Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Juni 2009
Auf Tuchfühlung
von Birgitt Doeuillet

… Kopfschmerzen … Dröhnen … Übelkeit … Ooooooh …! Ich versuche, die Augen zu öffnen. Grell. Aaah. Nach mehreren Versuchen geht es besser. Alles dreht sich vor meinen Augen. Ich will mir an den Kopf fassen. Geht nicht. Tief durchatmen. Durst, ich habe Durst. Die Kehle ist trocken, die Zunge pelzig. Jemand stöhnt. Ich stöhne. Ich möchte mich aufsetzen, etwas hindert mich daran. Meine Hände. Sie sind gebunden! Meine Füße auch! Ich bin nackt. Geschnürt wie ein Paket und nackt!! Ein plötzlicher Adrenalinstoß lässt mich hochfahren, hievt mich in Sitzposition. Mein Herz überschlägt sich. Was soll das, wo bin ich???
Um mich herum sind Menschen, dunkelhäutig und halbnackt. Sie laufen geschäftig hin und her, mit Holz, mit Früchten. Sie lachen und schwatzen. Es sind alles Frauen. Die Männer sitzen um ein Feuer auf einem Platz weiter hinten, reden, gestikulieren.
Ach ja, der Brasilienurlaub mit Sabine. Langeweile am Strand, Abenteuerlust. Wir fuhren ins Landesinnere, buchten einen Urwaldtripp. Drei Tage auf direkter Tuchfühlung mit Eingeborenen, versprach Joe, der Fremdenführer. Wilde, fast unberührte Kulturen. Wir schlugen uns stundenlang durch dichtes Unterholz, es war schrecklich warm, Joe schritt unermüdlich voran. Weiter, weiter! Plötzlich ein Stich im Nacken, heftiger Schwindel, dann nur noch Schwärze. Sabine? Ich schaue mich suchend um. Sie ist nicht zu sehen: „Sabine?“
Eine der Frauen wird auf mich aufmerksam.
„Sabine? Wo ist meine Frau, Sabine?“
„Ssa-bine?“ echot sie und kichert.
„Ja, Sabine! Meine Frau. Wo ist sie?“
„Issie?“
„Bitte! Sabine. SABINE?“ Ich sage es deutlich, langsam, vielleicht versteht sie mich.
„Ssa-bine, Ssa-bine?“ Sie schlägt glucksend die Hand vor den Mund.
Mehrere junge Mädchen gesellen sich hinzu: „Ssa-bine? Ssa-bine ?“ Sie scheinen sich prächtig zu amüsieren.
Ich brülle los: „Sabine? Sabine! Saaabiiiinee!“
Die Mädels biegen sich vor Lachen. Da fährt ein älterer Mann zwischen sie, wild bemalt, und stößt heftige Knurrlaute aus. Sie stieben auseinander.
„Saaabiiinee!“
Der Wilde stößt mir einen Stock zwischen die Rippen. Der Schmerz lässt mich verstummen. Er knurrt etwas in meine Richtung und droht nachdrücklich mit dem Stecken. Schon gut!
Noch immer klopft mein Herz wie wild. Alles verkehrt, unverständlich. Ein Alptraum. Die Indianer fahren mit ihren Aktivitäten fort, ich werde nicht mehr beachtet. Die Sonne geht langsam unter. Wo ist Sabine? Was haben sie mit ihr gemacht? Was haben sie mit mir vor? Ich muss mich dringend verständigen!
„Hallo?“

„Ja, hallo du, Mädchen, bitte!“

„Bitte!“

Verflucht, sie sieht nicht mal her. Nach und nach verschwinden alle in den Hütten. Ich bin allein. Meine sonnenverbrannte Haut quält mich. Ich versuche, mich fortzubewegen, mache robbende Bewegungen. Die Fesseln lassen es nicht zu. Ich habe Durst.
Bald kommen sie wieder aus ihren Hütten hervor, herausgeputzt. Perlenketten am Hals, an den Handgelenken, an den Fußgelenken. Manche tragen stolz einzelne Kleidungsstücke. Westliche Kleidung. Wie Trophäen. Hier eine Bluse, dort ein Rock, da ein Hemd. Mein Hemd! Sie streben zu dem Platz mit dem Feuer. Gespannte Erwartung liegt in der Luft, festliche Stimmung. Ich rufe:
„Hello? Do you speak English? Please? “

„Français? … eeeh … Português! Falam … falam … verdammter Mist!“

„Bitte! Versteht mich denn niemand hier! Hallo?“

Munter schwatzend ziehen alle an mir vorbei. Verzweiflung macht sich in mir breit. Was soll das? Was soll der Affenzirkus hier!
Sie versammeln sich auf dem Platz. Leises Trommeln ertönt, dazu Sprechgesang. Zwei Männer kommen zielstrebig auf mich zu, sie machen mir Angst. Sie greifen mir unter die Arme, schleifen mich ein Stück näher heran, lassen mich achtlos fallen. Vor mir die Menge, sie hat einen Kreis gebildet. Rücken an Rücken versperren sie mir die Sicht auf die Mitte des Platzes. Es riecht nach … Gemüsesuppe? Der Geruch ekelt mich, legt sich wie ein Gewicht auf meinen Magen.
Sie singen kräftiger, melodiöser nun. Ein Getränk macht die Runde, jeder nimmt einen Schluck. Ich auch, bitte, Wasser! Doch niemand schaut nach mir. Sie singen und trommeln, singen und trommeln, wiegen sich, nicken mit den Köpfen. Zermürbend. Singen und trommeln. Plötzlich eine Pause. Stille. Dann setzt wieder das Trommeln ein, ganz leise, ein neuer Rhythmus. Murmelnde Männerstimmen, die bald energischer werden, klarer. Nun setzen auch die Frauen ein, mit kehligem Kolorit: Damamunga, Damamunga …
Die Trommeln werden lauter, das Singen auch.
Damamunga, Damamunga …
Die Spannung steigt, das Hypnotische des Gesanges fährt mir in die Eingeweide, mein Magen verkrampft bei jeder Silbe: Da-ma-mun-ga, Da-ma-mun-ga…
Immer lauter, immer lauter.
DAMAMUNGA, DAMAMUNGA …
Direkt vor mir öffnet sich der Kreis aus Menschenleibern, die letzte Reihe bildet ein Spalier bis zu mir. Ich erhasche einen kurzen Blick auf den Platz, das Feuer, einen Riesentopf. Die Suppe? Zwei große Männer, prächtig geschmückt, grell geschminkt, vielleicht die Häuptlinge, schreiten auf mich zu, während die Meute jubelt: DAMAMUNGA, DAMAMUNGA …
Die Männer packen mich unter den Armen, in den Kniekehlen, heben mich hoch. Aus hundert Kehlen: DAMAMUNGA! Sie bringen mich zur Mitte des Platzes: DAMAMUNGA! Zum Kessel! DAMAMUNGA! Ich schreie, hilflos, höre meine eigene Stimme nicht. DAMAMUNGA! „Das könnt ihr nicht machen!?“ Ekstatisch nun: DAMAMUNGA! DAMAMUNGA! „Hilfe!“ DAMAMUNGA! „Nein!“ DAMAMUNGA! DAMAMUNGA! „Neeeeiiiin!“ DAMAMUNGAAAaaah …

Letzte Aktualisierung: 25.06.2009 - 17.01 Uhr
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