Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Juli 2009
Muskeln im Kopf
von Christian Rautmann

»Los! Du schaffst es! - Noch zwei! Noch eins! - Klasse!« Der Mann reckte die Faust in die Höhe und lachte. Dann half er dem anderen, die Langhantel in die Halterung zu legen.
»Danke, Johannes«, sagte der und stand von der Hantelbank auf. »Ohne deine Hilfe wäre ich bestimmt nie so weit gekommen.«
»Tja, es geht nichts über einen guten Trainer. In dieser Form wirst du bestimmt Deutscher Meister... - Moment mal, wer ist denn das?« Johannes Blick war zum Eingang des Fitnesscenters gewandert. Er pfiff durch die Zähne.
Paul folgte seinem Blick. An der Türe stand eine junge Frau, die sich Hilfe suchend umblickte. Sie mochte Ende zwanzig sein, hatte dunkle Haare, die ihr bis zu den Schultern reichten und trug einen pinkfarbenen Trainingsanzug. Paul vergaß für einen Moment zu atmen. Das war die schönste Frau, die er je gesehen hatte.
Johannes räusperte sich, straffte die Schultern und machte einen Schritt auf den Eingang zu. Doch Paul hielt ihn zurück. »Du musst noch trainieren. Ich kümmere mich inzwischen um die junge Dame.«
Er grinste den verdutzten Johannes an und ging hinüber.
Sie hieß Karin Weber, war erst kürzlich nach München gezogen und suchte nun ein Fitnesscenter für sich. Paul bot ihr an, sie herumzuführen und ihr alles zu erklären. Als sie losgingen, sah er kurz zu Johannes hinüber. Der trainierte gerade seine Beinmuskeln uns schaute grimmig zurück.
In der nächsten halben Stunde erklärte Paul Karin die Geräte, zeigte ihr die Räumlichkeiten und half ihr bei der Anmeldung.
»Unser Rundgang ist noch nicht ganz zu Ende. Du musst dir unbedingt noch die Bar ansehen.« Lächelnd schob ihr einen Hocker zurecht, auf dem sie Platz nahm.
»Arbeitest du schon lange hier?«, fragte Karin und goss sich von ihrem Mineralwasser ein.
Paul lachte. »Nein, ich komme nur oft hierher und gehöre inzwischen quasi zum Inventar. Im Moment trainiere ich für die Deutschen Bodybuilding-Meisterschaften. Ich bin sogar einer der Favoriten. - Pass mal auf!«
Er erhob sich, zog sein T-Shirt aus und begann seine zahlreichen Muskeln spielen zu lassen.
Schnell hatte sich ein Kreis aus Zuschauern gebildet. Bei jeder neuen Pose wurde gejohlt und Beifall geklatscht. Karin sah der Vorführung mit einer Mischung aus Verwunderung und Abscheu zu.
Eigentlich fand sie Paul mit seinem jungenhaften Charme und seinem eindeutig guten Aussehen durchaus attraktiv. Dieses dümmliche Muskelspiel aber war geradezu abstoßend. Er war eben doch auch nur so ein Kraftprotz, der seinen Körper trainierte, sein Hirn dabei aber vergaß. Ihre Prioritäten lagen da anders. Schließlich war sie Dr. jur. und hatte gerade eine Stelle in einer der besten Anwaltskanzleien von München angetreten.
Als Paul seine Vorführung beendet hatte, setzte er sich wieder neben sie. Mit einem Handtuch wischte er sich Schweiß von der Stirn.
»Na? Wie hat es dir gefallen?«
Um Zeit zu gewinnen trank Karin einen Schluck Wasser. Dann lächelte sie ihn unsicher an. »Ja. Also. Gut! Wirklich interessant. - Und dafür trainierst du die ganze Zeit?«
»Ja. Im Moment jeden Tag drei bis vier Stunden. Das muss schon sein. Ich habe mir extra Urlaub genommen.«
Karin nickte und stand auf. »Tja, leider muss ich jetzt gehen. Ich habe noch einiges zu tun.«
Paul erhob sich ebenfalls. Er sah ihr in die Augen. »Ich möchte dich wieder sehen!«
Karin hielt seinem Blick stand und nickt. »Klar, wir sehen uns bestimmt mal beim Training. Danke für Herumführen!« Sie nahm ihre Tasche und ging.

Am nächsten Morgen saß Karin gemütlich beim Frühstück und biss in ein Brötchen mit Erdbeermarmelade. Da klingelte das Telefon. »Mscht« sagte sie, schluckte den Bissen herunter und griff zum Hörer.
»Hallo, Karin. Hier ist Paul. Guten Morgen. Seine Stimme klang fröhlich.
Karin starrte auf den Hörer. »Wie…? Wo…? Woher hast du meine Nummer?«, stotterte sie.
»Einfach gute Connections. Du hast sie doch gestern bei deiner Anmeldung im Club hinterlassen.«
Karin dämmerte es. Natürlich! Dann wusste er vermutlich sogar, wo sie wohnte.
- Klasse! Wenn es dumm lief, dann hatte sie jetzt ein Hündchen mit dicken Muskeln, geblümten Hosen und wenig Hirn am Bein, das ihr nachlief. - Sie musste den Typ loswerden.
»Daher weiß ich auch, dass du Anwältin bist. Das finde ich besonders...«
»Pass mal auf«, unterbrach sie ihn. »Ich habe jetzt keine Zeit. Wir sehen uns vielleicht mal im Fitnesscenter. Tschüss.« Sie legte auf, schaltete den Anrufbeantworter an und goss sich einen Kaffee ein.
Eigentlich war Paul ja ganz nett. Und er sah auch gut aus. Karin gab es sich nur ungern zu: Sie stand auf Muskeln. Wenn diese Bodybuilder doch nur nicht immer so dumm wären! Sie ertappte sich dabei, wie sie von Paul träumend, im Kaffee rührte. Energisch legte sie den Löffel zur Seite.
Ein dummer Schönling, der den Tag damit zubrachte, Gewichte zu heben, aber wahrscheinlich noch nie ein vernünftiges Buch gelesen hatte. Mit so einem wollte sie nichts zu tun haben. Sie schüttelte den Kopf, räumte den Tisch ab und machte sich auf den Weg zur Arbeit.

