Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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November 2009
Kalenderblätter
von Bernd Kleber

Ob wir in süßer Liebe wachten
vor manchem Jahr um diese Zeit?
War heut ein Jahres-Tag der Schlachten,
die unser Vaterland befreit?
Doch der Kalender in dem Herzen
weiß nichts von Sieg und süßen Scherzen.
Arnim: Nachlese. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke



An einem schönen Tag ... sie sah seine Hände über ihren Körper flattern. An den Brustwarzen blieben sie liegen, als er tief in sie drang. Er keuchte und bebte. Sein Schweiß lief über ihren Hals ins Heu. Seine Nähe wollte Marie festhalten. Der Geliebte reckte sich, spannte sich, dann sackte er über ihr zusammen. Marie hielt ihn umklammert, ahnte, dass es wieder nicht für die Ewigkeit war ...

Neun Monate später, am 3. April 1910,
als der Ballon „Pommern“ in der Nähe von Saßnitz in die Ostsee stürzt und dessen Führer, der 42 jährige Reichstagsabgeordnete Werner Delbrück, und zwei seiner Begleiter ertrinken,
gebar sie ihr viertes Kind. Nannte es Hedwig, wie die Heiligenfigur auf dem Marktplatz, Herzogin von Schlesien.

Als am 21. April 1914,
im Berliner Versammlungslokal „Neue Welt“ eine Frauenkundgebung stattfindet, die vor der drohenden Kriegsgefahr warnt,
kommt Marie etwa zweihundert Kilometer weiter südöstlich im Stall mit ihrem fünften Kind nieder. Auch dieser Mann hatte sich verflüchtigt, nachdem er für kurze Zeit vielversprechende Zukunftsaussichten gesäuselt hatte.

Am 8. Juni 1914 reiste Marie mit ihren beiden Kleinen nach Ostpreußen.
Der erste Dampfer, die viertausend Bruttoregistertonnen große "Alliance" durchquert den Panamakanal zum Test für die offizielle Einweihung fast zwei Monate später.
Herta hatte Marie für zwei Wochen aus der Pacht ihres Nachbarn Meier gelöst und deren Schulden beglichen.
In Rosenberg angekommen, bezog sie ein Zimmer mit Stofftapeten und moosweichen Teppichen. Die Cousine hatte einen Gutsbesitzer mit Pferdezucht geheiratet. Sie lebte sorglos. Ihre Seidenkleider raschelten bei jeder Bewegung. Die Spitzen waren weiß wie frisch gefallener Schnee. Drei ihrer getragenen Kleider lagen auf dem Bett.
„Hier, diese Roben kannst du behalten, zieh dich um, wir gehen ins Stadtcafé. Um deine Kinder kümmert sich eine Amme.“
Marie sah in Seide aus wie eine Dame. Fremde Herren mit Zylinder grüßten. Blicke hafteten an ihr, gleich Fliegen auf Klebefallen.

Am Tag darauf frisierte eine Zugehfrau Maries Haare. Die Frisur glänzte vom Lack wie Honig und duftete nach Puder.
Die beiden Cousinen gingen am 10. Juni 1914,
als in Hannover nach zweijähriger Bauzeit die neue Stadthalle eingeweiht wird,
auf die Rennbahn, um die Pferde des Kaubischens Gestüts anzufeuern.
Das Publikum repräsentierte für Marie eine andere Welt. Vornehm sahen die Gäste durch Binokel auf die Rennstrecke und hielten in behandschuhten Händen gefüllte Sektflöten. Überall kristallenes Lachen und gezierte Höflichkeiten.
Marie amüsierte sich.
„Die Pferdemuskeln glänzen ja wie bei Arnim, wenn der aus dem Fluss steigt!“
Hochrot ermahnte sie ihre Cousine:
„Marie, versündige dich nicht!“

