Honigfalter
Honigfalter
Liebesgeschichten ohne Kitsch? Geht das?
Ja - und wie. Lesen Sie unsere Geschichten-
Sammlung "Honigfalter", das meistverkaufte Buch im Schreiblust-Verlag.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Marika Bergmann IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Mai 2009
Der Berg ruft
von Marika Bergmann

Ein Geräusch von berstendem Holz... bloß zurück auf die breite Bahn zu den anderen. Andy, dein Beifahrer, sticht gerade mit einem Metallstift auf ein kleines Etwas ein. Susi meldet sich ganz vorlaut und fordert, geradeaus zu fahren. Irgendwann strahlt eine Vignette, wie ein Orden an der Windschutzscheibe. Stunden später erreicht ihr das schöne Zillertal. ‚Kapfing‘ – heißen hier alle Straßen und die Hausnummern sind einfach bunt zusammen gewürfelt. Susi sagt nun auch nichts mehr und Andy greift zum Handy. „Wo ist die scheiß Hütte?“, blafft er. Dirk lotst euch hin. Nach 12 Stunden und 25 Minuten seid ihr am Ziel.

Als aller erstes, ein Gruppenfoto in 3-D. Andy hält sich den Kasten mit den 2 Objektiven vors Gesicht. Bei der Zimmerverteilung stellt ihr fest: Die Internetbeschreibung ist falsch. Für die erste Nacht könnte es noch klappen, aber dann werden die 3 Nachzügler kommen. Ihr habt 2 Kästen Bier, einen Apfelschnaps aus dem ehemaligen Osten und eine Flasche Whisky. Pizzaservice ist angesagt. Es ist Samstagabend und die Telefonauskunft meint, ihr wärt bei Pizza-Tony richtig. Dirk startete einen Versuch. Gebrüll und Gegröle kommt von der anderen Seite. Dirk singt mit: „Hab ´ne Zwiebel aufm Kopf und bin ein Döner... Hallo... Hey, wir wollen Pizza. Hey! Sag dem Deejay mal, er soll die Muzze leiser machen!“ ... „Moment a mal, i bin der Deejay,“ spricht die Stimme aus dem Handy. Stille. Keine Verbindung mehr. Der Hunger bleibt und die Neugier treibt drei Abgesandte in Tony’s Pizza-Service. Euren Pizzaholern schmeckt das frisch gezapfte Bier und die mitgebrachte Pizza ist nicht von schlechten Eltern. Ihr rollt euch in eure Betten und du siehst dich im Schlaf schon auf der Talfahrt zur Après-Ski-Party, als dir jemand ans Bein greift. Du reist die Augen auf, Britta steht vor dem Bett und zieht dir am Bein. So, mit etwas lauter atmenden, erschöpften Menschen umzugehen – wundersam. Wer weiß, was Brittas nächster Schritt sein würde – vielleicht das Kissen aufs Gesicht? Der Buchungsfehler wird am nächsten Morgen bestätigt und am Abend könnt ihr euch auf ein weiteres Doppelzimmer und ein Kellerzimmer in der Nachbarschaft verteilen. Britta zieht freiwillig in ihren Folterkeller.

Peter und Tina sind die Frühaufsteher. Es erwarten euch jeden Morgen warme Brötchen, ein gedeckter Tisch, der Duft von frischem Kaffee und eine Empfehlung für die ideale Abfahrt. Es kann losgehen. Die Sessellifte zu den höher gelegenen Abfahrten sind wegen des immer noch wütenden Sturms gesperrt. Dem Angebot eines extrem verbilligten Skipasses wollt ihr dann doch nicht widerstehen. Ihr eiertet an Tellerliften hängend, der ersten Abfahrt entgegen. Eure neu gemieteten ‚Carving-Ski Super Race‘ werden eure treuen Begleiter, während der addierten einen Stunde Abfahrt und der drei Stunden am Tellerlift Schlange stehen. Zu dritt beschließt ihr, für den darauf folgenden Tag einen Skilehrer zu nehmen.