In den folgenden Tagen versuchte Paul noch ein paar Mal, sich mit ihr zu verabreden. Doch Karin wimmelt ihn immer wieder mit einer Ausrede ab.
»Wann kapiert der Blödmann es denn endlich?«, murmelte sie und betrachtete kopfschüttelnd den Absender auf dem Umschlag, den sie gerade aus dem Briefkasten geholt hatte. - Ohne ihn zu öffnen, knüllte sie ihn zusammen und warf ihn in den Papierkorb.
Es klopfte an der Türe. Karin sah durch den Spion und schrak zurück.
»Das darf doch nicht wahr sein«, zischte sie. Dann atmete sie tief durch und öffnete die Türe.
»Hallo Karin!«, sagte Paul und reichte ihr ein rote Rose. »Entschuldige, dass ich so hartnäckig bin. Aber ich hoffe einfach, dass du mir doch eine Chance gibst.«
Karin schüttelte den Kopf. Er kapierte es einfach nicht. Sie musste wohl deutlicher werden.
»Pass mal auf, Paul.«, sagte sie und sah ihn genau an. »Versteh endlich, dass ich nichts von dir wissen will. Ruf mich also nicht mehr an und lass mich einfach in Ruhe! Klar?«
Sie zögerte kurz. Dann setzte sie mit lauterer Stimme dazu: »Ich habe studiert, bin Anwältin und lebe in einer Welt, in die so jemand wie du nicht passt. Bleib in deinem Fitnesscenter und werde von mir aus Deutsche Meister. Aber mich lass in Ruhe!«
Sie drückte ihm die Rose in die Hand, ließ ihn stehen und ging zurück in ihre Wohnung. Aufgewühlt, aber auch erleichtert stand sie in ihrem Flur, lehnte mit dem Rücken an der Türe und wartete. Es herrschte Stille. Ihr Herz hämmerte. Schließlich hörte sie Schritte. Sie blickte vorsichtig durch den Spion. - Er war gegangen.

Zwei Wochen waren vorüber und Paul hatte sich nicht mehr gemeldet. Karin hatte ihn weitgehend aus ihren Gedanken verdrängt und begann allmählich, sich in München einzuleben. Auch an ihrer neuen Arbeitsstelle kam sie gut zurecht.
»Kommst du heute mit zum Italiener?«, fragte Tanja, eine auf Strafrecht spezialisierte Kollegin, mit der Karin sich gut verstand. Lässig, wie es ihre Art war, hatte sie sich auf die Kante des Schreibtisches gesetzt und sah Karin dabei zu, wie sie sich durch einige Akten wühlte.
Karin seufzte. »Ja, gerne. Ich hatte heute noch keine Zeit zum Essen und habe ziemlichen Hunger.« Sie schob die Unterlagen zur Seite, schnappte ihre Handtasche und machte sich mit Tanja auf den Weg.

Die beiden hatten Glück und ergatterten einen kleinen Tisch in der Nähe der Türe zur Küche. Im `Da Bruno` war zur Mittagszeit immer sehr viel los.
»Hier gibt es die besten Spaghetti aglio olio, die du dir nur vorstellen kannst.«, sagte Tanja und reichte Karin die Speisekarte. Doch ihre Kollegin wirkte wie erstarrt und sah zum Eingang. Tanja folgte ihrem Blick.
Ein gut aussehender Mann hatte das Lokal betreten. Er trug einen dunkelgrauen Anzug mit passender Krawatte und machte wohl ebenfalls gerade Mittagspause. Sein Blick schweifte durch das Lokal auf der Suche nach einem Platz. Am Tisch von Karin und Tanja blieb er hängen.
»Oh, nein!«, sagte Karin leise und versuchte schnell in eine andere Richtung zu sehen. Aber es war schon zu spät. Der Mann stand bei ihnen am Tisch.
»Habe ich irgendetwas verpasst?«, grinste Tanja und sah Karin an, die allmählich ihre Fassung wieder gewann.
»Was machst du denn hier, Paul? Und dann auch noch in einem Anzug!«, sagte Karin.
Ihr Blick wanderte ungläubig an ihm herauf.
Tanja räusperte sich. »Hallo Paul. Ich sehe, du kennst unsere neue Kollegin schon.«
»Kollegin?«, sagte Karin lauter als sie beabsichtigt hatte und blickte abwechselnd Tanja und Paul an.
»Ja!«, sagte Paul. »Kollegin! Ich bin ebenfalls Anwalt und arbeite in der gleichen Kanzlei, wie du.«
Er zögerte einen Moment, dann lächelte er Karin an und sagte leise: »So verschieden sind unsere Welten doch gar nicht, oder?«

Letzte Aktualisierung: 22.07.2009 - 10.19 Uhr
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