Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Juli 2009
PS
von Angelika Gerber

Der Himmel strahlt in einem herrlichen Hellblau, keine Wolke weit und breit.
Oh doch, Verzeihung, zwei kleine, weiße Wattewölkchen erscheinen gerade am Horizont. Die Sonne leuchtet in einem satten Gelb, die Blumen blühen in bunter Pracht in den Gärten, unbeeindruckt in voller Pracht. Schwarze Vögel pfeifen in hellen, süßen Tönen vor sich hin. Was für eine Idylle.

Idylle? Dass ich nicht lache: Selbst wenn es keiner bemerkt, so geht es hier um Leben oder Tod!
Meine letzten Minuten sind angebrochen, die Uhr tickt laut und deutlich. Bei jedem Tick zucke ich zusammen, bei jedem Tack überlege ich, ob es noch eine Rettung für mich geben kann. Ich möchte nicht sterben, es ist zu früh, ich habe noch einen unerfüllten Wunsch!
In meiner Verzweiflung bleibt nur eine einzige Möglichkeit, ein letzter Versuch irgendetwas zu bewirken. Ich wende mich direkt an die Presse. Möchte alles über mein armseliges Leben erzählen, damit sich vielleicht jemand da draußen später an mich erinnert und sagt, der Fred hatte viel Pech, war aber ein feiner Zeitgenosse.
Schließlich bin ich an der Reihe: Bevor mich mein Schicksal ereilt, äußere ich meine Bitte. Mein Wunsch wird gewährt, die Worte beginnen aus mir herauszuströmen, denn mir bleibt wenig Zeit.

Gestatten: Fred … Fred Fiesta. Ja, ich bin ein Ford! Gebaut wurde ich in Köln. Von dort erfolgte meine Überführung nach München.
Mein erster Besitzer war ein Bayer namens Josef. Als wir zusammen vom Hof fuhren, habe ich laut gehupt vor Freude. Juchhu, endlich fahren, fahren, fahren.
Josef hatte den Führerschein druckfrisch in seiner Tasche. Ich hoffte, er würde mein Gaspedal bis zum Anschlag durchdrücken, die Drehzahl ins Unermessliche jagen und mit mir Kurven schneiden, Rennen fahren, rote Ampeln ignorieren, Berg und Tal erobern. Eben alles, wovon junge Autos und Männer so träumen.
Doch Josef hatte anderes mit mir vor. Gefahren sind wir nie besonders viel, schnell schon gar nicht, höchstens einmal 82 Stundenkilometer. Diese Minuten werde ich nie vergessen, ein Highlight auf meinem Tacho. Josef war ein grässlicher Fahrer, er hatte ganz andere Qualitäten.
Die meiste Zeit standen wir auf einsamen Parkplätzen herum. Josef knutschte mit der Tracy, der Ursel, der Maria, der Carlotta oder wie sie eben gerade hießen. Anschließend kam er schnell zur Sache. Im Sommer legte er sie oft auf meine Motorhaube, im Winter auf die hinteren Sitze, solange bis ich anfing zu wackeln. Das Ganze ging mir mächtig auf die Stoßdämpfer.
Einmal hatte Josef ein ganz junges Ding dabei, sie war höchstens vierzehn. Da musste ich eingreifen. Als er ihr den BH, den sie noch nicht brauchte, aufknöpfte und seine Hose herunterzog, löste ich die Handbremse und fuhr ein Stück die Straße hinunter.
“Jo mei, Hilfe“, rief da der Josef. Schnell betätigte ich die Bremse.
Er kippte um, sein bestes Teil knallte, hoch erregt, gegen meine Handbremse. Ich lachte mir eins im Kofferraum. Es hat Wochen gedauert, bis er wieder Frauen beglücken wollte.
Es war ein fürchterlich langweiliges Leben, das ich damals führte. Eines Tages hatte Josef sich ausgetobt. Er brachte eine feste Freundin mit zu mir. Sie fand mich zu klein und schrecklich hässlich! Ich war gekränkt.
Von wegen zu klein, da hätte der Josef aber einige Geschichten erzählen können, von Mädchen, die jauchzten vor Freude, wenn sie in meinem Innenraum kommen durften. Josef erzählte nichts. Kleinlaut ersetzte er mich durch einen popeligen BMW.
Der Abschied fiel mir nicht schwer. Ich bekam beim Händler sogar eine Wellness-Behandlung mit allem Pi Pa Po. Lack-Massage. Motorwäsche, Wachsbehandlung, Intensivreinigung. Die vielen Flecken auf meinen Sitzen wurden entfernt. Ich sah aus wie neu, mein gelber Lack strahlte.

