Der Tod aus der Teekiste
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Juni 2009
Die Reise nach Damamunga
von Sylvia Knitel

„Didel-di und dideldum, ja, Hund und Katz' sind einfach dumm“, sprach der alte Zauberer und wedelte mit seinem Zauberstab durch die Gegend. Eilig lief er hin und her. Senilius packte alles für eine große Reise zusammen. Tinkturen, alte Bücher und ein paar Kräuter flogen, schwups, in seinen lieben Koffer Otto. Otto war nicht irgendein Koffer. NEIN, er war ein Unikat, angefertigt aus dem Leder einer Hydra. Die Eisen der Verschlüsse waren tief unter der Erde im Drachenfeuer geschmiedet worden. Seine Seele hatte er schließlich aus den Abgründen der Nymphen in Talspitze erhalten. Tja, Otto konnte sogar reden, aber er mochte nie. Was hätte er schon erzählen sollen? Bestimmt nichts, das wichtig wäre.
Senilius sprang nun durch seine kleine, aber beschauliche Burg um den Lehrling Augustin zu finden.
„Wo steckt er, dieser Tunichtgut? Ach, hätt' ich einen Fingerhut“, schrie er, dass die Wände wackelten. Wie gesagt, so geschehen. Auf den alten Zauberer fiel ein riesengroßer Fingerhut und sein Kopf blieb prompt darin stecken. Senilius schimpfte in seinen langen Bart. Nun war auch noch der Zauberhut geknickt, den hatte er erst kürzlich bügeln und steifen lassen.
Der Magier musste nach den vielen Jahrhunderten des Zauberertums zwanghaft reimen, doch das war nicht immer gut. Es konnten die eigenartigsten Sachen passieren.
Augustin, der durch das Gezeter seines Lehrmeisters - wie so oft - aus dem Bett gefallen war, stand benommen vom Fußboden auf. Gähnend schlüpfte er in die viel zu weite Robe, schlurfte in Pantoffeln über den abgewetzten Holzboden und ging geradewegs dorthin, von wo aus er das Meckern hörte. Vor der Tür seiner kleinen Kammer entdeckte Augustin Senilius, seinen Lehrmeister, der mit einem enormen Fingerhut auf dem Kopf hilflos im Kreis lief. Hurtig packte der Lehrling zu und zog und zerrte, bis mit einem Plong Senilius wieder befreit war. Augustin wunderte sich längst nicht mehr über solche Vorfälle. Er zuckte nur mit den Schultern und schlenderte in die Küche um Kakao zu kochen.
Kaum war er eingetreten, empfing ihn ein lautes Schnattern und Plappern. Die Teekanne stritt wieder einmal mit ihrem Pfeifendeckel, der immer alles besser zu wissen glaubte. Nun, er war ihr ja immerhin eine Nasenspitze voraus. Die Tassen diskutierten mit den Löffeln und die Sanduhr mit den Eiern. Ein ganz normaler Morgen in der Burg Wintereulenstein.
Wie üblich war der alte Zaubermeister seinem Lehrling schimpfend gefolgt: „ Du musst aufstehen zur Morgenstund', dir fleißig putzen Zahn und Mund! Du musst dir kämmen dein schwarzes Haar, musst lernen was heut' und vorgestern war! Du darfst nicht liegen auf der faulen Haut, wenn doch schon der Morgen graut!“
Augustin nickte nur und trank gemächlich die heiße Schokolade. Diese Sätze waren so alt und grau wie der Bart des Meisters. Kaum gehört, wurden sie auch schon wieder vergessen. Senilius hingegen blickte den Jungen grimmig an und wollte noch etwas sagen, aber der Reim fehlte.
Mit unverständlichem Gebrummel ging der Zauberer zurück in sein Labor. Hilmar, der Schild der Umkehrung und Rustin, das Schwert der Legenden wollte er noch einpacken. Es waren solche Dinge, die Helden immer mal gerne liegen ließen, wenn sie vor der Burg rasteten. Zwar wusste der Magier nicht wirklich etwas mit ihnen anzufangen, aber sie konnten durchaus einmal für etwas nützlich sein.
