'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Katka Jäger IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Oktober 2009
Parkland
von Katka Jäger

Sie hatten zahlreiche kosmische Wurmlöcher durchflogen, Raumkrümmungen überwunden und waren immer wieder geschickt dem gefährlichen Weltraummüll ausgewichen. Jetzt waren sie an ihrem Ziel. Der blaue Planet mit seinen weißen Wölkchen sah freundlich aus. „Schutzschilde an!“, befahl Captain Gochakku „und dann die Tarnung!“ Niemand sollte das sonst silberne Raumschiff sehen, wenn es auf der Erde landete.

„Sie müßten bald da sein.“ Mona Brique verschränkte zufrieden die Hände hinter ihrem rotlockigen Kopf. Max Stahl, der siebzigjährige Chef von Parkland, den die meisten auf höchstens fünfzig schätzten, lehnte sich bequem in seinem weinroten Ledersessel zurück und griff nach seinem Glas Sherry. Das hatten sie sich verdient nach diesen langen Auswertungen in ihrem sonst kühl gehaltenen Kommandoraum. Niemand glaubte wirklich an Außerirdische. Es gab zwar immer noch die Einrichtung „Areal 51“, früher ein Lieblingskind der USA, aber nicht einmal Parkland hatte hierzu einen Zugang. Natürlich kreisten immer weitere Gerüchte um gefundene Aliens oder UFO-Sichtungen, aber Wissenschaftlern war es gelungen, alle Phänomene großteils über normale Vorgänge zu erklären. Außergewöhnliche Lichterscheinungen oder „unbekannte Flugobjekte“ gab es zwar, zumindest über die Medien wurden sie aber stets als Täuschung dargestellt.
Ein UFO hatten sie tatsächlich seit Tagen in ihrem Blickfeld. Offenbar kam es aus Richtung des Planeten Mars. Seitdem wurde es über diverse Weltraum- und Spionagesatelliten verfolgt, schließlich auch über einige Networldskope mit Superreichweite. Die Science Fiction war längst von der Wirklichkeit überholt worden. Max lächelte wehmütig, als er an seine Kindertage dachte. Da war „eine Kolonie auf dem Mond“ noch Zukunftsgewäsch gewesen. Orwells „1984“ war im Jahr 2020 längst Geschichte. Die Freiheiten eines Individuums wurden beinahe spielerisch über diverse neue Techniken auf ein Minimum eingeschränkt. Über Videofon, Networld und Mindnet wurde es möglich, praktisch sensibelste Daten aller Personen festzustellen und zu speichern. Ganze Städte wurden über ein systematisch ausgefeiltes Netz von Bild- und Gedankenüberwachungen transparent gemacht. Kleine Schwierigkeiten bereitete noch die Landbevölkerung. Aber wer dort wohnte, war inzwischen von Haus aus isoliert und wurde bereits als möglicher Querulant oder Staatskritiker eingestuft. Leute, die noch auf alten Festnetztelefonen bestanden und auf Networld verzichteten, wurden über Spione und Abhöreinrichtungen rund um die Uhr überprüft.
Einem Individuum wurde es praktisch unmöglich gemacht, ungehört zu kommunizieren, ungelesen



