Ganz schön bissig ...
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Mai 2009
Verrechnet
von Rosemarie Benke-Bursian

Diese Tür zu öffnen, war ihm streng verboten. Wie um dem Verbot Nachdruck zu verleihen, war sie stets abgeschlossen. Eine Ausnahme hatte Benni nie erlebt.
Bis heute, denn heute stand sie offen.
Benni starrte auf den schmalen Spalt, der einen begrenzten Blick in das Innere des verbotenen Schrankes gewährte. Weiße Papierstapel schimmerten ihm entgegen. Die Lösung seines Problems. Wie ein Geschenk und zum Greifen nah.
Sein Vater war längst in der Schule. War davon gehastet und hatte vergessen, die Tür zu schließen. Ein aufgeschlagener Ordner mit geöffneten Ringen und einige lose Dokumente auf dem Schreibtisch erzählten von der Eile des Vaters, der heute ausnahmsweise noch einmal zurückgekommen war, da er etwas Wichtiges vergessen hatte. Ausgerechnet heute, am Tag der Lehrerkonferenz. Sein Vater hasste Unpünktlichkeit.
Die Mutter war einkaufen. Es würde etwas länger dauern, denn sie wollte nach dem Supermarkt noch zur Apotheke. Ein paar Medikamente für Benni besorgen. Benni war krank. Seit zwei Tagen quälten ihn Magen-Darm-Beschwerden. Doch die Lösung seiner Magen-Darm-Grippe lag nicht in irgendwelchen Pillen, sondern hier in diesem Schrank.
Dass der Erreger seiner Beschwerden kein Virus oder Bakterium war, sondern sein Mitschüler Niklas aus der Parallelklasse, hatte Benni aber wohlweislich verschwiegen. Nicht auszudenken, was sein Vater in der Schule für eine Wirbel veranstaltet hätte. Nein, einen Lehrer als Vater zu haben, machte die Sache nicht einfacher. Oder doch? Immerhin hatte Benni nun Zugang zu den Matheaufgaben für die Klasse 9a, in die Niklas ging.
Niklas war ein Junge, den man weder übersah noch überhörte. Viele der jüngeren Schüler verschwanden schnell in andere Gänge oder ihre Klassenzimmer, wenn Niklas auftauchte. Doch beim Fußballspiel war er ein gefragter Spieler. Kaum hatte er den Ball vor seiner Fußspitze, fiel kurz darauf ein Tor – darauf konnte man fast wetten.
Wenn Benni an den Ball kam, fiel ebenso oft ein Tor. Ein Gegentor. Niklas schob ihn deshalb meist schon vor Spielbeginn zur Seite. „Du Loser spielst nicht mit!“
Doch nun drohte Niklas, wegen Mathe durchzufallen und noch schlimmer: Da er bereits ein Jahr wiederholt hatte, würde er die Schule verlassen und auf Wunsch seiner Eltern in ein Internat gehen müssen. Die nächste Mathearbeit war seine letzte Chance. Kurz darauf war Notenkonferenz und damit das Schuljahr gelaufen. Auf Schule und Lehrer schimpfend, piesackte Niklas die jüngeren Schüler noch mehr als üblich.
Dann war Benni in den Mittelpunkt seines Interesses gerückt. „Du darfst beim Fußball mitspielen, aber dafür musst du mir was besorgen.“ Er wollte Tipps oder noch besser, die Lösungen für die nächste Mathearbeit. „Na komm schon, mein Mathelehrer ist dein Papa, da liegen doch irgendwo die Aufgaben rum.“
Doch Benni hatte keine Ahnung, was für Aufgaben sein Vater erdacht hatte. Schließlich lagen die fest verschlossen im verbotenen Schrank. Als sein Bitten und Locken nicht half, drohte Niklas mit Schlägen und Benni versuchte, ihm aus dem Weg zu gehen.
Das war nicht so schwer, denn Benni interessierte sich viel mehr für Biologie als für Sport. Deshalb hatte er sich auch gemeldet, die Materialsammlung in Ordnung zu halten. Dorthin zog er sich nun zurück. Begeistert sortierte er mit Professor Schill die Präparate der Spinnentiere. Eines dieser Spinnentiere hatte es ihm ganz besonders angetan: Der Bücherskorpion Chelifer cancroides. Ein nützliches Tier für Bücherfreunde, denn er fraß nicht die Bücher, sondern die Staubläuse, die vor allem alte Bücher zerstören konnten. Dieser kleine Pseudoskorpion steckte in einer Glasbox, die viel größer war, als er selbst. Benni holte die Box gerne heraus und stellte sich vor, wie Hunderte, nein Tausende, dieser Tierchen in Bibliotheken die Bücher von Staubläusen befreiten.
Dann kam der Tag, an dem Benni ganz allein im Zimmer der Biologie-Materialsammlung arbeitete. Professor Schill war für eine Woche verreist und Benni hatte sich den Schlüssel von der Sekretärin geholt. Nachdem er ein paar Fotos von Zitterspinnen auf vorbereitete Textvorlagen geklebt und in den passenden Ordner abgelegt hatte, hörte er ein Geräusch. Irritiert drehte er sich um. In der Tür stand Niklas, breit grinsend.
„Bis Freitag brauche ich die Aufgaben.“
„Ich kann dir aber nicht helfen.“
„Wetten dass?“ Niklas öffnete seine rechte Hand. Zum Vorschein kam Chelifer cancroides, der Bücherskorpion.
„Was soll das? Gib den sofort wieder her!“
„Was glaubst du wohl, wen man verdächtigt, wenn er fehlt? Mich hat niemand gesehen. Ich bin offiziell bei Max zum Lernen. Er ist mein Zeuge.“ Niklas schob die Glasbox in seine Jackentasche. „Also dann, wenn du mir die Lösungen bringst, bekommst du deinen kleinen Freund hier wieder.“
Niklas drehte sich um und verschwand.
Viele Minuten verstrichen, bis Benni sich wieder rühren konnte. Wie er es auch drehte und wendete, er sah keine Chance, Niklas zu beschuldigen. Jetzt um diese Uhrzeit war außer der Sekretärin und der Klasse, die nachmittags Sport hatte, niemand in der Schule. Wenn Niklas nicht gesehen werden wollte, war es keine Kunst, das einzurichten.
Am Abend wurde Benni übel und die Mutter meldete ihn am nächsten Morgen krank.

