Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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August 2009
Staugeflüster
von Regina Lange

„Willst du nicht endlich mal dein Paket zur Post bringen? Es liegt schon seit Tagen hier im Flur herum“, fragte mein Mann und schob es genervt mit dem Fuß in meine Richtung.
„Kannst du ja für mich erledigen“, entgegnete ich.
„Wieso ich? Es ist ja letztendlich dein Kleid, das du zurückschicken musst. Du hättest es ja nicht bestellen müssen, bist schließlich keine zwanzig mehr!“
Typisch Mann. Das hätte er auch freundlicher ausdrücken können. Ich warf ihm einen bösen Blick zu und begann, den Rücksendeschein auszufüllen. Bei dem Kästchen für den Grund unterbrach ich kurz und sah meinen Mann grinsend an.
Artikel gefällt nicht! Anschließend verklebte ich das Paket und verstaute es in mein Auto.
Am Postgebäude angekommen, erblickte ich eine riesige Menschenmenge.
Oh nein. Es war leider die letzte Möglichkeit, ja überhaupt die letzte Chance, das Kleid innerhalb der Rückgabefrist an den Versandhandel zurückzuschicken.
Ich könnte es natürlich auch behalten …
Doch diesen Gedanken schob ich beiseite. Ich wollte meinem Mann nicht die Gelegenheit geben, wieder an meiner Figur herumzumäkeln. Bevor ich also eintauchte, atmete ich mehrmals tief ein. Einige Passanten schauten mich mit großen, ungläubigen Augen an, wahrscheinlich weil es so aussah, als ob ich Yogaübungen auf dem Fußweg absolvierte. Es war sicherlich für einige Stunden die letzte frische Luft.
Ich hatte es schwer, überhaupt durch diese Automatikdrehtür zu kommen. Sie drehte sich sehr schleppend und eine große Anzahl von Personen versperrte den Eingang. Es blieb mir nur ein kleiner Spalt, um hineinzuschlüpfen, was mir natürlich leicht gelang bei meiner Figur … von wegen fünf Kilo zu viel. Die Tür setzte sich quälend langsam in Bewegung und einige Leute mussten sich in Acht nehmen, um nicht wieder nach draußen transportiert zu werden. Ich quetschte mich hinein und musste vorwurfsvolle Blicke erdulden. Aber ich war drin! Nach mir pressten sich noch weitere Menschen rein und raus. Ich hatte das Gefühl, dass es immer voller anstatt leerer wurde.
Ein Mann irgendwo hinter mir in der Reihe brüllte verärgert: „Geht es endlich mal weiter da vorne? Ich habe keine Lust, hier eine Ewigkeit zu warten!“
Mein Hörorgan vibrierte. Hoffentlich bekomme ich von dieser ohrenbetäubenden Stimme keinen Tinnitus.
Die Warteschlange bewegte sich ein paar Zentimeter. Eine ältere Dame direkt hinter mir drängelte so stark, dass sie mir ihr Paket direkt in den Rücken stieß.
„Aua, was soll denn das?“, fragte ich aufgebracht und rieb mir die Stelle im Kreuz. Sie jedoch ignorierte mich einfach und sah stur geradeaus an mir vorbei.
Wieder ging es ein Stückchen vorwärts. Die stickige Luft war kaum auszuhalten, in kleine Scheibchen hätte man sie schneiden können. Dazu kam noch ein ekliger Geruch meines Vordermannes, der anscheinend den ganzen Tag im Zigarettenqualm verbrachte.
Nur wenige Millimeter ging es weiter. Ich versuchte, die Leute zu zählen. Es waren bestimmt noch zehn. Das konnte also noch ziemlich lange dauern, bis ich an der Reihe war. Mein Arm schmerzte, mein Rücken peinigte mich und ich hatte keine Lust mehr zu warten.
An allem war nur dieses verdammte Kleid schuld.
Ich hatte das Gefühl, einen Zementsack zu tragen und konnte es nicht mehr aushalten. Das Paket landete unsanft auf dem Fußboden.
Endlich Linderung! Schließlich auch eine Erleichterung. Ohne dieses blöde Paket konnte ich diese bescheuerte Warterei besser aushalten.
Plötzlich ertönte ein schriller Ruf. Ich erschrak. Was war passiert?
„Sie da!“
Alle drehten die Köpfe herum, soweit es im Gedränge möglich war.
„Ja, Sie da, die ältere Dame!“, rief eine Postangestellte mit schriller Stimme.
Aber welche ältere Dame meinte sie? Es war megavoll hier und ich fühlte mich nicht angesprochen.
„Sie sind einfach noch hereingekommen, obwohl wir schon geschlossen haben!“, kreischte sie.
Ich sah auf meine Armbanduhr, tatsächlich es war schon achtzehn Uhr. Die Automatikdrehtür schloss und öffnete sich weiter. Offenbar strömten immer noch Leute in das Gebäude hinein.
„Nein, nein.“ Es ertönte eine zitternde Stimme.
„Ich warte schon lange hier, aber der Herr hinter mir hat das Postamt später betreten.“
„Das stimmt überhaupt nicht! Ich warte auch schon lange hier!“, gab ein älterer Herr beleidigt zurück.
