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Oktober 2009
Kalmar
von Achim Stößer

Die salzige Morgenluft kühlte meine Haut, während ich barfuß über den festen, meerwassergeschwängerten Sand lief. Alle paar hundert Meter war ich gezwungen, einem der Angler auszuweichen, die hier vereinzelt ihre Mordinstrumente weit hinter die träge an den Strand plätschernden Wellen hielten. Ansonsten war der Strand leer, zu früh und zu kalt zum Baden.

Ich erreichte die Felsen mit der zerfallenen Bunkeranlage, die diesen Strand vom Privatstrand dahinter trennten. Auch dieser würde so kurz nach Sonnenaufgang noch verwaist sein, und so begann ich, die zerklüfteten Granitbrocken zu erklimmen, um meinen Lauf gesetzwidrig dahinter fortzusetzen. Hastig kletterte ich höher, um möglichst wenig der sprühenden Gischt ausgesetzt zu sein, die hier von den Wassermassen, die das Gestein malträtierten, versprüht wurde. Lang würde ich solche Strapazen wohl nicht mehr mitmachen, aber bisher war das einzige Symptom für meinen Zustand die Übelkeit gewesen, gegen die viel frische Luft und damit der seit Wochen zum Ritual gewordene morgendliche Strandlauf helfen sollte.

Noch ehe ich die Kuppe erreichte, stieg mir widerwärtiger Gestank in die Nase. Nicht der übliche, der daher rührte, dass Strandbesucher die Bunkerruinen als Behelfstoiletten missbrauchten. Dieser üble Geruch war weit schlimmer. Der Geruch von Verwesung wie aus den Mülltonnen, in denen Schweine oder Hühner enden, die die Mast oder die Qual des täglichen Eierlegens nicht überlebt haben.

Als ich den Gipfel erreichte und mich vorsichtig aufrichtete, sah ich es. Düster, dunkelbraun, fast schwarz lag da ein Koloss, ein feucht glänzender Leviathan. Groß wie das Wrack einer flügellosen Boeing 747, doch alles andere als mechanisch: organisch, ein gewaltiger Leichnam.

Dieser enorme Fleischberg hätte, säuberlich zerteilt hinter dem Tresen einer Metzgerei oder auf den Tischen eines spanischen Fischmarkts, wohl den Speichelfluss so manchen Gourmands angeregt. Ich dagegen konnte nur mit Mühe meinen Brechreiz unterdrücken, wo mir seit Wochen selbst der Geruch von Kaffee oder Pfannkuchen zu viel waren, so dass mein Frühstück aus nichts als trockenem Brot und Kamillentee bestand.

Keuchend kletterte ich hinunter und ging vorsichtig näher. So etwas war mir noch nie untergekommen, ich hatte keine Ahnung, was für ein Tier das gewesen sein mochte. Ich musste würgen. Mit dem Handy schoss ich ein paar Fotos. Wie viele Spezies gab es, die eine solch ungeheure Größe erreichten? Der Gestank war unerträglich, ich zog mich zurück Richtung Landesinneres, setzte mich ins Gestrüpp der Uferböschung und stellte die Fotos online. Die Bilder waren nicht wirklich gelungen im Gegenlicht der aufgehenden Sonne, die lange Schatten an den Strand warf, und das Blitzlicht des Handys reichte nicht allzu weit, doch Sekunden später las ich die ersten Spekulationen.

Wenn Haie oder Wale sterben, können die verwesenden Überreste mit Wasserströmungen an die Meeresküsten getrieben werden. Es könnte sich auch um einen Riesenkalmar handeln, das sei hier an der Küste Neuenglands nichts Ungewöhnliches, ebenso bei Neufundland, den Azoren und Norwegen. Klarheit über die Natur des Kadavers könne aber nur ein Gentest bringen.

Ich glaubte, aus den Augenwinkeln eine Bewegung bemerkt zu haben. Unsinn, der Wal – oder was immer es war – war tot.

Ähnliche Leichen waren bereits 1896 bei Florida, 1988 auf den Bermuda-Inseln und 2003 vor Santiago de Chile angespült worden. Reste von Walen oder riesigen Haien oder toten Riesenkalmaren, die durch Meeresströmungen an eine Küste gespült wurden. Der chilenische Pottwal war zunächst für einen Kraken gehalten worden. Stirbt ein Wal, verrottet er, bis nur noch die Knochen und eine halbflüssige Masse von Haut und Blubber übrig bleiben. Meeresbiologen vermuten, dass die schwereren Teile wie Knochen auf den Grund sinken, während Blubber und Walhaut noch auf der Oberfläche treiben. An die Küste geschwemmt, kann diese Masse dann aussehen wie ein gigantischer Oktopus.

