'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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August 2009
Die Beichte
von Susanne Ruitenberg

Anna starrte auf die leblose Form. Karls Haut und die wenigen Haare hoben sich kaum von der Bettwäsche ab. Das Beatmungsgerät zerhackte die Stille.
Jemand klopfte. Anna drehte sich zur Tür und kniff die Augen zusammen.
„Frau Kern, Sie sind ja noch da.“ Dr. Weber trat an ihre Seite. „Sie sollten heimgehen. Ihr Mann ist stabil und ich glaube nicht, dass er in den nächsten Stunden aufwacht.“
„Sie haben recht.“
„Möchten Sie hier schlafen? Oder damit warten ...“
Sie nickte. „Bis es zu Ende geht. Ja.“ Behutsam strich sie Karl über die Stirn. „Liebster. Ich komme morgen wieder. Du bist gut aufgehoben. Ich wünsche dir eine gesegnete Nacht.“ Anna nestelte nach ihrem Stock.
„Warten Sie.“ Dr. Weber reichte ihr den Arm.
„Danke.“

Anna lag lange wach, zum ersten Mal seit siebenundfünfzig Jahren allein im Ehebett. Ihr Hochzeitsgeschenk, das Gesellenstück ihres Bruders, aus polierter Eiche. Das Möbelstück glänzte wie am ersten Tag. Holz alterte nicht, wenn man es pflegte; im Gegensatz zu Menschen mit ihrer runzeligen Haut, abgenutzten Gelenken und einem Herz, das nicht mehr schlagen wollte. Bei diesem Gedanken brannten Annas Augen. Sie holte Luft, ihr Seufzer endete in einem Schluchzen. Ob Karl je wieder neben ihr liegen würde? Irgendwann fiel sie in einen unruhigen Schlaf und träumte, Karl hätte sich im Wald verirrt; sie musste ihn suchen, konnte aber kaum laufen.

Am nächsten Morgen klingelte ein fremder Mann.
„Kurierbrief. Unterschreiben Sie bitte hier.“
Notariat Wilke. Den Namen hatte sie noch nie gehört. Vor dem Kaffee würde sie ihn nicht öffnen. Während sie frühstückte, lag der Umschlag auf dem Tisch und schien sie anzustarren. Das Brot schmeckte wie Pappe, der Kaffee glich bitterer Galle. Sie räumte ab und nahm den Brief hoch. Vorsichtig schlitzte sie das Kuvert auf. Ein weiterer Umschlag kam zum Vorschein. Diesem entnahm sie mehrere Bögen. „Oh“, entfuhr es ihr. Ungläubig starrte sie auf das große H mit der abgebrochenen Spitze. Das war auf Karls Schreibmaschine getippt, auf der er ihr immer Gedichte verfasst hatte! Ihr Herz flatterte und ihr Gesicht wurde warm. Das Papier tanzte in ihren zitternden Händen. So ging das nicht. Den Brief in der einen, den Stock in der anderen Hand, humpelte sie zum Sofa. Dann begann sie zu lesen.

„Meine liebste Anna!
Wenn Du diese Zeilen liest, muss ich dem Tod nahe sein. Ich habe nicht den täglichen Anruf an Notar Wilke getätigt, was ihn veranlasst hat, Dir diesen Brief zu senden. Wir schreiben das Jahr 1999. Aufgeschreckt durch meinen Herzinfarkt habe ich ihn verfasst; über Wochen entworfen und heute, da Du mit dem Seniorenclub unterwegs bist, werde ich ihn abtippen.
Oh Anna! Ich muss Dir etwas beichten, was zu Lebzeiten einzugestehen mir der Mut fehlte. Oh flüchtende Worte, umherirrender Geist. Noch heute treibt es mir die Schamesröte ins Gesicht.
Du weißt es nicht, liebste Anna, aber kurz vor unserer Hochzeit wäre ich beinahe aus Deinem Leben verschwunden. Wie soll ich Dir begreiflich machen, was ich selbst nicht verstehe? Du, innig geliebte Frau, Mutter meiner Kinder. Welche Worte der Rechtfertigung gibt es? Keine! Manch eine Begegnung dauert Augenblicke und wirkt ein Leben lang nach; den kurzen Rausch einer Leidenschaft bezahlen wir mit bitterster Reue.

