Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Juni 2009
Seelenkontakt
von Marika Bergmann

Eigenartig – es ist mir, als sei es gestern gewesen. Die Pflanze ... dieser merkwürdige Baum – was war nur los mit mir?

„Marlene, bei dir ist er gut aufgehoben“, hatte Hardy damals gesagt, als er mir das mannshohe Ungetüm vorbeibrachte. „Er braucht Streicheleinheiten. Rede mit ihm, du bist die Einzige, die das auch macht. Ich vertraue dir.“ Ich zögerte. Hardy nahm meine Hand und führte sie langsam über eines der großen samtigen Blätter. Er hielt kurz inne und ich spürte zarte Wärme meine Hand durchdringen. Ich lachte.

„Mein lieber Prinz Hardy“ – so nannte ich ihn seit unserem gemeinsamen Aschenbrödel-Ball, zu dem er mich als seine Tanzpartnerin eingeladen hatte. Verrückt, das sind wir beide.

„Das ist doch nicht wahr. Du neigst ja häufig zu Übertreibungen, aber das schlägt dem Fass nun wirklich den Boden aus. Werd' ja schon langsam eifersüchtig“, entfuhr es mir mit einem Augenzwinkern.

Hardy war der Einzige, dem ich nie etwas abschlagen konnte. Er ist nicht wie die anderen Männer, die immer nur meinen Körper begehrten und nie meine Seele berührten. Kann gar nicht sagen, was mich mit diesem Menschen verbindet. Vielleicht liegt es daran, dass er auf Männer steht und ich nicht in sein Beuteschema passe. Das wird es wohl sein. Vertraue ihm.

„Was soll ich diesem Baum denn einflüstern? Du machst noch eine Baumflüsterin aus mir! Ich liebe dich, vielleicht? Oder eher was, das ihn regelrecht aufgeilt?“

Meine spöttische Ader, die schon so manchen Typen vergraulte, kannte Hardy. Er war ja mein Kummerkasten und ich der seinige.

„Dir fällt schon das Passende ein“, lachte er, drückte mir die Pflegeanleitung in die Hand und gab mir zum Abschied noch einen dicken Schmatzer auf die Wange.

„Mein Taxi zum Flughafen wartet! Mach et jut, Marlenchen! Tschüssi!“


***

Du bist die Einzige, hatte er gesagt – damals. Ach, Hardy! Wie lang ist es nun schon her? Du wolltest ja nur für ein paar Monate in die Staaten zu Nelson und jetzt sind es schon fast drei Jahre.

Ich hab mich hinreißen lassen damals – und jetzt? Dein Baum nimmt mittlerweile den
halben Raum ein. Die Fensterfront ist durch die tellergroßen Blätter fast komplett abgeschattet. Im Halbdunkel meines Wohnzimmers sind seine mächtigen schwingenden Luftwurzeln die reinsten Stolperfallen. Manchmal bewegen sie sich, wie Tentakel – einfach so. Musste ihn schon zwei Mal umtopfen – laut Anleitung – in Orchideenerde sogar. Was hast du mir da angeschleppt? Eine Dschungelpflanze ist daraus geworden. Das einzig Angenehme ist der phantastische Geruch. Daraus sollte man mal ein Aftershave machen. – Das würde bestimmt alle Frauen wahnsinnig machen.

Dieser Duft treibt meine Erinnerung an die Oberfläche.
Ein schmerzhafter Gedanke löst sich. Die Begegnung mit einem Horror-Geschichten-Autor.
Er roch so unbeschreiblich gut. Gab mir aber zeitig zu verstehen, dass er nicht an mir, sondern nur an meinem aufgeilenden Körper interessiert war – was immer das auch heißen sollte. Ich hätte doch gedacht, dass jemand, der schreibt, auch mit Worten umgehen kann. Aber das Schreiben sei harte Arbeit, hat er nur gesagt, und wenn er mal etwas Interessantes von sich gab, dann waren es nur Auszüge aus seinen Werken. Die Sprüche kannte ich ja schon alle. Dennoch haben mich seine Texte fasziniert. Bin beim Lesen schon bis zum Federkern meiner Matratze gesunken, weil es mich so gruselte.

Habe damals sehr gelitten, kam mir schon selbst vor wie ein Monster. Hasste meinen Körper. Gibt es eine innere Verbindung, die Distanzen überwindet? Warum kann ich meine Hülle nicht einfach ablegen?

Ob dieses ständige, wohlriechende Odeur wie eine Droge wirkt? Ich ertappe mich dabei, wie ich meine Gedanken laut ausplaudere. Rede wahrhaftig schon mit einer Pflanze. Gebe mir im Gedanken Antworten – Belehrungen sogar.

„Fremde Situationen überforderten den harten Mr. Horror.“ – sagte die Stimme. „Lass ihn
bloß weiter im Leben nur so rum stehen!“

Das starke Raumaroma macht mich noch schizo.

Welche innere Kraft – zerrt, schubst, hält mich fest?
Was geschieht nur? Bin ich noch ICH selbst?

Hardy, mein Freund! – Wie ich ihn vermisse!

Ich rede mit dem Riesenbaum, ohne den Mund aufzumachen. Dieses violette Ungetüm liest meine Gedanken. Hardy – mein Vertrauter! Werde ich verrückt? Wer rettet meine Seele?


***


Mein Freund fehlt mir so unendlich. Was mach ich nur? Bin ich in einer Horrorgeschichte gefangen?

