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Juni 2009
Mama ist in Damamunga
von Patricia Kohnle

Es war einer dieser irre heißen Tage, an dem einem nur so die Brühe den Rücken hinunterrieselt und die nackten Schenkel aneinanderkleben, klatschnass, wie das Hemd am Körper. Der Getränkeautomat lief mit den Kaltgetränken heiß. `Plopp`, machte es, dann rascher: `Plopp`, `plopp`, `plopp`. Selbst die herunterfallenden Pappbecher des Automaten bildeten an diesem Tag Schweißtropfen auf ihrer Stirnseite, bis endlich das Schülergejohle verebbte; wie das Meer, das nur noch weit, weit entfernt rauschte und brandete. „Endlich Feierabend“, seufzte Frau Ewers, unterbrochen von einem letzten „Plopp“ eines letzten Pappbechers, der sich in die Stille des leergefegten Schulflurs verirrt zu haben schien. „Und so pünktlich.“ Sie schaute zufrieden zu ihrer Kollegin auf. „Da kann man die Uhr danach stellen: Erst das Klackern des Getränkebechers, dann die Frau da draußen, die ihre komischen Verrenkungen macht.“ Sie deutete mit dem Kopf zum Fenster hin. „Das kann nur Feierabend bedeuten. Endlich.“ Sie strahlte. Sie liebte es, wenn auf alles Verlass war und nichts aus dem Gleis geriet. Nicht der Feierabend, nicht die Bücherlisten, die sie akkurat abhakte, nicht die Sprechstundenzeiten der Lehrer und ihre Marotten, wenn sie nur fest einplanbar blieben. “13.00 Uhr“, ein Blick auf ihre zierliche Armbanduhr, die mit vier kleinen Brillianten eingerahmt war, bestätigte ihr es. Sie klipste energisch ihre Handtasche zu. Eine in klaren Linien. In Schwarz und Weiß. Klick. Ihre Pumps, klassisch, aber mit verspieltem Puschel an der Zungenseite, näherten sich der Tür. Staccatoartig. Klack, klack, klack. „Marylu, kommst du, damit ich abschließen kann?“ Sie hatte ihrer Kollegin das Du angeboten; am Tag ihres 25jährigen Dienstjubiläums als Schulsekretärin. Ein Du, das in der Luft hängenblieb und das Private nicht berührte.

„Och, Mönsch“, maulte Marylu, „nicht jetzt, wo es interessant wird. Ich könnte ihr stundenlang zuschauen.“ Mit ihrem dick beringten Daumen, ein silberner Drache mit breiten Nüstern, zeigte sie über ihre Schulter: Auf das Weizenfeld vor dem Schulgebäude. Dort war, wie jeden Tag, eine Frau zu sehen mit blässlich gelber Gesichtsfarbe; beinahe so gelb wie das Weizenfeld, das sie halb verdeckte. Diese hob und senkte ihre Arme, wiegte ihren Kopf, sinnlos und ruckartig, bis sich dunkle Schweißränder, so groß wie Teller, in ihren Achselhöhlen bildeten. „Irgendwie animalisch“, kicherte Marylu, die sich damals vor zwei Jahren, als sie noch nicht geschieden war, Maria nannte. „Ich hatte mal was mit `nem Polizisten, wenn der den Verkehr geregelt hat, hat er die Arme genauso bewegt.“ Marylus Brust hob und senkte sich schneller und es war nicht auszumachen, ob es an der Hitze dieses irre heißen Tages lag. „Na, und was das Weizenfeld unterhalb des Gürtels verstecken könnte, kann man sich ja ausmalen …“. Sie schnalzte mit der Zunge. Frau Ewers Ton war nicht scharf, aber sachlich: „Das ist kein halbnackter Mann, das ist offensichtlich eine psychisch gestörte Frau. Am besten schalte ich morgen den Schulpsychologen, oder besser noch, Guthmann vom Polizeirevier, ein. Die sollen sich der Sache annehmen.“

Es war schließlich 13.10 Uhr, als Frau Ewers die Tür zum Schulsekretariat hinter sich und ihrer Kollegin abschloss. Im dunklen Flur leuchtete vor dem Getränkeautomaten ein weißer Fleck auf. Es sah aus wie ein großer Schneehase, der sich hereinverirrt hatte und sich trotz dieser mörderischen Hitze an einem heiß dampfenden Getränk festhielt, einfach, weil er es als Schneehase gewohnt war, immer nach etwas Dampfendem Ausschau zu halten, an dem er sich festhalten konnte. Marylu, die sogar einen Regenwurm auf der Straße ansprach, schnodderte hinüber: „Nicht zu heiß, so`n Getränk bei der Bullenhitze?“

Der Schneehase zeigte seine Hasenzähne und schüttelte trotzig den Kopf. „Aber du hast dich verbrannt, Junge“, stellte zwischenzeitlich Frau Ewers fachmännisch fest, die auch für das Krankenzimmer der Schule verantwortlich zeichnete. „Egal“, mümmelte es aus der Richtung des Automaten und er wich zurück: Ein hagerer Junge in einem blütenweißen Marken-T-Shirt, das in einer Billig-Polyester-Trainingshose steckte und diese wiederum in Stiefeln, dicken Stiefeln. Irgendwo dazwischen war ein Bruch, der leidlich zusammengehalten wurde von breiten, ausgeleierten Hosenträgern, die die warme Fleecehose fast bis unter die Achseln des Sommerhemdes zurrten. Ein Schneehase, gerüstet für den arktischen Winter, der am Südpol gelandet war und, den Schuhen nach zu schließen, dafür Matschfelder hatte durchqueren müssen. Die Brühe, grün wie Algenwasser, schwappte erneut über seine Finger. Sie wurden fuchsfeuerrot und er blieb ungerührt. „Willst du nicht nach Hause, zu Mittag essen?“, fragte Marylu, die mittags immer ihren Schatz bekocht hatte, als sie noch Maria war.

