Der himmelblaue Schmengeling
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Mai 2009
Noch mal gutgegangen
von Gerhard Fritsch

Als die Geschichtslehrerin nach der Mittagspause ins Klassenzimmer kam, hielt sie erst kurz inne, ging wortlos bis zum Pult, stellte ihre Tasche darauf, schaute in die Runde, nahm sie wieder und verlies den Raum. Fünf Minuten später kam der Klassenleiter gemeinsam mit dem Rektor zurück. Die gespannte Stille wurde schon gleich von dem zornigen Gebrüll des hochrotkopfigen und nach Atem ringenden Rektors zerschnitten: „Wer war das? … So eine Sauerei! ... Wer war das? ... So etwas habe in meiner ganzen Laufbahn noch nicht erlebt... Wenn sich diejenigen nicht melden, wird die ganze Klasse bestraft!“ „Von uns war das niemand“, meldete sich ein Mädchen aus der Fensterreihe und blickte verächtlich in Richtung Türreihe. Einige hatten wohl eine Vermutung, wer es gewesen sein konnte. Sie schauten nach rechts hinten. Jetzt durchhalten, dachte ich mir. Keine Miene verziehen. Hoffentlich hält auch Hans-Jürgen dicht.Die beiden Pädagogen gingen, gaben uns eine Frist. In der Klasse wurde diskutiert, getuschelt, aufgefordert, geleugnet, aber insbesondere geschimpft. Die Luft war stechend scharf, auch bei mir machten sich bereits Kopfschmerzen bemerkbar. Die Lehrer kamen wieder, drohten erneut. Der Klassensprecher forderte die „Schuldigen“ auf, sich zu melden, und bat den Rektor, nicht die ganze Klasse wegen einem oder zweien zu bestrafen.Oh, oh, oh! Das war knapp. Dabei wollten wir uns nur einen kleinen Spaß erlauben. Hans-Jürgen hatte auf dem Wagen der Reinemachefrau noch eingepackte Duftwürfel entdeckt, solche, die auf der Herrentoilette immer im Pissoir liegen. Ich weiß nicht, woher die Eingebung kam, aber ich hatte sogleich eine der besten Ideen seit langem. „Wir verpacken so einen in Alufolie und legen ihn auf einen der Tische von den Mädchen“, sagte ich zu Hans-Jürgen, und der war sofort begeistert davon. Wir wickelten also zwei von den Duftwürfeln in Alufolie, so dass es aussah wie mitgebrachtes Pausebrot, und legten das Paket unbemerkt auf einen der Tische. Als sich nun alle Schüler nach und nach wieder im Zimmer einfanden, wurde erst, wie so üblich, geschwatzt, gescherzt, Meinungen ausgetauscht, hin und her gelaufen, Fenster auf und zugemacht und dergleichen. Erst als sich die Mädchen gesetzt und Christine, ich glaube, so hieß sie, das fremde Päckchen auf ihrem Tisch entdeckt hatte, begann das Schicksal seinen Lauf zu nehmen. Anscheinend hatte sie den Geruch der noch ganzen Duftwürfel in die Nase bekommen und sich so sehr daran erschreckt, dass sie das Päckchen mit einem empörten Wutschrei von ihrem Tisch fegte. Es landete irgendwo zwischen den Stuhlreihen auf dem Boden und wurde sofort wieder mit dem Fuß weitergeschnickt. So ging das nun eine ganze Weile, denn niemand wollte das Ding bei sich haben, eventuell sogar damit in Verbindung gebracht werden. Das hatte zur Folge, dass die Folie riss und die Duftwürfel sich nach und nach in hunderte, vielleicht tausende kleine Körner auflösten, die schon bald über den ganzen Boden des Klasszimmers verstreut lagen, hauptsächlich aber in der Fenster- und Mittelreihe. Die Duftentwicklung war enorm, die Fenster konnten den ganzen Nachmittag über nicht mehr geschlossen werden, was allenthalben aber nur für geringe Erleichterung sorgte.Ja, es ging noch einmal gut. Hans-Jürgen und ich wurden nicht verraten und Lehrer und Rektor beruhigten sich dem Vernehmen nach wieder, denn am nächsten Schultag eine Woche später wurde der Vorgang mit keinem Wort mehr erwähnt. Die Lehrbetriebe wurden nicht benachrichtigt und einen Klassenverweis gab es auch nicht.Ich für mich, auch wenn ich im Nachhinein Stolz über Idee und deren Durchführung verspürte, hatte mir damals aber vorgenommen, die möglichen Folgen solcher Art beabsichtigt gut gemeinter Späße das nächste Mal vorher gründlich zu überlegen.Ich erzähle diese Geschichte, da seit damals viele Jahre vergangen sind, und weil ich annehme, dass von den damaligen nicht eingeweihten Klassenkameradinnen und –kameraden der Berufschule niemand in diesem Forum mitwirkt. Und die Lehrer, vermute ich, sind längst pflegebedürftig oder bereits im Himmel. Nur Christine, ich glaube so hieß sie, frage ich mich, hat sie es vergessen?

Letzte Aktualisierung: 24.05.2009 - 15.43 Uhr
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