Schreib-Lust Print
Schreib-Lust Print
Unsere Literaturzeitschrift Schreib-Lust Print bietet die neun besten Geschichten eines jeden Quartals aus unserem Mitmachprojekt. Dazu Kolumnen, Infos, Reportagen und ...
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Marika Bergmann IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Juli 2009
Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit
von Marika Bergmann



Es war einmal ...

... ein Karl. Er war ein Mode-Zar. Starr wie sein Steiff-Double. Ein Wahnsinniger – eitel, gleichgültig und machthungrig.

Und so klang er:
„Du bist schön und blond. Ich mag dich. Ich werde dich kaufen und in meiner Tasche mit mir herumtragen. So! Schon habe ich dich gekauft. In der Modewelt bin ich der Champagner und du die eingeschlossene aufsteigende Luft in den Bläschen. Schau dir die jämmerlichen Gestalten um dich herum an. Sie sind blass vor Neid auf uns und meine Tasche mit dir drin. Die sind so eifersüchtig, wären sie König, wollten sie Kaiser sein. Aber ich bin Gott.“

Und da war Jaques, zum besseren Verständnis auch "Der schlafende Jacob" genannt.
Jaques wäre am liebsten Pianist geworden, aber das war unmöglich, weil ihm Karl, um die störende Lärmquelle aus dem Nachbarhaus auszuschalten, immer mal auf die linke Hand trat – einfach so.

Ach ja, da waren noch die Anderen, die sich den Schuh anzogen und die Kleider trugen.

Jetzt beginnt die Geschichte:

Tagträume eines Coiffeurs

Wir schreiben den 9. September des Jahres 2010.
Heute ist Jahrestag, Jahrestag einer Revolution zurück zu den Tugenden meiner Ahnen.

Mein Name ist Jaques, ich lebe in Paris und frisiere die schönsten Frauen der Welt. Wenn ich aus den großen Fenstern meines Salons blicke, sehe ich direkt auf die stählernen Träger des Tour Eiffel. Durch das graue Tuch der vergangenen Nacht dringt der Schall der Glocke von Notre Dame in meinen Salon. Lasse die Schenkel meines Werkzeugs behutsam im Takt der Glocke schwingen. Die silbernen Klingen gleiten durch vollkommenes Gold. Meine Hand führt den Dirigentenstab. Ich liebe Frauenhaar. Es ist wie eine Droge. Die Schwingen meines Instruments kreuzen das seidige Geschmeide einer Göttin. Ich führe aus. Das Konzert ist eröffnet. Ein kleiner Widerstand, jetzt gleiten die Spitzen der blonden Pracht zu Boden – Engelsschwingen gleich. Sie lächelt mir im Spiegel zu. Es folgt ein Andante, dann ein Allegretto. Ein Rausch. Freude schöner Götterfunken durchströmt meine Gedanken. Göttlich – aus meiner Hand. Meine Hände ertasten die kleinsten Wirbel. Lenke. Fühle. Schneide. Ich liebe Blondinen. Sie sind Engel.

„Jaques, alles okay?“ Claudia sieht mich fragend an.
„Alles bestens.“ Taste mich weiter durch ein goldenes Vlies.


Claudia diente Karl seit vielen Jahren. Diesem Schurken. Er schmeichelt ihr im ersten Teil eines Satzes und im Anschluss lässt er sie fallen wie ein voll gerotztes Taschentuch.

Ich kenne Karl noch aus Hamburg. Er war nicht immer so. Als wir Kinder waren, liebten wir es, uns Tagträumen hinzugeben, wir reisten in Gedanken. Stellten uns vor, wie wir die Welt um uns herum verändern könnten. Studierten die Nibelungen-Saga und fühlten uns unverwundbar. Karl litt unter dem Zwang, sein Dasein als Kind abstreifen zu wollen wie ein Kleidungsstück. Er zeichnete auch früher unentwegt und schuf seine eigene Welt.

