Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Juli 2009
Das Prinzip der Vereinfachung
von Ursula Reppmann-Wörsdörfer

Ob Verseschmied, Wortverdreher, Erinnerungshinaufbeschwörer, Fantast oder Satzreduzierer, spätestens nach dem ersten Buch wird jeder Autor mit der Frage überfallen: Woher haben Sie die ganzen Ideen? Denken Sie sich das alles aus oder ist das wirklich passiert? Dabei ist das Prinzip ganz einfach: Die Geschichten schreibt das Leben. Aufgabe des Autors ist die Reduktion auf ein Minimum.

Eigentlich trug sich die Geschichte so zu: Auf der Hochzeitsfeier von Moni und Holger ist meine Großtante plötzlich über zwei Hunde gestolpert und verlor dabei ihr Gebiss. Schuld an dem Sturz waren meine zwei übermütigen Neffen, die die Schwänze der Hunde miteinander verknotet hatten. Bis dahin ja noch ganz glaubwürdig – aber dann gings weiter: Einer der inzwischen entknoteten Hunde, ein siebenundzwanzig Jahre alter zahnloser Köter schnappte das Gebiss und verzehrte mit dessen Hilfe das letzte Stück der Hochzeitstorte, das sich die Großtante vor ihrem ominösen Sturz auf den Teller gelegt hatte.
Jeder wird sagen: Eine äußerst unwahrscheinliche Geschichte! Maßlos übertrieben und in keinster Weise glaubwürdig. Also muss man verharmlosen. Nicht die Übertreibung, nein die Vereinfachung das ist die wahre Kunst des Schreibens:

Machen wir doch aus der Hochzeitstorte einen abgnagten Kotelettknochen. Halt! - Ein gebisstragender Hund kann sicherlich nicht unbeschadet einen Knochen zerbeißen. Also lassen wir das Gebiss auf dem Boden liegen und gönnen dem Hund seine eigenen Zähne. Dann darf er aber keine siebenundzwanzig Jahre alt sein, das glaubt sowieso keiner. Dreizehneinhalb Jahre sind für einen Hund doch auch ein respektables Alter, folglich machen wir eine kleine Verjüngungskur. Jetzt könnte die Sache so aussehen:

Die Großtante stolpert gebissverlierend über die beiden schwänzeverknoteten Hunde, der dreizehn Jahre alte Hund stürzt sich (wohlbemerkt eigenzähnig) auf den Nageknochen...
"Halt- halt- halt", werden Sie protestieren, "die beiden Hunde sind immer noch mit den Schwänzen verknotet" - also gut, dann lasse ich die beiden Hunde gleichzeitig losrennen, jeder in eine andere Richtung zerrend, der Pekinese will den Kotelettknochen, der Pudel die Hochzeitstorte, selbstverständlich siegt der Pudel, verschluckt sich aber in seiner Gier an einem Kirschkern, des Pudels Kern sozusagen. An dieser Stelle wäre es doch sehr praktisch gewesen, wenn der Pudel das Gebiss geschnappt hätte - er hätte es beim Kirschkernverschlucken verlieren können und damit der Geschichte zu eine unverhofften Pointe verholfen.
"Billigste Slapstickkomödie!" würden sich Kritiker zu Recht empören. Außerdem hätte ich im Nullkommanix sämtliche Tierschutzvereine am Hals mit dem Vorwurf, ich verherrliche Tierquälerei. Also lassen wir die Knoten aus den Schwänzen weg ( wegen der Tierschutzvereine) und reduzieren die beiden Hunde auf einen obwohl das jetzt weniger peppig ist. Am besten nehme ich einen Boxer, der hat so gut wie gar keinen Schwanz und keiner kann mir unterstellen, ich hätte ihm einen Knoten hineindichten wollen. Also nochmal:
Großtante Eulalia (so heißen Großtanten in dieser Art von Geschichten) stolpert gebissverlierend über den schwanzlosen Boxer ohne Knoten. Wegen kompletter Eigenbezahnung schert sich der Boxer nicht um das Gebiss, sondern stürzt sich umgehend auf den Kotelettknochen. Klingt zwar einigermaßen glaubwürdig, aber jetzt fehlt die Pointe. Das Gebiss liegt nutzlos auf dem Boden herum und hat in der Geschichte nichts mehr verloren. Überflüssige Attribute verderben jede Geschichte. Was machen wir also mit dem Gebiss? Vielleicht hat ja Großtante Eulalia den Kotelettknochen im Mund gehabt, als sie hinfiel und jetzt liegt das Gebiss mitsamt dem Knochen zwischen den Zähnen auf dem Fußboden, - nein, nein, nein, das geht nicht, bei der Vorstellung würde sich Ästheten und Gourmets gleichermaßen der Magen umdrehen. Überhaupt, ein Gebiss hat auf einer Hochzeitsfeier nichts verloren. Aber die Großtante hat nun einmal lose Zähne und nebenbei bemerkt, auch eine lose Zunge. Bei einem Sturz würde sie sie unweigerlich verlieren - die Zähne - nicht die Zunge. Um das Gebiss in der Geschichte unter den Tisch fallen zu lassen, muss ich mir also einen anderen, möglichst jüngeren Stolperer suchen von dem es höchst unwahrscheinlich ist, dass er oder sie Gebissträgerin ist. Wie wäre es mit der Braut? Bräute tragen keine Gebisse und sind, dadurch, dass sie diesen ganzen Schleierfirlefanz und was weiß ich nicht alles hinter sich her schleppen zum Stolpern geradezu prädestiniert. Wenn ich mir es genau überlege, ist es sogar ein Rätsel der Natur, warum Bräute nicht viel öfter über Hunde fallen. Zum größten Teil rührt dies sicherlich daher, dass Hunde relativ selten auf Hochzeiten geladen werden. Vergessen wir also Gebiss und Hund. Damit wäre die Story eigentlich fertig:
Die Story von der Hochzeit, bei der die Braut nicht stolperte und das nur, weil sie den Hund ihrer Großtante nicht zur Hochzeitsfeier eingeladen hatte. Tja, und weil der Hund nicht da war, musste die Braut ihren Kotelettknochen selbst abnagen und dabei verlor sie peinlicherweise ihr Gebiss .So einfach ist das! Die Pointe ist da, denn Bräute haben kein Gebiss! Großtantes Familienehre ist gerettet, weil ihr blamabler Sturz nicht zur Sprache kommt, die Hochzeitsgesellschaft, die die wahren Hintergründe kennt, amüsiert sich königlich, und das Publikum hat seine Geschichte.
Kann natürlich sein, dass die Neffen beleidigt sind. Weil sie doch den beiden Hunden so kunstvolle Knoten in die Schwänze gebunden hatten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Letzte Aktualisierung: 02.07.2009 - 10.53 Uhr
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