Am nächsten Morgen steht ihr am Treffpunkt. Ein Pulk Skilehrer – alles von Pam bis George ist vertreten. Britta hält alles fest, was ihr an Skilehrern vor die Linse kommt. Für Andy findet sie gleich 2 attraktive Blondinen in roten Neoprenanzügen. „Andy, ich fotografier sie dir. Kannst ja nachher sagen, du hättest sie beide gehabt! – Hey! Das wäre doch was für euch Girls!“, kreischt Britta. Ein sportlicher Adonis von Skilehrer mit Augen wie ein Gletschersee kommt auf euch zu. „Ist eine von euch Katrin Meier?“ Das aktiviert sofort Dirk, der zeitgleich den Arm um Nicoles Schulter legte, um zu zeigen: Die Frau gehört zu mir. Ein „Nö du!“ ausatmend. „Cristo!“ – der Supervisor meldet sich zu Wort. „Hier ist deine Schülerin.“ Eure Köpfe machen einen Rechtsschwung. Da steht eine unbeholfen wirkende Boarderin im Spider-Dress. – Christo halftert ihr Snow-Board und sie ziehen von dannen. Ihr bekommt Ulrike zugeteilt. Andy schätzt sie auf sechsunddreißig, verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Ulli hat die Namen schnell gespeichert, in großen Bögen durchzieht ihr, ihren Kommandos folgend, im Schneeflug gemächlich hintereinander die Piste. Die Basis beherrschen und Sicherheit gewinnen, ist Ulrikes Motto. Ihr seid euch nach zwei Stunden Ski-Kurs auch gar nicht mehr sicher, ob Skifahren jemals zu eurer Passion wird.

Andy ist über Nacht zu Luis Trenker mutiert. ‚Der Berg ruft!‘, ist seine Devise. Die Nachzügler sind letzte Nacht eingetroffen – leider nur zu zweit. Der dritte im Bunde hat sich eine Stunde vor der Abfahrt abgemeldet. Dietmar hat unsagbare Höhenangst. Ihr seid euch einig, da hilft nur ein Anti-Flugangst-Training – vielleicht hört er ja nach der Gehirn-Wäsche auch den Berg rufen wie Andy. Ihr beschließt, mit dem beheizten 8er-Lift hoch zu fahren und nachdem sich Peter als ehemaliger Skilehrer outet, wird euer gemeinsames Ziel die Kristallhütte auf der Kaltenbach-Abfahrt. Ein phantastischer Relax-Bereich, mit Wasserbetten, Lammfellliegen und sogar einem Außen-Whirlpool und einer Champagner-Bar. Mit einem traumhaften Panorama im Hintergrund werdet ihr von Andy in 3-D abgelichtet. Hier oben kann man es aushalten. Graukaas-Suppen, Spinatknödeln und Salat des Hauses dazu ein oder zwei zünftige Biere vom Fass. Ihr wärmt euch vor den Abfahrten noch am sanft flackernden Feuer des runden Kamins. Die Oase der Ruhe füllt sich jetzt. Die sanfte Reggae- Musik wechselt plötzlich in Techno. Ihr schwingt euch auf die Bretter, Richtung rote Racing-Abfahrt. Peter versichert euch, dass die 11er Rot buckelfrei ist und viel einfacher zu fahren als die Blaue Piste nebenan, zu der man nur kommt, wenn man quer über die Eisflächen der benachbarten Roten 8er rutscht. „Dein Wort in Gottes Ohr,“ hört man Andy noch, sich die Piste runter stürzend. Er überschlägt sich, kommt wieder auf die Ski, als hätte er einen eingebauten Überrollbügel. ‚Gut – runter kommt man immer,‘ denkst du, als neben dir ein Trupp in gelben Westen auf dem Bauch liegend, mit nach hinten gespreizten Skiern, den Berg runterrutscht. Am Ende der Abfahrt die Motivation der Könner. Allen voran Wolle: „Geht doch!“ Tina fährt mit dir im Doppel-Sessel-Lift. Der Wind ist eisig und das Teil schwenkt stark aus, während es nach 200 Metern fast regelmäßig ruckartig stoppt. Dein einziger Trost: der Sicherheitsbügel vor deinem Bauch und Tina. Die Spinatknödel sind auch gerade auf der Suche nach einem Ausstieg. ‚Bleibt bloß wo ihr seid!‘, fluchst du innerlich. „Rutsch nach vorne und stell die Skier auf den Hang!“, hörst du noch und schiebst dich auf die Kante des Sitzes – Bodenkontakt? – Hang? Es fehlen fast zwei Meter und der Sessel steigt. Du springst. Landest irgendwie auf beiden Skiern, federst noch etwas in den Knien nach und die Knödel plumpsen in deinen Bauch zurück. – ‚Es reicht! Ab zur Kristallhütte. Kräfte sammeln.‘ Nacheinander trudeln die anderen ein und berichteten von ihren stuntreifen Stürzen. Inke ist mit ihrem Board voll auf die Brust gefallen und rang ganz schön nach Luft, Andy kann seine Stürze nicht mehr zählen und zweifelt allmählich an der Einstellung seiner Bindung. Peter, den Profi, will auch mal jemand fallen gesehen haben und Nicole und Dirk kommen auf Skischuhen über den Berg getapert. Wolle erzählt brühwarm die Sessellift-Story – Gelächter – ‚Danke, Wolle!‘ Nicole wird auf der blauen Piste noch zweimal von Boardern mitgerissen, was jede nur leicht rot angehauchte Piste für sie zum Tabu macht. Auf dem Ziehweg tätigst du einen solidarischen Fußmarsch mit Nicole, weil die letzten 100 Meter in Rot münden. Aus der Après-Ski-Hütte der Zentralstation klingt ‚Bettina pack deine Brüste ein!‘, während ihr mit der Gondel behutsam ins Tal gleitet.

