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November 2009
Die neue Mieterin
von Susanne Ruitenberg



Als ich sie das erste Mal sah, wusste ich sofort, dass ich sie besitzen musste.
Nur ich.
Und niemand sonst.
Es war ein lauer Sommertag. Ich hatte den Vormittag verbummelt und lungerte an der Straßenecke herum, als der Umzugswagen in die Straße einfuhr. Männer in graublauen Uniformen trugen Möbel und Kisten in die Erdgeschosswohnung, die schöne mit dem Garten. Sie stand mittendrin, in alten Jeans und verwaschenem Hemd, das lange, helle Haar zusammengebunden, dirigierte das Ballet der Lastenschlepper, gab Anweisungen, trieb sie zu Höchstleistungen an. Kaum zwei Stunden dauerte es, dann fuhr der Laster wieder fort. Ich näherte mich dem Gartenzaun, stellte mich so hinter eine Konifere, dass ich nicht gesehen werden konnte, und beobachtete sie. Würde jetzt ein Partner auftauchen, mit ihr die Kisten auspacken, ein gemütliches Nest einrichten? Bis spät am Abend blieb ich auf meinem Posten und schaute ihr dabei zu, wie sie aufräumte.
Allein.
Kein Mann in Sicht. Umso besser ...

* * *

Die folgenden Tage spionierte ich ihr nach und versuchte, ihren Tagesrhythmus zu erfassen. Um acht Uhr morgens verschwand sie zur Arbeit, abends, meist gegen sechs, halb sieben war sie wieder da. Am vierten Tag richtete ich es ein, dass wir uns im Treppenhaus begegneten. Ich zwinkerte ihr zu. Sie lächelte mich an und huschte aus dem Haus. Erster Kontakt hergestellt. So weit so gut. Sie ist ausgesprochen hübsch. Das sah man schon in den Umzugsklamotten.
Sie zieht mich magisch an.
Mein Instinkt hat mich noch nie getrogen.
Die nächsten beiden Wochen richtete ich es durch geschicktes Zeitmanagement ein, dass wir uns öfters über den Weg liefen. Und wurde Weltmeister im Zwinkern. Wie froh war ich, als sie zum ersten Mal „Hallo“ sagte! Sie hat eine so angenehme Stimme, den ganzen Tag könnte ich ihr zuhören. Warm und weich, wie streichelnde Hände in der Sonne.
Mein Schwanz zuckte, als ich sie das erste Mal hörte.
Ich muss sie besitzen, ich muss, ich muss, ich muss ...

* * *

Heute hat sie vergessen, dass die Terrassentür noch einen Spalt offensteht und ist zum Einkaufen gefahren. Sehr leichtsinnig. Wer da alles in die Wohnung kann! Natürlich konnte ich dieser unausgesprochenen Einladung nicht widerstehen und habe mich gründlich umgesehen. Nett hat sie es. Und sie muss gut verdienen. Ihre Möbel und Haushaltsgeräte sind vom Feinsten. Sagte ich schon, dass ich einen erlesenen Geschmack habe? Kochen kann sie auch, den Wohlgerüchen nach zu urteilen, die in der Küche in der Luft hingen. Und erst das Schlafzimmer!
Ich musste es einfach tun.
Genüsslich räkelte ich mich auf ihrem Bett, sog ihren Duft ein. Ein sehr appetitlicher Duft. Daran könnte ich mich gewöhnen. Dummerweise döste ich dabei ein. Gerade rechtzeitig hörte ich ihren Schlüssel im Schloss. Ich konnte nur noch aufspringen und nach draußen huschen. Hoffentlich hat sie nicht die Dellen auf der Tagesdecke gesehen.

***

Heute habe ich sie im Treppenhaus gestreift, als ich hereinkam, während sie zur Arbeit eilte. Die Berührung hat jede Körperzelle in mir zum Vibrieren gebracht. Das muss ich definitiv öfter haben!
Den ganzen Tag war ich unruhig. Ich vermisste sie. In den schönsten Farben malte ich mir aus, wie es wäre, ihr ganz, ganz nah zu kommen. Mit der Zunge über ihre weiche Haut zu fahren. Ihre zärtlichen Fingerspitzen, die mich streicheln. In ihrem Duft zu baden; ja, zu ertrinken. Ich halte es kaum noch aus. Heute Nacht muss ich es versuchen ... ich werde dich besitzen!

***

Wie gut, dass der Sommer so heiß ist. Sie schläft bei offenem Fenster, den Rollladen hat sie auch nicht richtig heruntergelassen. Denkt wohl, dieser läppische Gartenzaun schützt sie.
Ha!
Doch nicht vor mir!
Wie süß sie aussieht, wenn sie schläft. Ich bin ganz dicht herangegangen. Habe an ihrem Haar geschnuppert, das herunter hing. Ganz vorsichtig habe ich mich zu ihr gelegt. Sie hat im Schlaf geseufzt und sich umgedreht. Diesmal habe ich aber darauf geachtet, dass ich nicht einschlafe.
Wie schön muss es sein, Nacht für Nacht an ihrer Seite zu liegen.
Bald.
Bald gehörst du mir.
Mir ganz allein.
Ich spüre es, dass du bereit bist, mich zu empfangen.

***

So ein Mist! Heute wollte ich sie von meinem Stammplatz an der Gartenhecke aus beobachten. Schließlich ist Sonntag. Und was macht Petrus, der Spielverderber? Lässt es in Strömen gießen. Hundsgemein, das!
Endlich, ich war nass bis auf die Knochen, hatte der olle Schlüsselwächter ein Einsehen. Der Regen ließ nach, ein zaghafter Sonnenstrahl brach durch die Wolken. Sie öffnete die Terrassentür, trat hinaus, hielt ihr Gesicht in die wärmenden Strahlen. Jetzt oder nie! Ich hatte lange genug gewartet. Meinen ganzen Mut zusammen nehmend, sprintete ich los, durch den Garten, an ihr vorbei, ins Wohnzimmer. Sie erschrak, drehte sich blitzschnell um. Ein Schrei. Dann sah sie mich, wie ich mitten im Raum stand und das Laminat volltropfte.
Langsam kam sie herein.
Was würde sie jetzt tun?
Wieder schreien?
Mit Gegenständen nach mir werfen?
Ich sah ihr in die Augen. Sie sah nicht weg.
Statt dessen griff sie hinter sich.
Fischte etwas aus einem blauen Korb.
Sie ging in die Knie. Streckte die Hand nach mir aus. „Da bist du ja endlich.“ Tupfte mir vorsichtig das Wasser aus dem Gesicht.
„Komm mit in die Küche“, sagte sie und machte eine einladende Handbewegung. „Ich habe extra ein paar Dosen für dich gekauft. Mit Thunfisch. Du magst doch Thunfisch, oder? Oder möchtest du lieber ein Schälchen Milch?“
Hach, sie verstand mich! Ich hatte es gewusst!
Ich rieb meinen Kopf an ihrer ausgestreckten Hand.
Dann schnurrte ich zum ersten Mal für sie. Ganz laut.

Letzte Aktualisierung: 27.11.2009 - 09.58 Uhr
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