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Juni 2009
Der Geist und sein Diener
von Nando Lindemann

Eines Tages stand ein älterer Herr vor der Praxis Dr. Bartes und fragte nach einem Weg. Er trug eine altmodische Frisur und stotterte. Dr. Bartes lud ihn in seine Praxis ein. Er freute sich auf den Besuch, denn seit im Süden der Stadt ein junger Psychologe eine neue Praxis eröffnet hatte, liefen ihm seine Patienten weg. Nun fand jemand zu ihm, mit dem er sprechen konnte.
Dr. Bartes bot ihm einen Tee an. Obwohl ihm die Geduld fehlte, zuzuhören, weckte eines seine Aufmerksamkeit. Der Mann sprach manchmal einen Satz, sich anhörte wie: „Dhama munga“. Er zeigte ihm ein Bild und ein Stück Papier, von dem er etwas vorlas. Es war ein Gedicht und es handelte von großer Liebe und dem Tod. Der stotternde Vortrag aber trübte den Genuss des schönen Gedichtes. Dr. Bartes holte eine Flasche Schnaps, goss ein und stieß mit ihm an. Der Mann schluckte den Inhalt des Glases hinunter wie eine Tablette. „Daa-da-da-danke“, sagte er.
Nach einiger Zeit sprach der Mann, ohne dass es sich vorher angekündigt hatte, fließend. Dafür lallte er ein wenig. Dr. Bartes freute sich. Sie sprachen über das Leben und den Weg, nach dem der Mann ihn gefragt hatte und dass der Weg beschwerlich sei, denn die Straße gab es schon lange nicht mehr in der Stadt. Da es bereits spät war, bot Dr. Bartes ihm an, in seiner Wohnung über der Praxis zu übernachten. Der Mann willigte ein und bald darauf begaben sie sich zur Ruhe. Erst als Dr. Bartes einschlief, erinnerte er sich daran, dass er vergessen hatte, ihn nach dem seltsamen Satz zu fragen. So schlief er ein und träumte schlecht.
Am nächsten Morgen war der Gast bereits gegangen. Er hatte keine Nachricht hinterlassen, doch es war abgewaschen. Keine Spur von einem Besuch am letzten Abend. Für Dr. Bartes war es eine Einbildung. Er hatte eine Zeitschrift gelesen und ging früh zu Bett, wie jeden Abend. Er erinnerte sich sogar daran, dass er das Licht ausmachte. Doch als er seine Bar öffnete, um sich seinen Morgendrink zu mixen, sah er an seiner Schnapsflasche, dass er sich irrte. Für einen Moment hatte er sich an etwas nicht Dagewesenes erinnert, obwohl er den letzten Abend noch gut in Erinnerung hatte. Für ihn war es ein interessantes Phänomen und er begann, sich mit damit zu beschäftigen.
Eine Woche später veröffentlichte er einen Aufsatz. Er habe eine neue Krankheit entdeckt, das Damamunga-Syndrom. Es bezeichnete den umgekehrten Fall einer Amnesie, nämlich dass man sich an Ereignisse erinnern konnte, die so nicht stattgefunden hatten. Menschen mit dieser Krankheit litten an Glaubwürdigkeitsverlust, ein schweres Symptom, das zur Ausgrenzung dieser Kranken führe. Andere hingegen integrierten ihr Umfeld in ihre Erinnerungen, so dass ganze soziale und wirtschaftliche Gruppen von dieser Krankheit ergriffen wurden.
Trotzdem einige Wissenschaftler an seine Entdeckung zweifelten, erreichte sein berufliches Leben eine neue Qualität. Er erhielt Einladungen, auf Tagungen zu sprechen. Und er sprach. Er sprach über Ereignisse, die nur in der Fantasie existierten und über Menschen, die sich in allen Einzelheiten daran erinnern konnten, auch an ganze Lebensläufe. Sogar in Geschichtsbüchern fand er Ereignisse, die nur dieser Krankheit entsprungen sein konnten. Je mehr er sprach desto mehr hörte man ihm zu. Die Säle wurden voller. Immer größer wurde die Menschentraube um ihn, die sich aus Ärzten, Journalisten, Politikern und anderen nach Wissen dürstenden Menschen zusammensetzte.
