Sexlibris
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Wo ist die Grenze zwischen Pornografie und Erotik? Die 30 scharfen Geschichten in diesem Buch wandeln auf dem schmalen Grat.
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November 2009
Würfelglück
von Robert Pfeffer

Sag mir wo die Männer sind,
wo sind sie geblieben?
Sag mir wo die Männer sind,
was ist gescheh‘n?
Sag mir wo die Männer sind,
sind sie für die Liebe blind?
Wann wird man je versteh‘n?
Wann wird man je versteh‘n?


***

„Deine wievielte Cola ist das heute?“
„Ich glaub, die fünfte.“
„Sechsunddreißig Stück Würfelzucker, nur um wieder vor die Wand zu laufen?“
„Jetzt mal nicht gleich schwarz. Der Abend ist noch jung.“
„Also bitte. Beate! Guck dich doch um. Massenweise Paarungswillige, aber keiner, dem ich ein auch nur halbwegs intelligentes Gespräch zutraue!“
„Linda, ich glaube, du urteilst vorschnell. Der hinten links, mit der braunen Weste, der könnte gehen, oder?“
„Im Kreise seiner Vereinskameraden wird er den geistigen Sprung vom Macho zum Menschen vermutlich nicht schaffen, selbst wenn ich ihn vorher von seinem Rudel isoliere.“
„Hach, du denkst immer so positiv, das schätze ich an dir. Wie lange genau bist du jetzt Single?“ Beate piekste ihre Freundin in die Rippen.
„Ich tippe seit achtzehntausendvierhundert Stück Würfelzucker.“ Linda drehte lustlos mit dem Strohhalm durch die braune Brause.
„Dir ist nicht zu helfen.“
„Stimmt, den Typen hier drin aber auch nicht. Ist doch irre, oder? Warum begeben sich junge Frauen in eine Diskothek? Zum Tanzen und Flirten, richtig? Männer sind genauso auf rhythmische Bewegungen aus. Nur anders. Für die sind Barhocker und Tanzfläche zwingend notwendige Orte des Vorspiels. Wie konnte die Natur es soweit kommen lassen?“ Linda reckte die Hände empor.
„Die Evolution hat keine Musiklokale hervorgebracht, da bin ich mir sicher“, hob Beate den Zeigefinger.
„Dann sind sie bestimmt eine Erfindung der Männer. Einer von denen wusste, dass wir Weiber fast alle so blöd sind, hierher zu kommen. Die Kerle müssen uns nur ein klitzekleines Zückerchen hinwerfen und schwupps ... uns einfach einsammeln. Ein bisschen nett sein, das reicht schon, um uns die Sinne zu vernebeln ... ab nach Hause ... fickificki. Nächste Woche, neue Disse ... die Suche geht von vorne los. Ich frage dich, Beate, diese Art Vorspiel macht doch keinen Spaß, oder?“
„Hervorragendes Stichwort. Lass uns ein Spiel draus machen. Erinnerst du dich, was wir heute Abend tun wollten?“
„Uns amüsieren?“
„Sie hat es ... bei Gott, sie hat es. Also ... drehen wir den Spieß um.“
„Schätzchen“, blickte Linda belehrend über ihren Brillenrand, „darf ich dich daran erinnern, dass uns die Natur nicht mit einem Spieß ausgestattet hat?“
„Blöde Kuh, du weißt, dass ich es so nicht gemeint hab.“
„Was hast du denn vor?“
„Wir suchen uns den hoffnungslosesten Fall hier im Raum aus und probieren, ob nicht mehr hinter der Fassade steckt.“
„Du meinst, ich soll diesen Typen da, der die Mütze quer auf dem Kopf und die Sitzfläche seiner Hose auf Kniehöhe hat ..., ich soll diesen offensichtlich Unterbelichteten, der guckt wie Rocky nach fünfzehn Stunden Dauer-Boxkampf, ich soll den anquatschen?“
„Jaaa ... woll!“, stieß Beate aus, begleitet von einem heftigen Kopfnicken.
„Jetzt ist dir nicht zu helfen!“
„Hey, Linda! Was verlierst du denn? Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder, du hast recht mit allem, was du gerade gesagt hast. Dann drehst du dich nach ein paar Minuten um und kommst zu mir zurück. Oder du hast Spaß, entdeckst, dass in dem Heini mehr steckt, als du vermutest, und machst Ernst draus.“
„Ich werd‘ noch bedauern, dass ich heute mit dir hergekommen bin. Ok, was soll‘s. Hast ja recht. Zu verlieren gibt es nichts. Aber ... du musst danach!“
„Ich glaube ebensowenig daran, dass ich von Amor ausgerechnet hier erwischt werde. Eher ernte ich auch Schocksprüche in rauen Mengen. Trotzdem such ich mir gleich nach dir einen, ist gebongt!“
„Enjoy the show“, flüsterte Linda Beate ins Ohr, griff das halbvolle Glas Cola und schlenderte mit laszivem Hüftschwung Richtung Bar.

