Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Juli 2009
Guten Tag, Fahrkartenkontrolle!
von Maria Viera

Die Frau in der blauen Jacke und den kurz geschnittenen Haaren schaute sie direkt an. Ihre Miene war gleichgültig. Sie zückte einen Ausweis aus der Tasche.
„Guten Tag, Ihre Fahrkarte, bitte.“
‚Ich hab’s geahnt!‘, dachte Elena, ‚Die sehen doch alle gleich aus.‘
Sie kramte in ihrer Tasche herum und ließ sich Zeit beim Suchen. Endlich hielt sie ihr Portemonnaie in der Hand. Sie klappte es auf.
‚Die Monatskarte ist immer im hintersten Fach. Ich hab gestern noch den aktuellen Abschnitt aufgeklebt‘, ging es ihr durch den Kopf, doch auch im vorderen Fach wurde sie nicht fündig. Hektisch hob sie alle Zettel, Kassenbons und Geldkarten nacheinander hoch. Ein kurzer Blick aus dem Fenster sagte ihr, dass sie an der nächsten Haltestelle aussteigen musste. Sie hatte also nur noch wenige Meter Zeit für die Suche. Die Fahrkarte für diesen Monat war immer noch nicht da.
„Moment“, sagte sie.
Die Straßenbahn hielt an.
„Ich find meine Monatskarte nicht. Aber ich muss hier aussteigen.“
Die Kontrolleurin verzog die Mundwinkel nach unten und gab ihrem Kollegen ein Zeichen. Der verstand sofort und beide begleiteten Elena nach draußen.
Die Leute stiegen aus und ein. Die Bahn fuhr ab. Elena stand mit diesen beiden Beamten am Metallgeländer, das die Haltestelle von der Hauptstraße trennte und untersuchte erneut den Inhalt ihres Portemonnaies.
„Ich verstehe das nicht. Die Karte ist normalerweise immer hier drin.“
„Haben Sie Ihren Personalausweis dabei?“
„Ja, natürlich.“ Elena suchte verwirrt weiter nach der Karte. Plötzlich wurde sie kreideweiß. „Sie muss mir gestohlen worden sein.“
Die Frau blieb unerbittlich. „Ihren Personalausweis bitte.“
Der Kollege lächelte.
‚Wahrscheinlich steht er auf meine langen Haare‘, dachte Elena.
„Das ist doch absurd!“, sagte sie, „Ich bin doch nicht willentlich schwarz gefahren. Heute Morgen war sie noch hier drin. Ich weiß auch schon, wem ich das zu verdanken habe.“
Der Kollege schaute unruhig auf den Straßenverkehr.
„Deswegen müssen Sie ja auch nicht die gesamte Summe wegen ‚Fahren ohne Fahrschein‘ zahlen. Aber aufnehmen muss ich das schon. Gehen Sie in den nächsten sieben Tagen zur Servicezentrale und beantragen Sie eine neue Monatskarte. Dort zahlen Sie dann nur eine Bearbeitungsgebühr. Also, Ihren Personalausweis bitte.“
Resigniert überreichte Elena ihr das Dokument.
Nach ein paar Minuten stiegen die beiden Kontrolleure in die nächste Straßenbahn ein. Elena machte sich auf den Heimweg.
‚Dieses Luder! Da besuche ich sie, weil ich mich um sie sorge ... Ich müsste das nicht tun! ... Herr! ... Gott! ... Steh mir bei in meinem Zorn! Ich kann einfach nicht anders, als wütend zu dir schreien! Ich verstehe das auch nicht! Was hat es für einen Sinn, dass ich in dieses Drogenzentrum gehe und versuche, eine Beziehung zu Meike aufzubauen? Ist das der Lohn, dass sie mich bestiehlt? Verdammt! Ich weiß, ich soll nicht fluchen ... nicht fluchen, aber ... ich dachte, ich hätte sie schon an der Hand. Tausendmal schon hab ich mir die Geschichte angehört, wie sie ihr Bein verloren hat. ... Die Ärzte waren Schuld. Na klar, immer die Anderen! Dabei hat sie sich die Spritzen gesetzt, bis es nicht mehr ging. Und dass ihre große Liebe sie verlassen hat, lag auch nicht an ihr! Nein, natürlich nicht! Ihre Ex-Freundin ist die Böse, nicht sie! Ein Glück, dass ich kein Geld dabei hatte. Und wie sie mich angelächelt hat ... Diese Lügnerin! Schön sei’s, dass ich gekommen wäre. Ja, sehr schön! Da kann man mal schauen, was die dumme Kirchentante in der Tasche hat! Jetzt reicht’s! Sie soll mir ins Gesicht sehen und noch mal versuchen zu lügen!‘
