Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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August 2009
Es war einmal ... die Legende von Viala
von Sabine Poethke

Kleine Wellen kringelten sich, tanzten verspielt durchs Meer. Die Sonne funkelte wie goldener Flitter darinnen, sodass man hätte meinen können, den Schatz der Kobolde gefunden zu haben. Der Wind spielte leise seine ureigene Melodie. Ein paar Möwen kreischten Futter suchend ihr Lied dazu durch den Morgen, erspähten hie und da einen Happen, wurden lauter und stürzten sich kopfüber ins salzige Nass. Kamen über Wasser, fraßen und wiederholten ihr Prozedere mit der Ausdauer der Natur.
„Hmm-h“, seufzte Viala, kämmte ihr seidenes Haar und sah wehmütig aufs Meer hinaus.
„Was atmest du so tief?“ Todurs Kopf tauchte aus den Fluten auf. „Bist du traurig?“ Er sah der jungen Frau in die hellgrünen Augen, zog sich neben Viala auf die kleine Sandbank und versuchte verspielt an ihrem langen, lockigen Haar zu zupfen. Doch sie entwand sich seinen Fingern.
„Warum sollte ich froh sein?“, fragte sie mit klarer Stimme. „Seh’ ich doch hinten am Horizont vor der aufgehenden Sonne schon die ersten Spitzen eines Dreimasters. Ach …“ Sie seufzte wieder. „wieso nur gaukelt mir diese ganze Idylle hier ein einziges Trugbild vor?“ Viala legte ihrem Korallenkamm zur Seite, fuhr prüfend mit der Hand durch die Locken und schüttelte ihr Haupt, so dass sich die Pracht wie eine Mähne aufbauschte. Sofort begann der Wind mit ihrem Haar zu streiten. „Wirst du wohl aufhören, du wilder Geselle?“, rief sie.
Todur lachte. „Als ob du schon jemals geschafft hättest, Brisell zu bestimmen! Er macht doch, was er will. Und ich kann ihm nicht verdenken, dass er mit dir spielen will.“ Die Augen des Meermannes begannen träumerisch zu glänzen.
Die Masten des Seglers wuchsen und der Rumpf des Schiffes tauchte langsam aus dem Wasser auf. Gegen Mittag wäre das schwimmende Holz und seine Besatzung in Hörweite. Viala mochte gar nicht daran denken. Doch sie würde die Mannschaft ins Verderben locken … müssen. „M-m-h-m.“ Sie summte eine zärtlich klingende Weise und begann dann leise in hohen, sehnsüchtigen Tönen vor sich hin zu singen.
„Schlägt die See die Wellen hoch – übers Schiff, übers Schiff,
bringt den nassen, kalten Tod – hier am Riff, hier am Riff.
Seemann, hör nur her. Vialaaaa.
Es ist unser Meer. Vialaaaa.
Schau zu mir, komm zu mir,
viele Freuden bring’ ich dir! Viala.
Vergiss die Wellen, die Strömungsschnellen.
Lenk dein Boot an meinen Strand.
Seemann, reich mir deine Hand. Vialaaaa, Viaaaalaaaa.“ Ihr Lied endete in Flüstergesang.
„Schau zu mir, komm zu mir – Schau zu mir, und bleib bei mir!“ Dreimal wiederholte Viala diesen Satz. Dann schwieg sie.
Todur sah glücklich auf die liebliche Sirene. „Holde Jungfrau Viala. Du wirst uns wieder einen reichen Fang bescheren. Kisten voller Gold und viele Seelen.“
„Die Seeleut’, sie dauern mich. Manchmal wünschte ich, die Masten würden nie mehr im Morgengrauen am Horizont auftauchen.“ Trauer lag auf ihrem hübschen Gesicht, die vorhin noch hellgrün strahlenden Augen wirkten dunkler. „Warum nur ist so eine Grausamkeit meine Bestimmung?“
„Grausam? Es ist unser Leben.“ Todur schüttelte den Kopf. Kleine Muscheln und Seesterne fielen aus seinem dunkelblauen Haar in den Sand. „Das Meer fordert seinen Tribut und wir sind seine Diener. Das war so, das ist so, und so wird es auch immer bleiben.“ Aus tiefster Überzeugung nickte er, und dieses Mal fiel eine Krabbe zu Boden. Eilig lief sie aufs Ufer zu, stolperte über Vialas Korallenkamm, ließ sich nicht aufhalten und stoppte erst, als ihre Scheren Wasser verspürten. „Du solltest dir nochmals dein Haar kämmen. Es muss weich und geschmeidig sein. Ebenso wie dein Lied. Viala, zweifle doch nicht immer. Du bist die letzte Meermaid. Du bist die Hoffnung, du bist die Zukunft. Das Meer braucht dich, und damit auch wir! Selbst die kleine Krabbe braucht dich, damit sie nicht von Unterwasserstürmen und Stromschnellen in alle Einzelteile zerschüttelt wird.“ Todur rutschte von der Sandbank.
Viala sah seinen blauen Schopf mit dem Meer verschwimmen. Die hohen Wellen, die er aufgeworfen hatte, legten sich schnell, und wieder kräuselte sich die Oberfläche des Wassers.
Das Schiff war schon deutlich näher gekommen.
„Seemann, Seemann“, begann Viala einen Gesang anzustimmen, doch sie brach ab. Der Kamm strich abermals durch ihr Haar, das lang und lockig zu ihren Hüften fiel und allerlei Grüntöne vereinte, bis es funkelte und wie die Wellenspitzen gülden in der Sonne glänzte. Dreht doch ab, dachte die Meerjungfrau. Wie kann ich glücklich sein und die Hoffnung des Meeres, wenn ich damit hunderter Menschen Tod verschulde. Viala reckte sich der Sonne und dem Schiff entgegen. Wenn sie winkte, dem Steuermann zeigte, dass er abbiegen solle? Vorsichtig begann sie zu winken. Rufen durfte sie nicht, denn ihre Stimme würde die Seefahrer sofort anlocken. Ergreife die Chance, oh Seemann, suche das Weite, oh Seemann. Da! Der Steuermann rief dem Mann im Ausguck etwas zu. Doch sie drehten nicht ab, sondern fuhren zielstrebig auf Viala, und damit unaufhaltsam auf ihr Verderben zu.
„NEIN“, schrie Viala und hielt sich erschrocken kurz die Hand vor den Mund, bevor sie weiter winkend zu verstehen gab, das Schiff müsse abdrehen. „Was macht ihr denn“, flüsterte sie. „Fahrt weg, weg. Kommt nicht näher.“ Es hatte keinen Zweck, sie vertaten noch ihre letzte Chance! Voller Not schwang sich die Meerjungfrau ins Wasser und schwamm wendig wie ein junger Delfin weg von ihrer Sandbank, weg vom Riff. „Dreht doch, dreht!“, schrie sie und den Menschen auf dem Boot klang ihr Geschrei wie Musik in den Ohren. Der Steuermann musste ihr schon verfallen sein, denn er gab dem Steuerrad einen Klaps, dass es begann nach rechts zu kreisen.
Viala sprang durchs Wasser und wendete ihren Blick nicht von dem Segler ab. Noch ein paar Grad. Dreht euch noch etwas! Die Hoffnung der lieblichen Meermaid begann sich zu erfüllen, die Gefahr wurde kleiner. Das Schiff nahm einen anderen Kurs. Mit kräftigen Zügen schwamm Viala, sich nun in Sicherheit zu bringen. Doch Brisell, gerade richtig munter geworden und stürmisch wie ein junger Bub, gab dem Segel die Sporen. Das Boot jagte nun nicht mehr in sein Verderben, doch dafür der Meerjungfrau hinterdrein. Vialas Arme begannen zu schmerzen, die Kraft ließ schnell nach. Unaufhaltsam rückte der Kahn näher.
Abtauchen, dachte Viala. Etwas anderes fiel ihr nicht ein, zu müde ward sie schon. Und sie ging unter Wasser. Dumpf vernahm sie die hektischen Schreie an Bord. Erleichtert wollte sie gerade aufatmen, als sie einen wahnsinnigen Schmerz verspürte. Der Kiel hatte sie geholt. Trefflich saß Schlag, benommen konnte sie sich nicht mehr bewegen. Das Ruder war das letzte, was Viala auf sich zukommen sah.

