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Juni 2009
Guten Morgen, Du Schöne!
von Ingrid Gertz

„Ist die alte Hexe schon da?“ Flink schlüpfte Griseldis ins Büro, warf ihren Mantel über den Kleiderständer und zupfte, noch ganz außer Atem, die vom Laufen durcheinandergewuselte, tizianrote Mähne zurecht.
„Hast Glück, sie kommt heute nicht. Ist samt Wünschelrute mit den restlichen Oberkrähen in die Schweiz gedüst. Die Menschheit retten. Und den geheiligten Umsatz natürlich“, murmelte Paloma, die, mit Feder und höchstem künstlerischen Anspruch gewappnet, weiter Einladungen für das Walpurgistreffen adressierte.
„Versteh ich nicht ... wieso Schweiz?“ Griseldis schaltete ihren PC ein. „Und warum malst du Adressen auf? Schon mal das Zauberwort 'Seriendruck' gehört?“ Paloma schaute vom Schreibkram auf, musterte das hektische Treiben ihrer Kollegin, die den Tisch in Windeseile mit Arbeitsmaterialien überzog, sodass es dort im Handumdrehen nach stundenlanger Schufterei aussah. Ein Grinsen schlich sich in ihr Gesicht.
„Handschrift ist persönlicher, meint die Chefin. Außerdem kann's ja nicht sein, dass Leihhexen fürs Däumchendrehen bezahlt werden. Und du? Was ist mit dir? Wieder verschlafen, oder warum haste den Pullover auf links? Man kann deinen Aufnäher für Fremdpersonal nicht sehen, lass dich bloß nicht erwischen!“
„Freilich, verschlafen! Mein Morgenhähnchen hat nicht gekräht. Unpässlich, der Gute, wahrscheinlich in der Mauser. Aber vom ersten Schreck in der Morgenstunde bis hierher, da hab ich nur zwanzig Minuten gebraucht. Ohne Besen! Rekordverdächtig, nicht?“ Griseldis kramte im Schreibtisch, förderte ihren Kulturbeutel für morgendliche Notfälle zutage und drängte die Schreibtischgenossin: „Also lass dir doch nicht jeden Wurm einzeln aus der Nase ziehen. Erzähl schon! Was sucht Pingel-Hedwig bei den Kantonisten? Hustenbonbons? Oder ist sie mit Koffer unterwegs?“
„Nein.“ Paloma schob ein paar Briefe zur Seite. „Die suchen nach dem Schwarzen Loch. Mit dem Schweizer Experiment soll's ja angeblich nicht geklappt haben, aber irgendwohin muss das ganze Geld, um das alle Welt gerade jammert, doch verschwunden sein, nicht wahr? Kein einziger Banker, arme Würstchen jetzt allesamt, hat sich in der letzten Woche die Karten legen lassen. Mit Indexkurvenauspendeln war nichts zu verdienen. Selbst aus dem Kaffeesatz, du weißt schon, wo am Schluss die Chinaböller, als Kursraketen verkleidet, so schön aus der Tasse rauschen, wollte sich keiner vorlesen lassen ... Unsere Hauptkundschaft bricht weg, und die Asservatenkammer ist bis unter die Decke mit Pyrotechnik dicht.“
„Hört sich nicht gut an. Die Geborgten werden sicher zuerst vom Bürostuhl geschubst, wenn die Aufträge wegbleiben. Mann, ich sehe ich mich schon über die Marktplätze ziehen.“ Griseldis ließ ihr Beutelchen kreiseln „Als kugelschwingende Einzelunternehmerin ... Ich-Hexe, oder wie das heißt“, und rauschte Richtung Tür. „Ich geh schnell Zähne putzen, Pullover wenden.“ Ungebremst rannte sie in den Praktikanten, der ihr herzhaft unter die Arme griff.