Gespannt wartete ich auf den neuen Käufer, unterhielt mich auf dem Hof mit anderen Marken. Sie behaupteten alle, dass Frauen die schlechteren Fahrer sind. Ich wollte es nicht glauben. Als mich wieder ein Mann kaufte, war ich bitter enttäuscht.

Die ersten Kilometer mit dem Neuen waren für mich wunderschön. Wir fuhren auf der Autobahn 130 Stundenkilometer schnell. Bäume, Büsche, Straßenschilder flogen an uns vorbei, ich hatte das Gefühl, gleich abzuheben und zu fliegen wie der gute, alte Herbie.
Mein neuer Boss ließ mich an Brummis vorbeisausen, denen ich kurz im Vorbeifahren die Lichthupe zeigte. Ausgelassen brauste ich vor mich hin, schnurrte wohlig vor Vergnügen.
Dass mein Boss rauchte, störte mich nicht. Der Geruch machte mich nur irgendwie benommen. Die Spur zu halten, fiel uns beiden schwer. Ich öffnete hinten eines der Fenster, ohne dass er es bemerkte.
Mit jeder Zigarette wurde seine Lenkweise unsicherer. Ich versuchte die ruckartigen Lenkbewegungen auszugleichen, so gut es ging, aber es nützte nichts. Wir fielen auf!
Erst als die Sirene ertönte, erwachte mein Käufer aus seiner Lethargie und murmelte die ersten Worte: “Ej Fred, jetzt ist es aus.“
Es war das erste Mal, dass ich meinen Namen hörte. Er warf die Zigarette aus dem Fenster, kramte nervös in meinem Handschuhfach und holte eine kleine Tüte heraus, den Inhalt schluckte er hinunter.
Er bekam sogleich einen Würgeanfall, riss das Lenkrad abrupt nach rechts. Wir blieben auf dem Standstreifen stehen. Das Tatü-Tata kam immer näher, mein Boss würgte und würgte. Ich hatte Angst um meine Sitze, um mein neues Leben.
Die Polizei bremste direkt hinter mir, die Türen wurden aufgerissen und zwei Beamte stürzten auf uns zu. Mit vorgehaltener Pistole rissen sie den Boss von meinem Sitz und er kotzte ihnen den Inhalt der Tüte vor die Füße. Das war unser letzter gemeinsamer Augenblick.

Mein Kilometerstand betrug damals lächerliche 3578 Kilometer, ich war vier Jahre jung.

