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August 2009
Künstlerpech
von Ingrid Gertz

Es stinkt. Ekliger Mief von gekochtem Pansen hängt unter der Küchendecke und will das weit geöffnete Fenster partout nicht als Abflugschneise nutzen.
Draußen lässt der Spätsommer seine Muskeln spielen. Pinselt, vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr, noch schnell einen Hauch Urlaub auf blasse Mädchenbäuche.
Ach, mein Nabel könnte auch ein paar Sonnenstrahlen vertragen, giert doch geradezu nach einer luftigen, vom Baggersee heraufwehenden Brise. Und was mache ich? Ich ersäufe ihn, Hundefutter rührend, in Schweißbächen!
Auf dem Tisch liegt ein noch halb in Zeitung geschlagener Knochen, der heute die Lieferbeigabe für treue Abnahme von Gekröse und sonstigen Schlachtereiabfällen ist. Bei diesen Mengen, samt und sonders beim Metzger Müller geordert, ist ein schlapper Knochen, alle Jubeljahre mal, auch nicht unbedingt generös.
Die Gebeinverpackung ist älteren Datums. Trotzdem spielen Fanny Mae und Freddy Mac in den Schlagzeilen schon lang keine Rolle mehr, sind über inländische parteipolitische Kaspereien ins Nebensächliche geraten. Aber das Horoskop, nachdem ich drei Fleischfasern von der Jungfrau gekratzt habe, kann ich es lesen, das passt wieder mal. Heute wie gestern, morgen oder sonst wann, immer dieselbe Leier:

Konzentrieren Sie sich auf Ihre Arbeit. Einsatz und Durchhaltevermögen sind Ihr Kapital, das überreich Früchte tragen wird.

Ora et labora, na klar! Irgendwie muss das Fußvolk mit Parolen und einem kleinen Silberstreif am Horizont bei Laune gehalten werden. Das einzig Glänzende, was unsereins wohl zu Gesicht bekommen wird, sind die Silberfischchen im Bad. Richtiges Tafelsilber wird klammheimlich nebenbei verflüssigt. Und damit der Ofen nicht auskühlt, bringt bitte jeder etwas Kohle zum Schmelztiegel!
So, der Pansen dürfte gar sein – rein theoretisch. Wer will das Zeug auch kosten? Ich jedenfalls nicht. Normale Leute verwöhnen ihre Fiffis mit Gutem aus der Büchse. Das ist zeit- und kraftsparend. Außerdem sehr vernünftig.
Baldo rührt das vorgefertigte Zeug jedoch leider nicht an. Baldo von Jungfersbronn, groß und tapsig wie ein Kalb, hat einen Stammbaum von hier bis zum Mond. Hochadel sozusagen. Blaublütig, wie der Hund ist, müsste er permanent nur im Koma liegen ... Aber nein, der frisst und frisst und frisst. Und ich wuchte für seine Herrlichkeit Zehnlitertöpfe mit gekochten Innereien durch die Küche.
Was hatte ich mir eigentlich vorgestellt, damals, als ich Egbert begegnete?

Die Galerie 'Mannis Art von der Tenne', ehemals 'Mannis Antikhandel', unterschied sich nur durch das neue, großflächig aufgemachte Schild vom alten Laden. Und natürlich durch meine Exponate. Neben in Ehre gealterten Zugschlitten, Wagenrädern und angetöpperter Salzkeramik durfte ich eigene Bilder und Skulpturen präsentieren. Ich war aufgeregt, hoffte auf reichlich erscheinendes Publikum, auf fachkundiges Lob und darauf, dass lieblich knisternde Scheinchen meine Geldbörse direkt aus der Dauerdiät holen würden.
Drei lange Wochen bewachte ich Mannis Gerümpel, brachte neben zwei selbstgeschaffenen Grafiken in der Hauptsache alte Kloßpressen, blümchenverzierte Salatseiher und andere Artefakte bäuerlicher Erstbesiedelung unter die Leute. Und ich langweilte mich, langweilte mich so entsetzlich, dass ich selbst vor den Einheitshoroskopen der Klatschblätter nicht haltmachte.

Erkennen und nutzen Sie die Chance! Zeigen Sie Ihre Kreativität! Finanzieller Erfolg und auch die Liebe sind nicht weit entfernt.

