Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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August 2009
Kapieren Sie doch endlich
von Renate Hupfeld

Ein Auto. Warum direkt neben ihr? Sie geht weiter. Einsam hier in der Allee. Dunkel unter den Kastanien. Hinter den Büschen der Schulhof, gegenüber nichts als Park. So weit entfernt das Licht auf der Brücke.
Türknallen.
Einen Schritt zulegen, so schnell es geht mit diesen Schuhen. Warum kommt sie nicht vorwärts? Als klebte sie an diesem verdammten Pflaster fest. Nie war es so dunkel hier. Wie konnte sie nur? Niemand weit und breit. Dieses Auto. Sie möchte sich umsehen, wagt es nicht, kann auch nicht, ganz steif der Nacken. Wie konnte sie so dumm sein?
Da ist es schon so weit.
Schritte.
Hinter ihr geht jemand.
Rennt jetzt.
Kommt näher.
Nein! Bitte nicht! Hilfe!
Eiserner Griff.
„Finger weg!“, zischt sie über die Schulter.
Der Mann hält ihren Arm umklammert, schleift sie mit sich, drückt sie in das Auto und schon sitzt er neben ihr. Sie zieht am Türhebel. Nichts. Rüttelt hektisch. Eingeschlossen. Das kann nicht wahr sein. Traum, Alptraum, hineingeschleudert in einen Horrorfilm.
Nicht unterkriegen lassen von so einem Idioten, denkt sie, kann aber nicht verhindern, dass ihre Hände zittern und ein Kloß im Hals ihr die Luft nimmt.
„Lassen Sie mich raus! Sofort!“
Grinsen von links. Schwummeriges Gefühl im Magen.
„Bleib mal locker. Ich will doch nur mit dir quatschen.“
„Quatschen wollen Sie. Und da fischen Sie sich mal eben irgendeine Frau von der Straße und zerren sie in Ihr Auto?“
„Nicht irgendeine. Dich habe ich ausgesucht.“
Was hatte sie auf ihre blöde Frage auch anderes erwartet?
„Wir kennen uns. Ist zwar schon ein paar Jahre her, doch du wirst dich erinnern. Ich sag nur: Basti. Da muss es doch bei dir klingeln.“
„Kenn ich nicht. Öffnen Sie die Tür. Ich will nach Hause.“
Sie zerrt wieder an dem Hebel.
„Seit wann bist du so ungeduldig? Früher hast du doch so viel Zeit für mich gehabt.“
„Idiot!“
„Aber nicht doch, Kirsten.“
Woher weiß der ihren Namen? Vielleicht kein Zufall, dass gerade ihr das passiert. Wo zum Teufel hat sie mit ihm zu tun gehabt? Sie fixiert ihn. Der hinterhältige Blick? Nein, dieser Kerl ist ihr unbekannt.
„Zu Basti fällt dir also nichts ein. Du hast aber ein schlechtes Gedächtnis. Ich kam damals zu dir, weil meine kleine Schwester … Ich meine, weil ihr Lehrer … Dieses Arschloch hatte es immer nur auf mich abgesehen, brauchte ein schwarzes Schaf. Der Spinner hat mir doch die ganze Scheiße eingebrockt. Ich sehe, du peilst es immer noch nicht. Dann muss ich dir wohl auf die Sprünge helfen.“
Er nestelt an seiner Hose und fährt mit der Hand in den Hosenschlitz.
„Also, es war einmal ein Junge. Der machte es jeden Tag mit … Willsten sehn, den Kleinen?“
„Muss nicht sein“, sagt sie mit gespielter Gelassenheit.
„Nicht? Schade. Aber die Geschichte wirst du dir trotzdem anhören. Also der Junge trieb es jeden Tag mit seiner Schwester … Immer noch keine Erinnerung? Das kannst du doch nicht vergessen haben. In allen Einzelheiten hab ich dir erzählt, wie sie sich wehrte und wie ein Schweinchen quiekte und wie meine Mutter nebenan auf dem Sofa vor dem Fernseher lag und glaubte, wir hätten Streit unter Kindern.“
Kotzbrocken, einer dieser Kotzbrocken, kein bisschen Einsicht, erinnert sie sich. Warum hat sie ihn nicht gleich erkannt? Zehn Jahre mag das jetzt her sein. Fette Mutter, geiler Freier, der sich über die Kinder hermacht.
„War ein großer Fehler, dass ihr mich rausgeschmissen habt“, fährt er fort.
„Danach kam erst recht die Hölle. Ja, hör dir das ruhig an. Knast, wenn du verstehst, was das bedeutet. Aber ihr könnt euch ja gar nicht vorstellen, was da los ist.“
„Jugendstrafvollzug?“, fragt sie.
„Gott sei Dank nicht sehr lange. Nach einem halben Jahr kam ich raus, gute Führung.“
„Respekt, und dann?“
„Betreute Wohngruppe, Arbeit in der Stadtgärtnerei. Mein Ding. Die Arbeit draußen in den Grünanlagen war genau das Richtige. Den Job mache ich immer noch und komme damit gut über die Runden.“
Sie spürt, wie der Druck in der Magengegend allmählich nachlässt. Aber ihre Hände sind noch eiskalt. Sie legt die Finger ineinander und bewegt sie in den Handflächen. Verstohlen schaut sie zum Türhebel.
„Du kannst dir sogar ein Auto leisten.“
„Und eine kleine Wohnung, nur ein paar Straßen entfernt vom Havanna. Sagt dir doch was. Heute Abend warst du ja mal wieder dort. Ich saß an der Bar, ganz in deiner Nähe, unter dem großen Bild in der Ecke. Hemingway auf Kuba, steht darunter. Du hast vor deinem Cocktail gesessen, allein, und schautest immer wieder zu diesem Mann mit dem großen Fisch. An mir vorbei. Der Alte hat es dir wohl angetan.“
„Warum hast du mich nicht angesprochen?“
„Hab mich nicht getraut. Konnte ich denn wissen, dass das inzwischen so einfach ist mit dir? Du bist gar nicht mehr so. Damals warst du echt krass drauf. Wie du dich immer aufgespielt hast! Voll die Harte. Aber vergessen wir das. Machst du die Arbeit noch?“
Sie zieht die Augenbrauen hoch.
„Keinen Bock mehr gehabt auf die Scheiße, was? Recht hast du. Viel zu stressig mit den Verbrechern.“
Sie klopft ihm leicht auf den Arm.
„Und du? Erwachsen bis du geworden, ein Mann sozusagen.“
„Siehst du? Hättet ihr Klapsenleute mir gar nicht zugetraut.“
Minenfeld, denkt sie, aufpassen. Doch irgendwie muss sie den Bogen kriegen. Sie tastet sich weiter.
„Ist was dran“, sagt sie. „Hast Fortschritte gemacht in den Jahren. An einem Punkt hapert’s noch.“
„Überleg dir gut, was du sagst, Kirsten“, droht er.
„Also, ich denke mir, du wünschst dir jemanden an deiner Seite.“
Er nickt.
„Jemanden, mit dem du reden könntest.“
„Stimmt. Manchmal träume ich sogar von einer richtigen Familie mit Kindern. Nicht so kaputt wie unsere damals. Mit der ganzen Sippe will ich nix mehr zu tun haben. Am Arsch vorbei geht mir das alles. Alles, verstehst du?“
„Klar. Umso wichtiger ist für dich ein Freund oder eine Freundin.“
„Da hast du was gesagt, Kirsten.“
„Und weißt du“, sagt sie vorsichtig abwägend, „wenn man ernsthaft mit jemandem ins Gespräch kommen will, mit einer Frau zum Beispiel, dann schafft man es auch. Die Frage ist nur: Wie nimmt man am besten Kontakt auf?“
„Du willst Streit, gib’s zu.“
Wie ein Pfeil trifft sie sein Blick.
Sie hält das durch und redet ganz ruhig weiter.
„Frauen sind gar nicht so emanzipiert, wie sie immer tun. Sie suchen die Nähe von Männern. Doch sie wollen nicht bedrängt werden.“
„Bedrängt? Bedräng ich dich?“
„So meine ich das nicht, Basti. Allgemein ist es so, dass Frauen mehr Zeit brauchen als Männer. Aber daran arbeiten wir noch.“
„Hey, korrekt. Das hört sich ja so an, als wolltest du das mit mir tun.“ Dabei beugt er sich zu ihr hinüber, nimmt ihre Hand und beginnt sie zu streicheln.
Sie wehrt sich nicht.
„Wenn du mir das zutraust. Doch nicht mehr heute. Ich bin zu müde. Früh aufgestanden, viel gearbeitet, kannst du dir ja denken.“
„Kann ich. Ist spät geworden. Ich muss auch früh raus. Was hältst du von morgen Abend im Havanna? Ich warte ab acht unter dem großen Bild.“
„Einverstanden“, sagt sie. „Wir sehn uns morgen.“
Sie hält ihm ihre Hand hin. Er schlägt ein.
„Aber nicht wieder an mir vorbeigucken“, witzelt er, zieht den Autoschlüssel aus der Jackentasche und drückt die Fernbedienung. Sie öffnet die Beifahrertür und schiebt das rechte Bein hinaus. Doch was ist mit ihren Knien los? Weich wie Pudding.
Er startet den Motor.
„Was ist? Zu dunkel?“
„Nein, nein“, sagt sie.
„Traust du mir etwa nicht? Wusste ich doch, du traust mir nicht.“
Der böse Blick.
„Das vorhin …“, murmelt sie.
„Was, vorhin?“
„Wie du hinter mir hergelaufen bist.“
„Sei still“, brüllt er und drückt ihr seine riesige Pranke auf das Gesicht. „Sei endlich still, du Miststück!“