Ihr ernährt euch von Pizza, Suppen und Nudeln mit allen möglichen Soßen. Spült die handverlesenen Speisen aus dem Spar-Supermarkt mit Bier, Wein und erlesenen Schnäpsen wie dem Apfeldestillat aus dem Osten herunter – bei dem Dirk an der Haltbarkeit zweifelt und euch auffordert, doch noch mal mit etwas Hochprozentigem nachzuspülen – wegen der Keime und so. Ihr seht gemeinsam an Nicoles Geburtstag, Schalke, nach der Verlängerung und dem Elfmeterschießen, gewinnen. Andy träumt während dessen schon von seiner nächsten Abfahrt. Dirk und Britta setzen noch schnell zum Beweisfoto an. Auch Inke wird ertappt, dreinblickend wie die Besessene im Exorzisten mit nach hinten gerollten Augen. „Dieser Apparat macht Seelenbilder und ihr könnt euch nicht verstecken, ich krieg euch alle!“, Dirk ist nicht mehr zu bremsen. Britta legt nun auch los und versucht die Djinnis der Schnapsflaschen einzufangen. Um zwölf verlassen euch dann die Lebensgeister.

Du wirst bestimmt an den ersten Tag im Skiverleih zurückdenken, an den Franzel, der dir die Bindung am Ski einstellte und auf deine Frage, ob man den Skischuh auch dabei anziehen sollte retourniert: „Na, kloar! Wenn’s moagst, kannst joa noch a Table-Dance mocha!“ Zurückblickend wirst du sagen: „Danke, Franzel! Meine Haxen sind noch heil, saubere Arbeit.“ Es kreuzte auch der fesche Skilehrer ‚Cristo‘ noch mehrfach euren Weg.
Ihm wurden scheinbar immer die unbeholfenen Skihaserln zugeteilt. Ihr saht ihn mit einer Brünetten, ganz in Pink gekleideten Boarder-Amazone in Löffelchenstellung die Piste runter schlittern. Ein anderes Mal hatte er eine Blondine im Schlepptau und sie übten gerade das Einfädeln im Schneepflug. So etwas macht nachdenklich. Als ihr eure ‚Super Race Carvings‘ dann wieder dem Verleih überlasst, seid ihr wehmütig. Noch mal mit dem Lesegerät über die Ski-Spitze fahrend, ein kurzer Nachruf: „Kommt’s guat hoam!“ Das war’s. Ihr vertilgt am diesem letzten gemeinsamen Urlaubsabend noch die Reste, plant, eine Hütte hoch oben auf dem Berg zu errichten und mit allem Luxus der Welt das Geschäft eures Lebens aufzuziehen. Der letzte Spruch des Abends ist dann: „Der Bus fährt um viertel vor sechs.“ Dann geht alles sehr schnell – so gegen 1 Uhr mittags seid ihr im frühlingshaften Dortmund – noch eine kurze Meldung an die anderen per SMS: DA:–)

X X X – Nicht leicht, auf Dich aufzupassen!

Dein Schutzengel XXX007

Letzte Aktualisierung: 20.05.2009 - 00.10 Uhr
Dieser Text enthält 9962 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.