Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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November 2009
Und so weiter ...
von Barbara Hennermann

Die großen roten Buchstaben an der weiß gekalkten Wand begannen vor meinen Augen zu flimmern. Es lag nicht an der Hitze. Ich wusste, wie sie an die Wand gekommen waren. Seit einigen Monaten schon standen sie da. Ich fühlte, wie von meinem Nacken eine heiße Welle in meine Wangen spülte. Niemand sonst wusste, was das zu bedeuten hatte. Heribert hatte es geschrieben, nachdem er mich...Nein, natürlich nicht ganz herum gekriegt hatte. Deswegen stand ja nun „und so weiter“ da.
Ich blickte auf die anderen. Franz hatte seine Jacke an einen der Ringe gehängt und suchte nach dem Schalter der Rotlichtlampe. Anette hockte unter dem Gestell. Die künstliche Kuh. Ich wurde schon wieder rot… Marianne hatte sich nach vorne geschoben und glotzte mit ihren Kuhaugen auf Heribert, als wolle sie ihn verschlingen. Ja, überhaupt - Marianne.
Seit sie in unsere Klasse gekommen war, hatte sich einiges verändert. Bis dahin waren Franz, Anette, Heribert und ich eine eingeschworene Gemeinschaft gewesen, schon von der Sexta an. Natürlich kannten wir uns von der Volksschule im Dorf her, aber seit wir zusammen das Gymnasium in der nahen Kreisstadt besuchten waren wir unzertrennlich. Nun waren wir in der Obertertia und ich hatte eigentlich gedacht, selbst nach dem Abi würde es mit Heribert und mir immer so weitergehen. Dieser Stall hier war bis vor kurzem unser ureigener Unterschlupf gewesen. Natürlich war es streng verboten ihn zu betreten, schon allein der Keime wegen, die man einschleppte. Dass die rote Lampe brannte war ein Zeichen dafür, dass die Sau am Ferkeln war und der Stall in Kürze benutzt werden sollte. Ansonsten stand er nämlich leer, deshalb hatten Heribert und ich ihn ja auch zu unserem „Liebesnest“ umfunktioniert. Bevor Marianne in die Klasse gekommen war…
Nur ihretwegen waren wir jetzt auch da, an diesem heißen Julinachmittag in diesem noch heißeren Stall. „Ach, ich möchte doch auch so gerne wissen, wo ihr euren Versammlungsraum habt“, hatte sie geflötet und dabei Heribert mit ihren braunen Augen angeblinzelt. Blöde Kuh! Versammlungsraum. Was glaubte die eigentlich, wer wir waren? Ku-Klux-Klan-Mitglieder oder was? Aber natürlich war Heribert sofort darauf angesprungen. „Ja sicher, das zeig ich dir doch gerne. Wann passt es dir denn?“ Ich dachte, mir fliegen die Ohren ab! Ich zeig dir das gerne. So weit waren wir also schon. Er sah mich dabei nicht einmal an!
Es war eine Meisterleistung an Selbstbeherrschung von mir, dass ich trotz innerer Vulkanausbrüche ruhig dazwischen ging. „Bertl, du weißt doch, Bauer Bartel wartet auf den Wurf. Wir können da momentan nicht rein!“ Das Absinken ihrer Mundwinkel reichte aus, um ihn zu dem Versprechen „wir schaffen das schon“ zu bewegen. Ich kochte vor Wut, aber das half mir ja nun auch nicht weiter. Also informierte ich schnellstens Anette und Franz, denn alleine wollte ich die zwei auf gar keinen Fall in unser Domizil lassen.
Da standen wir also nun ziemlich dämlich und schweigend herum, selbst Marianne brachte es einmal fertig, sich nicht schon wieder aufzublasen. Von draußen waren deutlich tuckernde Traktorengeräusche zu hören. Sie kamen näher. Offenbar hatte die Sau Rosa den ersten Teil der Ferkelei hinter sich gebracht und war nun im Anmarsch auf ihr Wochenbett. Verdammter Mist! Und alles wegen der zickigen Marianne. Ich blickte auf Heribert, der an dieser Situation letztlich nicht minder Schuld trug. Er straffte die Schultern, um sich den Eindruck von männlicher Überlegenheit zu geben. Für einen eher schmächtigen Vierzehnjährigen gewiss nicht einfach! Ich grinste schadenfroh, denn obwohl ich natürlich mit betroffen war von der brenzligen Lage gönnte ich ihm ein bisschen Muffesausen von Herzen.
Sein Flüstern riss mich aus meinen Gedanken: „Beate, du kennst dich hier doch am besten aus. Du musst uns Deckung geben.“ Das durfte ja wohl nicht wahr sein: Er erwartete von mir, dass ich ihm und seiner – jawohl, wütend sagte ich es mir noch einmal vor: seiner! - zugereisten Zimtzicke den Rückzug ermöglichen sollte! Und was, wenn ich erwischt wurde? Ich würde genauso gnadenlos die Prügel zu Hause beziehen wie jeder andere hier auch. Andererseits, wenn ich mich jetzt weigerte, war es mit ihm und mir womöglich ganz aus und diese braunäugige Schlange würde ihn völlig für sich gewinnen. Ich sah zu Anette. Die verdrehte ratlos die Augen. Aber ich sah auch, wie die Angst in ihnen stand, erwischt zu werden. Ihr Vater war noch viel strenger und unbeherrschter als meiner. Das übertretene Verbot würde ihr noch viel mehr Schläge einbringen als mir. Und schließlich hatte ich sie überredet, mit hierher zu kommen … Franz musste ich nicht ansehen. Franz war sowieso immer alles recht, was Heribert sagte. Die Gedanken jagten durch meinen Kopf. Das Tuckern des Traktors wurde lauter. Es blieb nicht mehr viel Zeit. Ich sah auf die roten Buchstaben, die an der Wand zu brennen schienen: Und so weiter …
In diesem Moment hängte sich Marianne an Heriberts Arm und drückte sich gewollt ängstlich an ihn heran. „Heribert, ich hab solche Angst“, piepste sie wie eine Maus in der Falle. „ Mach doch was!“ Mein Gott, die Kuh war ja noch blöder als ich ohnehin schon wusste. Keine Hemmschwelle, die Frau. Nun reichte es aber!
Ich riss Franz´ Jacke aus dem Ring an der Wand. Dahinter kam ein weiß überstrichenes kleines Fenster zum Vorschein, das beim flüchtigen Hinsehen nicht ins Auge fiel. Rasch schob ich Anette zu dem Stallfenster hinaus. „Los, lauf über den Acker, von dieser Seite kommt noch keiner!“ Franz musste ich nichts sagen. Den scheuchte die Angst von ganz alleine aus dem Fenster, hinter Anette her. Wir hörten, wie das Tuckern des Motors plötzlich abbrach. Bauer Bartel war am Ziel angelangt. Mit einer hastigen Handbewegung wies ich Heribert an, ebenfalls durchs Fenster zu verschwinden. Marianne glotzte mich an. Aha, sie nahm endlich einmal auch mich wahr, wie schön. Jetzt konnte ich ihr zeigen, wer hier zu bestimmen hatte! Dort, wo die rote Lampe brannte, war ein großer Haufen frisches Stroh aufgeschüttet. „Los, wir verstecken uns da drunter!“ zischte ich ihr zu. „Durchs Fenster schaffen wir es nicht mehr.“ Heulend wühlte sie sich unter das Stroh.