Tom holte mich aus dem miefigen Innenhof, auf dem ich mir monatelang meine Continentals platt drückte. Er fuhr weit weg mit mir, brachte meinen Motor wieder zum Glühen. In mir wuchs die Hoffnung auf ein besseres Leben. Wir reisten gemütlich durch Frankreich. Ich gewöhnte mich an seine ruppige Art, mit meiner Schaltung umzugehen. Blieb ruhig, wenn er versehentlich das Gaspedal mit der Bremse verwechselte. Half ihm beim Ausweichen, wenn er den Abstand zu anderen Autos falsch einschätzte.
Unser Ziel war … PARIS! Weder ich noch Tom hatten eine Ahnung, was dies für ein Auto bedeuten konnte. So strahlten wir beide, mein Tommi und ich, als wir in die Stadt der Liebe einfuhren. Welch ein Abenteuer!
Dieses dauerte genau zehn Minuten. Niemals zuvor hatte ich so viele Autos gesehen, so viele Hupen gehört, noch nie stand ich so oft vor einem Zusammenprall. Ich verlor den Überblick, wusste nicht mehr, wohin ich fahren sollte, konnte keine Vorfahrtschilder erkennen, überließ mich ganz der Führung meines Fahrers. Tom hatte natürlich noch weniger Ahnung als ich. So passierte, was passieren musste: Wir fuhren auf. Meine Stoßstangen wurden von beiden Seiten kräftig demoliert, der hintere Kotflügel erlitt schwere Verletzungen. Von überall hörte man ein: O la la.
„Merci, mon Chérie“, murmelte ich wie in der Radiowerbung, die ich auswendig konnte.
Tom fluchte fürchterlich, schrie laut, ich sei eine alte Mistkarre, was mich mehr verletzte, als alle meine Dellen und Beulen. Er alleine war schuld an dem Unfall gewesen, ich verlor jegliche Sympathie für ihn.
Von da an machte ich ihm das Leben schwer. Verlor absichtlich Öl, fuhr in einen Nagel, ließ den Motor während der Fahrt ausgehen, öffnete das Dachfenster, wenn es regnete, schloss es wieder, damit er dachte, ich sei undicht. Der Einzige, der nicht ganz dicht war: Tom!
Es dauerte trotz meiner Bemühungen noch lange zwei Jahre, bis er mir einen neuen Besitzer suchte. Ich drückte ganz fest die Reifen, dass eine weibliche Person mich kaufen würde. Eine mit viel Gefühl, die mich sanft bis zur Hochgeschwindigkeit beschleunigen würde, mich auf Touren brachte, ohne mich zu verletzen, und mich schätzte als zuverlässiges Auto. Eine, die mich mit ihren Händen streichelte, mir einen schönen, weichen Namen gab.

Doch wie so oft meinte das Leben es auch diesmal nicht gut mit mir.
Der Neue war wieder ein Mann, ein Greis dazu. Hans-Peter war 76 Jahre alt, ein echter Sonntagsfahrer. Als er mir, an unserem ersten Tag, eine Klopapierrolle mit gehäckeltem Bezug auf die hintere Ablage stellte, wurde mir schlecht.
Die ganze Woche stand ich in seiner Garage, schaute aus dem Fenster, beobachtete die entzückenden Vögel, die zum Glück nicht auf meine Motorhaube scheißen konnten. An besonders spannenden Tagen sah ich zum Beispiel eine Katze, die einen Vogel fraß, was mich sehr erfreute.
Sonntags fuhren wir beide endlich aus der Garage raus in die weite Welt. Der Hape wagte sich ab und an auch an höhere Geschwindigkeiten. So weiß ich noch, wie wir einmal mit 56 Stundenkilometern über die Landstraße bretterten. Alle hupten vor Neid. Ach ja, ich hatte Hape wirklich gern, aber Autos sind nun mal zum Fahren da, nicht zum Rumstehen.
Mit 80 Jahren erlitt mein Herrchen einen Herzinfarkt. Gerade, als er die Garage öffnete und ich mich schon freute, dass wir endlich losdüsen würden, sackte er in sich zusammen.
Seine Verwandtschaft hatte nichts Besseres zu tun als mich los zu werden. Abwrackprämie, hörte ich sie murmeln, ich wusste gleich, dass es nichts Gutes bedeutete.
Mein Kilometerstand 27699. Alter: Neun Jahre.

Hier stehe ich nun, liebe Schrottpresse! Gleich willst du mich zermalmen, hinter mir warten Hunderte von Autos auf ihr erbärmliches Schicksal. Eines ist für dich wie das andere. Aber ich bin Fred, hörst du!
Ich bitte dich, hilf einem Ford, der nie einen guten Fahrer erleben durfte. Gib mir die Chance, einmal in meinem Leben von einer Frau gefahren zu werden, damit ich vergleichen kann.

Die Presse begnadigte mich unter der Bedingung, dass ich freiwillig zurück käme, wenn ich feststellte, dass Frauen wirklich die schlechteren Fahrer sind. Ich versprach es … bei meinem Motor.

Corinna kaufte mich für einen Schrottpreis. Es folgte die beste Zeit in meinem Leben. Es gab keinerlei Zweifel : Frauen können eindeutig besser fahren. Die Sache mit dem Einparken hingegen ist eine andere Geschichte.

Letzte Aktualisierung: 21.07.2009 - 09.26 Uhr
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