Nun war nur noch, wie es in der Notschriftrolle hieß, das Tor nach Damamunga zu öffnen. Diese Notschriftrolle hatte Senilius bei dem üblichen Mitternachtsspaziergang auf dem Dach erhalten. Sie war vom großen König Papasunga gekommen, dem Regenten Damamungas. Unverhofft hatte ihn der Holzzylinder, in dem das Papier steckte, am Hinterkopf erwischt. Der Treffer brachte Senilius eine zündende Idee, die aber gleich darauf wieder verschwunden war.
Neben dem dringenden Anliegen Papasungas stand auf der Rückseite der Rolle die Damamunga-Tor-Beschwörungsformel.
Nun war alles bereit für die Reise. So packte der Zauberer seinen Lehrling mit der rechten Hand am Ohr, während die linke Otto schleppte.
„Oh, du großer Papasunga, erhöre mich nun. Lass sich das Tor nach Damamunga auftun“.
Plötzlich fiel eine große Holztüre aus heiterem Himmel vor die beiden Zauberer und öffnete sich. Auf der anderen Seite sahen sie eine Lichtung inmitten des schönsten Waldes, den sich ein Mensch nur vorstellen konnte. Ein beherzter Schritt nach vorne und die Reisenden standen in Damamunga.
Augustin schaute erst einmal auf den Wegweiser, der einem Reisenden immer dann erschien, sobald sich das magische Tor wieder schloss und fragte: „Wo müssen wir eigentlich hin ... und was machen wir hier überhaupt ?“
„Müssen zum Schloss, mein Junge, fortan. Sei frohen Herzens, wie ein Wandersmann“, erwiderte Senilius hastig und eilte voraus. „Komm geschwind, es drängt die Zeit. Die Not ist groß, der Weg noch weit.“
Aus einem wolkenlosen Himmel schien die Sonne auf grüne Wiesen, die jedoch nicht eine einzige Blume zu bieten hatten. Vielleicht gab es deswegen auch keinen Schmetterling. In der Ferne konnten die Zauberer das Plätschern eines Flusses deutlich hören, doch kein Vogelgezwitscher aus dem nahen Wald.
„Wie wunderlich und gar nicht fein. Was mag dafür der Grund wohl sein?“ überlegte Senilius, während sie in Richtung eines Hügels liefen. Das Schloss auf der Kuppe war bereits zu erkennen. Es schien aus Gold und Silber zu bestehen.
Oben angekommen wurden Senilius und Augustin schon von König Papasunga erwartet. Sogleich erzählte er ihnen von den schrecklichen Ereignissen. Sämtliche Blumen, Vögel und vor allem die Schmetterlinge hätte der böse Sulunga gestohlen. Nun lagerte er sie in seiner finsteren Festung, damit nur er sich an der Schönheit und dem lieblichen Singen erfreuen konnte.
Dem großen Papasunga war das Herz so schwer, dass er einen wahren Bach aus bitteren Tränen weinte. Schluchzend erklärte er Senilius den Weg zur Feste, erwähnte auch alle Gefahren, die auf dem dunklen Weg den Reisenden auflauern mochten.
Unerschrocken brachen die Zauberer sofort auf. Nach kurzer Zeit wurde die Welt dunkler. Aus grüner Wiese wurde graue Erde, Bäume hatten keine Blätter. Außer dem Wind, der ein Klagelied anstimmte, war kein Laut zu vernehmen. Ein steiniger Weg führte hinauf zu Sulungas Festung. Monster waren den Reisenden jedoch nicht begegnet. Senilius und Augustin konnten ja nicht wissen, dass sich alle Ungeheuer im Streik befanden und zu Hause geblieben waren.
Sulunga hatte vergessen die Monster zu bezahlen, da ihn seine neuen Sachen zu sehr in ihren Bann gezogen hatten. Er wusste nicht einmal, welcher Tag gerade war. Verträumt roch er an den Blumen, zählte ihre Blätter und lauschte dem Singen der Vögel.
