Ganz schön bissig ...
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Juli 2009
Weiber und andere Katastrophen
von Ingrid Gertz

Giesela sreckt mir zur Begrüßung ihren Hintern entgegen. „Guck mal, ganz neu!“, freut sie sich, wippt kokett hin und her und lüpft dabei ihr Shirt, damit mir das „Rifle“-Schild am Hosenbund auch ja nicht entgeht. Mein Neid hält sich in Grenzen, hab andere Sorgen, Obstkuchen für zwei Kindergeburtstage, zum Beispiel.
„Gieselchen, du wirst's nicht glauben, aber ich seh dich lieber von vorne. Komm rein, Kaffee ist schon fertig“, lotse ich meine Freundin in die Wohnung, bevor ihre gesäßwackelnden Begeisterungsstürme das ganze Haus rebellisch machen. Hier im Flur hört jeder einfach alles, und wenn man morgens im Treppenhaus niest, wünscht die ganze Nachbarschaft tagelang Gesundheit.
„Neue Jeans, schau an, schau an!“ Ein wenig muss ich Gieselas Neuerwerbung nun doch bereden, sonst ist sie eingeschnappt, ich kenn sie doch.
„Da hat sich deine Berlin – Dienstreise ja richtig gelohnt.“ Während Giesela den Kaffeetisch ansteuert, taxiere ich neugierig – na gut, weniger neu, als gierig – den mitgebrachten Beutel, welcher erfreulich ausgebeult, ergo gut beladen, der Schwerkraft Tribut zollt und mächtig gen Boden zieht.
„Haste denn Pfirsiche bekommen?“ Im Angesicht meiner beutelschleppenden Freundin ist das eine überflüssige Frage. Sauerkrautkonserven wird sie mir sicher nicht hinterhertragen. Außerdem ist es ungeschriebenes Gesetz und dazu noch Ehrensache für alle, die bei der Kombinatsleitung antreten müssen, dass neben dem dienstlichen Pipapo, soweit möglich, auch die Einkaufslisten von Kollegen und Freunden berücksichtigt werden. Berlin ist schließlich das republikgebundene Konsum – Mekka. Was es dort nicht gibt, sucht man landauf, landab vergebens.
Das ist schon immer so, soweit ich zurückdenken kann. Und die Erklärungen dafür, dass es hier in der Provinz immer etwas gibt, was es nicht gibt, die sind vielfältig. Sie reichen von logistischen Unwägbarkeiten, ausgelöst durch die vier Feinde des Sozialismus – Frühling, Sommer, Herbst und Winter –, bis hin zu dem Verdacht, es müsse an allerhöchster Stelle ein paar Kompetenzprobleme geben.
Und weil man sich natürlich Gedanken macht, immer, um das Wohl und Wehe übergeordneter Instanzen und deren Treiben zu verstehen sucht, deshalb kursiert hier, in bibelunbelesenen Gefilden auch eine ganz eigene Version der Schöpfungsgeschichte:

Nachdem der liebe Gott die Welt erschaffen hatte, verteilte er als Abschluss und Sahnehäubchen seiner Bastelei auch materielle Segnungen. Auf dass seine Geschöpfe ein bescheidenes Auskommen oder auch Einkommen, so genau ist die mündliche Überlieferung da nicht, hätten und nur frohlockend zu ihm aufschauten.
Unendlichkeiten, nicht messbare Zeiten des Schraubens, Kleisterns und Zurechtrückens – von wegen sechs Tage! –, aufopferungsvolles Geben und Verteilen lagen hinter ihm. Und er freute sich eigentlich nur noch darauf, das Treiben auf seinem zusammengezimmerten Modellbausatz untätig entspannt genießen zu können. Da gewahrte der Alte ein Fleckchen Erde, welches, wohl weil die Anrufungen an seine Person von dort her nur dünn und spärlich zu ihm drangen, überhaupt nicht auf seiner Verteilerliste stand.
„Ach, das geht aber nun doch nicht, nein, nein“, brummelte der liebe Gott vor sich hin, griff zum Ausgleich für seine Schusseligkeit richtig tief in die Kontingentkiste und nahm sich vor, diesen bislang gottvergessenen Landstrich göttlich zu bedenken.
Gerade ersann er, die hohle Hand gefüllt mit Wohltaten der obersten Kategorie, ein Raster, um seinen Gottessegen gleichmäßig und gerecht zu verteilen.
Da rief ihn seine Frau schon ein drittes Mal zum Essen.
„Mein Gott, komm schon, die Klöße werden kalt! Und denk nicht, dass ich dein Götterspeise – Dessert ewig vor den Kindern beschütze!“
Auch als Chef des Universums konnte der Herr diese liebreizende Aufforderung nicht mehr ignorieren. Stimmlage und Ton seiner Angetrauten waren stufenlos von lockenden Säuseleien hin zum Feldweibeljargon mutiert.
„Und mach dir die Hände sauber und schlepp nicht den ganzen Dreck aus dem Hobbykeller in die Wohnung!“
Alarmstufe Rot! Jetzt war er aber doch in Eile. Wenn sein Weib so richtig wütend wurde, sie in seinem Refugium nicht mehr nur akustisch, sondern körperlich präsent würde, dann hätt sich's mit dem neuen blauen Biotop. Mit einem Wisch wär alles weg. Und er müsste schon wieder von vorne anfangen. Mit einer Hand betätigte Gott die Taste auf der Gegensprechanlage
„Bin in einer Minute oben, Schatzi!“, während er mit der anderen seine Gaben direkt mittig auf Berlin pfefferte. Drei oder vier, vielleicht sogar fünf Wohltatskrümel blieben an seinem hart erarbeiteten Handschweiß kleben. Die strüffelte der alte Mann achtlos im weiteren Umfeld der Hauptstadt ab. Nach Tisch, so beschloss Gott, würde er das schon wieder richten.
Seither ziehen Karawanen von Dienstreisenden mit langen Einkaufslisten durch Spree - Athen. Tonnenweise verschleppen sie Büchsenware, Paprikaschoten und Apfelsinen ins Hinterland und beten um ein baldiges Ende der göttlichen Mittagspause.


„Klar hab ich Pfirsiche.“ Giesela stellt sogar drei Büchsen auf den Tisch. „Und zwei Kompasse für deine Stifter dazu!“
„Kompasse? Für die Kinder?“
„Ja doch“, grinst Giesela und kramt noch zwei Bananen aus ihrem Beutel. „Damit kannste, aber nur in Berlin, die Himmelsrichtung bestimmen“, kichert sie. „Musste bloß auf die Mauer legen. Da, wo die Dinger dann angefressen sind, ist Osten.“
Jetzt lachen wir beide. Und Giesela packt ihre gelben Scheußlichkeiten wieder ein. Die hat sie nur für die Bebilderung ihres neuesten Kalauers gebraucht.
Auch wenn's nicht zu glauben ist: Wir mögen gar keine Bananen.

Letzte Aktualisierung: 26.07.2009 - 11.41 Uhr
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