Mainhattan Moments
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Juli 2009
Nomen est Omen?
von Barbara Hennermann

Sie hörte auf den klangvollen Namen Aurelia. Ihre Mutter, spätgebärende Oberstudienrätin für Latein und Geschichte, hatte diesen Namen für sie mit Liebe und Bedacht ausgesucht. Aurelia, die Goldene. Vergolden sollte diese späte und sehnlich erwartete Frucht ihres Leibes das mütterliche Dasein, golden ihr eigener Lebensweg strahlen.
Das Kind boykottierte diese schöne Vorstellung von Anfang an. Aurelia hatte tiefschwarze Haare, schielte und behielt den ersten Schrei als begleitende Maßnahme ihrer Säuglingszeit korrekt bei. Weder Füttern, Trockenlegen und Wiegen auf dem Arm, noch Herumtragen oder gutes Zureden ließen sie von dem einmal eingeschlagenen Pfad abweichen. Sie schrie sich bis zu ihrem ersten Geburtstag durch, ohne dabei auch nur ansatzweise heiser geworden zu sein.
Ihre Mutter steckte das Geschrei weniger leicht weg und konnte nur noch mit steigenden Dosen beruhigender Medikamente die Aufzucht ihrer Tochter bewerkstelligen, zumal der leibliche Vater des Kindes sich wenige Monate nach dessen Geburt entnervt aus dem Staube gemacht hatte.
Aus unerklärlichen Gründen, die keine der aufgesuchten medizinischen Koryphäen nachvollziehen konnte, hörte das Kind am Tag der Wiederkehr seiner Geburt mit dem Schreien auf und versank dafür in abgrundtiefes Schweigen. Kein Lachen, Lallen oder auch nur Gurgeln kam mehr über seine Lippen. Gespenstische Stille. Es aß, trank, wuchs, lernte laufen – und schwieg.

Leider erfüllte Aurelia auch optisch keineswegs die Voraussetzungen ihrer Namensgebung. Die schwarzen, struppigen Haare standen von ihrem kantigen Kopf ab, das Schielen vertiefte sich, der kleine Körper blieb plump und ungelenk.
„Liebe Frau Sägmüller, Sie müssen Geduld haben“, sprachen die Halbgötter in Weiß, die Aurelias Mutter in ihrer Verzweiflung zuhauf um Rat befragte. „Lassen Sie dem Kind Zeit, das wird sich schon alles noch von alleine geben!“

An ihrem fünften Geburtstag brach Aurelia ihr Schweigen. Als ihre Mutter ihr den mit heißem Grießbrei gefüllten Teller hinstellte, sah sie diese an und sprach deutlich und klar ihren ersten Satz: „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ Der Mutter rutschte der Teller vor Überraschung aus der Hand, der Brei floss über den Tisch und das erstaunliche Kind sprach seinen zweiten Satz: „Übung macht den Meister.“ Die Mutter erstarrte. Das konnte doch nicht wahr sein? Da gab Aurelia eine weitere Botschaft von sich: „Müßiggang ist aller Laster Anfang.“ Völlig verwirrt eilte die Mutter, einen Lappen zum Aufwischen zu holen. Hinter ihr schwirrten die Worte „Eile mit Weile!“ her.
Es war unfassbar! Das Kind sprach! In vollständigen Sätzen!
„Fallen ist menschlich, liegen bleiben teuflisch.“
Sicher, es sprach. In vollständigen Sätzen. Aber in was für welchen …!
Jeder Satz ein Sprichwort. Jeder Satz eine Botschaft. Jeder Satz ein Klischee.
Dabei blieb es.

Die Mutter begann, sich nach den Zeiten der Stille, ja sogar den Zeiten des ununterbrochenen Gebrülls zurückzusehnen. Alles, alles war besser als diese ständigen klugen Sprüche!
Die Arztrechnungen wuchsen ins Unermessliche, die Krankenkasse schickte Mahnschreiben, da die doppelten Behandlungskosten für Aurelia und ihre Mutter alle berechenbaren Dimensionen zu sprengen drohten. Eine Einweisung in die Psychiatrie war unausweichlich.
Aurelia kam auf die Kinderstation. Sie bombardierte die kleinen Mitpatienten mit Sprichwörtern. Unruhe machte sich breit. Die Kinder gackerten: „Aurelia Sägmüller, hähä. Du spinnst wohl!“ Und Aurelia konterte: „Wer zuletzt lacht, lacht am besten.“„ Faule Hunde reiten auf dem Arsch, wenn sie jagen wollen.“„Umsonst ist der Tod, aber er kostet das Leben.“
Der Krankenstand des medizinischen Personals stieg sprunghaft an. Es kristallisierte sich heraus, dass dem Kind hier nicht geholfen werden konnte. Schlimmer noch – dass es die Station übermäßig strapazierte. Man verlegte sie auf die Erwachsenenstation. Geschlossene Abteilung. Zu den schweren Fällen von Paranoia und Demenz.

„Der Mensch denkt, Gott lenkt.“
Ehrfürchtiges Schweigen. Aurelia saß in einem Kreis erwachsener Menschen, die dem Leben nach Normalvorstellung nicht gewachsen waren. „Gäb´ es keine Narren, so gäb´ es keine Weisen.“ Brausender Beifall. „Der Weg ist das Ziel.“ Der Beifall steigerte sich zum Crescendo. „Jeder Topf findet sein Deckelchen.“ Trampeln und Bravorufe.
Nur mit Mühe konnten die Patienten bewegt werden, sich zum Mittagessen zu begeben. Sprechchöre. „Au-re-li-a. Au-re-li-a.“

Die Mediziner standen fassungslos. Ein Rätsel in der Medizingeschichte. Aurelia, Guru der Verständnislosen? Der Ver-rückten? Der Geistes-gestörten?
„Geben ist seliger denn Nehmen.“
„Vereint sind auch die Schwachen mächtig.“
Der Krankenstand des medizinischen Personals sank weit unter bisher bekannte Marken.
Die schweren Fälle von Paranoia und Demenz verbesserten ihren Zustand sichtlich. Entlassungen wurden wahrscheinlicher. Ruhe kehrte ein auf der geschlossenen Abteilung. Die Gabe schwerer Psychopharmaka konnte erheblich eingeschränkt werden.

„Nomen est Omen.“
Aurelia änderte ihren Namen in Angelina.
Ihre Mutter verstarb im goldenen Oktober an einem Herzkollaps, aber mit einem Lächeln auf den Lippen.
„Die Zeit heilt alle Wunden.“
„Ende gut, alles gut.“

Letzte Aktualisierung: 15.07.2009 - 00.11 Uhr
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