Langsam ging Benni in das Arbeitszimmer seines Vaters. Eigentlich hatte er bloß einen Stift holen wollen. Doch jetzt hatte er nur noch Augen für den Schrank. Die Tür quietschte leise, als er sie ganz aufschob, und Benni wich erschrocken zurück. Das Gefühl, etwas ganz und gar Verbotenes zu tun, schlang sich wie ein Würger um seinen Hals. Vor ihm lagen die Aufgaben für die 8b, die 9a, die 9c und die 10c, fein säuberlich nebeneinander auf beschrifteten Regalbrettern. Er streckte die Hand aus, im gleichen Moment überrollte ihn die Erkenntnis. Von nun an würde er sich nie mehr frei und ungezwungen bewegen können, denn Niklas hatte eine Möglichkeit entdeckt, wie er Benni erpressen konnte. Wut und Verzweiflung ließen seine Hand sinken. Das war einfach nicht gerecht!
Aber hatte er eine Wahl?
Gab es eine andere Lösung?

Die Übergabe verlief recht unspektakulär. In einer Ecke des Pausenhofes überreichte Benni Niklas zwei mit Mathelösungen bedruckte Seiten und erhielt dafür die Glasbox mit dem Bücherskorpion. Glücklich rannte er in den Biologie-Materialraum und stellte den Skorpion an seinen Platz. Zum Glück war Professor Schill noch nicht zurück, so war der Verlust bisher nicht gemerkt worden.

***

„Es ist doch unglaublich!“ Bennis Vater polterte zum Esszimmer herein und wedelte mit einem DIN A4 Bogen wild durch die Luft.
Benni, der seiner Mutter beim Tischdecken half, schielte auf das Papier. Bevor sein Vater das Blatt verdecken konnte, hatte er den Namen Niklas erhascht. Schnell beugte er den Kopf nach unten, damit der Vater sein Gesicht nicht sehen konnte, und legte sorgfältig Messer und Gabel neben die Teller, die seine Mutter hinstellte.
„Was ist denn? Spuck´s schon aus“, sagte seine Mutter und behielt den letzten Teller in der Hand.
„Da hat mich ein Schüler für dumm verkaufen wollen, aber jetzt hat er sich selbst reingelegt. Oder jemand anderes hat ihn reingelegt. Egal. Das Ergebnis bleibt das gleiche.“
„Ich verstehe nicht.“
„Dieser Schüler hier,“ der Vater fuchtelte mit dem Blatt unter Mutters Nase herum, „dieser Schüler steht wegen Mathe auf der Kippe. Nein! Er stand. Denn jetzt ist er durchgefallen. Und muss außerdem die Schule verlassen. Ha! Dabei hat er tatsächlich alles wunderbar gelöst. Keine einzige Rechnung ist falsch. Und doch ist alles falsch.“
„Wie meist du das denn?“ Die Mutter war vor dem Blatt zurückgewichen und stellte den letzten Teller auf den Tisch.
„Tja, die Rechnungen selbst sind nicht falsch.“ Vater ließ sich in den Stuhl plumpsen und sein Gesichtsausdruck wechselte von Ärger zu Triumph. „Hat wohl gedacht ich merke es nicht. Oder hat es selbst nicht gemerkt. Ist ihm auch zuzutrauen. Sein dummer, dummer Fehler ist, dass seine Lösungen genau zu den Aufgaben passen, die ich schon vor zwei Wochen der 9c gestellt habe. Er aber hätte die Aufgaben der 9a lösen müssen.“

Letzte Aktualisierung: 27.05.2009 - 19.03 Uhr
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