„Was soll die Dame denn kosten?“ Wie aus dem Nichts flutete diese Stimme den Raum. Dunkel und rau, gleichzeitig aber auch zart werbend. Wie der große böse Wolf auf Kreide. Schaurig- schön, signalisierten die mir zugehörigen, aufgestellten Nackenhärchen. Und sie blieben, entgegen jeder Vernunft, bei ihrer Einschätzung, als sich der zugehörige Klangkörper ins Blickfeld schob. Keine noch so opulent bebilderte Notlektüre konnte auch nur ansatzweise Ähnliches bieten: Adonis himself stand da auf der Matte. Shirt und Jeans schienen wie auf den Leib gegossen, überzeichneten jedwede muskuläre Erhebung und präsentierten ein knackig – durchtrainiertes Innenleben. Der Besucher schlich schwer interessiert um 'Madame C.', meine lebensgroße, knochige Laufstegschönheit aus Karnickeldraht, Gipsbinden und Pappmaché herum.
„Sehr schön, ... wirklich außergewöhnlich ... “ Versonnen und zart, mit einer ganz und gar merkwürdigen Intensität, strichen feingliedrig tastende Finger über endlos lange Beine, hervorspießende Schlüsselbeinchen, wollüstig aufgeplusterte Lippen.
„Das Kleid und die Haare, die hätte ich gerne in Schwarz. Und ... “ Sein Blick fraß sich, vom spektakulär flachen Dekolleté der Plastik losgeeist, in meinen, Kontrastprogramm verheißenden Vorbau. „'Madame C.' sollte noch etwas Gesellschaft haben. So eine Gruppe in Schwarz – Weiß, vor edlem Carrara – Marmor ... das könnte mir gefallen. Wie wär's? Haben Sie Interesse?“ Egbert, letzter Spross derer von Jungfersbronn, erklärte, dass er die Halle seines Erbschlösschens mit moderner Kunst verschönern wolle. Ich lauschte wie das sprichwörtliche Kaninchen einfach nur seiner Gänsehautstimme, sah ihn hinreißend lächeln und bekam dieses Bild virtuos streichelnder Hände einfach nicht aus dem Kopf. Seine Einladung verhieß mir Aufenthalt in geschichtsträchtigem Gemäuer, Einblicke in das Leben der Reichen und Schönen. Andere zahlten für sowas! Mir fiel es in den Schoß, das Schloss!

Neben der Arbeit an einer weiteren flachbrüstigen Blassen überließ ich mich fortan Egberts Führung, tauchte ab, glücklich und gedankenlos, in zwanzig baldachinbewehrte Bettmonster, wurde umsäuselt von Egberts Schmeicheleien, süchtig nach seinen kundigen Händen. Als ich zu mir kam, hatte schon lange kein Gärtner mehr die Schlosshecken geschnitten, geschweige denn, den Rasen im Park geschoren. Da schlurfte die Köchin mit ihren Koffern zum Taxi und mahnte: „Hör auf, zu träumen, Mädel!“ Dabei übergab sie mir kopfschüttelnd die Schließgewalt über das bröckelnde Lustschlösschen. Egbert befand sich genauso im Aufbruch.
„Bis Sonntag bin ich wieder da!“, verkündete er und stellte einen Sack Trockenfutter in die Halle. „Gib meinem Baldo ein wenig Zuspruch und nicht nur sein Fresserchen. Du weißt, er liebt gute Gespräche. Wird's wohl ein paar Tage verkraften, wenn die mal nicht von Mann zu Mann geführt werden.“
Er machte sich auf, um sein erstes Buch, einen Krimi, zu promoten: Wenn Hunde Katzen jagen. In der Schlossbibliothek stapelten sich Unmengen von Kisten, bis an die Deckel gefüllt mit Egberts ganzem, in Paperback gewandeten Stolz, und verstaubten unter strengem Blick der versammelten Ahnengalerie. Gerne wollte ich Egberts Abwesenheit nutzen, um mich mit den Gedanken und Ideen meines Schreibkünstlers vertraut zu machen, aber ich kam nicht weit. Satzungetüme schachtelten seitenlang vor sich hin, widersetzten sich jedem Verstehen und zogen meine Augenlider südwärts. Nein, das war sicher nicht die einfallsreiche, zupackende Seite, die ich an Egbert so mochte.
Noch weniger konnte ich mich mit den hochbeinigen Besucherinnen anfreunden, die er später von seinen Leseausflügen mitzubringen pflegte. Groß und dürr und kaum in der Lage, das zur Begrüßung gebotene Sektglas zu stemmen. Und wie sie mich behandelten! Als wäre ich Dienstpersonal!
Genau drei dieser Schnepfen hatten mich bisher von meinem künstlerischen Schaffen und, was viel verletzender war, von Egbert ferngehalten. Eine ganze lange Woche jeweils.
Immer war er zurückgekommen. Hatte in meinen weichen Armen Zuflucht gesucht und die beim Turnen auf knochigem Gestell zugezogenen Hämatome wie Kriegsverletzungen präsentiert. Jedes Mal Reue, jedes Mal Versprechen und die Bitte um eine letzte, eine allerletzte, eine allerallerletzte Chance.

Baldo weint im Zwinger vor sich hin. Es ist Zeit für einen ausgedehnten Spaziergang.
Danach wird sein Menü, das zur Zwangskühlung jetzt noch in der Spüle steht, die richtige Fütterungstemperatur haben. Baldo gehorcht mir inzwischen aufs Wort und er veranstaltet auch kein Spektakel mehr, wenn Besucher zur Schlossbesichtigung eintreffen.
Trotz aller Schufterei wird das heute ein guter Tag. Fünfzig Euro Eintrittsgeld hab ich einnehmen können und für sechzehn Uhr hat sich noch eine Gruppe zur Besichtigung angekündigt. Ich freue mich diebisch darüber, wie gut meine Skulpturengruppe mit dem lesenden Schriftsteller und seinen lauschenden Musen beim Publikum ankommt.
Baldo darf heute nicht in die Halle, denn von der Vorleserskulpur hat sich am umblätternden Finger etwas Makulatur verabschiedet. Das muss ich erst in Ordnung bringen.
Dann kann Baldo das Abbild seines Herrchens wieder schwanzwedelnd und ohne Geruchsbelästigung anhimmeln.

Letzte Aktualisierung: 27.08.2009 - 09.45 Uhr
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