Es trug sich zu im Winter Neunzehnfünfzig; wir waren verlobt. Du erinnerst Dich an den Messebesuch? Die ganze Firma im Kronhotel. Nach dem Abendessen, bei dem reichlich Wein geflossen, wollte ich mir die Beine vertreten. Die alten Herren in der Stube lassend, ging ich nach draußen, schritt ziellos durch die Straßen, atmete die frische Luft. Auf dem Rückweg, fast schon am Ziel, sah ich sie. Einem Engel gleich schwebte sie in den Lichtkegel der Straßenlaterne. Ich blieb stehen wie aufs Trottoir genagelt. Sie blickte hoch. Ich lupfte den Hut und erbot einen Gruß.
„Guten Abend, Herr Kern“, antwortete sie.
Ich fühlte mich überrumpelt. Woher kannte sie meinen Namen?
„Ich habe Sie gesehen im Hotel. Stubenmädchen bin ich.“ Sie lächelte. In ihren Wangen bildeten sich gar lustige Grübchen. Mir wurde ganz warm. Ich konnte sie nicht einfach weitergehen lassen.
„Gnädiges Fräulein, würden Sie mit mir einen Kaffee trinken?“
Sie legte den Kopf schräg, schien nachzudenken. „Gerne.“ Dann hakte sie sich bei mir ein, als wären wir die ältesten Freunde. Auf dem Weg zum Café erfuhr ich, dass sie Marie heiße, zweiundzwanzig Jahre alt sei und bei der Mutter lebe. Sobald sie genug gelernt habe, wolle sie den Dienst quittieren und in Stellung gehen, um sich später mit einem passenden Manne zu vermählen. Dabei sah sie mich verstohlen von der Seite an, als taxiere sie, ob ich in Frage käme.
Wir setzten uns ins Café und bestellten einen Mokka. Bald sah man uns lustig über dies und das plaudern. Irgendwann blickte sie zur Uhr, erschrak, wie spät es sei, und erhob sich. Artig meine Hand schüttelnd, bedankte sie sich und strahlte mich an, ihre Augen ein lebhaftes Grün. Oh, ich schäme mich so, das Folgende zu erzählen. Ich konnte nicht anders, beugte mich zu ihr hernieder und gab ihr einen Kuss. Erst zögernd, schüchtern, dann drängender; es war, als beherrsche mich ein mir bis dato fremder Hunger und sie antwortete auf gleiche Art, schien dabei ebenso überrascht wie ich. Wir wussten nicht, wie uns geschah. Nachdem ich gezahlt hatte, verließen wir das Café. Wie selbstverständlich schlenderten wir Hand in Hand die menschenleeren Straßen entlang. Bei ihrem Haus angekommen, bedeutete sie mir, die Schuhe auszuziehen. Sie schloss auf; wir schlichen durch das Stiegenhaus zur Dachwohnung. Die Mutter schlief im Wohnzimmer; leise betraten wir Maries Kammer.
Die Tränen rinnen über meine Wangen und können die Glut in meinem Kopf nicht löschen. Was jetzt geschah, ich kann es nicht schreiben, zu tief in mir habe ich es vergraben. Nur soviel: Nach einigen Stunden schlich ich hinaus, beschämt, das Gewissen schwer. Den anderen Tag reisten wir ab. Gegen Vier versammelten wir uns am Empfang. Marie ward nicht gesehen. Lange ging ich im Entrée auf und ab, unter den spöttischen Blicken des Empfangschefs. Ich stellte mir vor, bei Direktor Mertens zu kündigen; dann würde ich bei Maries Mutter vorstellig werden und – im nächsten Augenblick erwachte ich wie aus einem Fieber; ich dachte an Dich, liebste Anna, die vielen Gemeinsamkeiten und die Vorfreude auf unsere Hochzeit, die wir so lange schon teilten. Wollte ich alles wegwerfen für den Preis ein paar trunkensüßer Stunden? Nein! Auf der Zugfahrt beschloss ich, Dir alles zu beichten. Doch Weh und Ach! Als Du Dich am Bahnsteig in meine Arme warfest, strahlenden Auges, übersprudelnder Fröhlichkeit und lieber Worte voll, da brachte ich’s nicht über mich. Und in all unseren glücklichen Jahren hat es an mir genagt, gebohrt, mir manche Nacht verdorben, den Schlaf vergällt, die Träume bitter gemacht wie zu lange gebrühten Kaffee. Doch eh’ ich vor meinen Schöpfer trete, muss ich reinen Tisch machen. Anna, Geliebte. Verzeihe mir meinen ungeheuerlichen Fehltritt. Wisse, dass ich immer nur Dich geliebt habe.
Dein Karl.“

