Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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August 2009
Verteufelt
von Sylvia Seelert

„Teufel, Allmächtiger … jetzt muss ich mich aber sputen!“
Gertrude Deibeltreu schnappte sich das Pergament, auf dem sie zuvor mit Hühnerblut ein Pentagramm gezeichnet hatte, den golden gerahmten Handspiegel und stopfte alles in die schwarze Louis Vuitton Handtasche.
Ihre Absätze hackten im Stakkato über das Kopfsteinpflaster der Sabbatgasse. Am Geschäft „Öfen für das Fegefeuer“ klingelte sie Sturm. Eine schrullige Alte im schwarzen Leinenkleid öffnete.
„Gertrude, altes Biest, bist spät dran!“
„Xanthippe, du alte Vettel, was machen die Ratten? Hast’n neuen Pesterreger gefunden?“
Beide lachten diabolisch, tief und kehlig.
„Gertrude, Gertrude. An deinem Lachen muss’ du aber noch feilen.“
„Treffe die tiefen Töne nicht gut. Hab schon einen Termin beim Stimmtrainer Ingo Raukehle angemeldet. Der soll der beste sein.“
„Mach das“, krächzte Xanthippe und wandte ihr den buckeligen Rücken zu. Gertrude trippelte hinterher und zog sogleich die Kostümjacke aus. Die bulligen Öfen im Laden verbreiteten eine Hitze von mindestens 60 Grad.
„Kühl hier“, murmelte die Alte und warf ein paar Holzscheite nach, die mit schrillen Schreien in Flammen aufgingen.
„Was war das?“ Gertrude verzog schmerzverzerrt ihr Gesicht und hielt sich die Ohren zu.
„Holzscheite Marke Seelenqual. Der Chef hat in seinem Labor Verdammte mit Holz kombiniert, um eine höhere Brenndauer zu erreichen. Ich mache gerade die ersten Tests damit. Du kennst ja den Weg!“
Unwirsch zeigte Xanthippe Richtung Keller, beugte sich anschließend über einen Stapel Blätter und trug sorgfältig Zahlen in Listen ein.
Die Treppe zum Keller war schmal und eng. Unten angekommen, rümpfte Gertrude die Nase. Ratten. Rote Augen fixierten sie. Gertrude konnte diesen Viechern nichts abgewinnen. Auch wenn sie in der Vergangenheit den schwarzen Tod gebracht und Millionen ins Verderben geführt hatten. Am Ende des Rattengewölbes verwehrte ein Portal den Zugang. Sie holte ihr Pentagramm hervor und murmelte: „Urgott, Weltenvernichter und Seelenfresser, deine Dienerin Gertrude erbittet Einlass.“
Das Pentagramm, kunstvoll mit Intarsien in die Mitte der Tür eingebracht, leuchtete auf. Eine tiefe Stimme sprach: „Gertrude, das war das Passwort von letzter Woche!“
„Oh je … das kann nicht sein …“, jammerte diese und raufte sich ihre schwarze Lockenpracht.
„Oh doch“, seufzte die Tür.
„Denk nach, Gertrudchen, denk nach …“ Aufgeregt nagte sie an ihrer Unterlippe.
„Ich komm’ noch drauf.“
„Fragt sich bloß, wann?“, kicherte die Tür.
„Eure Entsetzlichkeit, Boshaftigkeit und Unverzeihlichkeit kennt keine Grenzen. Dennoch lasst Eure Dienerin Gertrude ein.“
„Das hatten wir schon im letzten Monat“, feixte die Tür und blieb verschlossen.
„Kommste schon wieder nicht rein?“, brüllte Xanthippe vom Treppenansatz herunter.
„Was heißt hier schon wieder?“, empörte sich Gertrude.
„Die Woche davor und davor und da davor …“, zählte die Tür auf und quietschte vor Vergnügen mit den Scharnieren.
„Denk mal an die weiteren Namen des Teufels“, rief Xanthippe.
„Ach, klar doch!“ Sie schlug sich stöhnend gegen die Stirn.
„Mephisto, Beelzebub, Satan – unzählige Namen ehren dich. Auch Gertrude, deine Dienerin, verbeuget sich.“
Erneut leuchtete das Pentagramm auf und diesmal öffnete sich knarrend die Tür.
Sie eilte an den Büros der Seelenfänger vorbei, fuhr mit dem Fahrstuhl hinab in die Etage der Ewigen Verdammnis und stand im Vorhof zur Hölle. Am Empfang saß der dreiköpfige Kerberos und spielte Karten.
„Verdammt, du schummelst“, jaulte Kopf Eins.
„Glotz nicht in meine Karten“, knurrte Kopf Zwei.
„Full House“, triumphierte Kopf Drei und deckte sein Blatt auf.
„Four of a kind. Hast dich zu früh gefreut“, gluckste Kopf Zwei und legte seine Karten hin.
„Schummler, Schummler“, grollte Kopf Eins und schnappte nach Kopf Zwei.
„Menschenfleisch!“ Schnüffelnd ruckte Kopf Drei in Richtung Gertrude.