„Das gibt es doch nicht!“, schrie die Postangestellte entrüstet. Alle Köpfe drehten sich wieder Richtung Schalter.
„Wir schließen um achtzehn Uhr! Wir arbeiten jetzt nur noch ab!“
Ein Raunen und Gemurmel ging durch den Raum.
Oh, welch kundenfreundliche Aussage: Die Kunden werden abgearbeitet, dachte ich.
Im Geiste sah ich es vor mir: Die Kunden in der Gestalt von Briefen oder Paketen, die frankiert werden mussten.
„Der Nächste!“, krähte sie schroff.
Ich zuckte zusammen und wurde aus meinen Gedanken gerissen. Meine geistigen Briefe und Pakete zerplatzten wie Seifenblasen. Nach unendlicher Wartezeit war ich nun an der Reihe. Jetzt werde ich abgearbeitet. Ich schmunzelte.
Doch das Grinsen verging mir sehr schnell. Mein Paket, mein Paket … Ich hatte es irgendwo auf den Fußboden abgestellt. Vermutlich stand es noch dort, hoffentlich nicht platt getreten von der Horde.
„Ach herrje“, platzte ich heraus.
„Was ist denn jetzt?“, fragte Frau Sauerbier unfreundlich. Ein Schild auf dem Tresen verriet mir ihren Namen.
„Ich habe ein Problem.“
„Das ist mir egal. Halten Sie den Betrieb hier nicht auf!“
Frau Sauerbier trommelte genervt mit ihren Wurstfingern auf der Theke herum.
„Mein Paket steht dahinten!“ Ich drehte mich um und hielt meinem Finger in die Richtung. Er kam dem Auge der älteren Dame, die mir in den Rücken gepiekst hatte, gefährlich nahe. Sie wich vor Schreck zurück.
„Ich habe es auf den Fußboden gestellt!“, versuchte ich Frau Sauerbier begreiflich zu machen. Sie verdrehte nur die Augen und schüttelte mit dem Kopf.
„Dann holen Sie es!“
„Ja!“, antwortete ich kaum hörbar.
Wie sollte ich bloß durch diese Menschenmasse zu meinem Paket gelangen?
Ich schubste und drängelte. Hauchte hier und da ein „Entschuldigung“ in die Menge.
Einige wollten mir einfach keinen Platz machen und blieben stur stehen. Sie verteidigten natürlich nur ihren Platz in der Schlange.
„Würden Sie mich bitte durchlassen?“ Ich gab mir große Mühe, höflich zu bleiben.
„Wieso?“, antwortete ein Mann im Anzug. „Stellen Sie sich doch hinten an. Wir müssen hier alle ausharren. Ausnahmen gibt es nicht!“
„Ich bin ja schon dran.“
„Was wollen Sie denn hier hinten? Der Schalter ist da vorne. Sie wollen sich bestimmt nur vordrängeln. Hausfrauen, die haben doch immer am wenigsten Zeit!“
Also das ging zu weit. Ich wurde von diesem Anzugträger arg beschimpft und beleidigt. Schließlich war ich auch berufstätig und hatte als berufstätige Hausfrau eben keine Zeit … Deshalb war mein Päckchen noch nicht versandt worden, weil mir die Zeit fehlte, aus beruflichen Gründen natürlich.
„Nun lassen Sie doch die arme Frau durch!“ Ein älterer Herr hatte Mitleid mit mir.
Widerwillig machte der Anzugträger mir etwas Platz. Glücklicherweise erlaubte es meine Figur, mich zwischen diesen beiden Männern hindurchzuschlängeln.
„Danke!“, sagte ich zu dem freundlichen Herrn.
Er lächelte: „Bitte, gern geschehen!“
Wenigstens ein bisschen Freundlichkeit gibt es hier und auf einmal entdeckte ich mein Paket. Es stand Gott sei Dank noch unversehrt an derselben Stelle. Ich hob es auf und bahnte mir einen Weg zurück. Nach wenigen Augenblicken hatte ich es geschafft. Schweißgebadet und mit einem puterroten Gesicht reichte ich Frau Sauerbier mein Paket. Mit einem gequälten Gesichtsausdruck war sie nun an der Reihe mich abzuarbeiten. Nach über einer Stunde Wartezeit hatte ich nur ein Ziel: bloß raus hier. Ich versuchte die Ausgangstür zu erspähen und schob mich durch die vielen wartenden Kunden, die noch abgearbeitet werden mussten.
Ich hörte lautstarkes Gebrüll: „Geht es endlich mal voran? Wie lange sollen wir denn anstehen?“
Kinder quengelten und nervten ihre Mütter. Glücklich erreichte ich die Tür! Endlich konnte ich wieder frei atmen. Als ich das Postgebäude verließ, nutzten noch einige Kunden die Chance, schnell hineinzuhuschen.

Mein Mann empfing mich mit einem Lächeln: „Wo warst du denn so lange?“
„Du wirst dich ja wohl noch erinnern. Nur weil du das Kleid nicht mochtest, musste ich Stunden warten und Höllenqualen über mich ergehen lassen, um es zurückschicken zu können“, antwortete ich gereizt.
„Tja, ich weiß zwar nicht, was du da alles eingepackt hast, aber wenn du mal einen Blick ins Schlafzimmer werfen würdest …“


© Regina Lange

Letzte Aktualisierung: 27.08.2009 - 14.22 Uhr
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