„Niemand da. Mama ist in Damamunga.“, nuschelte der Junge.

„Oh, Damamunga, ist ja cool. Das klingt so afrikanisch! Ich war mal in so `nem …“, Marylu warf mit vibrierenden Schultern einer Bauchtänzerin ihre lila Haarsträhne zurück, „… in so `nem afrikanischen Trommelkurs der Volkshochschule. Echt abgefahren“, schnatterte sie weiter.

Der Junge schluckte trocken und sein Kehlkopf, groß wie ein Tischtennisball aus dem dürren Hals herausstechend, ging auf und nieder: „Damamunga ist nicht in Afrika.“ Und er schluckte nochmals: „Aber anders, anders isses dort.“

„Ausland?“, mischte sich jetzt auch Frau Ewers ein. Und um die Sache einzugrenzen, fragte sie konkret nach; sie, die immer die Bücherpreise der Bücherlisten so akkurat abhakte: „Aber Getränkeautomaten gibt es doch auch dort und mit Cent - Stücken kann man bezahlen? So wie bei uns. Oder?“

Der Junge wippte jetzt ungeduldig mit dem Fuß, sodass Erdkrümel nur so um seine Matschstiefel spritzten und sein Kehlkopf tanzte erneut wie ein Ball über die Platte: „Mama, Mama, sagt immer…“, sein Ball riss die Kante. „Damamunga, Damamunga, ist überall und jeder. Ein bisschen … “, und der Ball driftete. Endgültig. Ins Aus. Und er schaute auf seine Dreckstiefel, die in der Hitze dampften, während seine knochigen Schultern wie kleine Flügelblätter abstanden.

Frau Ewers, die es liebte, wenn sie Situationen im Griff hatte und es nicht liebte, wenn Situationen sie im Griff hatten, zupfte Marylu am Ärmel. „Komm jetzt, wir müssen gehen. Draußen muss ich dir noch etwas Wichtiges erzählen. Das hätte ich fast vergessen.“
Marylu sabberte immer nach Neuigkeiten: „Nun sag schon!“ Kaum außer Hörweite des Jungen, wisperte Frau Ewers: „Kennst du den Jungen nicht? Das ist doch Thilo. Thilo Onnen aus der 5d. Du weißt doch, der Anruf des Jugendamtes, heute Morgen, den ich durchgestellt habe … Seine Mutter wurde in die Psychiatrie eingewiesen. Vor etwa einer Woche ….“

Marylu verstand nicht. Der Mähdrescher hatte inzwischen begonnen, das Weizenfeld vor der Schule abzumähen und machte einen höllischen Lärm. „Wie?“, schrie sie. Da machte Frau Ewers eine für sie untypische Handbewegung, wie ein Scheibenwischer vor ihrem Gesicht. Hin und her. „Ja, ja,“, kreischte Marylu, „schon ein bisschen schrumm, schrumm, die Kanaille dort drüben. Aber vielleicht ist es einfach die Hitze.“ Sie wies erneut mit ihrem beringten Daumen, dem Drache mit den dicken Nüstern, in Richtung der Frau, der mit dem gelblich fahlen Gesicht und den sinnlosen, ruckartigen Bewegungen.

Es war Heide Schneckenburger. Heide Schneckenburger, die, wie jeden Tag, Daisy, ihre zerzauste, herzensgute Dackelhündin Gassi führte und dabei, ausgerüstet mit einer Aufziehmaus und Leckerlis, übte, übte, übte, was sie zuvor in der Hundeschule gelernt hatten: „Sitz, platz, komm her, fang, bleib, steh, such - Brav -.“ Frau Schneckenburger wusste, dass ihr Blickkontakt eindeutig sein musste, genauso wie ihre Worte und ihre Handbewegungen. Umso mehr freute sich Daisy und wedelte, ganz stolze Hundedame, mit ihrem Schwanz.

Leider konnten Frau Ewers und Marylu das begeistere Schwanzwedeln Daisys nicht bewundern, da diese mit ihren kurzen Dackelbeinen vom Weizenfeld verdeckt wurde und jetzt, da die Sicht vom Mähdrescher endlich auf sie freigegeben war, beide, Frau Ewers und Marylu, bereits im Auto saßen, um ihrem wohlverdienten Feierabend entgegen zu fahren.

Aber morgen, morgen würde Frau Ewers den Schulpsychologen oder Guthmann von der Polizeistation bitten, sich dieser Verrückten anzunehmen. Alles würde seine Ordnung haben.

© Patricia Kohnle

Letzte Aktualisierung: 27.06.2009 - 15.44 Uhr
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