Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Robert Pfeffer IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Juni 2009
Nur ein kleiner Pieks
von Robert Pfeffer

„Gesehen habe ich sie in den über vierzig Jahren noch nicht, die ich auf Rasen unterwegs bin. Aber ich weiß, dass sie da ist.“ Wolf Berg stützte sich auf seinen Schläger, während er dies sagte und dazu bedeutungsvoll ins Tal blickte.
„Machen Sie jetzt einen auf mysteriös, damit ich endlich treffe?“, erkundigte sich Tim Westertal irritiert.
„Konzentrier dich auf deine Aufgabe.“ Der Lehrer schaute stur nach vorn und würdigte seinen Schüler keines Blickes mehr.
Tim überprüfte seinen Griff, ging die Ketten seiner Muskulatur durch, wippte auf den Fußsohlen vor und zurück, sorgte für ein optimales Gleichgewicht und ließ, wie er so oft dazu aufgefordert worden war, seinen Unterkiefer entspannt herunter baumeln. Während er auf den Ball sah, erfasste die beiden Männer auf dem Plateau eine Böe. Bergs in die Stirn fallende Locke zitterte kurz und es war nicht zu unterscheiden, ob er selbst dafür gesorgt hatte oder Damamungas Atem der Anlass war. Stille. Totale Ruhe. Tim war das zu unheimlich, er brach ab.
„Der Windstoß ... war sie das? Ist sie hier? In diesem Moment?“
„Du bist ein Idiot! Vertrau darauf, dass du merken wirst, wenn sie da ist. Und jetzt will ich kein Wort mehr von dir hören.“
Erneut ließ Tim die Vorbereitungsroutine ablaufen. Wie von unsichtbarem Faden gezogen, erhob sich der Driver, kam über und hinter seinem Kopf zum Stehen. Der Ball lag nichtsahnend auf dem Tee, locker und kraftvoll zugleich zerschnitt der Durchschwung mit aufbrausendem Sirren die Luft und entlud sich im metallisch klingenden Pling, als Hilfsmittel und Spielgerät einander trafen. Während sich der Schläger um seine linke Schulter wickelte, sah er der weißen Kugel hinterher. Sechsundvierzig Gramm auf dem Weg Richtung Fahne. In dieser Haltung verharrte Tim, als vom Magen ein Gefühl der Erhabenheit die Speiseröhre hinauf stieg. Und als er sah, wie der Ball nach zweihundert Metern auskullerte, bahnte sich eben diese Emotion durch die Mundhöhle den Weg nach draußen.
„Wow, so einen Abschlag hatte ich noch nie!“
„Könnte sein“, murmelte Wolf, „dass sie das gerade war.“
„Sie meinen, Damamunga war hier?“
„Jedenfalls hast du so ausgesehen.“

Seit Beginn des Kurses nannte Berg immer wieder dieses Wort. Es machte Tim regelrecht verrückt, denn er wusste es nicht zu deuten. Der Lehrer schwieg, gab sich einen mysteriösen Anstrich. Doch eben schien er zum ersten Mal konkreter zu werden. Tim hatte gelesen, Golf sei ein strategisches Spiel. Der Taktiker in ihm verbot jede Äußerung: ‚Halt die Klappe, bis Wolf was sagt!‘
„Weißt du, Tim, Damamunga heißt überall in der Welt anders, je nachdem, wie die Leute das Wort sprechen. Ich habe es mit deutschen Silben versucht auf den Punkt zu bringen: Sie erfüllt uns mit Dankbarkeit wenn ein Schlag gelingt, wie wir es wollen, ist die Magie für den Zauber dieses Moments. Finden wir auf unserem Weg einen fremden Ball, spendet sie uns Munition für weitere Tage, an denen wir in ihrem Garten wandern. Aber das sind nur meine kärglichen Versuche, etwas auszudrücken, das man lediglich fühlen, nicht erklären kann. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder du spürst ihre Kraft oder du wirst sie niemals erleben.“

Der Lehrer griff bei diesen Worten Tims Arm, schüttelte ihn kurz. Er nahm einen Ball aus der Hosentasche, ließ ihn gedankenverloren durch die Finger gleiten und setzte seinen Tagtraum fort.
„Wie auch immer ihr Name entstanden sein mag: Damamunga ist Gefühl und Göttin zugleich. Sie hebt dich in schwindelerregende Höhen oder nagelt dein Selbstbewusstsein zum Verdorren in einen Baum. Sie eröffnet dir das ganze Spektrum zwischen Himmel und Hölle, lässt dich verzweifeln und ermuntert dich gleichzeitig. Damamunga ist die Hure, die uns befriedigt, und im selben Moment der Freier, der uns benutzt. Sie lebt auf und unter den Golfplätzen dieser Welt, spielt mit uns in Bunkern und am Wasser. Die Bälle, die wir in die Pampa donnern, weil wir blind draufschlagen, anstatt entspannt zu schwingen, sind das Opfer, das wir ihr bringen. Sie sind der Gegenwert, die Bezahlung für das süße Gift, das sie uns spritzt, wenn das runde Ding nach dem Schlag so fliegt, wie dein Drive eben. Die Göttin macht süchtig, wir hassen und wir lieben sie, wollen sie wieder und wieder spüren. Den Moment, in dem sich entscheidet, ob du ihr verfällst, wirst du bis an dein Lebensende nicht vergessen. Der Ball steigt auf, zieht seine Bahn, du siehst ihm nach und parallel mit dieser verfluchten kleinen Kugel bahnt sich das Gefühl in dir den Weg, du seist für ein paar Sekunden Herrscher über die Physik.“
Noch einmal greift Berg den Unterarm seines Schülers.
„Du wirst ihren Pieks nicht spüren, aber in genau diesem Moment hat es dich erwischt. Erste Dosis, volle Ladung. Du kommst nicht mehr los davon, das verspreche ich dir. Damamunga ist wie das Leben. Sie ist der Grashalm, der dir im Weg liegt, während du einen Baum zuvor ohne Probleme umspielt hast. Sicher liebst du das Geräusch, wenn der Ball ins Loch fällt, oder? Was glaubst du, ist der Grund dafür? Simpel ist die Antwort, Tim, absolut trivial. Nektar im Nachfüllpack gibt es dort auf dem Grün. Greifst du hinein in die Plastikschale, langst du in eine Falle, die zuschnappt. Kein Schmerz in den Fingern, denn du bist betäubt vom Erfolg deiner Mühe über mehrere hundert Meter. Du hast das Stückchen Käse gegriffen, das dich bis zum nächsten Abschlag stärkt, legst den Ball auf das Tee und das Spiel beginnt von vorn.“

Der Schüler lauschte den Worten des Meisters, mittlerweile auf den Driver gestützt. Wolf Berg schüttelte sich.
„Hach, jetzt weißt du, womit Golflehrer ihr Geld verdienen. Geschichten, jede Menge Geschichten. Komm, wir machen weiter. Schlag noch einen hinterher. Um ein Bier an diesem Loch. Du spielst mit dem besseren deiner beiden Abschläge zur Fahne, ich nehm den anderen.“
Tim spießte ein Tee in den Boden, legte einen neuen Ball darauf, strich über die kleinen Vertiefungen und wünschte ihm einen guten Flug. Vorbereitungsroutine, Unterkiefer entspannen ... wusch. Perfekt getroffen. Er spürte einen sanften Pieks im verlängerten Rücken. Wolfs Locke zitterte. War da nicht ein Flüstern? ... Da ... ma ... mun ... ga.

Letzte Aktualisierung: 25.06.2009 - 22.41 Uhr
Dieser Text enthält 6108 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.