„Hallo Cowboy!“
Rocky drehte sich von der Theke zu Linda, die neben ihm auf dem Hocker Platz nahm.
„Seh ich aus wie‘n Cowboy?“
„Verrat mir deinen Namen, dann brauch ich nicht Cowboy zu sagen.“
„Was willste hier?“
„Cola trinken, tanzen und wenn‘s super läuft nette Typen kennenlernen.“ Soll er den ersten Schritt machen, wartete sie ab. Rocky brachte sich auf dem Barhocker in Position: „Lust auf nen Eiweißschock?“
Linda lehnte halb über der Theke, stützte sich mit dem Ellbogen ab und verharrte einige Sekunden starr lächelnd in dieser Haltung. „Ist das deine Art mir zu sagen, dass du mich attraktiv findest?“
„Lad mich auf‘n Bier ein“, legte Rocky nach, „dann werd‘ ich dein Hauptgewinn heut‘ Abend.“ Er bekämpfte ohne Zurückhaltung einen Juckreiz seiner Fortpflanzungsorgane durch die Textilien. Linda schaute einen Moment dabei zu, schloss die Augen und schob sich schließlich vom Tresen weg.
„Äh ... ich geh meine Sterne einsammeln, die sind grad alle vom Himmel gefallen!“
„Häh?“
„Siehste, hab ich erwartet, dass du das nicht kapierst. Mach‘s ma gut.“
„Ruf mich an ... ich steh im Telefonbuch unter H wie Hengst“, rief Rocky ihr nach. Sie hielt kurz inne, rollte die Augen, blickte aber nicht zurück.

„Du bist dran, Beate. Ich hatte gerade eine Bestätigung aller meiner Vorurteile. Hol dir deine Portion ab, dann können wir endlich gehen.“
Ihre Kameradin grinste.
„Ok, Teil zwei des Spiels. Ich nehm die blasse Brillenschlange da drüben, die auf dem Extra-Stuhl neben der Sofagruppe hockt. Bis gleich.“