Es wurde hell, bald würde ich bessere Fotos machen können.

Da, wieder bewegte sich etwas. Diesmal hatte ich es ganz deutlich bemerkt. Konnte das Tier noch am Leben sein? Oder vielleicht war es ein Parasit, der seinem Wirt noch nicht in den Tod gefolgt war? Irgendjemand hatte mir einmal weiszumachen versucht, Walläuse würden groß wie Katzen, daran dachte ich wohl in diesem Augenblick – in Wahrheit sind sie aber nicht größer als drei, vier Millimeter.

Wieder eine Bewegung – diesmal war kein Zweifel möglich. Etwas kroch aus dem Leichnam heraus. Beim plötzlichen Gedanken, eine geistig umnachtete Gottheit hätte wieder einmal einen Meeresriesen als U-Boot für einen seiner Anbeter auserkoren, konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Das Wesen richtete sich auf, kindsgroß, hüpfte auf seinem einzigen Bein (oder seinem beinlosen Körper?) auf mich zu. Mein Herz raste, ich sprang auf, fluchtbereit. Ich verspürte wenig Lust, zukünftig eine wildgewordene Seepocke am Hals zu haben.

Als der Hüpfer näher kam, konnte ich ihn deutlicher erkennen. Seitlich am Kopf zwei schwarze, glänzende Kugeln – tennisballgroße Augen. Medusenhaar: dünne Arme auf dem Kopf wie sich windende Schlangen. Aus der Stirn wuchs ihm ein Tentakelfaden, an dessen Ende ein Licht leuchtete wie bei einem Tiefsee-Anglerfisch. Seine Haut war über und über mit orangefarbenen Schuppen bedeckt.

Eine Körperlänge vor mir blieb das Lebewesen stehen. Es legte den Kopf schief und schien mich zu mustern.

Es blinzelte, dann griff es mit zweien seiner Kopfarme nach seinem Hals, zog daran und schlüpfte aus seiner Schuppenhaut. Oder dem Schutzanzug. Darunter kam der mit Myriaden dicker, wurmartiger Borsten besetzte Körper – oder die Unterwäsche? – zum Vorschein. Es sah aus wie ein pelziger, aufrecht gehender Kalmar.

Der Kopffüßer schob ein papageienschnabelartiges Organ aus der Vorderseite seines Gesichts und röchelte. Es klang wie eine Sprache, Arabisch vielleicht. Gekrächzt von einem, dem eine Gräte im Hals stecken geblieben ist.

Dann fuhr ein Lichtblitz aus der Spitze seines Leuchtorgans direkt auf mich zu, blendete mich, mir wurde schwarz vor Augen. Es dauerte lange Sekunden, bis ich wieder etwas erkennen konnte. Mein Kopf schmerzte, als hätte jemand mein Gehirn in einen Schraubstock gespannt.

Dann sprach das Ding wieder. „Bin Verzeihung, Entschuldigung, Nachsicht, Vergebung“, fauchte es. Es deutete mit seiner Leuchtangel hinter sich, auf den verwesenden Leib. „Leere-Schiff, Raum-Gondel krank, verletzt, indisponiert, wundgeschürft, abgezehrt. Hilfe, Unterstützung gibst?“

„Was?“ Gut, vielleicht nicht das Geschichtsträchtigste, das mir in dieser Situation hätte einfallen können.

„Schiff Havarie, Unfall, Absturz. Steuerung, Navigation falsch. Muss eiligst, schnell, zeitnah Spermatophore bebrüten, nisten, horsten. Wo Area 48 Weg, Route ist?“

Da begriff ich. Grobkörnige Schwarzweißbilder von abgestürzten Untertassen und glotzäugigen grauen Wasserkopfklischeealiens huschten durch meinen Kopf. „Area 51. Du willst zur Area 51?“ Ein abstruser Gedanke schlich sich in mein Hinterstübchen: ob 'Entführung durch Außerirdische' wohl als Schwangerschaftsursache akzeptabler war als 'zu dumm richtig zu verhüten' oder 'der Heilige Geist'? „Das ist weit.“ Ich deutete mit zitternder Hand vage den Strand entlang. „Komm mit zu meinem Fahrzeug.”

„Fifty-one nicht.“ Das Wesen schüttelte die Leuchtangel, was wohl eine Verneinung bedeutete. „Suche Area 48. Area 51 nur Verbergung, Maskierung, Attrappe, Täuschung, Camouflage, Blendwerk.“

'Nicht mehr lang', dachte ich. Dann richtete ich die Handykamera auf den Außerirdischen und sein organisches Raumschiff.

Letzte Aktualisierung: 22.10.2009 - 22.05 Uhr
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