Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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August 2009
Das ist, wenn ...
von Robert Pfeffer

Seit fünf Stunden ächzten und stöhnten ihre Zuhörerinnen im Wechsel. Wie den Trommelschlag auf einer Galeere vorgebend pflügte Gitta Wollenhaupt trotz ihrer schon zweiundsechzig Jahre durch das Programm. Die Luft des kleinen Raumes der Volkshochschule war erfüllt von einer Mischung aus dezentem Schweißgeruch und weniger dezenten Parfümwolken. Nur noch eine Woche bis zum Bundesliga-Start. Millionen Frauen sahen einer weiteren Saison des Leidens entgegen. Fünfzehn von ihnen rutschten auf unbequemen Stühlen herum und wagten im eintägigen Workshop den Versuch, sich dem Verständnis für einen Sport zu nähern, der sie im Prinzip nicht interessierte.
„Meine Damen, Sie haben jetzt eine Vorstellung davon, was eine Raute ist, können jede Viererkette auseinander nehmen. Ich habe Ihnen beigebracht, dass ein Libero mit modernem Fußball nicht mehr allzu viel zu tun hat. Sie sind darüber hinaus in der Lage, sein Erscheinen auf dem Platz mit geeigneten Beschimpfungen des Trainers über dessen antiquierte Fußballphilosphie zu beantworten. Die dazu gängigen Vokabeln finden Sie übrigens im Handbuch ab Seite 42 im Kapitel ‚In jedem steckt ein Bundestrainer‘. Zum Abschluss unseres Workshops aber wartet auf Sie das schwierigste Stichwort überhaupt.“
Margarethe Bachmann lehnte sich zu Hedwig Schmickler hinüber und flüsterte: „Was meint unser Graulöckchen da vorne denn wohl?“
„Keine Ahnung. Ich glaub, die olle Silberzwiebel plustert sich bloß wieder auf. Hat doch hier von Anfang an versucht, den Herberger zu geben.“
„Von wegen ein Spiel dauert neunzig Minuten und das nächste ist immer das schwerste. Die Trulla ist ne Zumutung. Aber was nimmt man nicht alles in Kauf, nur um endlich mal mitreden zu können.“
Gitta Wollenhaupt deckte am Flipchart ein jungfräuliches Blatt auf.
„Sie werden mir zustimmen, meine Damen, ganze Heerscharen von Geschlechtsgenossinnen haben sich an diesem Begriff die hübschen Eckzähne ausgebissen. Wir Frauen mögen über Sinn und Unsinn des gesamten Spiels geradezu philosophische Diskussionen anstellen, wenn uns das Treiben auf dem Rasen mal wieder wie ein halbwegs von Regeln begrenzter Testosteron-Abbau erscheint. Dennoch ... unsere intellektuelle Überlegenheit nützt uns im Stadion nichts, werte Kolleginnen, rein gar nichts, sollten wir dort unvermittelt vom Nebenmann gefragt werden, ob das nicht gerade Abseits war!“
Fünfzehn unterdrückte Aufschreie gingen durch das Auditorium, als die Dame mit dem Faserschreiber in der Hand das Unwort weiblichen Fußballverständnisses aussprach.
„Aber ich kann Sie beruhigen“, fuhr die Seminarleiterin fort, „mit meiner berühmten Gummibärchen-Methode hat es bislang noch jede Teilnehmerin kapiert. Bevor ich jedoch die Tüte öffne, hätte ich gerne von Ihnen ein paar Rückmeldungen, was Sie unter Abseits verstehen.“
Über den Workshop breitete sich der Mantel des Schweigens. Der Weltrekord des Beamtenmikado war stark in Gefahr, nicht die kleinste Regung auf einem der Stühle. Selbst atmen hörte man keine der fünfzehn Frauen. Auf Linksaußen die vierundzwanzigjährige Mutter von drei Kindern, die sich als alleinerziehend ausgab, weil der Club ihres Gatten letztes Jahr sowohl im nationalen wie im UEFA-Pokal bis ins Finale vorstieß und er bei allen Spielen - auch auswärts - seine Fanpflichten erfüllte. Sie schaute aus dem Fenster. Im Sturmzentrum vor der Tafel die dreiunddreißigjährige Angestellte mit der Hornbrille, die unter ewigem Singletum litt und aus Verzweiflung eine Dauerkarte für die Südkurve erwarb, um im Block der Ultras den Mann für‘s Leben zu finden. Sie blickte zu Boden. Selbst Margarethe, die sonst so lustige Endsiebzigerin, bohrte mit ihrem starren Blick ein Loch in die Luft. Sie hatte sich, ermuntert von Hedwig, zum Workshop ‚Keine Angst vor Abseits und Co.‘ angemeldet, weil sie ihrem Herbert zur goldenen Hochzeit im September eine Freude machen, mit ihm ins Stadion gehen und dort mitreden können wollte. Das Seminar war ihre letzte Chance, die Abseitsregel doch noch zu verstehen. Aber nun blieb sie stumm, obwohl es hier um nichts ging.
Ein weiterer heißer Luftstoß drang von draußen herein und einem vertrockneten Strauch in einer Westernstadt gleich rollte ein Papierschnipsel auf dem Boden quer durch den Raum. Mitten in die angespannte Stille löste sich die Antwort von Hedwig Schmickler wie ein Schuss.
