Der himmelblaue Schmengeling
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August 2009
Katz und Maus
von Robert Poleschny

Amadeus konnte es nicht fassen. Er saß in einer mickrigen Zweizimmerwohnung mitten in Kreuzberg fest.
Keinen Garten, in dem er herumstromern konnte, und umgeben von asozialen Artgenossen, in deren Fell sich wahrscheinlich ganze Generationen von hüpfenden Flöhen breitmachten. Er musste sich kratzen.
Wie konnte Anna nur so herzlos sein und ihn hierher verbannen? An diesen trostlosen Ort.
Sie hatte sich nicht einmal richtig von ihm verabschiedet, sondern ihn nur mit einem Auftrag behelligt, der ihm völlig sinnlos erschien. Als wenn er nicht schon genug gestraft gewesen wäre.

„Amadeus, jetzt hör’ mir gut zu. Du bist meine letzte Chance. Vertreib’ die miese kleine Ratte aus dem Haus. Dann gibt’s auch eine ganz besondere Belohnung.“

Amadeus hasste es zu jagen. Dass Anna ihn nun ausgerechnet beauftragte, eine Ratte zu fangen, ließ ihn an ein gutes Ende, in Form eines Fünf - Sterne Menüs, zweifeln. Aber es war auch seine letzte Chance, jemals wieder einen Garten sein Eigen nennen zu dürfen.

Jedenfalls steckte sie ihn mit diesen Worten in den Katzenkorb und fuhr von Zehlendorf in Richtung Verderben.
Dort angekommen hielt sie Tom den Korb entgegen.

„Hier, nimm du Amadeus. Ich möchte ihn nicht den ganzen Tag sehen.
Er erinnert mich zu sehr an dich.“

Dann drehte sie sich auf dem Absatz um. Amadeus hörte nur noch das Stakkato ihrer Absätze im Treppenhaus und fragte sich, ob und wie sehr er Tom ähnlich sähe.
War dies ein verschlüsselter Hinweis auf seinen Auftrag, ein Code? Hatte er irgendwas verpasst?
Schließlich sah er ganz und gar nicht aus wie Tom, auch wenn dieser es im Moment mit jeder flehmenden Katze dieser Stadt aufnehmen konnte.
Die Zunge hing halb heraus, während seine Augäpfel leicht nach innen gedreht waren. Er schien in eine Art Trance gefallen zu sein.
Kurz darauf regte er sich und hob den Korb vor sein Gesicht. Dann starrte er Amadeus tief in die Augen und sagte:

„Meint die das jetzt ernst?“

Das war vor zwei Wochen.
Amadeus’ Aufgabe in dieser Zeit bestand darin, die lausige Wohnung zum hundertsten Mal nach Ratten abzusuchen. Eigentlich hätte er eine angemessene Trauerzeit einlegen müssen ob des Verlustes seines Frauchens, seiner Behausung und seiner süßen Nachbarkatze Dolly.
Er musste sabbern.

Aber nein, Fehlanzeige,
In dieses Loch würden nicht mal Kellerasseln einziehen.
Langsam kam ihm der Angstschweiß. Die Zeit wurde knapp. Vielleicht würde es genügen, eine Maus zu fangen. Aber selbst wenn er eine gefunden und zur Strecke gebracht hätte ... wie sollte Anna davon erfahren?
Hinzu kam der akustische Stress, den Tom immer häufiger mit seiner Neuen verursachte. Kein Tier hielt es hier länger als fünf Minuten aus, wenn man nicht auf Futter angewiesen war, so wie er.
Die konnte Amadeus nicht leiden, was jedoch auf Gegenseitigkeit beruhte. Deshalb interessierte ihn auch nicht, um was es bei diesen Streitigkeiten ging.
Hin und wieder schnappte er ein paar Wortfetzen auf, wenn sie sich mal wieder gegenüberstanden und anschrien.


Sie: „Deine Ex“, „Sprechstundenhilfe“, „Allergologe“, „Akteneinsicht“, „Katzenhaare“, „Absicht“, „bist du blind?“

Er: „eifersüchtig“, „Zufall“, „ich kenne sie“, „gutes Herz“, „niemals“, „Hand ins Feuer legen“ ...

Erst bei dieser Bemerkung unterbrach Amadeus seine Suche und drehte sich zu seinem Herrchen. Er wollte nicht, dass Tom absichtlich seine Pfote verbrannte. Schließlich konnte sie so gut kraulen, wie keine Zweite.
In diesem Moment sah auch die Neue Amadeus direkt ins Gesicht, mit einem Blick, der Katzen die Krallen ausfahren lässt.
Amadeus hielt ihrem Blick stand.
Dabei schaute er in ein geschwollenes Gesicht, mit vertränten, roten Augen und triefender Nase. Es war erschreckend und ekelerregend.

Dann ging alles rasend schnell.
Backpfeife, Heulen, Türknallen, tief durchatmen, Telefonat, Tom duscht ...,
... und pfeift, Futter vergessen, zwei Uhr nachts, Anna in Toms Bett, Frühstück, Lachen, Friede, Freude, Eierkuchen.

Das Schicksal schien es gut mit Amadeus zu meinen.
Er hatte zwar keine einzige Ratte oder sonst irgendein Tier aus dem Haus getrieben, aber Anna betonte:

„Das hast du fein gemacht!“

Er wunderte sich, dass Tom es nicht erfahren sollte.

„Verrate Tom nichts von unserer Abmachung.“

Dabei zwinkerte Anna ihrem Verbündeten zu und streichelte ihn sanft.
Amadeus hatte sich getäuscht.
Es gab doch noch eine zweite Hand, die kraulen konnte.

Letzte Aktualisierung: 17.08.2009 - 11.16 Uhr
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