Honigfalter
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Juni 2009
Die Zeitungsente
von Petra Schulte

Ach du lieber Himmel, da kam sein Nachbar Roggenkamp, nichts wie weg.
Zu spÀt.!
„So warten sie doch Herr Kornstdt, ich habe Neuigkeiten! Sie, als Fachmann, haben es sicher schon gehört. Man hat auf den Salomonen einen Einsiedler entdeckt“.
„Auf den Salomonen?“ Jetzt konnte er sich den ganzen Sermon anhören.
„Ja, in den RegenwĂ€ldern. Vermutlich der letzte Angehörige eines ausgestorbenen Volksstammes.“
„Machen sie sich doch nicht lĂ€cherlich, Herr Roggenkamp. In der heutigen Zeit? Da findet man doch keinen neuen, bzw. alten Volksstamm mehr.“ Du lieber Himmel, hĂ€tte er doch bloß weggeguckt.
„Na ja, ich habe mich auch gewundert. Die Experten streiten sich noch. Gestern stand es in der Zeitung. Sagen sie bloß, sie haben das nicht gelesen.“
„Nein, das ist mir wohl entgangen. Da darf man ja auf Weiteres gespannt sein.“
NatĂŒrlich hatte er es gesehen, aber seit wann las er so einen Blödsinn? Diesen Roggenkamp konnte man doch noch nie ernst nehmen.
„Der Mensch soll völlig heruntergekommen sein. Er war von Kopf bis Fuß mit Schlamm eingeschmiert. Wahrscheinlich wegen der fĂŒrchterlichen Moskitos. Als man versuchte Kontakt mit ihm aufzunehmen, wehrte er sich mit HĂ€nden und FĂŒĂŸen. Schließlich musste man ihn ĂŒberwĂ€ltigen. Ach ja, noch etwas. Er kann vermutlich nicht richtig sprechen. Er sagt immer nur ein Wort: ‘Damamunga’.“ Jetzt rĂ€chte es sich, dass er nur die Überschrift gelesen hatte. Er musste nun fragen.
„Weiß man schon, was das bedeuten soll?“
„Nein, nicht, dass ich wĂŒsste.“
„Alles klar, die Experten streiten sich noch.“ Mein Gott, dieser Mensch glaubte auch wirklich alles.
„Sie haben gut lachen. In deren Haut möchte ich jetzt nicht stecken“ Ich in ihrer auch nicht.

Als die Herren sich schließlich trennten, hatte Roggenkamp das GesprĂ€ch bald vergessen.
Nicht so, Kornstedt. Das brachte sein Beruf so mit sich. Immer noch war er lebhaft an allem interessiert, was sich in den Printmedien tat. Da konnte auch der verdiente Ruhestand nichts dran Ă€ndern. Umso mehr Ă€rgerte er sich, wenn ihm eine Meldung unseriös erschien. Wenn sie ihm dann auch noch von diesem hirnrissigen Idioten prĂ€sentiert wurde 


Den ganzen Nachmittag lief er rum wie Falschgeld und grĂŒbelte. Was, zum Teufel, war bloß los mit ihm? Je lĂ€nger Kornstedt ĂŒber die Nachricht nachdachte, desto mehr hatte er das GefĂŒhl, das Wort schon mal irgendwo gehört zu haben. Es musste eine Weile her sein, soviel war klar. Aber er kam einfach nicht drauf, und so versuchte er sich abzulenken. Mit Gewalt war da nichts zu machen.
Abends ging er frĂŒh ins Bett und fiel alsbald in einen leichten Schlaf. Er trĂ€umte von blauem Himmel, hohen Palmen am Meer, kreischenden Vögeln 
 Plötzlich durchfuhr Kornstedt ein Ruck. Abrupt verließ er sein paradiesisches Traumland. Er setzte sich auf ─ und plötzlich wusste er wieder, wo er diesem merkwĂŒrdigen Wort begegnet war. Es war nicht das erste Mal, dass er bohrende Fragen des Alltags in seinen TrĂ€umen beantwortet fand! Darum wunderte er sich nicht, sondern ergriff energisch seinen Wecker. Was er dort sah, konnte ihn heute nicht erfreuen. Es war erst halb vier.
Stöhnend warf sich Kornstedt zurĂŒck in die Kissen. Stunde um Stunde wĂ€lzte er sich von einer Seite auf die andere, ohne Ruhe zu finden.
Um sechs Uhr hielt es ihn nicht lĂ€nger im Bett. BehĂ€nde sprang er auf und verrichtete all die lĂ€stigen Dinge, die ein Ă€lterer Herr, der diesen „Titel“ verdienen will, hinter sich bringen muss. Er war nun mal vom alten Schlag, und bis jetzt hatte das Alter es nicht vermocht, aus ihm einen ungepflegten alten Trottel im Trainingsanzug zu machen. DafĂŒr war ihm die Damenwelt auch lĂ€ngst noch nicht unwichtig genug.
Nach dem schnell herunter geschlungenen FrĂŒhstĂŒck stĂŒrmte er los zur „Neuen Post“.
Im Verlagshaus angekommen, ließ er den Fahrstuhl links liegen und stĂŒrmte die Treppen hinab ins Archiv.
Herr Wittig guckte erstaunt.
„Nanu, so frĂŒh schon auf den Beinen, Herr Kornstedt, was soll` s denn diesmal sein?“
„Ich brauche alle Unterlagen der letzten drei Jahre, Wittig. Ich bin einer tollen Sache auf der Spur.“
„Wie immer?“
„Nein, mein Lieber. Diesmal ist es ein KnĂŒller!“
Wittig lÀchelte verstÀndnisvoll und setzte alle Hebel in Bewegung.

Kornstedt nickte zufrieden und strahlte.
Da stand es, schwarz auf weiß:
Der MillionĂ€rssohn und Erbe eines riesigen Imperiums war auf einer Weltumseglung verschollen. Zuletzt wurde er in der SĂŒdsee gesichtet. Dort soll er beim Landgang unter einer Palme eingeschlafen sein. Als er nicht zum Abendessen erschien, und der Maat ihn suchte, entdeckte er den Vermissten unter besagter Palme mit einer dicken Beule am Kopf.
Er wirkte verwirrt, murmelte unentwegt das Wort „Damamunga“ vor sich hin, und gebĂ€rdete sich so wild, dass der Seemann Hilfe herbei holen musste. Als der Mann mit VerstĂ€rkung zurĂŒckeilte, war der Verletzte verschwunden. Man sandte Suchtrupps aus, aber der Sohn blieb unauffindbar. Er ward nie mehr gesehen.

Kornstedt schlug sich vor Freude auf die Schenkel.
„Wittig“, schrie er, „ich brauche ein FerngesprĂ€ch!“

Letzte Aktualisierung: 10.06.2009 - 22.06 Uhr
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