Der Tod aus der Teekiste
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November 2009
Kalte Füße
von Angelika Gerber

Patrick nippte am eisgekühlten Paulaner. Das Bier lief seine Kehle hinunter und er fühlte sich gleich entspannter. Der Tag im Büro war nicht gut gelaufen.
Es wurde von Kündigungen gesprochen. Kurzarbeit, Gehaltskürzungen. Jeder bekam sein Fett weg. Patrick hatte keinen Schimmer, wie es weitergehen würde. Ohne sein Gehalt wäre alles aus. Das Eigenheim verschlang Monat für Monat über die Hälfte seines Lohns. Urlaub war zum Fremdwort geworden. Die Schulden saßen ihm immer im Genick, jedes Bier ein Luxus.
Wieder nahm er einen kleinen Schluck und genoss den Geschmack, das Gefühl trunken zu werden.
Früher war alles einfacher gewesen. Da hatte er in den Tag hineingelebt und so viele Träume
hatten ihm das Leben versüßt, so viele Hoffnungen waren offen.
Als die Türe aufging und eine Traube Frauen mit lautem Gelächter die Bar stürmte, sah er automatisch hinüber. Sein Blick fiel auf eine große Frau mit langer, roter Lockenmähne und sein Herzschlag setzte aus.
Konnte nicht sein? Sie war es! Marie! Unverkennbar! Sein Mund war wie ausgetrocknet, das Herz raste, er bekam feuchte Hände. Hastig kippte er den Rest des Bieres in sich hinein. Er spielte kurz mit dem Gedanken einfach zu gehen, bevor sie ihn erkannte, konnte es aber nicht. Er bestellte ein neues Blondes und beobachtete, wie die Frauen zum Billardtisch hinübergingen.

Patrick lächelte verträumt, als er an früher dachte, sah sie zusammen im Park. Marie tanzte barfuss um ihn herum, ihre Locken wippten, ihre Beine so lang und braun. Es waren nur einige Monate gewesen, die sie zusammen verbracht hatten. Zu verrückt war sie für ihn gewesen, zu ausgefallen ihre Zukunftspläne. Vergessen hatte er sie nie.

Entschlossen kippte er sein Getränk in einem Zug hinunter. Er fuhr sich mit den Händen durchs Haar, zog die Krawatte aus, knöpfte das Hemd auf und ging mit festem Schritt, obwohl die Knie zitterten, auf sie zu.
Erst als er vor ihr stand, sah sie auf. Ihre tiefgrünen Augen blickten ihn ernst an. An ihrer Stirnfalte bemerkte er, dass sie nachdachte, woher sie sich kannten. Plötzlich veränderte sich ihre Mimik, alles wurde weich und strahlend. Ungestüm nach Marie-Art fiel sie ihm um den Hals.
„Pat“, rief sie und drückte ihn so fest, dass ihr großer Busen ihm fast die Luft abschnürte. „Meine Güte, wie lange ist das her, dass wir uns getroffen haben?“, fragte sie ihn und ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sie sich ihrer Freundin zu.
„Kathi, schau her, das ist Patrick, meine erste große Liebe“.
Kathi, eine kleine, blonde Frau mit rundem Gesicht lachte ihn an: “Hei Patrick. Von dir habe ich schon viel gehört. Jetzt verstehe ich, warum Marie heute noch von dir schwärmt“.
Er wurde rot, wie ein kleiner Junge
„Patrick, trinkt einen Sekt mit uns“, bestimmte Marie und gab ihm ein Glas in die Hand.
„Auf alte Zeiten“, flüsterte sie in sein Ohr und prostete ihm zu. Er nickte und brach sein staunendes Schweigen mit einem lauten Räuspern
„Und wie ist es dir so ergangen, Marie? Bist du verheiratet? Kinder?“
Sie lachte lauthals “Nein, nein Patrick, du weißt doch, dass ich nicht für so ein Spießerleben geschaffen bin. Ich bin mir selbst treu geblieben. Heute ist mein letzter Abend in Deutschland, deshalb feiere ich mit meinen Freunden. Ich wandere aus“, sagte sie verheißungsvoll und er konnte kaum glauben, was er da hörte.
„Wohin geht die Reise?“
Ihr Blick wurde ernst „Patrick, ich fliege nach Neuseeland“, flüsterte sie so leise, dass er es fast von ihren Lippen ablesen musste.

Neuseeland!
Seine Gedanken überschlugen sich. Damals hatten sie einen Diavortrag über Neuseeland besucht, hatten sich geschworen, einmal zusammen dorthin zu reisen. Sie wälzten Bücher über das Land der großen, weißen Wolke und schafften sich ein Sparschaf an, in das sie jede Mark warfen, die sie übrig hatten. Bei der Trennung hatte er ihr das Geld überlassen. Er hatte mit dem Traum abgeschlossen, es war Zeit zum vernünftig werden.

