Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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August 2009
Lebensbruch
von Sigrid Wohlgemuth

Ich wollte gerade trinken, als ein Steingeschoss knapp meinen Kopf verfehlte.
„He! Passen Sie gefälligst auf!“, schrie ich.
„Was sitzen Sie dort im Dunkeln rum! Hauen Sie ab!“, brüllte eine männliche Stimme. Ein Schattenriss kam auf mich zu. Ich holte tief Luft und versuchte, die dazugehörige Person in der Dämmerung genauer auszumachen.
„Na los! Verschwinden Sie!“ Der Mann schüttelte die Faust. Sogleich kickte er einen Stein, der mit einem Blubb im Rhein versank und fluchte dabei wie ein Kesselflicker.
Verunsichert beobachtete ich jede seiner Bewegungen. Langsam drehte ich den Verschluss der Flasche zu, stellte sie auf den Boden. Dann wickelte ich die Decke fester um meinen Körper und verhielt mich still.
Nach einer unendlichen Salve von Schimpfwörtern kam er drohend näher.
„Sind Sie taub? Hören Sie auf, mich anzugaffen und hauen Sie ab!“ Er stampfte auf.
Kurz konnte ich seine wütenden Augen erkennen.
Egal was passiert, ich laufe nicht weg. Meine Beine wollen nicht mehr. Aber wie bekomme ich ihn dazu, zu verschwinden? Ich räusperte mich. „Bitte, gehen Sie!“
„Sie haben mir nichts zu sagen!“
Wieder trat er einen Schritt näher.
„Halt! Nicht weiter! Sie stehen in meinem Wohnzimmer!“
„Sind Sie durchgeknallt?“
„Wenn Sie meinen! Ich wohne hier.“
Für einen Moment lang kam es mir vor, als würde er heftig schlucken. Nachfolgend spürte ich seinen brennenden Blick. „Sie spinnen!“
„Nach was sieht es für Sie aus?“ Ich deutete einen Kreis an. Wenn er nicht ganz blind war, würde er erkennen, dass ich meine Habseligkeiten hier ausgebreitet hatte.
„Das hat mir heute noch gefehlt! Eine Pennerin!“ Sein Gesichtszug zeigte den Ekel, den er für mich empfand.
„Wenn Sie es so sehen, bitte. Und nun verschwinden Sie endlich, damit ich in Ruhe die Augen schließen kann!“ Um meine Worte zu unterstreichen, rutschte ich in eine liegende Position.
„Ha! Was für eine erbärmliche Kreatur Sie sind! Wahrscheinlich nie gearbeitet, rumgeschnorrt, gesoffen und am Ende unter der Brücke gelandet!“ Er vergrub die Hände in den Manteltaschen, trippelte von einem Fuß auf den anderen. Es war kalt, die Temperaturen knapp am Gefrierpunkt. Durch die Baumkronen sickerte das fahle Licht des Vollmondes.
„Sie haben reichlich an Menschenkenntnis! Super!“ Ich setzte mich auf und applaudierte kräftig.
„Wirkt der Spiritus?“ Er schnitt eine Grimasse.
Ich zog aus dem Rucksack eine Flasche Wodka, hielt sie ihm entgegen. „Möchten Sie?“
„Damit ich mir irgendeine Krankheit einfange. Ne, danke!“ Er wandte sich ab, und wollte wohl gehen. „Und alles Gute“, rief ich ihm hinterher.
Abrupt blieb er stehen.
„Alles Gute? Sie können sich nicht vorstellen, was für einen Tag ich hinter mir habe.“
„Sie sind zu spät zur Arbeit, der Chef hat Sie dabei erwischt, die Börsenkurse sind gefallen, Ihre Aktien auf Talfahrt, Ihre Freundin hat Ihnen den Laufpass gegeben und jemand hat Ihnen das Auto zerkratzt“, zählte ich auf.
„Sind Sie Hellseherin?“ Er kam wieder näher, rückte einen meiner Kleidersäcke zurecht und setzte sich darauf.
„Nein.“
„Und woher wissen Sie das?“
„War vorhin nicht zu überhören, als Sie es über den Rhein hinweg gebrüllt haben, dass sich die Wellen kräuselten.“ Mir war kalt und ich versuchte die Decke enger an mich zu ziehen.