„Guten Morgen, du Schöne! Wusste ja, dass du auf mich fliegst!“, grinste Zsoltan Damamunga, hocherfreut über den Fang, den er gerade gemacht hatte. Neben dem alten Pförtner, der sich immer nur über Kräuteranwendungen und Prostataleiden unterhalten wollte, war Zsoltan das einzige männliche Wesen hier. Immer einen flotten Spruch auf den Lippen und Sonnenschein in der unteren Hexenbehörde, brachte er die Hormone der weiblichen Belegschaft ordentlich durcheinander. Selbst die gemütlichsten Komm-ich-heut-nicht-komm-ich-morgen-Hexen konnten sich plötzlich vorstellen, dass Heute-Kommen auch was hatte. Nun ja, die Praktikanten, Mädchen für alles, zum Nulltarif, die kamen und gingen. Das war hier nicht anders als überall. Aber manche, und Zsoltan Damamunga gehörte in diese Kategorie, durfte man sich einfach nicht entgehen lassen ... Man musste freundlich sein. Und hilfsbereit. Aber auch wiederum nicht zu sehr. Schließlich galt es, sich abzuheben, wohltuend, versteht sich, von anderen Interessentinnen, die angesichts der fleischgewordenen Versuchung Stück für Stück zu häuschentragenden Weichtieren degenerierten und meterlange Schleimspuren hinter sich her zerrten. Soweit, so gut.
„Zsoltan!“ Griseldis löste sich, Teint ganz sonnengereifte Tomate, vielleicht etwas zögerlich aus der Umarmung. Kein Gedanke mehr an nach außen gedrehte Pullovernähte und verdeckte Firmenlogos, volle Konzentration auf Wiederinbetriebnahme des schockartig zusammengebrochenen Sprachzentrums. Was sollte diese Mischung aus Teufelsgeiger, Ironman und Johnny Depp von ihr denken, wenn sie nur stumm wie ein Karpfen, dafür mit adäquaten Mundbewegungen, nach Luft schnappen konnte?
„Du bringst mir doch hoffentlich mal eine gute Nachricht, wegen der Fliegerei, meine ich ... Wochenlang ohne Besen ... ist ja nicht so einfach.“ Griseldis vermisste ihren 'Obolus 2000', Dienstbesen mit schwarz lackiertem Höhenruder und lederbezogener Sitzstange, ganz gewaltig. Die 'Transzendelle Überwachungsvereinigung für Verkehrsflugmittel' untersuchte seit zwei Monaten alle Feger mit angesengten Heckborsten, hatte zu diesem Zweck auch den ihren per Rückrufaktion vereinnahmt. Angekokelte Flugbesen waren nichts Neues, kamen in regelmäßigen Abständen immer wieder mal vor, und das FlugBesenInstitut führte eine geschichtsträchtige Liste darüber, ohne dieses Phänomen bisher erklären zu können. In letzter Zeit wurde die Lenkfähigkeit mancher Flieger aber so schlimm beeinträchtigt, dass es vermehrt zu Notlandungen gekommen war.
„Du kannst deinen Besen nach Dienstschluss abholen“, verkündete Zsoltan Damamunga stolz. „Aber fliegen darfst du erst, wenn du die gesperrten Luftkorridore gelernt hast.“ Zsoltan gab ihr eine ellenlange Liste. „Oder ich mache heut für dich den Piloten ...“
„Da ist ja fast alles dicht! Wer soll sich sowas merken?“ Kopfschüttelnd betrachtete Griseldis den Endlosdruck. „Woran hab ich mir denn nun die Heckborsten versengt?“
„Ooch, das lag an den heißen Luftströmungen.“
„Den was?“
„Na, heiße Luft! Wahlkampf, Krisenbewältigung! Überall treffen sich merkwürdige Gestalten und sondern heiße Luft ab. Wird immer schlimmer. Es gibt jetzt schon Tage, da müssen selbst die Vögel zu Fuß gehen, wenn sie nicht als Brathendln vom Himmel fallen wollen. Politiker nennen sich diese Heißluftballonbefüller.“
Griseldis nahm das Angebot, sich chauffieren zu lassen, aus mehreren Erwägungen, praktischen wie praktikablen, sehr gerne an. Und zum Feierabend flogen die beiden, dicht auf dichter, von neidischen Hexenblicken verfolgt, einem filmreifen Sonnenuntergang entgegen.

