motze ich zurück. „Eine auf Dienstleistung ausgerichtete ...“
Ein Aufschrei geht durch das Zimmer.
Aus der Sprinkleranlage unter der Decke spritzen Paragraphenzeichen und beregnen die ganze Klasse. Riesige Büroklammern verriegeln die Türe. Ich renne ans Fenster. Draußen umstellen mannshohe Aktenordner das Gebäude. Aus den Lautsprechern ertönt in regelmäßigen Abständen ‚Kontaminationsalarm in Raum 205‘. Über der Fachhochschule schwebt mit ohrenbetäubendem Geratter ein Hubschrauber in Form eines überdimensionalen Lochers, aus dem sich Anzugträger mit Stempeln im Anschlag abseilen.
Im Regen der Normensymbole von der Decke und dem Getöse von draußen brüllt Kapellmann: „Söhen Se, ich sagte Öhnen, wenn Se es noch einmal sagen, kann ich för nichts mehr garantierön!“
Die Büroklammernverriegelung wird aufgesprengt, fünf Anzugträger stürmen in den Raum. Meine Kommilitonen schreien im Chor „Wir sind nicht zuständig!“ und zeigen anschließend mit dem Finger auf mich.
„Roman Probst? Sie sind dringend verdächtig der Benutzung berufsgruppenfeindlichen Vokabulars in Tateinheit mit zersetzerischem Gedankengut.“

Während ich abgeführt werde, klingelt erlösend mein Wecker.

Zwei Stunden später.
„ ... meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegenüber jedermann üben werde.“ Den göttlichen Beistandszusatz lasse ich weg.

Eine hochgestellte Verwaltungspersönlichkeit tritt im Saal ans Mikrofon und zitiert den § 61.
„Denken Sie daran, meine Damen und Herren, die Sie heute hier aufbrechen, aus Ihrer Berufung einen Beruf zu machen: Sie sind es, die den Gedanken der Servicegesellschaft tiefer und tiefer in die Verwaltung tragen werden. Sie sind unser Kapital für die Zukunft. Sie werden aus den staubigen Büros der Vergangenheit moderne Dienstleistungszentren entstehen lassen. Zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt wünsche ich Ihnen viel Erfolg dabei!“

In der Ferne höre ich einen Hubschrauber.

Letzte Aktualisierung: 09.05.2009 - 14.32 Uhr
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