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Juli 2009
Blutlos
von Sylvia Seelert

Die Sonne lag über dem Dortmund-Ems-Kanal im Sterben. Rot wälzte sie sich auf den Wolkenkissen und glühte noch im Wasser nach, durch das ein Schiff langsam glitt. Wellen schlugen gegen das Ufer, an dem eine Weide schlief.
„Blut ist dicker als Wasser!“
Harry reichte mir sein Messer und ich ritzte mir ebenso wie er die Haut. Ich umarmte meinen Bruder. Sein Schnurrbart kitzelte im Gesicht.
„Vergiss mich nicht!“, flehte ich ihn an.
Er ging fort und die kleine Schwester trauerte.
„Kleine Sybille. So viel Wärme, immer nur sanfte Berührung.“
Er lächelte und hielt meine Hand. Er, der, wie unser Vater zuvor, nicht berührt worden war von Unschuld, wurde nun ganz weich. Seine Augen glänzten.
„Ich bin nicht aus der Welt. Nur zu Hause, da kann ich jetzt nicht mehr sein. Ich gründe eine eigene Familie.“
Der Wind murmelte in den Weißdornbüschen entlang des Ufers und übertönte mein leises Seufzen. Ich wollte ihn nicht mehr loslassen. Die Klette, so lachte er mich manchmal aus. Wehrte sich jedoch nicht dagegen.
Wolken türmten sich am Horizont auf. Es donnerte in der Ferne.
„Lass uns gehen, bevor das Gewitter losbricht.“
Er schnappte meine Hand und zog mich vom Kanal fort, lachend liefen wir die Böschung hinauf zu seinem Kadett. Erste Regentropfen spritzten gegen die Windschutzscheibe, als wir von unserem Ausflug zurück nach Hause brausten.
Zwei Tage später zog er aus. Stundenlang lag ich in seinem leeren Zimmer, blickte auf kahle Wände und zerknüllte Prospekte von HiFi-Anlagen und Möbeln, die er zurückgelassen hatte.
Viel Wasser floss durch den Kanal und die Weide brach im Sturm. Ich hörte nichts mehr von Harry. Dann wurde Vater krank. Ich musste ihn gehen lassen und wurde darüber erwachsen. Als er starb, kehrte mein Bruder zurück.
„Ich habe dich nicht vergessen, Schwesterlein.“
Die Haselnussaugen blickten stumpf. Die Zeit hatte harte Linien in sein Gesicht gemalt.
„Ich will den Teil, der mir zusteht!“
Mir stockte das Blut in den Adern.
„Das Haus, das Barvermögen, die Münzsammlung, Fahrzeuge. An allem will ich meinen Anteil ausgezahlt haben. Das Haus ist in einem guten Zustand und befindet sich in sehr guter Lage. Ich habe selbst die elektrische Anlage neu installiert. Und mit Verlaub, ich als Elektromeister, kann diesen Punkt sehr gut beurteilen.“
Mein Anwalt rümpfte seine Geiernase, wiegte den grau bekränzten Kopf bedächtig hin und her. Er sprach für mich, weil mir nicht mehr viele Worte geblieben waren.
„Elektromeister?“
Der rechte Mundwinkel des Anwalts schob sich nach oben.
„Das mögen Sie jetzt sein. Doch die elektrische Anlage wurde vor über 25 Jahren von Ihnen in Teilen neu installiert. Und da waren Sie gerade erst einmal mit der Lehre fertig. Und mit Verlaub …“
Der Anwalt beugte sich leicht vor.
„… bis heute ist es ein Rätsel, welche Sicherung zu welchem Anschluss gehört.“
Harrys Gesicht blähte sich zu enormer Größe auf.
„Des Weiteren …“, fuhr der Anwalt in einem Ton fort, der keine Unterbrechung duldete. „…besteht die Münzsammlung aus 50 Numisbriefen, die einen geschätzten Verkaufswert von 500 Euro haben. Meine Mandantin hat die Sammlung katalogisiert.“
Er schob der gegnerischen Partei eine Liste über den Tisch zu.
„Außerdem ist es an den Haaren herbeigezogen, von einem Haus in sehr guter Lage und Zustand zu reden. Der amtlich festgelegte Bodenrichtwert – den Sie im Übrigen im Internet selber hätten recherchieren können – ist ein Indiz für eine mittlere Wohnlage. Das Dach ist renovierungsbedürftig und das Haus ist nicht nach den neusten Richtlinien gedämmt. Die Heizkörper sind über dreißig Jahre alt.“
Der Anwalt klopfte mit dem Finger dreimal auf seine Mappe.
„Und ich weiß auch nicht, welchen großen Fahrzeugpark Sie bei meiner Mandantin vermuten. Es existiert ein sechs Jahre alter Nissan Almera mit einem geschätzten Wert von 3.000 Euro. Sie sollten endlich anfangen, die Situation realistisch einzuschätzen, und unser Angebot annehmen.“
Kleine Äderchen durchzogen das Weiß in Harrys Augen. Sein Mund war ein schmaler Strich, aus dem alles Blut gewichen war. Sein selbstgerechter Zorn schwebte wie eine Krone über seinem staubig gewordenen Haupt. Eine Überheblichkeit, die mir ebenso ein Rätsel war wie die seltsam angeordneten Sicherungen in dem Kasten, den er vor so langer Zeit eingerichtet hatte. Wenn ich einen Schalter umlegte, so war es eine Überraschung, wo der Strom tatsächlich floss und wo nicht. Aber vielleicht lag gerade darin das Geheimnis des Lebens.
Was auch immer geschehen war, welcher Zorn ihn antrieb, er hatte letztendlich den Hammer geschwungen und die Brücke hinter sich zerstört. Weder mein Vater noch ich konnten ihn danach je wieder erreichen. Und ich musste erleben, wie Vater zum ersten und einzigen Mal weinte.
Ich tastete nach der Narbe an meinem Handgelenk und konnte sie nicht mehr spüren.
„Du bist blutlos!“
Langsam stand ich auf.
„Wer immer du auch bist. Mein Bruder jedenfalls nicht.“
Und ich ging. Sollte er seinen Anteil ausgezahlt bekommen. Eine Familie erhielt er dafür nicht.

Letzte Aktualisierung: 24.07.2009 - 23.00 Uhr
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