Der Kapitän des Seglers schrieb in sein Schiffsbuch an jenem Tage:
Wir fuhren seit der vergangenen Nacht gen Westen, hatten den Sonnenaufgang im Rücken. Die Sonne brannte auf unsere Köpfe und Körper so sehr, dass einige meiner Mannen schon gegen Mittag eine Meerjungfrau winken sahen. Beinahe wären wir auf Grund gelaufen, der erste Maat hatte jedoch in letzter Minute noch Meldung gegeben. Glücklicherweise unterstützte uns der Wind beim Drehen, sodass das Unglück noch abgewendet werden konnte. Nachdem wir uns in Sicherheit wähnten, gab es Kiel backbord einen Aufprall. Vielleicht ein großer Fisch? Merkwürdig nur, dass sich das Ruder in grünen Schlingpflanzen verfing. Das passte nicht zu dieser Meerestiefe. Der Jungmatrose musste zu Wasser und nach einigen Tauchgängen war das Ruder frei. Dafür kippte das gute Wetter und die Wellen begannen zu tosen, der Sturm zu brausen und zu heulen, das Meer zu wüten. Obwohl es immer noch gegen Mittag war, sah der Himmel aus, als wäre es gegen Mitternacht. Drei Stunden tobte die See, danach glätteten sich die Wogen und wir setzten unsere Reise fort.

Todur aber weint und tobt und wütet noch heute, wenn er durch Algenbänke schwimmt. Denn alles, was von Viala übrig blieb, ist einer Legende nach ihr grünes Haar. Und mit Todur trauert auch das Meer, durch Tsunamis, Riesenwellen und Seebeben.

Letzte Aktualisierung: 25.08.2009 - 21.22 Uhr
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