Nur eine halbe Stunde später stand Elena vor den Stufen des Zentrums für Drogensüchtige. Meike war da, vor dem Eingang. Die Krücken hatte sie neben sich ans Geländer gelehnt. Das rechte, leere Hosenbein war hochgekrempelt. Sie rauchte eine Zigarette und unterhielt sich mit einem Kumpel. Als sie Elena sah, zeigte sie sich lässig.
„He!“, Meike hob das Kinn, „Wieder da? So schnell kann’s gehen, was?“
„Ja, so schnell sieht man sich wieder!“ Elenas Herz raste.
„Hast wohl Sehnsucht! Na, vielleicht wird’s ja doch noch was mit uns beiden!“, lachte Meike.
Elena stand jetzt genau vor ihr.
„Meike, ich bin gerade in der Straßenbahn kontrolliert worden.“
„Echt? Scheiße!“
„Das kann man wohl sagen. Meine Karte war nämlich weg.“
„Haste `ne Monatskarte? Cool! Na, dann musste nämlich nicht vierzig Euro blechen. Die Säue! Machen echt `nen riesen Reibach.“
„Heute Morgen war die Karte noch in meinem Portemonnaie.“
„Und? Jetzt nich` mehr, oder was?“
„Genau, jetzt nicht mehr!“ Sie sahen sich ernst in die Augen. Dann sagte Elena ruhig:
„Als ich vorhin auf Toilette war, hatte ich Dich gebeten, auf meine Tasche aufzupassen.“
„Ja und? Hab` ich doch gemacht, oder?“
„Hast Du die Karte rausgenommen?“
„Nein.“
Wieder sahen sie sich in die Augen. Tief und wortlos. Meike betrachtete ihr Antlitz und versank für einen winzigen Moment träumerisch in den Glanz ihrer schwarzen Haare, wie sie es so oft schon getan hatte, wenn Elena versuchte ihr von einem Jesus zu erzählen, der angeblich alle Menschen liebt. ...
‚Liebt!‘, sie schmunzelte in sich hinein, ‚Angeblich immer noch liebt, nach all dem Schmarrn, den ich verzapft hab‘ und – ja, das is‘ das Beste – der mich ewig lieben wird ... und so weiter ... und so weiter. Mensch, was für eine Verschwendung – diese Frau! Die sollte sich mal richtig fallen lassen, dann wird se schon wissen, wie es ist, geliebt zu werden!‘ Meike seufzte sehnsuchtsvoll, bevor sie ihre Krücken ergriff und in Richtung Eingang ging. Vor der Tür blieb sie noch mal stehen.
„He!“, rief sie Elena zu, „Kannste mir zehn Euro leihen? Kriegste nächste Woche wieder, versprochen.“
Mit geballter Hand machte Elena einen Schritt auf sie zu. Ihr Blick streifte die Krücken. Am liebsten hätte sie dagegen getreten. Doch sie riss sich zusammen. Tränen der Wut stiegen in ihr hoch. Sie drehte Meike den Rücken zu und ging in Richtung Stadt.
Als sie zu Hause ankam, hatte sie sich schon wieder etwas entspannt. Sie machte sich einen Kaffee und setzte sich damit an ihren Schreibtisch. Vor ihr lag ein Stapel mit unbearbeiteter Post. ‚Ach, was soll’s! Am besten ich mach’s gleich. Dann komm ich auch auf andere Gedanken.‘ Und sie fing an, die Briefe durchzusehen. Als sie die Mahnung der Telefonrechnung in die Hand nahm, rutschte etwas auf den Boden. Sie bückte sich und erschrak: die Monatskarte!


© Maria Vieira, 2009

Letzte Aktualisierung: 27.07.2009 - 12.17 Uhr
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