„Wasch isch losch?“, nuschelten Kopf Eins und Zwei, die sich ineinander verbissen hatten.
„Ist nur die Deibeltreu.“
Kopf Drei nickte ihr zu.
„Kannst durchgehen. Der Boss wartet schon.“
Gertrude lief an dem streitenden Hund vorbei, holte ihren Spiegel hervor und zog den Lippenstift nach. Eine Stichflamme schoss aus dem Büro und versengte Gertrudes Haarspitzen.
„Dei-bel-treu! Wo bleiben Sie?“
Seine Stimme klang übellaunig. Vorsichtig steckte sie ihren Kopf in sein Büro und blickte auf ein wüstes Schlachtfeld. Aktenordner lagen zerfetzt überall im Raum herum und an den Tapeten züngelten noch letzte Flammen. Hinter seinem Schreibtisch aus Totenschädeln hockte der Teufel und schnaubte Schwefelwolken durch die Nase.
„Chef?“, kiekste sie und stakste über Mini-Vulkane, die aus dem Boden emporschossen.
„Deibeltreu, so geht das nicht weiter. Meine Quoten befinden sich im Sinkflug. Schon wieder 5.000 Seelen weniger im letzten Monat. Tendenz fallend. Dabei sollte die Finanzkrise sie empfänglicher für meine Versprechen machen. “
Wütend tackerte er mehrfach ein Blatt Papier.
„Und das Verderben, das wir über die Welt bringen, ist einfach lächerlich. Ich sage nur Schweinegrippe. Dieser alberne Virus war Ihre Idee, Deibeltreu.“
Das Blatt Papier in seiner Hand löste sich in Flammen auf und er senkte seine gehörnte Stirn drohend.
„Sagen Sie mir einen Grund, warum ich Sie für Ihre Inkompetenz nicht rauswerfen und zu den Kohlenschauflern im feurigen Pfuhl verbannen soll? “
Gertrude schwitzte.
„57 Jahre treue Dienste als Beraterin, Eure Schrecklichkeit?“
„Sind wir hier im öffentlichen Dienst? Sind Sie unkündbar oder schützt Sie ein Tarifvertrag? Und was sind schon 57 Jahre im Angesicht der Ewigen Verdammnis?“
Der Teufel brüllte das letzte Wort so laut, dass ein Flammenstoß aus seinem Mund raste und die gegenüberliegende Vampirskulptur schwärzte.
Schweiß perlte von Gertrudes Gesicht und verpuffte zischend auf dem heißen Boden.
„Ähm …“, räusperte sie sich. „Ich hätte da eine Idee.“
„Ich höre!“
„Die letzte Chance!“
„Ja, Ihre letzte Chance, Deibeltreu.“
„Nein… ja … ich meine, eine Castingshow mit dem Titel ‚Die letzte Chance’. Und ich denke da an ein weltweites Format.“
Interessiert beugte sich der Teufel vor.
„Weiter?“
„Wir wenden uns an alle Untalentierten. All diejenigen, die kein Taktgefühl haben und sich doch als Tänzer fühlen. Die keinen richtigen Ton treffen und trotzdem an einen Plattenvertrag glauben. Die Orangen zu Saft jonglieren, mit Querflöten Golf spielen und beim Handstand Mutters Regal abräumen.“
Gertrude redete sich so langsam in einen Rausch, während der Teufel nachdenklich Schwefelwolken paffte.
„Im Fernsehen, im Radio, im Internet – überall bekommen sie ihre Plattform. Die Kameras und Mikros sind bei jedem ihrer Schritte dabei. In Workshops werden wir sie drillen: in Zickenterror, Starallüren und im Intrigenspinnen. Die Schlechtesten von ihnen werden Plattenverträge und eigene Shows bekommen. Schon bald wird die Welt überzogen sein von einer nervtötenden talentfreien Zone, in der alle kultivierten Menschen gequält werden.“
„Deibeltreu, ich bekomme so langsam Gefallen an der Idee.“
Gertrude wagte es, kurz erleichtert durchzuatmen. Doch noch waren die finsteren Wolken über dem Kopf des Teufels nicht verschwunden.
„Die Teilnehmer der Castingshow verlieren durch den Knebelvertrag, den sie abschließen müssen, ihre Seelen an uns und die Zuschauer am Ende ihren Verstand. Und Sie, Chef, Sie sitzen in der Jury!“
Erstaunt blickte der Teufel Gertrude an, schaute dann auf seine kräftigen Ziegenbeine herab und im Spiegel auf seine prächtigen Hörner, die wuchtig aus der Stirn hervorsprossen.
„Deibeltreu, da gibt es ein kleines Problem …“
„Chef, Sie brauchen natürlich einen anderen Körper zur Tarnung.“
In dem Moment ging die Tür auf und ein Mann, Mitte fünfzig, sonnenbankgebräunt, mit kurzen, blonden Haaren trat ein.
„Hallo, ich bin der Dieter. Ich soll hier einen Buchvertrag unterschreiben …“
„Verteufelt …“, entfuhr es da dem Teufel und er grinste diabolisch.

Letzte Aktualisierung: 27.08.2009 - 09.47 Uhr
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