Die Patienten kamen wieder in seine Praxis, denn ein Entdecker hat den Segen Gottes und kann kein schlechter Arzt sein.
Nach manchen Nächten wachte er auf und glaubte, gerade gesprochen zu haben. Ein Wort, das er zu kennen schien, das ihn langsam, aber stetig in unergründliche Tiefen hineinzog. Morgens erinnerte er sich kaum daran. Er fühlte sich gut, denn er konnte den Menschen wieder helfen, was ihm neue Lebensenergie gab, und machte sich deshalb keine Gedanken darüber.
Eines Tages, ein Jahr war seit dem seltsamen Besuch vergangen, hatte er einen ruhigen Arbeitstag, da erschien wieder der Herr in seiner Praxis. Dr. Bartes erkannte ihn und bot ihm gleich einen Schnaps an. Der Mann jedoch schien sich nicht mehr an ihn zu erinnern. Er fragte noch einmal nach dem Weg, erzählte von dem Mädchen, das er liebte und las ihm das Gedicht vor. Dr. Bartes hörte ihm aufmerksam zu, doch der Satz wollte dem Manne nicht entweichen. Als er nach einigen Schnäpsen wieder fließend sprach, ging Dr. Bartes zur Sache. „Ich bin nun ein berühmter Arzt“, sagte er, „und das habe ich nur Ihnen zu verdanken. Vielleicht erinneren Sie sich an mich, vor einem Jahr... Wenn Sie damals nicht in meine Praxis gekommen wären...“ Er hielt inne, seine Augen glänzten und der Mann lächelte. „Ich habe eine Krankheit entdeckt, und ich gab ihr einen Namen, den Sie mir damals nannten: Damamunga. Sagen Sie bitte: Was heißt das?“ „Ich habe ihn genannt?“, fragte der Fremde und fuhr fort: „Nun, abgesehen davon, dass Sie ihn falsch aussprechen, und das ist auch gut für Sie, denn die richtige Aussprache macht Sie zu seinem Diener: Er ist ein Geist der Täuschung.“ „Ein was?“, fragte Dr. Bartes und wunderte sich selbst über diese Frage, denn er hatte sie verstanden. Der Mann lächelte und hielt ihm sein leeres Glas entgegen. Dr. Bartes schenkte ihm ein. „Ich meine, aus welcher Kultur kommt er? Ich habe vorher noch nie von ihm gehört. Erzählen Sie mehr von ihm!“ Der Mann neigte den Kopf, rieb den Rand des Glases langsam an seiner Lippe, als könnte er sich nicht entschließen, das zu tun, was er jetzt tun wollte. In seinen Gedanken schien er weit, weit weg zu sein.
„Ich glaube, dies ist unsere letzte Begegnung“, begann er lächelnd. „Vor vielen Jahren wollte ich eine Reise machen. Ich kaufte ein Schiff und wollte die Menschen und Kulturen dieser Welt kennenlernen. Als ich die Hälfte der damals bekannten Welt erkundet hatte, trug mich ein Sturm auf eine Insel. Sie lag irgendwo zwischen den Philippinen und dem australischen Kontinent. Dort traf ich ein Volk, welches mich wieder gesund pflegte. Am Tag des Abschieds sollte ich ein Mädchen mitnehmen. Es war auf die gleiche Weise dorthin gekommen wie ich und man wollte es offenbar loswerden. Doch sie war bereits einem der Eingeborenen versprochen. Er wollte mit mir kämpfen, der weise Häuptling aber ließ das Mädchen entscheiden und sie entschied, wieder in ihre Welt zurückzukehren. Daraufhin sprach der Jüngling einen Fluch aus. So wie er betrogen wurde, sollte auch ich betrogen werden. Dabei rief er einen alten Geist, den man nur selten heraufbeschwört, weil seine Macht unberechenbar ist. Oft weiß man selbst nicht, dass man in seinen Fängen steckt. Dann ist es unmöglich, jemals von ihm loszukommen. Der weise Häuptling konnte nichts dagegen tun, denn dieser Geist ist einer der wenigen Geister, die jeder Unkundige heraufbeschwören kann. Nur seinen Namen darf man nicht aussprechen, deshalb lassen die meisten der Eingeborenen die Finger von ihm.