Vor zwei Jahren erzählte er mir von seiner Vision. Er würde ein altes Klischee außer Kraft setzen."Grey" sollte sein Schaffenswerk krönen. Er würde der Welt beweisen, dass er es mit jedem aufnehmen kann. Gott sollte ihm nicht länger im Wege stehen. Ihm sei jetzt jegliches Mittel recht, der ganzen Welt zu zeigen, wer er war. Seine Modeskizzen waren beeindruckend. Karl nahm von Monat zu Monat ab. Kaum Silhouette, stand er vor mir wie eine grade Linie – der Zeiger einer Uhr.

Sehe mein Spiegelbild neben dem eines unschuldigen Engels. Claudia, meine Göttin.

Es sollte in der Nacht des 09.09.09 geschehen. Die Tinktur würde sein Werk vollenden. Ein monströser Event des Grauens wird in die Geschichte eingehen. "Grey" – das Hirngespinst eines Irren. Karl war mit den Jahren fanatisch und unbarmherzig geworden. Es sollte allein über die Kopfhaut der schönen blonden Frauen wirken. Die Tinktur war auf jedes Mannequin abgestimmt. Er hat es über eine genetische Probe vom Haar in den Staaten anfertigen lassen. Das Geld verschaffte Karl viel Einfluss und immer mehr Untertanen. Einmal in seine Ungnade gefallen, müsste man sich auf den Mond schießen lassen, um seiner krankhaften Rachsucht nicht zum Opfer zu fallen. Und selbst dort, an diesem entlegenen Ort, hätte er noch Möglichkeiten gefunden. Die mächtigsten Männer dieser Erde waren ihm hörig – wurden, aus Angst vor einer Niederlage, zu Marionetten eines Wahnsinnigen.

Nein! Das durfte nicht sein. Die große Gala im Spiegelsaal des Louvre. "Grey", zu den Gästen gehörte alles, was Rang und Namen in Politik und Wirtschaft hatte – Karl als der Zeiger einer Sonnenuhr, angestrahlt wie ein Sonnenkönig vor der Masse. Er wird seinen Schatten auf die einst schönsten Frauen der Welt werfen. Begleitet von den Klängen der neunten Sinfonie Beethovens. Alle Menschen werden Brüder ... – am Höhepunkt angelangt, Karl im kosmischen Mittelpunkt. Ein Irrer im Streben nach Unsterblichkeit ... die Macht des Schöpfers zum Ziel.

Claudia sieht mich fragend an. „Jaques, wo bist du mit deinen Gedanken?“
„Entschuldige, mein Engel.“


Sie würden vor der großen Zurschaustellung ihrer Verwandlung abgeschirmt. Die Presse sollte von ihnen fern gehalten werden. Jede für sich, isoliert. Die letzte Order am siebten Tag im September würde lauten: Ruhe und Abgeschiedenheit in einem Kloster am Rande von Paris. Sie gehorchten ihm seit Jahren, aus Angst in seine göttliche Ungnade zu fallen. Keine Spiegel in den verschlossenen Kammern. Jede der schönen Frauen bekäme ihren vermeintlichen Trank – morgens, mittags und abends. Sie würden gehorchen. Die morgendliche Chemie den Körper leicht lähmen, die Nerven vor der Verwandlung aufnahmefähig machen und das Immunsystem des Körpers lahm legen. Das mittags verabreichte Mittel den Alterungsprozess beschleunigen. Abends, ein komatöser Zustand. Der Wandel und die damit verbundenen Schmerzen würden ausgeschaltet. Die einst so Schönen den nächsten Nachmittag komplett überschlafen. Kurz vor dem Event sollte den noch Schläfrigen in die Kleider geholfen werden und ihre Gesichter mit klaren Schwämmen abgetupft.

Der große Modezar befahl: Ihr Teint hat alle Zeichen von Frische zu verlieren. Transparenz und fahle Stumpfheit sind erwünscht. Das Haar soll über Nacht ergrauen und jeden Glanz verlieren. Was bleibt, hat GRAU zu sein.