Als ich den Krankenwagen hörte, war ich längst mit den anderen zu Hause. Mit kreischender Sirene raste er in Richtung des alten Stalles. Was zum Henker …? Ich rannte hinterher. Eine kleine Menschentraube hatte sich bereits um den Krankenwagen gebildet. Im Stall quietschte Rosa in allerschrecklichsten Tönen. Reglos und mit verrenkten Gliedern lag Marianne auf der Krankentrage. „Geh weg, Mädchen, das ist nichts für dich!“ verscheuchte mich ein Sanitäter. Ich hörte Frau Bartel schluchzen: „Das konnten wir doch nicht wissen, dass da eine drunterliegt unter dem Stroh! Sonst hätten wir doch die Rosa mit den Ferkeln nicht …!“ Mir blieb die Spucke weg. Die dumme Kuh war tatsächlich unter dem Stroh liegen geblieben, anstatt hinter mir aus dem Fenster zu steigen und abzuhauen! Hatte sich glatt von der zentnerschweren Sau erdrücken lassen! Noch blöder ging´s ja wirklich nicht.
Kein Mensch im Dorf, außer uns natürlich, konnte sich erklären, wieso Marianne in dem abseits stehenden Stall unter das Stroh gekrochen war. Wilde Gerüchte kursierten. Die ermittelnde Behörde stand vor einem Rätsel, denn Fremdeinwirkung war eindeutig auszuschließen. Der Fall wurde als bedauerlicher „Tod durch Unfall“ zu den Akten gelegt. Von uns verriet selbstverständlich keiner ein Sterbenswörtchen, sonst wären wir ja alle dran gewesen. Allerdings war es das Ende unserer früheren Gemeinschaft, was die Erwachsenen auf den Schock zurückführten. Schließlich war Marianne ja eng mit uns allen befreundet gewesen…




Wie bin ich jetzt bloß auf darauf gekommen? Es liegt doch gut fünfzig Jahre zurück! Ich habe die Geschichte völlig verdrängt, sie war ja auch für mich nicht gerade ruhmreich gewesen. Obwohl ich ehrlich nie damit gerechnet hätte damals, dass dieses Mädchen so gar nicht eigenständig denken würde. Komischerweise habe ich mich nie an ihrem Tod schuldig gefühlt, ich wollte ihn ja nicht! Aber wieso fällt mir das alles jetzt wieder ein?
Ach ja, richtig. Ich las vorhin eine komische Geschichte, die mit „Und so weiter …“ endete. Ob mein Mann damit etwas anfangen kann?

„Franz, kommst du bitte mal schauen?“

Letzte Aktualisierung: 03.11.2009 - 11.35 Uhr
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