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Juni 2009
Die Dienstreise
von Susanne Ruitenberg

Tammy Wynette sülzte „Stand by Your Man“ aus dem Radio. Nebelschwaden tanzten über die menschenleere Straße und dämpften das Licht der Straßenlaternen. Tom hielt sich an der Beifahrertür fest, versuchte, sein Gleichgewicht zu behalten.
„Wie weit ist es noch bis zu diesem verdammten Hotel?“ Ries klang ungeduldig.
Tom faltete hastig den Stadtplan auf und fuhr mit dem Lichtstrahl der Taschenlampe die Linien entlang. „Wenn die Einbahnstraßen richtig eingezeichnet sind, dürften wir in einer Viertelstunde da sein.“
„Na endlich. Ich will noch etwas schlafen, bevor wir in aller Herrgottsfrühe bei diesem Kunden auflaufen. Das nächste Mal bereiten Sie das gefälligst sorgfältiger vor. Und kontrollieren Ihr Navi, haben Sie verstanden, Weber?“ Er knallte die Faust auf das Armaturenbrett.
„Ja.“ Tom unterdrückte ein Seufzen. War es seine Schuld, dass Ries‘ BMW in der Werkstatt war? Er hatte ihn doch nicht im Suff gegen die Garagentür gefahren. Natürlich sagte er nichts. Dienstreise mit Chef, noch dazu, wenn der Job auf der Kippe stand, da sprang man in die Luft, wenn Chef nur „Frosch“ rief. Das Radio gab ein undefinierbares Knacken von sich und der schnulzige Countrysong brach ab.
„Achtung, wir unterbrechen unser Programm für eine wichtige Durchsage. Soeben erfahren wir, dass das Damamunga in der Weststadt gesichtet wurde. Bitte gehen Sie nicht unnötig nach draußen. Denken Sie daran, es kann jede beliebige Form annehmen und ist nur zeitweise an seinen orange leuchtenden Augen zu erkennen. Und nun fahren wir fort mit unserer Classic Country Night.“
„Haben Sie gehört?“ Tom sah sich nach allen Seiten um, als könnte das Damamunga jeden Augenblick im Auto auftauchen. Was immer das war.
Ries prustete los. „Ach, fallen Sie doch nicht darauf herein. Das ist eine Urban Legend, die jedes Jahr ausgepackt wird. Vorzugsweise, wenn es auf Halloween zugeht. Das Damamunga, dass ich nicht lache. Da wird sich ein Irrer mit Kostüm amüsiert haben, die Leute zu erschrecken.“
Tom schluckte. „Und die Warnung?“
„Blödsinn, genau wie Nessi und der Yeti. Das ist ein Running Gag aus dem Internet. Wie dieser Bielefeld-gibt-es-nicht-Quatsch und Area 51. Wir haben nach Mitternacht, und Antenne Gold ist für solche Scherze bekannt.“
Tom fragte sich, woher Ries diese Sicherheit nahm. Hatte es hier nicht kürzlich Schlagzeilen wegen unaufgeklärter Morde gegeben? Eine finstere Gegend jedenfalls, durch die sie gerade fuhren. Er sah hinaus, schreckte auf. „Hier müssen wir rechts abbiegen und ...“
Ries riss das Steuer herum, Tom wurde umhergeworfen wie eine Puppe.
„WEBER, Sie Vollheinz. Sagen Sie das doch nicht so spät. Außerdem war hier ein Sackgassenschild, haben Sie das nicht gesehen?“
„Echt? Wieso fahren Sie dann hinein?“
Ries zog die Brauen zusammen, und dass sein Gesicht dunkler wurde, sah Tom sogar im trüben Licht der letzten Straßenlaterne. Oh-oh, die Frage hätte er nicht stellen sollen.
„Vielleicht, weil SIE es gesagt haben? Ich werde hier drehen, und dann geben Sie mir die Karte. Ihr Talent als Kartenleser ist unterirdisch. Wie alle anderen auch. Ups.“ Er machte eine Vollbremsung und würgte den Motor ab.
Tom sah nach vorne. Die Straße war schmal geworden und endete vor einer Mauer. Ries, der wie immer zu schnell gefahren war, stand auf Tuchfühlung davor. Drehen konnte er vergessen; blieb nur der Rückwärtsgang. Auf einmal klopfte jemand an die Scheibe.
„Was zum ...?“ Ries öffnete das Fenster. Ein Polizist stand neben dem Wagen. Wo war der so schnell hergekommen?
„Meine Herren.“ Seine Stimme klang so kalt wie Nordwind auf einem nächtlichen Friedhof. „Ich darf Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie im absoluten Halteverbot stehen.“ Er deutete auf ein Schild vor dem Auto. Tom schüttelte den Kopf. Das hatte eben nicht hier gestanden!