Unvorstellbar, wozu dieser Geisteskranke fähig wäre, wenn ich funktioniert hätte. Es kam mir eigenartig vor, dass er mich bat, eine Haarsträhne Carlas für eine Tinktur vorzubereiten und als sie zum Termin auf Anraten von Karl eine Haarsträhne ihres kürzlich angetrauten Gatten mitbrachte, ging mir ein Licht auf. Sein Streben nach Macht hielt auch nicht an bei der politischen Führungsetage Frankreichs. Ich entsorgte diese Tinkturen, nachdem der Bote sie brachte und ersetzte sie durch ungefährliche Vitamine fürs Haar. Wir werden ihn stoppen und er bekommt das, was er wirklich verdient. Jahrelang hat er sie so willenlos gemacht und aus ihnen seelenlose Wesen werden lassen. Sie vertrauten mir, weil ich ihm vertraute.

Claudia lehnt sich entspannt zurück. „Jaques, geht es dir wirklich gut?“

Karl war ein Fiesling. Er sollte bekommen, was er verdient. Es klingt mir noch im Ohr, als sei es gestern gewesen. Seine Worte: „Ich bin Gott. Nach "Grey"‚ werden sie mich in den Himmel heben, wie Schweißhunde haben sie stets an meinen Fersen geklebt. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. "Grey"‚ wird alle Schranken sprengen und die Meute wird ein Armageddon erleben. Sie, die Lechzenden, werden vor mir am Boden kriechen.“

„Du bist gleich soweit, meine Schöne.“

Der Hechelnde wirst du sein, Karl. Deine Ungeduld wird gezügelt, die Spucke wird dir in deinem feucht schwafelnden Maul eintrocknen, wenn ich mit dir fertig bin. In der Scharade des Grauens werde ich den Spiegel auf deine Seele richten. Mein lieber Freund, pudere nur dein Haar mit meinem Puder an deinem Feiertag. Ich habe mir etwas ganz Besonderes für dich überlegt. Die Hitze der Scheinwerfer wird ihr Nötiges dazutun. Ja, die Journalisten werden sich auf dich stürzen und das Gelächter wird den großen grauen Rahmen der Feierlichkeit sprengen. Wir hatten ja fast drei Tage Zeit und die Unterstützung von höchster Ebene wurde uns zu teil. Uns – den vom großen Karl schikanierten Helfern, Helfershelfern und den Schönsten der Schönen – den Models – natürlich.

„Nur ... noch eine Kleinigkeit.“


Es war am 9. September des Jahres 2009.

Karl, eine Stunde vor unserer Revolution:
„Erkennst du jetzt meine Macht? Ich bin Karl! Ich schwimme wie ein Hai durch dieses Meer von Barbies, ich nenne meine Favoriten "Baby"‚ und sie sind Wachs in meinen Händen, schmelzen dahin unter der glühenden Hitze meiner heißen Haut ...“

Bis sein Haar unter den Scheinwerfern weiß erstrahlte und seine Haut zu Wachs wurde. 
Die schönsten Frauen dieser Welt zogen sich die grauen Perücken von den Köpfen und wirbelten sie mit Gelächter durch die Luft. Sie hoben den Gummirand ihrer fahlen Masken von den frischen, lebenshungrigen Gesichtern. Befreiende Schreie tönten aus der Menge. Jubel verteilte sich zwischen den tragenden Säulen des großen Saales. Karl schwieg. Regungslos in der Masse. Ausgelöscht. Wie die verglommene Kerze auf dem Altar. Bereit für den Abtransport ins Wachsfigurenkabinett der Madame Tussauds. Blitzlichtgewitter. 
Die Glocke von Notre Dame.

„Fertig. Perfekt, meine kleine Claudia. Voilà.“
„Danke, Jaques! – Du bist der Größte.“

Letzte Aktualisierung: 25.07.2009 - 16.47 Uhr
Dieser Text enthält 9399 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.