Das Morgenhähnchen hustete pünktlich, aber immer noch kränklich, den Tag ein. „Ach, mein Lieber, das Flumitam hat anscheinend doch nichts gebracht. Muss ich dir wohl mal eine Schwitzkur verpassen. Schwitzen hilft gegen Vieles. Nicht wahr, Zsoltan?“ Selig lächelnd tastete Griseldis zum Nachbarkopfkissen. Und griff ins Leere. Verwundert und enttäuscht rieb sie sich den Schlaf aus den Augen. „Schade, bin wohl doch nur die berühmte Eintagsfliege“, und entdeckte das herzverzierte Kärtchen:

Guten Morgen, du Schöne!

Guten Morgen, du Schöne!
Für einen Blick von dir
sind tausend Dinar wenig.
Für deine Brust
werde ich zehn Jahre zu Fuß gehen.
Für deine Lippen
werde ich die Sprache vergessen.
Für deine Schenkel
gebe ich mich zum Sklaven.
Guten Morgen, du Schöne!
Steig auf den Apfelschimmel und reite Galopp.
Ich warte auf dich im Wald.
Mit einem Zelt ungeborener Kinder.
Mit Nachtigallen und einer Hyazinthe.
Mit einem Bett aus meinem Leib,
mit einem Kissen aus meiner Schulter.
Guten Morgen, du Schöne!

Kommst du nicht,
ziehe ich das Messer aus dem Brot,
wische die Krumen vom Messer
und treffe dich mitten ins Herz. ***


Na, das kam ja immer besser! Im Nu war Griseldis aus dem Bett. „So weit kann dieser Möchtegern-Zauberlehrling nicht gekommen sein!“ Und sie erwischte ihn noch am Gartentor.
„Zsoltan Damamunga!“
„Ja, meine kleine Hexe?“ Wie ein ertappter Sünder war er stehen geblieben. „Ich wollte mich nicht davonschleichen, ehrlich, aber ...“
„Papperlapapp!“ Griseldis hob ihre Arme: „ Haskleas, rekleas, fux dilamentas!“
„Wofür war denn das? Du bist ungerecht!“, beschwerte sich der kleine grüne Frosch, dem die Klinke der Gartenpforte, und somit auch sein Fluchtweg, ins Unerreichbare gerutscht war.
Griseldis beugte sich hinab und barg den Lurch vorsichtig in ihren Händen.
„Weißt du, mein Lieber“, erklärte sie, „gegen einen One-Night-Stand hab ich nichts einzuwenden, hatte ich noch nie, aber wer ein altes Zigeunerlied als eigene Schöpfung ausgibt, fantasielos an Gott und die Welt verteilt, sogar Pingel-Hedwig hat genau das gleiche Ding auf ihrem Schreibtisch, der hat es nicht besser verdient!“
„Zauber mich zurück, bitte!“, flehte Zsoltan.
„Das lernen wir erst nächsten Monat in der Weiterbildung.“ Sanft schob Griseldis dem Fröschlein eine übriggebliebene Haarsträhne von den ovalen Pupillen: „Siehste, nicht mal deine Haarpracht hab ich ganz wegbekommen.“
„Was hast du mit mir vor?“ Ängstlich beobachte Zsoltan aus seinem Wetterglas heraus, wie die Hexe ihren Kessel in Betrieb nahm.
„Keine Angst, ich hasse Froschschenkel. Ich lege mit ein paar Kräuterauszügen nur den Grundstein für meine Unternehmerkarriere. Falls die Firma den Bach runter geht, der Alte vom Guten Berg seine Geldbörse nicht aufmacht, dann muss ich über die Dörfer ziehen. Wie viele andere mit ihren Kugeln auch.“ Griseldis lächelte. „Aber ich bin besser als die Null-Acht-Fuffzehn-Hexen mit ihren Glaskullern! Nur mit Alleinstellungsmerkmalen schafft man's durch die Krise!“
„Und die wären?“ Der grün gefleckte Frauenheld konnte ihren Optimismus nicht so recht teilen.
„Na, das übliche Brimborium können alle veranstalten, aber wer von denen hat schon einen sprechenden Frosch?“

*** altes Zigeunerlied

Letzte Aktualisierung: 27.06.2009 - 17.14 Uhr
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