Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Mai 2009
Schulmäppchenreport
von Robert Poleschny

Linea lag in ihrem Bett und wälzte sich hin und her. Nach so einer Nacht brauchte sie ewig, bis sie zur Ruhe kam. Der Job war anstrengend und stand ihr mittlerweile bis zur Zehn-Zentimeter-Marke.
Sie musste einen Strich unter die ganze Angelegenheit ziehen, anstatt weiter auf selbigem zu gehen, sonst würde sie irgendwann auf der Strecke bleiben.
Leider würde dies auch bedeuten: Schluss mit extravaganten Skala-Kleidern, Federtaschen-Boas und After-Show-Partys von bekannten Bands, bei denen sie als Partyluder erschien. Neulich hatte sie sogar das Glück, bei ihrer Lieblingsgruppe „Maß-Band“, eingeladen zu sein. Und auf all das zu verzichten, war das größte Problem.
Während sie diesem Gedanken nachging, hörte sie ein leises Wimmern aus der gegenüberliegenden Ecke. Linea richtete sich auf, konnte in der Finsternis jedoch nur mit Mühe eine zusammengekauerte, zuckende Silhouette erkennen.
Leise schlich sie zum Ort des Geschehens.
„Hey Pat, alles okay bei dir?“
Pat gab keine Antwort, sodass die Frage in der Dunkelheit verebbte. Linea rückte näher heran, legte ihr den Arm um die Schulter und strich ihr sanft über die Kugel. Nach ein paar Minuten hob Pat den Kopf. Zwei Augen, die aussahen wie zerlaufende Tintenkleckse auf einem Blatt Löschpapier, blickten sie hilfesuchend an.
„So schlimm?“
Pat nickte nur mit dem Kopf und vergrub ihr Gesicht zwischen Lineas Brüsten.
„Wie ... wi ... soho muss ich mich im ... im ... immer in die ... die ... die Uner ... reich ... bar ... baren ver ... verlieb ... ben?“, stotterte sie.
Sie beendete den Satz mit einem Seufzer. Dann schwieg sie.
Linea hatte nicht alles verstanden und musste einen entsprechenden Gesichtsausdruck haben. Denn gerade, als sie fragen wollte, wer unerreichbar sei, kam Killjan aus seinem Bett gekrochen.
„Die meint den Typen vom Nachbartisch“, flüsterte er und wippte mit dem Kopf unauffällig in die Richtung, während seine Augenbrauen sich in einem schwindelig machenden Rhythmus hoben und senkten.
„Wie? Welchen Typen denn?“, fragte Linea verwirrt.
Sie hatte das Gefühl, dass ihr Gehirn im Moment genauso steif war wie der Rest ihres Körpers. Doch dann machte es „klick“ und sie riss die Augen auf.
„Meinst du etwa Füll?“, ein Ausdruck des Ekels manifestierte sich in ihrem Gesicht.
Linea konnte diesen Typen nicht ausstehen. Er war erst seit Kurzem ihr Nachbar, aber hatte sich schon alles herausgenommen, was ein typischer Mont Blanc glaubt, sich herausnehmen zu können.
Bei der Erwähnung des Namens war Pat nicht mehr zu halten. Das zarte Wimmern wich einem Sirenengeheul. Linea verdrehte die Augen und hielt sich die Ohren zu. Sie hätte den Namen nicht laut aussprechen sollen. Andererseits konnte sie diese ständig auftretenden Gefühlsausbrüche von Pat nicht mehr ertragen. Und dann noch, wegen dieses Typen.
„Also meine Liebe, auch wenn die Wahrheit schmerzt, aber du tust so, als würdest du wegen irgendwelcher Kerle ständig in der Tinte sitzen.“
Ein Blick auf den Boden zeigte ihr, dass Pats Tränenfluss dem Sprichwort erst einen Sinn gab. Sie saß im wahrsten Sinne des Wortes in ihrem eigenen blauen Augenwasser. Mit Schwung nahm sie Pats Hände und zog sie heraus.
Dann gab sie Killjan ein Zeichen. Dieser fing sofort an, die blaue Farbe in sich aufzusaugen.
„Sieh endlich ein, dass Rumjammern nichts bringt.“
Pat senkte den Kopf. Sie wusste, dass Linea recht hatte.
„Vielleicht kannst du mir ja helfen, an Füll heranzukommen?“
Ein weiterer Blick, der eines Dackels würdig war, traf Linea mitten ins Herz.
„Also gut, ich weiß zwar nicht, was du an diesem Kerl findest, aber wenn es dich glücklich macht.“
Mittlerweile hatten sich unbemerkt die restlichen Bewohner dazugesellt. Verschlafen blickten sie zu Pat und Linea.
„Und wenn ich mich nicht täusche“, dabei musterte sie die anderen, „werden wir ganz viel Unterstützung bekommen! ODER?“
Alle nickten.