Am Abend,
als man in Bern zwischen der Schweiz und Großbritannien ein Schiedsgerichtsabkommen unterzeichnet,
setzte sich Herta mit einer Tasse Schokolade ins Gästezimmer. Sie flüsterte wegen der schlafenden Kinder, während sie ein Dokument ausbreitete:
„Marie, unterschreibe bitte hier die Schuldenübernahme.“ Das tat sie gern. Es würde alles besser werden. Herta fasste ihren Arm.
„Sieh, du hast fünf Kinder, ich keines. Du hast nichts, ich habe dieses Riesengestüt. All der Lohn meiner Arbeit für niemanden am Ende.“
Die Angesprochene dachte daran, dass Herta sicher noch nie eigenhändig den Stall ausgemistet hatte.
„Und da biete ich dir die Adoption deiner kleinen Gertrud. Geld und Ausbildung, alles hätte sie durch mich. Und du hättest einen Esser weniger am Tisch.“
Herta lächelte wie die heilige Maria mit dem Jesuskind auf dem Frontispiz in Maries Gebetsbuch.
Marie sprang auf.
„Herta, wie kannst du nur glauben, ich könnte eines meiner Kinder hergeben? Auf solch eine Idee kann nur eine Frau kommen, die nie ein Kind gebar. Das ist vollkommen absurd!“
„Aber sieh, Marie, mein Gustav würde Gertrud an Vaters statt annehmen, dadurch bekäme sie einen ehrbaren Namen. Was willst du mehr für das Kind? Wenn du lieber Hedwig geben magst, würde ich mich überreden lassen. Jedoch ein Säugling wäre halt formbarer.
Du hättest nicht huren sollen ... “
Hedwig weinte. Marie klang energischer:
„Wie kannst du nur so herzlos sein? Was weißt du von meinem Leben, umgeben von geifernden Kerlen? Hast du dich einmal gefragt, wie ich mich und die Kinder über die Runden bringe? Du hast dich ins gemachte Nest gesetzt! Wer ist also die Hure? Wir reisen morgen ab, die Luft ist hier zu dicke.“
Herta lachte wie die Damen auf der Pferderennbahn.
„Überleg es dir nochmals. Ich biete deinem Kind keine zweite Chance!“ Dann verließ sie das Zimmer.
Marie fegte mit einem Wisch die gefüllte Vase vom Tisch.

Sie brach am Morgen des 11. Juni 1914,
als der deutsche Kaiser zur gleichen Zeit zu einem sechstägigen Besuch beim österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand nach Böhmen reist,
ins schlesische Neustädtel auf.

Der erste Brief kam am 19. Juni 1914 aus Rosenberg.
In Paris bewilligt die französische Abgeordnetenkammer eine Rüstungsanleihe in Höhe von 800 Millionen Francs.
Das Papier, das Marie in der Hand hielt, verschlug ihr den Atem. Vor den Augen flackerten schwarze Flecken. Sie setzte sich auf einen Strohballen. Reglos starrte sie vor sich hin. Ein braunes Leghorn kreuzte ihr Sichtfeld, verkündete gackernd, ein Ei gelegt zu haben. Das Stroh staubte in der Sonne. Wie Wirbelstürme erhoben sich Staubspiralen durch die Kraft der warmen Strahlen. Mit gepressten Lippen sah Marie auf den Brief.
„... sollten Sie nicht binnen Frist von zwölf Tagen die offene Summe anweisen lassen, ... Frau Herta Kaubisch genötigt sehen zu klagen ...“ und so weiter und so fort.
In einer Antwort schlug Marie eine Teilzahlung vor.

Ein zweiter Brief folgte am 26. Juni 1914.
Im Mittelpunkt der 40. Tagung des Deutschen Ärztebundes stehen Vereinbarungen mit den Krankenkassen zur Ausgleichung von Behandlungskosten.
Marie las von dem Vorschlag, Gertrud mit einem Boten nach Rosenberg zu senden. Vorgefertigte Adoptionspapiere lagen bei. Sie schrie „Scheiße ...“ und trat gegen einen Eimer. Sie verfluchte den Tag, an dem sie sich von ihrer Großcousine Herta so abhängig gemacht hatte.

Am 28. Juni 1914
tötet Gavrilo Princip bei einem Attentat das Thronfolgerpaar Österreich-Ungarns, Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie.
Marie zerriss einen neuen Brief des Advokaten.

