'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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Juli 2009
Die Kiosktante
von Susanne Ruitenberg

Hannah parkte ihren Twingo, hievte die Kühlbox aus dem Kofferraum und betrat den Schulhof. Sie ließ ihren Blick schweifen. Alles voll Kinder. Sie wuselten kreuz und quer herum, kickten Bälle durch die Gegend, oder waren in ernste Gespräche vertieft. Wahrscheinlich über so wichtige Themen wie die letzte Folge von DSDS oder ob Miley mit oder ohne blonde Perücke besser aussieht. Abgehetzt wirkende Mütter und Väter in protzigen Geländewagen hielten im Minutentakt vor dem Hoftor, entließen ihre verwöhnten Blagen und brausten mit quietschenden Reifen davon. Hannah dachte an ihre eigene Kindheit zurück. Damals waren sie zu Fuß gegangen, einige Wochen begleitet von einem Erwachsenen, dann allein. Heute würden die am liebsten bis ins Klassenzimmer fahren. Die Krönung waren diejenigen, die ihre Köter dabei hatten. Die fuhren jetzt schnurstracks zum Wald, um zu joggen, das wusste sie aus sicherer Quelle.
Sie schloss den Kioskwagen auf und begann, Schinken und Käse in die Kühlschränke zu räumen. Die Brötchen würde der Bäcker gleich liefern, und dann müsste sie in Windeseile welche belegen, bevor die Kundschaft sie überfiel.
„Was machst du in Pias Kiosk?“, piepte eine Stimme.
Hannah beugte sich vor. Da stand ein Knirps mit einem Schulranzen, der drei Mal so groß war wie das ganze Kind. „Ich bin Pias Schwester und helfe heute aus. Pia ist krank.“
„Was hat sie denn?“
Wie erklärte man einem Siebenjährigen Schwangerschaftskotzeritis? Wusste überhaupt schon jemand an der Schule davon?
„Sie hat Bauchweh.“ Stimmte ja auch. Fast.
„Ach so. Das habe ich auch manchmal und dann darf ich im Bett bleiben und fernsehen. Darf Pia das auch?“
„Ich nehme es an.“
„Aber sie kommt doch wieder?“
Sie rollte die Augen. War der hartnäckig! „Ja, natürlich. Wahrscheinlich schon morgen.“ Zumindest hoffte Hannah das. Sie konnte sich als freiberufliche Graphikerin ihre Zeit zwar einteilen, aber das hieß nicht, dass sie Lust hatte, dauerhaft Grundschulkiddies zu füttern.
Der Knirps nickte. „Dann ist ja gut. Bis nachher.“ Er trottete endlich von dannen.
Bevor die Schulglocke läutete, hatte Hannah schon fünf Brötchen und mehrere Getränke verkauft. Jetzt hatte sie Ruhe bis zur Pause. Gerade wollte sie sich umdrehen, um die hintere Arbeitsfläche zu säubern, da stand auf einmal ein Junge vor ihr. Mann, ist der groß, dachte sie. Ging der überhaupt noch hier zur Schule? Oder war er so oft sitzen geblieben, dass er jetzt Jahre älter war als alle anderen? Ein hässliches Kind; bullig, Stiernacken, Schweinsäuglein und Stoppelschnitt. Genau der Typ, der kleinere Kinder terrorisiert. Wie sehr sie diese Schulhofrowdys hasste!
Er warf einen Euro auf die Theke. „Ein Schinkenbrötchen.“
Aha. Das Wort „bitte“ gehörte offenbar nicht zu seinem aktiven Wortschatz. Hannah überlegte, ob sie ihn darauf hinweisen sollte. Aber was ging sie die unerzogene Brut anderer Leute an? Wahrscheinlich das Produkt einer Alleinerziehenden, die ganztags arbeitet und sich nicht kümmert und das Blag hockt vor dem Fernseher. Sieht man ja schon daran, dass sie ihr Kind ohne Frühstück im Bauch in die Schule schickt.
Sie kassierte und händigte ein Brötchen aus. „Bitte sehr.“
„Danke.“
„Kevin, beeil dich, du kommst sonst zu spät“, rief eine Lehrerin, die mit raumgreifenden Schritten am Kiosk vorbei ging.
Er drehte sich um und sprintete hinter ihr her.
Hannah nickte. Klar, ein Kevin. Hätte sie sich denken können.

In der großen Pause wurde sie erwartungsgemäß bestürmt. Erst in den letzten Minuten flaute der Andrang ab. Hannah beobachtete das bunte Treiben und wünschte sich Ohropax herbei. Ah, da war ja auch Kevin. Er stand unter einem Baum, einen großen Umschlag und ein Heft in der Hand. Was war das? Nacheinander kamen Kinder bei ihm vorbei, griffen in die Hosentasche, warfen etwas in den Umschlag und unterschrieben im Heft. Das darf doch nicht wahr sein, dachte sie. Erpressung auf offenem Schulhof? Oder dealte er mit irgendwas? Wo war die Pausenaufsicht? Nicht zu sehen. Es läutete. Die Kinder strömten zum Eingang. Nur Kevin blieb stehen, verschloss sorgfältig den Umschlag. Kurz entschlossen verließ Hannah den Kiosk, eilte auf den Jungen zu und fasste ihn an der Schulter.
„He, was soll das?“
„Was tust du hier? Schutzgeld erpressen? Den anderen ihr Taschengeld abnehmen? Zeig das her.“
Sie riss ihm das Heft aus der Hand. Eine große, selbst gemachte Karte rutschte heraus und segelte zu Boden. Auf einer rosafarbenen Pappe war ein Klassenfoto aufgeklebt. Im Vordergrund sah man ein Mädchen im Rollstuhl. Sie lächelte, aber ihr ganzer Körper war verdreht, wie eine Puppe, die jemand auseinander gerissen und falsch zusammengesetzt hat. Rechts und links von ihr standen Kevin und ein anderer Junge; sie hatten ihre Hände auf die schmalen, schiefen Schultern des Mädchens gelegt.
In Großbuchstaben stand über dem Bild „Liebe Finja. Werde ganz ganz schnell wieder gesunt. Wir vermissen dich alle so schrekklich.“
Unter dem Bild hatten die Kinder unterschrieben, mit verschiedenen Farben. Zuoberst, mit dem gleichen Stift gemalt wie die Genesungswünsche, prangte der Namen „Kevin“.

Letzte Aktualisierung: 26.07.2009 - 23.59 Uhr
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