Sie schaut an dem durchsichtigen Schlauch entlang in das freundliche Gesicht einer jungen Frau, die damit beschäftigt ist, den Verschluss der am Gestell hängenden Tropfflasche zu regulieren.
„Wo bin ich?“
„Im Krankenhaus, doch keine Panik.“
„Was ist passiert? Warum der Tropf?“
„Sie hatten einen leichten Kollaps. Das kommt schon mal vor. Inzwischen ist Ihr Kreislauf wieder stabil.“
„Wie bin ich hierher gekommen?“
„Ihr junger Freund hat sie gebracht.“
Sie schaut an sich hinunter. Jeans, Gürtelschnalle, alles okay. Nicht zittern, Kirsten, einen klaren Kopf behalten, sagt sie sich und drückt die Finger gegen die Oberschenkel.
„Wo ist er jetzt?“
„Er wollte nur kurz was besorgen und dann wieder kommen. Vielleicht kann er Sie dann gleich mitnehmen.“
„Nein, nein. Geben Sie mir ein Telefon.“
Sie versucht sich aufzurichten.
„Vorsicht! Ruhig liegen bleiben, damit die Kanüle nicht verrutscht. Sie können ihn später anrufen, wenn die Infusion durchgelaufen ist. Im Übrigen kommt er doch jeden Moment zurück. Er war sehr besorgt.“
„Nicht später. Sofort muss ich anrufen. Nicht ihn. Machen Sie schon. Wo ist mein Handy?“
„Nicht ihn?“
„Die Polizei, kapieren Sie doch endlich.“

Letzte Aktualisierung: 27.08.2009 - 11.01 Uhr
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