Ertappe mich, eines Tages über das adrige Blatt streichend, durch meine Lippen die samtige Haut der Pflanze erspürend, Vokale hauchend: aaaaa, aaaa, uuuuua-uuuu-aaaaaaaaaaa-ooo, ooooo-aaaa...

Es ist eine seltsame Art der Verbundenheit. Es gibt keinen Tag mehr ohne eine Berührung –
ein Verharren an seiner Seite.

In einer merkwürdigen Anwandlung bekommen meine Wände einen Anstrich in Erdtönen und grellem Rot und werden von mir mit abstrakten Mustern bemalt. Ich habe mich verändert, meinen Musikgeschmack, meine Gewohnheiten. Ich zelebriere meine Nahrungsaufnahme. Esse plötzlich Avocados, die ich nie mochte und benutze viele neue Gewürze. Die Tonka-Bohne ist meine allerneueste Entdeckung – einfach gigantisch zum Verfeinern von Süßspeisen. Jetzt ist mein Haar rot. Ich bade in Bay und pflege meine Haut mit Gernaium, einem Storchenschnabelgewächs, das die Augen für die schönen Dinge des Lebens öffnen soll. Ich nähe viele Kleidungsstücke selbst und hab mir sogar Naturpigmente zum Färben bestellt. Unterwäsche trage ich mittlerweile keine mehr. Die engt mich irgendwie ein. Habe auch das Bedürfnis, meine Kleidung abzulegen, wenn ich meine Wohnung betrete. Schlafe am liebsten auf einem Lager, das ich mir mit Reisigmatten auf dem Fußboden errichte und liebe es, unendlich viele Teelichter um mich herum anzuzünden. Ich lese Bücher über Schamanismus und verlasse mein Haus nur noch, um meiner Arbeit nachzugehen oder Nahrung zu besorgen. Das meiste bestelle ich schon übers Internet.

Es ist jetzt alles so leicht. Ein schwacher Lichtstahl dringt zu mir hindurch. Ich wiege mich in zarten warmen Wogen. Ein herber Duft von Zimt und Moschus durchströmt den Raum. Schließe die Augen und spüre eine flüchtige Berührung meiner Schulter. Ja, ich weiß, dass du da bist. Gib mir etwas Zeit. Ich summe leise zu den Trommelklängen der Musikanlage. Aus dem Summen entfalten sich Silben, fremd und dennoch als wohnten sie schon immer in mir. ‚Dama-da ... ‘ Ich bewege mich durch den Raum und zarte Schwingungen durchströmen meinen Körper. Das Blut in den Adern wird zu einem reißenden Strom. Mein Haar wirbelt mir durchs Gesicht, die Holzdielen geben meinen Bewegungen nach und vibrieren unter den nackten Fußsohlen. Meine Haut ist benetzt mit kleinen Schweißperlen, wie Tau auf Blütenblättern. Ich tanze zum Licht. Der Blick ist nach innen gerichtet und über meinen Augenliedern schwebt ein zartes Violett. Seidige Winde umströmen meine Brüste und sinken am Leib herab. ‚Dama-da-damah-ha...‘ – die Klänge sind jetzt tief in mir. Meine Füße berühren den Boden nicht mehr. Gleite durch die Luft wie von zarten Schwingen getragen. In einem Bett aus Blättern schwebe ich und spüre sanfte Fesseln die Handgelenke umschließen. Etwas tastet sich mit schlängelnden Bewegungen an meinen Schenkeln entlang, weiter über den Bauch, zwischen den Brüsten empor bis zu meinem Mund. Ich schmecke etwas Süßliches, zimt-ähnlich, sauge es auf, will mehr. Die Fesseln meiner Gelenke lösen sich behutsam und suchen jetzt den Kontakt meiner Fingerspitzen.

„Ich fühle, ja ich fühle dich!“, bricht es aus mir heraus. „Nicht aufhören!“

Langsam gleite ich wieder hinunter. Die Musik der Anlage verstummt.

Liege auf dem Sofa. Ein einziges Wort schwebt noch in meinem Kopf – Damamunga.
War alles nur ein Traum? Streiche mir das kitzelnde Etwas aus dem Gesicht. Öffne die Augen. Eine kelchförmige, sehr zarte, weiße Blüte, im Inneren ein roter, herzförmiger Stempel. Ich flüstere leise das Zauberwort: Damamunga. Der Duft im Raum hat sich verändert. Ich atme tief ein. Damamunga, denke ich, das muss ein Zauberwort sein.

Das Telefon reißt mich aus meinem Dämmerzustand.

„Marlenchen! Hardy hier. Hab den Mann fürs Leben gefunden.“

„Damamunga“, entfährt es mir.

„Woher weißt du? Marlene, das kannst du nicht wissen. Du bist doch die erste, der ich ...“

„Wie!“ Ich stutze, noch im Halbschlaf säusle ich: „Die blüht.“

„Ja, Marlenchen, die blüht. Die Liebe. Es ist wie ein Zauber. Dama Munga ist sein Name.
Er ist ein Gott. Du musst ihn kennen- “

Die Leitung ist unterbrochen.

Ich lehne mich zurück. Suche Kontakt. Atme den NEUEN Duft. Ein Verdacht durchfährt meine Gedanken. Stürze zum Fenster, reiße es auf und lehne mich, so weit es nur geht, ins Freie. Den Himmel zieren rote Streifen. Meine Nasenflügel flattern unter der inneren Anspannung. Atmen! Muss atmen! Die frische Morgenluft strömt durch meine Sinne. – Damamunga! – Der Duft ist überall ...

Letzte Aktualisierung: 18.06.2009 - 08.42 Uhr
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