zu schreiben oder gar sich unsichtbar durch das Land zu bewegen. Neben einigen Geheimdiensten war das vor allem Parkland zu verdanken. „Sei nicht so geizig!“, mahnte Mona, „schenk mir noch
ein Gläschen nach!“ Stahl tat wie geheißen, dann tranken beide einen wohligen Schluck.
Unwillkürlich ertappte er sich dabei, wie er selbstzufrieden grinste. Er hatte sich über
verschiedene Dienste und einige große Erfolge bei der Verfolgung von Staatsfeinden verdient gemacht.
Als Leiter von Parkland war er nun auch für die Überwachung des Weltraums zuständig. Sollte es tatsächlich UFOs oder „Außerirdische“ geben, so sollte das niemand sonst erfahren – außer wenigen Eingeweihten wie Mona, einer Ex-NSA-Agentin, und einigen Spezialisten der kosmischen Zentrale. Die Erde war inzwischen länderübergreifend in einem Netz vereint und wurde über strategisch eingerichtete Kommandotürme fast lückenlos in Schach gehalten. Alles war auf dem technisch höchsten und menschlich niedrigsten Stand.
2020 war eine Welt der Ordnung und der Weltwährung. Nicht die Welt von Freiheit und Abenteuer. Natur konnte zwar besucht, aber – abgesehen von der isolierten Landbevölkerung - nicht mehr wirklich erfahren werden. Naturreservate wurden per Flugbussen oder Schwebeschiffen besichtigt, durften aber nicht betreten werden. Das hätte die Menschen auch zu sehr vom Konsumleben abgelenkt. Früher hießen sie Sklaven oder Billigarbeiter, jetzt waren sie namenlose Konsumenten. Die Familie Trois wohnte beispielsweise im französischen Unterviertel. „Oh, phantastisch!“, jubelte Frau Deux, „im Visionnet haben sie gerade berichtet, daß Belmondo- und Gabinfilme im neuen 4-D-Format herauskommen! Ich liebe doch Jean-Paul ...“ Ihr Mann, Avec Deux, nahm einen tiefen Schluck Vin d´ Argent, der zu den besseren Kunstweinen zählte. Vom virtuellen Logenplatz des Networld-Wohnzimmers aus konnte man die sphärischen Klänge eines SkyChores hören.
Max Stahl beobachtete gern die Trois über Secretsatellit. Nebenbei schenkte er sich noch einen Schluck Sherry medium nach und prostete Mona zu, von Kollege zu Kollegin. Die obere Garde der Erdregierung hatte sich noch einen großen Vorrat an Alkoholgetränken aus natürlichen Zutaten in geheimen Kellern zulegen können. Stahls versonnenes Grinsen gehörte gerade den armen Helden, die fest an eine Weltverschwörung geglaubt hatten. Doch immer wenn sie der Meinung gewesen waren, neue Beweise für so eine Weltvereinigung vorlegen zu können, wurden zur Ablenkung neue Kriege unter einzelnen Unterländern tagelang über sämtliche Medien übertragen.
Ja, schmunzelte Stahl, das war noch ein Punkt, der an Orwell erinnerte. Kriege, die in Wahrheit Scheinkriege waren ...„Brot und Spiele fürs Volk“ war im 20. Jahrhundert abgelöst worden durch
„Drogen fürs Volk“. Nun war man zum Schaukampf zurückgekehrt, nur im größeren Rahmen, „Kriege fürs Volk“...


