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Mai 2009
Die Verletzung
von Heike Kremerskothen

Sarah schleicht sich vorsichtig durch das Zimmer, um ihre drei jährige Schwester nicht zu wecken, die eingewickelt in ihrer gelben Decke, mit halb offenen Mund schläft. Es ist bitterkalt im Raum. Eisblumen verzieren die beiden Fensterscheiben . Mit ihrem warmen Atem haucht sie ein kleines Loch frei und sieht, dass es in der Nacht geschneit hat. Schnell schlüpft sie in ihre Hose und streift sich den hellblauen Pullover mit dem großen Rollkragen über, den die Mutter ihr gestrickt hat. Die Wolle kratzt etwas, aber er wärmt ihren kühlen Oberkörper. Leise schließt sie die Tür. An einem Waschbecken im Flur putzt sie die Zähne und wischt mit einem Waschlappen einmal durchs Gesicht. „ Puh, was ist das kalt.“ Die Katzenwäsche muss reichen. Ihre Müdigkeit ist verschwunden. In der Küche wartet die Mutter auf Sarah. „Guten Morgen Kind. Gleich wird es wärmer.“ Die Mutter schiebt ein paar Stücke Holz in den alten Ofen, der in der Ecke steht. Ein viereckiger Tisch mit vier Stühlen. Das Erbstück von den Großeltern. Ein alter Küchenschrank mit vielen Schubladen, die nicht alle schließen, füllen den kleinen Raum. Der Geruch von Kohl hängt in der Luft, denn die Mutter hatte für zwei Tage Kohlrouladen mit Speck und Zwiebeln gekocht. Es gab häufiger Kohl, denn sie mussten sparen. Sarah wusste das, aber manchmal hatte sie kleine Wünsche. Eine größere Haarspange mit kleinen Steinen, sowie ihre Freundin Lea sie hatte. Aber selbst diesen Wunsch konnte die Mutter ihr nicht erfüllen. An einer Tasse Tee wärmt sie ihre kalten Hände und schlingt eine Scheibe Brot mit Rübenkraut hinunter , damit sie nicht zu spät zur Schule kommt. Sie zieht ihren Anorak an und setzt eine blaue Mütze auf ihre blonden Locken, die zu ihrem Pullover passt. Die Mutter hebt den schweren Tornister vom Stuhl und zieht die Riemen fester, damit er höher auf ihrem Rücken sitzt. Eine Flasche mit Tee und zwei Butterbrote mit Zucker stecken in der Seitentasche. „Tschüß Mama. Tschüß Sarah.“ Eine kurze Umarmung.
Sarah öffnet die Tür und steht auf dem Weg im kniehohen Schnee. In der Nacht hatte es heftig geschneit. Sie greift in die weiße Pracht. Formt einen Schneeball und wirft ihn weit von sich. Er prallt gegen einen Baum und der frisch gefallene Schnee fällt von den Ästen. „Juhu!“ Immer wieder greift sie in die Schneeflocken. Sie darf nicht trödeln, denn der Schulweg ist weit. Aus einem Seitenweg kämpft sie sich mühsam zum Hauptweg vor. Sie wohnen mitten im Wald. Rechts und links Tannen, deren Zweige sich von der Schneelast biegen. Spuren von Hasen und Rehen verlieren sich in den Wald hinein. Sarah versucht schneller vorwärts zu kommen, denn es ist noch dunkel und der erste Teil des Schulweges ist sehr einsam. Ihre Sinne sind geschärft. Es knirscht und knackt. Seitdem sie gehört hat, dass in der Nachbarschaft vor einem Jahr ein Kind im Wald verschwunden ist, ist sie ängstlicher geworden. Kälte und Angst lassen sie frösteln. Ihre Hose ist bis zu den Knien nass. Sie atmet auf. Endlich sieht sie das Haus ihrer Freundin. Lea tritt aus der Tür und wird von ihrer Mutter verabschiedet. „ Passt gut auf in der Schule und bummelt nicht.“ „Ja Mama.“ „Hallo Sarah!“ „Hallo Lea!“ „Ich bin froh, dass ich endlich bei dir bin. „Ich muss immer an das Kind denken, dass verschwunden ist, wenn ich den einsamen Weg gehe.“ Lea umarmt Sarah. „Das ist doch ein Jahr her.“ „ Jetzt gehen wir zusammen.“ Sie stapfen durch den hohen Schnee. Ihr Weg führt sie noch ein Stück durch den Wald bis zur nächsten Hauptstraße, und sie gehen an den Häusern vorbei den Berg hinunter. Die Ranzen drücken schwer auf ihren Rücken. Als sie die Schule erreichen, klingelt es. Sarah und Lea rennen in ihr Klassenzimmer. Sie hatten sich gerade hingesetzt, da betritt Herr Brocker den Raum. Er ist groß, sehr schlank und trägt jeden Tag einen braunen Anzug mit weißem Hemd. Der gestärkte Kragen hält den Kopf in eine grade Position. Seine kurzen blonden Haare sind im Nacken hoch ausrasiert. Der strenge Blick aus stahlblauen Augen trifft die Schüler bis ins Mark. Es ist mucksmäuschenstill . Alle Kinder stehen auf. „Guten Morgen Herr Brocker.“ „Guten Morgen murmelt der Lehrer.“ Geht zu seinem Platz und greift zu einem Radiergummi, dass er in der linken Hand hin und her knetet. Wenn die Schüler dabei erwischt werden, dass sie aus dem Fenster schauen trifft sie es hart. „Wo sind wir letztes Mal stehen geblieben?“ „Schlagt eure Hefte auf.“ „Sarah, zur Tafel.“ Sie dachte gerade an den Heimweg, an eine Schlittenfahrt, Schneeballschlacht. Fragend schaut sie den Lehrer an. Herr Brocker holt sie vom Platz ab und geht hinter ihr her zur Tafel. Sarah nimmt die Kreide in die Hand und weis nicht, was sie machen soll. Blumenkelch ,hört sie es aus der ersten Reihe flüstern. Erleichtert beginnt sie zu malen. „Sarah, deine Mutter kann dir auch mal eine neue Hose kaufen. Die ist ja schon fast durch gescheuert. Hast du nur die Eine?“ „Ja, Herr Lehrer stottert Sarah. Malt mit zitternder Hand den Blumenkelch zu Ende und geht mit gesenktem Kopf zu ihrem Platz, unter dem sich eine Pfütze von ihren Schuhen gebildet hat. Die Kinder kichern. „Ruhe brüllt der Lehrer. Der Unterricht geht weiter.“ In der Pause steht Sarah mit Lea auf dem Schulhof. Die Kinder stehen in kleinen Gruppen. Stecken ihre Köpfe zusammen und blicken immer wieder in ihre Richtung. „Was ist mit meiner Hose Lea?“ „Ja weist du. Hast du nicht eine Andere?“ Sarah schlägt die Hände vors Gesicht und weint bitterlich. Wieder im Klassenraum, kann sie sich in den nächsten Stunden schlecht konzentrieren. Sie muss sogar in der Deutschstunde in der Ecke stehen, weil sie versucht hat mit Lea zu reden. Als die Schule zu Ende ist, läuft sie niedergeschlagen neben Lea nach Hause. Verabschiedet sich mit einem kurzen bis Morgen. Sie hat keinen Blick für den Schnee, der im Sonnenschein glitzert. Zu Hause angekommen fragt die Mutter:“Sarah, wie war es in der Schule?“ „Gut Mama! Gut.“

Letzte Aktualisierung: 21.05.2009 - 17.20 Uhr
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