Am 1. August 1914
erklärt das Deutsche Reich Russland den Krieg und ruft gleichzeitig die Mobilmachung des Reichsheeres aus.
Marie dachte darüber nach, in die Mark Brandenburg zu fliehen.

Am 27. August 1914
beginnt an der deutschen Ostfront die Schlacht bei Tannenberg gegen russische Truppen.
Die junge Mutter fasste einen Plan, der mithilfe eines gierigen Mannes gelingen musste.
„Marie, komm endlich, Pflaumen runterholen, bevor sie fallen!“
Sie wischte ihre Hände an der Schürze ab, warf einen Blick in den Trog, in dem Gertrud schlief. Dann eilte sie zum Meier. Der stand mit der Leiter bereit und zwirbelte mit der freien Hand seinen Schnurrbart. Marie besah die fleischige Pranke.
Sie gingen durch die Senke zu den Obstbäumen. Der Meier stellte die Holzleiter an einen Baum.
„Na hopp ruff da Mädchen.“ Er lachte.
Marie klemmte einen Rockzipfel hinter das Schürzenband. Als sie auf der vierten Sprosse stand, grapschte der Nachbar unter den gerafften Stoff. Die Leiter wackelte, Marie jaulte auf. Der Kerl hatte ihr in den Schritt gekniffen!
Sie schrie hinab:
„Du Schwein, machst du das noch mal, sag ich´s der Meierin. Halt die Leiter, du Gierschlund!“
Der Kerl lachte und roch an seinen Fingern.
Marie pflückte gewissenhaft, dabei nachdenkend, wie sie sich überwinden könne, den Meier für ihren Plan zu benutzen. Es half alles nichts. Sie stieg hinab.
Boden unter den Füßen, umarmte sie ihn und schnurrte hinter die Bartkoteletten.
„Meierchen, leihst du mir den Leiterwagen und ein Pony? Ich will zum Markt, muss Eier verkaufen.“ Der Meier griff nach Maries Brüsten, quetschte sie. Sie musste die Luft anhalten, auch wegen seines Atems nach Kartoffelschnaps.
„Freilich, meine Kleine, dafür bist du aber fällig!“
Er klatschte ihr auf den entblößten Hintern und zerrte sie ins Heu. Als er in ihr zappelte, sah sie in den Himmel und biss sich auf die Lippen. Der Anblick verwusch durch ihre Tränen. Schlesischblau.
Der Meier war schniefend zum Ende gekommen, Marie entwand sich und rief im Davoneilen: „Ich hole mir jetzt den Wagen und das Pony!“

Am 1. September 1914,
zehn französische Armeekorps werden geschlagen, der deutsche Kaiser befindet sich bei der Armee des Kronprinzen,
fand Maries Habe auf dem Leiterwagen Platz, den das Pony vor dem Sonnenaufgang vom Hof zog. Auf dem Wagen lagen die Kleinen: Hede und Gertrud. Martha und Emma liefen nebenher. Ihren Sohn Gerhardt hatte Marie bei der Hand gefasst. In ihrem Leib wuchs das Kind des Meiers.

Marie kam nach einer Woche in Görden an, einem Stadtteil Brandenburgs an der Havel und traf Paul. Der zwinkerte ihr zu und unterstützte sie in diesen Tagen.
9. September 1914, nach dem Ende der fünftägigen Marneschlacht, wird der Vormarsch deutscher Truppen an der Westfront von französischen und britischen Truppen vorläufig gestoppt. Dies gilt als einer der historischen Wendepunkte im Weltkrieg.

Zwei Jahre später, Lotte konnte längst laufen,
im Deutschen Reich beginnt eine allgemeine Bestandsaufnahme von Lebensmitteln. Damit soll der Bedarf an Nahrungsmitteln im bevorstehenden Winter festgestellt werden,
wurde Willi geboren, Sohn des Paul, der sich um Marie und die Kinder liebevoll kümmerte.

Fünfundvierzig Jahre später,
1961, im Zuge der Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg, wird Deutschland durch die Mauer getrennt, die das Volk für Jahrzehnte in zwei Teile spaltet,
kam ihr Urenkel Bernd im geteilten Berlin zur Welt.

Letzte Aktualisierung: 22.11.2009 - 23.03 Uhr
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