Ich fuhr mit dem Mädchen in meine Heimat und wir versuchten, ein glückliches Leben zu führen. Sie wurde alt, ohne Kinder zu hinterlassen und irgendwann hielt ich nur noch ihren Staub in meinen Händen.“
Dr. Bartes hatte bis zum Schluss der Rede gelauscht. Er glaubte nicht, was er hörte, und doch drängte es ihn, mehr zu erfahren. „Aber was macht dieser Geist? Warum darf man seinen Namen nicht nennen?“ „Das erfahren Sie leider erst, wenn Sie es nicht mehr wollen. Sie sollten Ihre Neugier zügeln, Herr Doktor.“ Dr. Bartes vermochte es nicht, aus dem Mann, der einen sehr zufriedenen und vergnügten Eindruck machte, mehr herauszubringen. Nicht nur seine Zunge hatte sich gelockert, und tief in sich selbst spürte er, dass dessen Stimmung nicht am Schnaps lag. Er bedankte sich für die schöne Geschichte und schlug vor, zu Bett zu gehen, denn es war bereits nach Mitternacht. Er nahm das großzügige Angebot an und verschwand sogleich ins Gästezimmer.
Dr. Bartes lag noch lange wach in seinem Bett. Ihn beunruhigte, wie seltsam der Mann sich benommen hatte. Er wagte es nicht, einzuschlafen. Er glaubte nicht an Geister: Er war Mediziner und glaubte an die Krankheiten. Vielleicht suchte er eine Erklärung für dieses seltsame Wort und bildete sich diese nur ein? Hatte er ein Recht, die Krankheit nach ihm zu benennen? War alles nur ein Traum? Er wollte nachsehen, ob der Mann noch in seinem Zimmer war, doch eine wohlige Schwere legte sich auf ihn und die Müdigkeit wiegte ihn in den Schlaf. Und in dieser Nacht träumte er sehr schlecht.
Am nächsten Morgen war der Gast verschwunden. Nichts erinnerte mehr an ihn, sogar die Schnapsflasche war weg. Er tauchte auf und verschwand wieder, wie ein Geist. Mit einer seltsamen Gelassenheit verschwendete er keinen Gedanken mehr an den Fremden, der beinahe hätte sein Freund sein können.
Er machte sich ein Frühstück und die Sonne, die eben noch ins Gästezimmer geschienen hatte, stand jetzt auf der anderen Seite. Dabei war es erst früh am Morgen. Er schaute aus dem Fenster. Es wurde schon dunkel. Minuten später wurde es wieder hell. Dann Mittag, dann Nacht. Er wartete ab, schüttelte immer wieder mit dem Kopf. Nach einigen Sonnenaufgängen war er sich sicher, krank zu sein. Er trat vor das Haus und sog die frische, kalte Morgenluft ein. Jetzt fühlte er sich wieder stark. Die Sonne blieb an ihrem Platz, es war alles gut. Zufrieden ging er wieder ins Haus, zog sich einen Mantel über und wollte spazieren gehen. Doch als er das Haus verlassen wollte, war es wieder dunkel. Seine Gelassenheit wich. Seine Glieder zitterten und er setzte sich. Es musste schlimmer sein, als er angenommen hatte. Gleich morgen früh musste er zum neuen Psychologen. Er übernachtete vor der Haustür, für den Fall, dass er doch nicht krank und dies ein neues Phänomen sei, das auf seine Untersuchung wartete. Als es hell wurde, fragte er bei einem Nachbarn nach dem Weg. Der schaute ihn verständnislos an, schüttelte mit dem Kopf, sagte etwas von Betteln und verschwand wieder. Dr. Bartes rief ihm wütend hinterher: „D-Da-Da-ma-ma-munn-ga-aa“.

Letzte Aktualisierung: 27.06.2009 - 15.45 Uhr
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