„Vielleicht ist es dort gar nicht so toll, wie wir dachten“, sagte Patrick neidisch und schämte sich zugleich dafür.
„Es ist noch viel schöner. Ich habe schon ein ganzes Jahr dort verbracht, Patrick. Du kannst es dir nicht vorstellen, man muss es mit eigenen Augen gesehen haben. Es gibt Millionen von Schafen, Wiesen, die bis zum Horizont reichen. Wenn die Sonne untergeht und im Meer versinkt, dann hört man nichts außer dem Rauschen der Brandung und dem Gelächter der Möwen. Natur in ihrer reinsten Form. Die Menschen so wunderbar offen, jeder ist hilfsbereit“. Sie beendete ihren Redeschwall abrupt, vielleicht war ihr sein unglücklicher Blick aufgefallen.
„Du kannst ja mitkommen“, lachte sie übermütig und stupste ihn an. Er schüttelte den Kopf: „Nein, ich kann nicht“.
„Lass mich raten: du bist verheiratet, hast Frau und Kinder.“
„Auch ich bin mir selbst treu geblieben. Eine Frau, drei Kinder, Haus, Hund und Garten.
Klingt für dich vermutlich wie ein Alptraum, aber es ist wunderbar, eine Familie zu haben“, beteuerte er, doch es klang in seinen Ohren nicht echt. Marie legte wieder ihre Stirn in Falten.

Sie redeten eine Weile über seine Kinder, über dies und jenes. Nach dem dritten Glas Sekt schlug Marie vor, eine Weile draußen spazieren zu gehen.
Patrick spürte die Gefahr, die in der Luft lag, aber er konnte ihr den Wunsch nicht abschlagen. Er hatte schon einmal Nein gesagt. Immer wieder hatte er sich gefragt, was gewesen wäre, wenn er sich auf das Abenteuer `Marie` eingelassen hätte.
Die Sehnsucht nach einem anderen Leben, fern vom Alltag, ließ sich einfach nicht auslöschen. Das Abenteuerliche war für einen Abend zurückgekehrt und er wollte es kennen lernen, wenigstens kurz davon kosten.
Marie hängte sich bei ihm ein. Jeder in seine eigene Gedanken versunken, kamen sie am Stadtpark vorbei Sie zog ihn hinein und streifte sich sofort die Schuhe ab.
„In Neuseeland laufen viele Leute den ganzen Tag barfuss herum“, rief sie begeistert.
„Igitt, da tritt man sicherlich dauernd in Schafskegel“, gab er mürrisch zurück und sie lachte nur.
“Du hast dich gar nicht verändert, du Pessimist.“ Er fiel in ihr Lachen ein.
Marie sprach aus, was er nur dachte „Ich frage mich oft, was nur aus uns geworden wäre. Bestimmt wären wir nie in Neuseeland gelandet. So viele Schafskegel wie du uns in den Weg gelegt hättest. Dir ist Sicherheit so wichtig, du wärst nicht mitgekommen, oder?“
„Ich weiß es nicht, Marie, manchmal wünschte ich, wir hätten es probiert. Vermutlich ist es nach wie vor nicht einfach, mit dir Schritt zu halten. Du brauchst etwas Verrückteres als mich.“ Er drückte sie brüderlich, auch wenn seine Gefühle für sie ganz andere waren.
„Du kannst ganz verrückt sein, wenn du es zulässt. Aber du nimmst dich zu stark zurück, spielst den Vernünftigen“, widersprach sie ihm.
Sie setzen sich wie früher dicht aneinander geschmiegt auf eine Parkbank und es gelang ihm kurzzeitig alle Gedanken an zu Hause auszuschalten.
Er streichelte ihr weiches Haar, atmete ihren Duft ein und trauerte dabei um diese Frau, die er nie glücklich hätte machen können. Ihre Leidenschaft, ihre Art zu lieben fehlte ihm. Lange saßen sie nebeneinander, ohne ein Wort zu sagen.
Dann küssten sie sich ein einziges Mal. Adrenalin durchströmte seine Adern. Die Lebendigkeit, die dieser Kuss ihm gab, versuchte er mit sich zu nehmen.
Mehr durfte er nicht zulassen. ´Sei vernünftig`, sagte sein Kopf und auf sein Herz wollte er nicht hören.

„Ich wünsche dir, dass dein Traum nie zum Alltag wird“, sagte er und ging. Marie rief ihm mit gestellter Leichtigkeit nach „Du kannst mich ja mal besuchen kommen.“
„Neuseeland ist nichts für mich. Barfuss kann ich nicht laufen, das tut zu weh“, rief er zurück, und warf einen letzten Blick auf das andere Leben, bevor er zu seinem eigenen zurückkehrte. .
Mitten auf dem Nachhauseweg blieb er plötzlich stehen, zog die Schuhe aus und fühlte sich herrlich verrückt.

Marie hingegen ging alleine zurück in ihre Ein-Zimmer-Wohnung. Die Stille dort hallte in ihren Ohren. Ohne Licht anzumachen, setzte sie sich auf ihr Bett, nahm ihre tägliche Medikamentendosis und wartete auf die Betäubung des Schmerzes.
Sie legte sich angezogen ins Bett, rollte sich zusammen wie ein Embryo und dachte an all die Schafe, die sie nie wirklich gesehen hatte.
Nichts wünschte sie sich mehr, als ein Haus, Kinder und einen Mann wie Patrick.

Am nächsten Morgen begann ihr Weg in die Entzugsklinik. Nur die Träume waren ihr geblieben.

Letzte Aktualisierung: 19.11.2009 - 15.15 Uhr
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