Ries hob die Hand in einer beschwichtigenden Geste. „Wir parken mitnichten. Sehen Sie, mein unfähiger Untergebener hat mich falsch abbiegen lassen. Warten Sie, gleich sind wir weg.“ Er drehte den Schlüssel um. Nichts geschah. Schulter zuckend trat er aufs Gaspedal, legte den Leerlauf ein und versuchte es erneut. Der Motor blieb stumm wie ein toter Fisch mit Rachenkatarrh. „WEBER, wann waren Sie das letzte Mal zur Wartung?“
„Letzten Monat.“
„Dann haben Sie die Batterie verhunzt, oder zu tanken vergessen.“
Das Gesicht des Polizisten erschien vor der Windschutzscheibe. Seine Augen reflektierten die Straßenlaterne. „Sie haben noch genau fünf Sekunden, sich zu entfernen. Danach werden Sanktionen eingeleitet.“
Tom schluckte. Sanktionen? Was meinte er damit?
Der Polizist trommelte mit den Fingern auf der Motorhaube herum. Tom zerknüllte die Straßenkarte zu einem unförmigen Ball.
Ries drehte den Schlüssel, der Motor hustete einmal und starb. Ein Schweißtropfen perlte zwischen Toms Schulterblättern hervor und rann langsam nach unten.
Der Polizist steckte seinen Kopf auf Toms Seite ins Auto, einen Moment lang glaubte Tom, eine lange Schnauze und spitze Zähne zu sehen. Träumte er?
„Ist Ihr Auto putt, oh! Das TUT mir aber leid.“ Der Polizist knurrte und streckte eine Zunge heraus, die unverhältnismäßig lang aussah.
Tom kreischte und warf sich nach links. Wieso war der Typ hier drin, er hatte doch das Fenster gar nicht – zwei orangefarbene Lichtpünktchen tanzten auf dem Glas des Tachos und verschwanden wieder.
„Sind Sie wahnsinnig geworden, Weber?“ Ries schubste ihn nach rechts zurück. „Mir ist das zu doof. Ich gehe. Sehen Sie zu, wie sie mit ihm fertig werden. Es ist schließlich Ihr Dienstwagen. Und glauben Sie ja nicht, dass Sie das Ticket abrechnen können.“ Er warf die Tür auf und wollte aussteigen. Der Polizist erschien wie aus dem Nichts auf der Fahrerseite, beugte sich vor, verlor dabei seine Mütze. Wieso hatte er jetzt schwarzes Zottelhaar, das war bis eben nicht zu sehen gewes...
Mit einer blitzschnellen Bewegung biss der Polizist Ries’ Bein in Höhe des Knies durch. Ries brüllte, Tom hielt sich die Ohren zu. In seinem Kopf sirrte es, schwarze Sternchen tanzten vor seinen Augen, das Auto hatte sich in einen Drehkreisel verwandelt. Er biss sich auf die Zunge, um nicht ganz abzutauchen. Aus den Augenwinkeln sah er, wie der Polizist Ries’ linken Arm anhob und daran zerrte. Ein schmatzendes Geräusch füllte den Wagen. Es klang, als würde jemand einen Hähnchenschenkel abreißen, nur lauter, oh so schrecklich viel lauter. Tom konnte gerade noch den Kopf aus seinem Fenster halten, dann musste er würgen und erbrach sich. Ries gab keinen Ton von sich. War er ohnmächtig? Oder ...
Tom fischte ein Taschentuch heraus und wischte sich über den Mund. Er kauerte sich zusammen. Vielleicht würde der Polizist ja vergessen, dass er auch hier war. Wenn er lange genug wartete, vielleicht könnte er sich dann davonschleichen und ... etwas Spitzes kratzte über seinen Nacken. Tom schüttelte den Kopf. Kam das Wimmern von ihm? Und warum wurde es unten so warm? Ungläubig sah er an sich hinab. Seine beige Hose hatte einen Fleck, der sich langsam vergrößerte. Oh nein, er hatte sich vollgepinkelt wie ein Kind. Was würde der Kunde von ihm denken? Er lachte auf. „So ein Quatsch, wir wollten ja ins Hotel, stimmt’s? Herr Ries? Soll ich vielleicht das Steuer übernehmen, jetzt, wo Sie nicht mehr kraftvoll zupacken können? Ich meine, dann können Sie in Ruhe weiterschlafen, nicht? Vorsichtig rüttelte er an Ries’ Schulter. Der antwortete nicht. Dafür fiel sein Kopf in Toms Schoß, eine grinsende Fratze mit irren, weit aufgerissenen Augen. Tom quiekte und stieß das Ding von sich, es landete im Fußraum. Orangefarbenes Licht füllte das Auto. Er sah hoch. Zwei Augen, groß wie Tennisbälle; ein Gesicht, das nichts Menschliches mehr an sich hatte. Eine lange Schnauze, ein bulliger Oberkörper, übertrieben muskulös. Fetzen der Polizeiuniform hingen im schwarzen Fell, die Mütze, die es irgendwann wieder aufgesetzt haben musste, balancierte sinnlos auf den spitzen Ohren.
„Wa... was“, stammelte Tom. Dann riss das Damamunga sein Maul auf.

Letzte Aktualisierung: 27.06.2009 - 14.07 Uhr
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