Sie griff ihre Tasse mit dem Kaffee und ging auf die Jagd.
„Hallo, ich heiße Beate.“
„Guten Abend. Ich bin der Ruprecht“, flüsterte das Käsegesicht.
„Wie?“
„Ru-precht“, wiederholte er.
„Das klingt nicht schlecht.“
„Und, wenn ich das bemerken darf, es reimt sich sogar.“
„Ist erlaubt.“
„Was?“
„Das zu bemerken!“
„Ach so. Danke.“
Funkstille. Der mutmaßliche Computerfachmann hatte seinen Arbeitsspeicher geleert und wartete auf neuen Input. Beate auch. Eine Minute verging, sie sah Linda drüben auf ihre Uhr schauen und danach die Fingernägel inspizieren.
„Was machst du eigentlich hier?“, fragte sie schließlich, um das Eis zu brechen.
„Meine Freunde haben mich mitgenommen.“
„So so ... von selbst wärst du nicht gekommen?“
„Vermutlich nicht. Diskotheken sind nichts für mich.“
„Echt? Da haben wir was gemeinsam.“
„Was sollte das sein?“
„Wir glauben beide nicht daran, dass wir hier jemand treffen könnten, der zu uns passt.“
„Warum bist du denn zu mir gekommen?“, fragte die Glasbaustein-Brille.
„Meine Freundin und ich haben uns ...“ Sie hielt inne. Im Drehbuch stand nicht, dass sie die Spielidee mit Linda preisgeben müsste. Hilfesuchend schaute sie zu ihr, doch der Blick wurde nicht erwidert. Zu allem Überfluss starrte Ruprecht sie an und wartete. Begleitet von Hitzewallungen kramte sie umständlich in der Handtasche, schnäuzte übertrieben lang die Nase und rührte anschließend den Kaffee kalt.
Er durchschaute ihre Absicht, Zeit zu gewinnen. Unsicher fragte er nach: „Eine Frau wie du braucht einen wie mich nicht anzusprechen, oder?“
Sie wussten beide, dass er recht hatte.
„Na ja“, haspelte sie, während ihre Augen den Himmel um Hilfe anflehten, „... wer weiß ... am Ende bist du das Stück, das mir im großen Puzzle meines Lebens fehlt?“ Hätte Linda diesen Spruch gehört, dachte Beate, wäre sie vermutlich auf der Schleimspur in Ohnmacht gefallen. Offenbar ging es Ruprecht ähnlich. Er legte die Stirn in Falten.
„Geht es dir gut?“
Wer konnte sie jetzt retten? Der Typ drüben in der braunen Weste lachte dreckig und verschüttete dabei sein Bier. Rocky wartete auf seinem Barhocker unverändert auf ein läufiges Opfer. Und Linda guckte immer noch nicht zu ihr, sondern scannte den Eingangsbereich. Gutaussehender Typ, schwarze Lederjacke.
„Beate?“
Sie fuhr herum, drehte sich wieder zu ihm.
„Was?“
„Überlegst du, ob es sich lohnt, weiterzumachen?“
„Nein, ich kann ..., wie wäre es ...“, stotterte sie, ohne ihm in die Augen blicken zu können.
„Bekomme ich Ärger mit jemand, wenn ich dich auf ein Getränk einlade?“, fragte er.
Sie starrte Ruprecht einen Augenblick an und dann an ihm vorbei, hielt Ausschau nach Amor. Da hinten im Halbdunkel musste er mit seinem Bogen noch stehen. Hatte er den charmanten Spruch gleich mit abgefeuert, oder war das doch ein Eigenprodukt des Käsegesichts, grübelte sie. Und bekam nicht mit, wie Linda an den Tisch herantrat.
Diese machte den Scheibenwischer vor dem Gesicht ihrer Freundin und stellte den Bleichen zur Rede: „Was hast du denn mit Beate veranstaltet?“
„Sie auf ein Getränk eingeladen, mehr nicht?“
„Du hast ihr irgendwelche Tropfen eingeflößt, gib‘s zu.“
Die vom Pfeil Getroffene erwachte aus ihrer Starre.
„Lass ihn, Linda, er hat da eben was wirklich Nettes gesagt. Obschon ich lange wanderte im finsteren Tal, ging plötzlich ein leuchtend Licht am Horizont auf. Ein Schimmer in der Düsternis ...“
„Au backe, das muss ja ein Spruch gewesen sein. Ist der hier dein Ernst und du machst Ernst, meine Liebe?“
„Weiß noch nicht“, murmelte Beate.
„Warum müsst ihr Frauen eigentlich immer in Rätseln sprechen? Ich heiße Ruprecht, nicht Ernst!“
Linda warf den Kopf Richtung Tür.
„Also, pass auf, Schätzchen, nach Rocky ist mir zum Glück ne Verbesserung erschienen. Mit meinem Ernst geh ich woanders auf einen Würfelzucker hin und ruf dich morgen an. Und du, Knecht“, wandte sie sich an die Brillenschlange, „du passt mir hübsch auf die Lady hier auf, ist das klar?“
Linda lag zu nah am mütterlichen Befehlston, um bei Ruprecht mehr als ein devotes Nicken auszulösen. Beate griff beruhigend seine Hand.
„Sag mal, Rupi, was machst du eigentlich, wenn du nicht gerade in Diskotheken in deiner bekannt hartnäckigen Art den Damen nachstellst?“

Letzte Aktualisierung: 23.11.2009 - 23.23 Uhr
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