„Abseits ist, wenn bei der Ballabgabe weniger als zwei Verteidiger zwischen dem Angreifer und der Torauslinie stehen.“
Wie nach einer wieder herein gedrückten Sicherung der Strom zu fließen beginnt, setzte das Geraschel und Getuschel in den Reihen ein.
„Meine Damen ... bitte! ... Frau Schmickler, das war ein sehr guter Ansatz. Möchte noch eine von Ihnen etwas beisteuern?“
Hinten in der Mitte, auf der Torhüterposition quasi, hob sich der Zeigefinger von Martina Volland, einer fünfundvierzig Jahre alten Sozialarbeiterin, die ein Wiedereingliederungsprojekt für straffällige Hooligans leiten wollte und sich für das Vorstellungsgespräch präparierte.
„Ich glaube, Abseits ist, wenn sich einer unfair in den Rücken der Abwehr schleicht und da wartet, bis er den Ball bekommt, um nur noch einzuschieben.“
„Auch das, Frau Volland, ist ein guter Gedanke. In der Tat ist die Abseitsregel erdacht worden, um genau das zu unterbinden. Aber die Details sind doch vielfältiger. Ich werde Ihnen jetzt meine berühmte Gummibärchen-Aufstellung präsentieren.“
Gitta Wollenhaupt riss die Tüte auf und sortierte drei Farben heraus. Die roten platzierte sie auf einer Linie an der Strafraumkante des ein Meter langen Kunststoff-Rasenteppichs. Nachdem sie den gleichfarbigen Torwart auf seinen Platz gedrückt hatte, setzte sie einige weiße vor die rote Abwehrkette und einen zwischen jene und den Keeper. Links ans Strafraumeck kam der gelbe Schiedsrichter.
„Sie sehen ... ist dies der Moment der Ballabgabe, so befindet sich zwischen der Torauslinie und dem Angreifer, der den Ball erhalten soll, nur ein Verteidiger. In diesem Fall handelt es sich um den Torwart. Es kann aber auch jeder andere Spieler sein.“
Margarethe nahm das Torbärchen und steckte es in den Mund.
„Ist jetzt immer noch Abseits?“, nuschelte sie.
Allgemeines Gekicher.
„Wir könnten zusätzlich den Schiedsrichter auffuttern, das wäre ebenfalls eine Problemlösung“, quetschte die mutig gewordene Hornbrillen-Angestellte hervor und fuhr bereits ihre Hand aus.
„Meine Damen ... wollen Sie wohl meine Anordnung nicht ruinieren! Ich glaube, Ihnen fehlt der nötige Ernst.“
„Nö“, nuschelte Margarethe und griff blitzschnell den Abseitsbären, „ich heb nur gerade aktiv das Abseits auf.“
„Trotz Ihres frechen Vorgehens ein sehr gutes Stichwort, Frau Bachmann“, dozierte Gitta mit erhobenem Zeigefinger und einem vielsagenden Blick über den Rand ihrer Brille. Sie stellte ein neues weißes Gummibärchen ins Abseits und ein weiteres rechts außen in den Strafraum. „Diese Konstellation verdeutlicht Ihnen die Bedeutung aus Ziffer 11 der Regeln des Deutschen Fußball-Bundes, dass die Abseitsstellung an sich noch kein Vergehen darstellt. Dieser Spieler hier rechts steht im passiven Abseits. Er greift nicht ins Geschehen ein.“
„Wie mein Herbert in der Küche“, prustete Margarethe und verlor fast ein Bärchen aus dem Mund.
„Erst, wenn er zum Beispiel vor den Torwart läuft und diesen irritiert, ist er wieder aktiv beteiligt und seine Abseitsstellung wird mit einem indirekten Freistoß für die verteidigende Mannschaft bestraft“, legte die Seminarleiterin nach.
„Sehen Sie“, ging Hedwig dazwischen, „ich erteil meinem Karlchen immer sofort einen Platzverweis. Ne gelbe Karte in Herdnähe hat sich als milderes Mittel einfach nicht bewährt.“
Gitta Wollenhaupt sammelte die Gelatinefiguren ein und rollte das Spielfeld zusammen.
„Nun, liebe Teilnehmerinnen, damit sind wir am Ende unseres Workshops. Gerade die Abseitsregel bietet in den Stadien dieser Welt fortwährend Anlass zu heftigen Emotionen im Publikum. Wenn Sie auf der Tribüne stehen oder sitzen, sollten Sie angemessen auf Fehlentscheidungen reagieren können. Nähere Ausführungen dazu finden Sie im Handbuch ab Seite 78 im Kapitel ‚Schiri, wir wissen wo dein Auto steht‘. Ich danke Ihnen für die heutige Teilnahme und wünsche viel Spaß bei den nächsten Besuchen im Stadion.“
In den kurzen Applaus hinein lehnte sich Hedwig zu Margarethe.
„Haste das mit den Gummibären jetzt kapiert? Du meintest ja selbst, es sei deine letzte Chance, das zu verstehen.“
„Ich bin mir nicht sicher, aber es ist auch egal. Bin da nach den Stunden hier ziemlich entspannt. Beim ersten Spiel nach der Goldhochzeit werd‘ ich einfach gucken, was passiert. Im Zweifel ist Abseits, wenn Herbert mosert oder der Schiri pfeift! Alles andere steht im Handbuch, gelle?“

Letzte Aktualisierung: 18.08.2009 - 08.27 Uhr
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