Zwei Stunden später gab es eine Versammlung.
Alle warteten gespannt, welche Pläne ausgeheckt wurden, damit Ruhe in dieses Irrenhaus einkehrte.
„Also meine Lieben. Vielleicht sollte ich anfangen. Ich habe mir ein paar Gedanken gemacht.“
Linea schaute in die Runde. Als sie merkte, dass niemand einen Einwand hatte, fuhr sie fort.
„Es gibt nur eine Möglichkeit, die auf den ersten Blick gefährlich klingt ...“
Ein Raunen ging durch die Menge.
Linea hatte diese Reaktion erwartet. Sie hob die Hand, um zu beschwichtigen und machte schnell weiter.
„Macht euch keine Sorgen. Ich habe alle Eventualitäten bedacht. Das Restrisiko ist praktisch gleich null.“
Das Publikum wurde wieder ruhiger.
„Die beste Option, zum Nachbartisch zu gelangen, ist die.“
Linea ging auf die Menge zu und zog zwei ihrer Freunde heraus.
GEOrg und Radhira.
GEOrg gehörte früher der rechtwinkligen Szene an. Doch dann fielen durch Zufall die Schriften von Pythagoras in den Ranzen und er erfuhr viel über die Katheten. Das war der Zeitpunkt, an dem er sich in eine Hypotenuse verliebte. Seitdem war er wieder gesellschaftsfähig und ein richtig netter Kerl.
Radhira hingegen war multikulturell. Zwar wusste niemand so recht, wo ihre Wurzeln waren, aber alle waren sicher, dass ihre blau-rote Hautfarbe auf eine exotische Herkunft beruhte.
Beide guckten ungläubig erst einander und dann Linea an.
„Na nun springt mal nicht vor Freude im Dreieck, ich bin ja auch mit von der Partie.
Also, ich habe mir Folgendes überlegt:
Zuerst müssen wir irgendwie zum Rand des Tisches gelangen. Dort wirst du“, dabei zeigte sie auf Radhira, „dich hinlegen, damit ich mich, wie eine Wippe, auf dich legen kann. Pat wird sich dann auf die eine Seite stellen, während GEOrg mit ganzer Kraft auf das andere Ende springt. Das Ganze funktioniert wie ein Katapult. Und voilà, unsere süße Patty ist auf der anderen Seite.“
Mit einem zufriedenen Grinsen und verschränkten Armen schaute sie in die Runde.
Leider musste sie feststellen, dass der Plan nicht so gut ankam, wie sie erhofft hatte.
Entsetzte Gesichter starrten sie aus dem Pulk an.
Schließlich hob Filzi die Hand und flüsterte:
„Aber was ist, wenn Pat nicht weit genug fliegt?“
Zustimmendes Gemurmel füllte den Raum.
Daran hatte Linea natürlich auch gedacht, aber entschieden, dass das einfach unmöglich war. Nun, da mehrere daran zweifelten, sollte sie diese Variante noch mal überdenken.
„Wenn ihr meint, dass es zu gefährlich ist, lassen wir es sein. Hat denn jemand eine andere Idee?“
Aus der hintersten Reihe meldete sich jemand.
„Was ist mit Zirk? Vielleicht kann er Pat hammerwurfmäßig hinüberschleudern!“
Linea nickte.
„Ja, Zirk hatte ich zuerst ins Auge gefasst. Hmm, eigentlich sollte es keine großen Kreise ziehen, aber leider hat sich Zirk gestern beim Zirkeltraining das Bein gebrochen. Den können wir also erst mal abschreiben.“
Zirks Freund Kuli war nach dieser Hiobsbotschaft ganz aufgedreht.
Dann meldete sich Mark zu Wort. Um aufzufallen, trug er einen neongelben Jogginganzug und wollte sich durch seinen Beitrag noch mehr hervorheben.
„Ich finde, dass Bleii mal wieder von Angi spitz gemacht werden sollte.“
Alle schauten Mark entgeistert an. Dieser Vorschlag musste im Stundenplan eingetragen und gemarkert werden, so viel stand fest.
Jeder wusste, dass Bleii immer wieder von Angi unangespitzt in den Boden gerammt wurde, sobald er sich ihr näherte. Dass sie nun das Gegenteil tun sollte, war eine Frechheit, die sich nur Mark ausdenken konnte.
„Was hat denn das mit unserem Problem zu tun?“, schaltete sich Bunti ein, der vor Wut ganz bleich wurde.
„Der Einzige, der Angi spitz macht, bin ich, damit das klar ist.“
Mark konnte sich ein Kichern nicht verkneifen.
„Von mir aus. Mein Gedanke war nur, dass man seine Bleistiftspäne als Seil benutzen könnte, an dem sich Pat abseilt.“
Linea mischte sich ein, da sie merkte, dass die Situation zu eskalieren drohte.
„Da gibt es nur ein Problem. Wie kommt sie auf der anderen Seite wieder hinauf?“
Marks Lachen gefror. Sein Plan, Bunti eins auszuwischen, war nach hinten losgegangen.
Sie waren immer noch keinen Schritt weiter.
Man merkte, wie alle ungeduldig wurden. Sie waren müde und wollten ein Resultat, das alle zufrieden stimmen würde.
„Gibt es denn noch mehr Vorschläge?“
Linea schaute ein weiteres Mal in die Runde. Doch es blieb still. Sie waren am Ende ihrer Kreativität angelangt. Als ihr das bewusst wurde, hatte sie die größten Befürchtungen. Langsam drehte sie den Kopf zu Pat und sah, wie deren Lippen bebten.
„Oh nein, bitte nicht!“, dachte sie und presste die Hände auf ihre Ohren.
Gerade, als Pat anfangen wollte loszubrüllen, hörten alle eine Stimme, wie aus dem Off. Voller Erwartung lauschten sie den Worten der Menschen.

„Hallo, ich bin Jens. Ich wohne erst seit ein paar Tagen hier und habe gerade gesehen, dass ich keine Tintenpatrone für meinen Füller eingesteckt habe. Kannst du mir vielleicht eine leihen?“

Pats Augen leuchteten vor Glück, während sie zum Nachbartisch gereicht wurde.
Sie wusste, dass nun das geschehen würde, was sie sich am meisten wünschte, die Vereinigung!

Letzte Aktualisierung: 15.05.2009 - 09.31 Uhr
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