„Sind alle Komparsen da?“ Chief Iron überprüfte die gesamte Technik mitsamt den 4-D-Kameras. Lusgoni, der Medienoberste, war immer in direktem Kontakt zu Parkland. So konnte immer sofort reagiert werden, wenn ein neuer Krieg in Szene gesetzt werden sollte.
Lusgoni legte das Videofon neben dem Platz des Regisseurs ab. „Davinschi?“ Davinschi knabberte an einem Mohnbrot, das nur in sogenannten Kreativ-4-D-Kreisen erlaubt war. „Was sollen wir dieses Mal krachen lassen?“ Der Regisseur schüttete sich vor Lachen und winkte Chief Iron zu sich her. Lusgoni legte los: „Wir haben schönes Wetter. Da nehmen wir alle Mittelmeerländer als Einheit zusammen und lassen sie in einen asiatischen Konflikt geraten. Schlitzaugen gegen Spaghettis, das war doch schon öfter ein Knüller!“ Davinschi gähnte. Es war kein Problem, 40000 Komparsen für so ein Kampfspektakel zu bekommen. Die wurden immer über Mega-4-D-Gewinnspiele rekrutiert und gehörten dann zur Gruppe der Schweigenden Mitwisser. Damit waren sie Mitarbeiter des unteren militärischen Levels, kurz 4-D genannt. Nichts mehr war wirklich, natürlich oder gar richtig. Die meisten Dinge geschahen rein virtuell. Die Welt hieß „Parkwelt“, weil alles Leben in ihr praktisch geparkt war. Alles und jeder hatte seinen Platz – wie einst die Autos in einer Tiefgarage. Alle Bewohner hatten Scheinidentitäten und – aufgaben.
Im englischen Unterland machten sich täglich die Korrektoren des Perhaps Verlages an die Arbeit. One Fifty saß neben Dirty Twenty und zog wie immer seine Augenbrauen hoch. „Weshalb müssen wir eigentlich die Zwischentitel in allen Sprachen korrigieren?“ Fifty hob die Schultern hoch und ließ sie wieder fallen. „Das weiß niemand!“, sagte er und trennte „su-shi“, „so viel ich weiß, sind wir die letzten, die das Zeug lesen!“
Verantwortung und Kreativität war eben nur den Menschen der „oberen Garde“ vorbehalten. Zu ihnen gehörten alle Mitarbeiter aus den Kontrolltürmen sowie den Kommandozentralen Parklands wie jener in der Zone Exbav. Exbav stand für das ehemalige Bayern oder Bavarialand. Mona und Max wußten, daß sie hier immer noch so etwas wie „ein Leben“ führten und keine Statisten waren. Bis plötzlich das Licht ausging.

Captain Gochakku warf den Körper von Max Stahl wie eine Puppe durch den Raum. Dann ließ er sich in den weinroten Sessel fallen und roch an der Flasche Sherry. „Das trinken die?“, fragte er
verächtlich. „Ja, so etwas trinken die ...“, hauchte Mona Brique, warf ihr Glas über Stahl an die Wand und sah in Zeitlupeneinstellung zu, wie sich die Glasscherben schwebend über dem
hellbläulich beleuchteten Körper verteilten. Nur Sekundenbruchteile später sausten zwei Putzroboter über den Boden und wuselten um den toten Parklandchef herum. Mona blickte fest in



Gochakkus leuchtende Augen. Sie war als Agentin der „Silbernen Flotte“ vor einem Terra-Jahr zu Parkland gekommen. Und war entsetzt gewesen über den Verfall jeglicher Kultur und den völligen Unglauben an die Möglichkeit außerirdischen Lebens. Es war ein Leichtes gewesen, den dekadenten und immer unter Alkohol stehenden Leiter, Max Stahl, um die galaktischen Finger zu wickeln. Captain Gochakku, wie beiläufig die Flasche Sherry in der einen Hand haltend, nahm Mona an der anderen Hand und führte sie aus der Kommandozentrale heraus. Inzwischen mußten alle wichtigen Einrichtungen von Parkland durch die Silberne Flotte besetzt sein. Die Bevölkerung würde erst einmal nichts merken. Der Wechsel der Regierung sollte absolut geräuschlos verlaufen. Dann würden sie sich langsam daran machen, die Masse der unterdrückten Menschen Schritt für Schritt aufzuklären – auch im Hinblick auf weiteres Leben im All.

Gochakku ließ sich mit Mona per Sendstrahl in ihr Raumschiff bringen. Dann, allein in seinen Privaträumen, legte der Captain die Beine auf den Tisch und stellte die Flasche Sherry vor sich hin. So scheußlich war das Zeug gar nicht. Der Anfangsgedanke, alles auf Terra verändern zu wollen, schmolz dahin. Warum nicht alles so belassen, wie es war? Gochakku nahm einen kräftigen Schluck. Mit Mona würde er schon klar kommen. Er sah entspannt zu einem Seitfenster hinaus und betrachtete den farbigen Sonnenball. So etwas hatten sie in ihrem Heimatsystem nicht. Monde kannte er zu genüge, aber endlich würde er auch das Auf- und Untergehen einer Sonne genießen können.

Letzte Aktualisierung: 16.10.2009 - 20.44 Uhr
Dieser Text enthält 9797 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.