Anna schluckte. Eine Träne rann ihre Wange hinab. Das war sie also gewesen, die Marie. Diesen Namen hatte Karl manche Nacht gerufen, in der er sich unruhig im Bett herumgewälzt hatte, schwitzend, stöhnend, fast krank. Anna hatte nie zu fragen gewagt. Tief in ihrem Inneren suchte sie, was sie empfand. Sie konnte es nicht benennen; alles fühlte sich gedämpft an, ihre Gefühle in Watte gepackt. Eifersucht? Nein, nicht nach so langer Zeit. Er hatte sich selbst genug gestraft.

Da klingelte es Sturm. Sie humpelte zur Wohnungstür. Theo, der Zivi, stand auf ihrer Matte. „Frau Kern, Dr. Weber schickt mich. Ihr Mann ist aufgewacht. Es kann ein Zeichen sein für Besserung, aber auch ...“ Er sah zu Boden.
„Ich verstehe.“ Sie nahm den Mantel vom Haken, die Tasche von der Kommode und folgte dem Jungen.

Karl lag da, wie sie ihn verlassen hatte; den Oberkörper leicht erhöht, einen Sauerstoffschlauch in der Nase, aber seine Augen waren offen. Anna setzte sich auf den Stuhl und nahm seine Hand, die sich anfühlte wie kaltes Wachs. „Karl, hier bin ich.“ Er drehte den Kopf, es kostete ihn viel Kraft. Seine Augen brauchten einen Moment, um klar zu werden, dann erschien ein schwaches Lächeln auf seinen blauen Lippen. „Anna“, flüsterte er. „Der Brief?“
„Ja, ich habe ihn gelesen.“
In seinen Augen glitzerte es. Er holte Luft, stieß sie aus; setzte erneut an und hauchte ein einziges Wort. „Verzeih.“
Sie beugte sich hinunter, küsste sein Gesicht, die Träne, die sich ihren Weg über die runzelige Haut bahnte, die trockenen Lippen.
„Oh Karl, natürlich verzeihe ich. Du bist mir ein guter Ehemann gewesen, wir haben wunderbare Jahre geteilt. Du hast den Mut zum Geständnis, wenn auch spät, gefunden. Wie könnte ich dir nicht verzeihen? Mein geliebter Karl.“
Das Lächeln auf seinen Lippen strahlte wie früher, als er ein junger Mann gewesen war. „Ich liebe dich“, sagte er mit überraschend fester Stimme. Drei Atemzüge folgten, dann hob der Brustkorb sich ein letztes Mal und sank langsam in sich zusammen. Ein schriller Pfiff ertönte aus dem Monitor an der Wand.
„Oh Karl.“ Jetzt rannen ihr die Tränen, sie legte den Kopf auf seine Brust und schluchzte wie ein kleines Kind. Die Tür wurde aufgerissen, jemand stürmte in den Raum und schaltete das Pfeifen ab. Sie hob den Kopf, verschwommen erkannte sie Dr. Weber. Er fasste nach Karls Hand und schüttelte den Kopf.
„Er ist ganz friedlich entschlafen. Müssen Sie ... muss ich her weg?“
„Nein. Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen. Klingeln Sie, wenn wir etwas für Sie tun können.“
Wortlos nickte sie. Der Arzt verließ den Raum.
Anna stand auf, humpelte zum Waschtisch und holte die Haarbürste. Behutsam glättete sie Karls weiße Strähnen, zog das Nachthemd und die Bettdecke zurecht. Als letztes schloss sie mit einer sanften Bewegung seine Augenlider. „Adieu Karl. Ich weiß, dass wir uns bald wiedersehen werden.“
Sie trocknete sich das Gesicht ab und griff nach dem Rufknopf.

Letzte Aktualisierung: 25.08.2009 - 15.54 Uhr
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