„Sehr witzig!“ Er nahm eine Packung Zigaretten aus der Tasche, bot mir eine an.
„Danke, ich habe aufgehört.“
„Dafür saufen Sie!“ Die Hand schützend davor gelegt, zündete er die Glimmstange an, zog heftig daran.
„Es geht Sie zwar nichts an, doch ich trinke auch nicht.“
„Und die Flasche Wodka ist eine Fata Morgana, na klar!“ Ich fing mir einen sarkastischen Blick ein.
„Sie soll mich daran erinnern, wie tief ich gesunken bin. Na, dass passt jetzt nicht in Ihr Denkmuster!“
Ich staunte über mich selbst. Woher kamen auf einmal diese Lebensgeister? Vermutlich, weil dieser Kerl mich bis aufs Blut reizte. „Ich will meine Ruhe!“
Er reagierte nicht. Ich kramte im Rucksack, nahm einen Müsliriegel heraus. „Möchten Sie ein Stück?“
Zur Antwort schüttelte er den Kopf und beschäftigte sich mit dem Inhalieren des Rauchs.
Meine Finger waren eisig, obwohl ich Handschuhe trug. Ich bekam das Papier vom Riegel nicht auf. Plötzlich riss der Kerl mir die Süßigkeit aus der Hand und wickelte sie aus.
„Danke“, sagte ich, als er sie mir wiedergab, „übrigens, ich heiße Patricia“, fügte ich an, höflichkeitshalber.
„Bernd.“
Dann wurde es wieder still zwischen uns und das Plätschern des Flusses war zu hören. Vom Osten her zogen Wolken auf und bedeckten den Mond für kurze Momente.
„Und warum haust du hier?“
Das Du hatte ich ihm nicht angeboten! Es war mir eh egal. „Ich denke, du weißt warum: nie gearbeitet, gebettelt, gesoffen und somit unter der Brücke gelandet.“
„Ich war aufgebracht.“ Er schmiss den Zigarettenstummel ins Gras. „Wenn ich einen Penner in der Köln-Passage auf dem Boden sitzen sehe, gehe ich daran vorbei. Ihr seid alle selbst an eurem Elend schuld! Wer arbeiten will, der wird auch einen Job finden!“
„Ich gebe mich geschlagen. Hast recht.“ Kurz schnappte ich nach Luft. Hatten mich seine Worte so hart getroffen? Nein, es war die Unbarmherzigkeit in seinen Augen. „Na los, es wartet keiner mehr zu Hause auf mich, also erzähl.“ Er grinste sarkastisch.
„Ich möchte dein Bild von Pennern nicht zerstören.“ Ich vernahm ein Knurren aus meiner Magengegend. Seit Tagen hatte ich nichts gegessen. Vor lauter Reden und Anspannung hatte ich vergessen, in den Riegel zu beißen. Schnell holte ich es nach.
„Stammst von reichen Eltern ab, die dir jeden Cent in den Arsch ...“
Höre mal genau zu, du Schlaumeier, dachte ich, und sagte: „Ein Unfall, mein Kind starb in meinen Armen“, ich traute mich nicht, ihn anzublicken, „mein Mann verstand meine anhaltende Trauer nicht, verließ mich. Nach einiger Zeit fand ich Trost im Alkohol, damit ich den Schmerz für einige Stunden vergessen konnte. Ich verfiel in eine Depression, quälte mich durch Gelegenheitsjobs. Durch die Arbeit in einer Kneipe kam ich günstig ans Saufen.“
Egal, schau ihn an! Es ist dein selbst versautes Leben, da hat er gar nicht so unrecht. Eigenverschulden! Bedrückt sah ich ihm in die Augen und war überrascht über seinen aufmerksamen Blick.
„Ist was?“, fragte ich.
„Aus Trauer um dein Kind bist du hier gelandet?“
„Hast nicht gedacht, dass hinter jedem Penner auch eine Geschichte stehen könnte. Na ja, am Anfang hab ich getrunken, um den Verlust zu verdrängen“, ich zog die Schultern hoch, „doch später, ich weiß nicht, fand ich aus dem Kreislauf keinen Ausweg. Hatte mich daran gewöhnt.“
„Wie alt bist du?“
„Dreiunddreißig.“
Ich erkannte an seinem Stirnrunzeln, dass er sich erschrocken hatte. Sah ich älter aus? Seit langem blickte ich in keinen Spiegel mehr.