Als Magier und Schüler die Festung erreichten, blieben sie verwundert stehen. Die schweren Tore standen weit offen, alles schien verlassen zu sein. Sie betraten das Innere, kamen durch einen Speisesaal, in dessen Mitte ein langer, verstaubter Tisch stand. Einige Stühle lagen umgekippt auf dem Boden. In manchem Kerzenleuchter steckten brennende Kerzen, also musste hier doch jemand wohnen.
Senilius flüsterte: „Ordnung ist das halbe Leben, doch scheint es die hier nicht zu geben. Nur Sulunga mag da hausen, gehört er doch zu den Banausen.“
Auch Augustin blickte sich genau um und rief „Hallo-ho, ist jemand da, ist hier wer?“
Eine Antwort kam nicht. Augustin war mehr als erleichtert, denn dieses Gemäuer verursachte ihm Gänsehaut.
Plötzliches Poltern ließ die Eindringlinge aufschrecken. Es knarrte und rummste. Dann waren schwere Schritte zu hören. Wie versteinert stand der junge Zauberlehrling da und wagte nicht zu atmen. Senilius suchte in Otto aufgeregt nach etwas, das gegen Sulunga helfen könnte. Er blätterte hastig in alten Büchern und mischte zügig Zaubertränke.
Ein Schatten erschien, der immer größer und größer wurde. Augustin schnappte sich mutig den Schild und das Schwert. Seine Knie zitterten, das Herz sprang ihm beinahe aus dem Hemd. Schützend hielt er den Schild der Umkehrung vor sich und kniff die Augen zusammen. Sein Meister hingegen rannte hektisch im Kreis und wusste nicht, was er tun sollte. Alles, was er eingepackt hatte, erschien ihm nutzlos.
Da stand er nun, Sulunga. Ein gigantisches Wesen mit großen gelben Zähnen. Am gesamten Körper trug er zotteliges Fell und die roten Augen funkelten wütend. Senilius ließ vor Schreck alles fallen. Nur Augustin stand noch zitternd da und hielt den Schild nach oben.
Sulunga und das Licht der Kerzen spiegelten sich in der Oberfläche des Schildes, der zu glühen begann. Das Metall schimmerte plötzlich in allen Farben des Regenbogens.
Senilius wagte nicht hinzusehen. Jetzt war alles vorbei. Nun würden sie gefressen werden. Doch aus dem Schild kam ein merkwürdiger Strahl, der genau auf den tobenden Sulunga traf.
Ein Puff hallte durch den Saal. Danach herrschte Stille.
Keiner der beiden Magier traute sich hinzusehen, bis eine piepsige Stimme schrie: „Was habt ihr mit mir gemacht, ihr Scheusale?“
Zögernd nahm Augustin den Schild herunter und sah mit weit geöffneten Augen ein kleines blaues Etwas, das auf und ab sprang. Sulunga war nun nicht mehr gefährlich, er glich vielmehr einem klitzekleinen Fellknäuel mit großen braunen Augen.
In dieser Gestalt konnte er niemandem mehr schaden.
König Papasunga erhielt alles wieder zurück. Mit der Hilfe von einem mächtigen Zauberspruch Senilius‘ erschienen sämtliche Dinge wieder dort, wo sie hingehörten: „Schmetterling und Blümelein, sollt nicht mehr gefangen sein. Alles an den rechten Platz, so bleibt ihr Damamungas Schatz. Auch ihr Vögel kehrt nun heim, sollt wieder jedes Herz erfreu’n.“
Der verzauberte Sulunga wohnte fortan in einem alten Schuh des Königs inmitten der Blumenwiese. Dort durfte er tagein, tagaus an den Blüten schnuppern und war zum ersten Mal glücklich und zufrieden.
Nach einem großen Fest zu ihren Ehren, kehrten unsere Helden freudig zur Burg Wintereulenstein zurück. Seither wusste Senilius, wozu von Helden weggeworfene Dinge gut waren.

Letzte Aktualisierung: 17.06.2009 - 19.42 Uhr
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