„Gerade mal drei Jahre jünger als ich.“ Er zog die Beine an, rieb sich die Knie. „Ganz schön kalt.“
Ich kramte in meinen Tüten, zog eine Decke raus, reichte sie ihm. Er legte sie sich um die Schultern.
„Ich verstehe nicht, warum du gesagt hast, du trinkst nicht mehr.“
„Ich hab einen Entzug hinter mir, dort unter der Brücke. Vor einigen Tagen habe ich mich ausgekotzt. Es stinkt, ich hab mich von da verdrückt. Du verstehst?“ Meine Güte, ich ekelte mich vor mir selbst!
„Was hast du vor?“
„Zu sterben! Du hast es mir heute Nacht versaut!“, rief ich in die Dunkelheit.
„Bitte?“, schrie er auf.
„Mein Arzt verschrieb mir damals Zeugs gegen Schlafstörungen. Vor Kurzem fielen mir die Packungen wieder in die Hände und ich schwor mir: Erst ausnüchtern, dann die Tabletten schlucken! Ich wollte es bewusst erleben!“ Ich deutete auf eine Flasche mit Wasser, das milchig schimmerte. „Sie lösten sich gerade auf, als du mich mit deiner Wut auf irgendwas gestört hast.“
Er strich sich durchs Haar. „Warum?“
„Endlich würde mich niemand mehr anstarren und Pennerin rufen, kein Schlafplatz mehr unter freiem Himmel, kein Seelenschmerz, ich wäre Thorsten, meinem Sohn nahe.“ Tränen schlichen sich ein, ich schluckte sie runter. Weinen war schon lange nicht mehr angesagt. Die äußere Kälte nahm ich nicht mehr wahr. Zu eisig war es in mir drinnen. Für einen Augenblick schloss ich die Augen. Bilder von Thorsten, meinem Sohn, kamen auf, stachen mir ins Herz. Ich packte die Wasserflasche.
„Nicht!“ Mit Wucht riss er sie mir aus der Hand.
„Lass mich“, flüsterte ich, „ich kann und will nicht mehr. Das alles soll ein Ende haben.“
„Nicht in meinem Beisein!“
„Dann hau gefälligst ab!“
Er sprang auf. „Verdammt, ich kann nicht zulassen, dass du dir das Leben nimmst!“ Er ging ans Flussufer und schmiss die Flasche im hohen Bogen in den Rhein.
„Nein!“, schrie ich, rappelte mich auf, stolperte und fiel zu Boden. Dort blieb ich liegen und trommelte auf die gefrorene Erde. „Lass mich endlich abtreten!“ Plötzlich spürte ich seine Arme, die mich umfassten, hochhoben, trugen. Schon lange war meine Kraft am Ende, ich ließ mich forttragen.
„Du bleibst im Auto sitzen, ich räume deine Sachen zusammen und komme sofort zurück.“ Er schloss die Tür, es klickte, er hatte die Verrieglung zuschnappen lassen. Es war mir egal. Ich legte den Kopf an die Scheibe, vielleicht stellte sich endlich die Wirkung der drei Schlaftabletten ein, die ich geschluckt hatte, bevor ich feststellte, es sei besser, einen Pillencocktail zu mixen, als sie einzeln runter zu bekommen.

Ich erwachte. Durch einen Schleier nahm ich meine Umgebung in Augenschein. Ich befand mich in einem gelblich gestrichenen Zimmer mit großen Fenstern. Erkannte, dass mein Bett Metallstreben hatte.
Ich liege im Krankenhaus!, wurde mir schlagartig klar und versuchte mich aufzusetzen. Ein Schwindelanfall ließ mich wieder ins Kissen sinken.
„Bleib liegen“, hörte ich eine warme, mir bekannte Stimme und spürte, dass mir jemand über die Hand strich. Ich drehte den Kopf zur Seite.
„Bernd?“, kam es flüsternd über meine Lippen.
„Schlaf ruhig ein. Ich bleibe hier.“ Seine Worte unterstrich er mit einem leichten Lächeln. Ich schloss die Augen, ließ mich fallen.

Letzte Aktualisierung: 16.08.2009 - 22.10 Uhr
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